{"id":17399,"date":"2017-12-01T00:00:00","date_gmt":"2017-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/die-vermehrung-der-drueckeberger\/"},"modified":"2022-01-26T12:52:10","modified_gmt":"2022-01-26T10:52:10","slug":"die-vermehrung-der-drueckeberger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/die-vermehrung-der-drueckeberger\/","title":{"rendered":"Die Vermehrung der Dr\u00fcckeberger"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Zivildienst hie\u00df anfangs Ersatzdienst und war als ebensolcher verfasst. Er sollte einen Ersatz f\u00fcr diejenigen jungen M\u00e4nner darstellen, die \u2013 formell aus Gewissensgr\u00fcnden \u2013 ihren Kriegsdienst an der Waffe nicht ableisten wollten oder konnten. Anfangs musste das Recht auf Kriegsdienstverweigerung hart erk\u00e4mpft werden, im Laufe der Jahrzehnte ist sie jedoch \u201ebeliebter\u201c geworden als der \u201eWehrdienst\u201c, so dass Paradoxes geschah: Der \u201eWehrdienst\u201c wurde, inoffiziell nat\u00fcrlich, zum Ersatzdienst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Selbstorganisation der Zivildienstleistenden hat diese Entwicklungen mitgemacht, die sich wunderbar an ihrem Namen nachvollziehen lassen: Sie nannte sie sich anfangs Selbstorganisation der Ersatzdienstleistenden, obwohl sie sich eigentlich f\u00fcr etwas anderes stark machen wollte als f\u00fcr einen reinen Ersatzdienst. Die Gr\u00fcndung der Selbstorganisation im Jahre 1971 war eine Reaktion auf die nicht existente Interessensvertretung f\u00fcr Ersatzdienstleistende in der Bundesrepublik. Die Selbstorganisation wollte diese L\u00fccke schlie\u00dfen und sich f\u00fcr Ersatzdienstleistende in einem gewerkschaftlichen Sinne einsetzen. Auch dar\u00fcber hinaus hatte die Organisation eine dezidiert politische Agenda: Sie kritisierte den zivilen Ersatzdienst massiv und zwar vor allem daf\u00fcr, dass er keine wirkliche Alternative zum \u201eWehrdienst\u201c darstellte. Die \u201eWehrunwilligen\u201c in der Selbstorganisation verweigerten aus politischen Gr\u00fcnden, aus antimilitaristischen und pazifistischen \u00dcberzeugungen heraus. Daher waren sie auch nicht mit einer reinen Besch\u00e4ftigungsma\u00dfnahme zufrieden, sondern hatten einen tats\u00e4chlichen zivilen Friedensdienst im Sinn. Einen Ersatzdienst f\u00fcr die Wehrpflicht abzuleisten, war in ihrem Verst\u00e4ndnis auch eine Vorbereitung f\u00fcr den Krieg, nur eben im zivilen Deckmantel. In dieser Hinsicht noch konsequenter waren die Totalverweigerer, die sich n\u00e4mlich nicht nur der \u201eWehrpflicht\u201c, sondern auch ihrer Alternative, dem Ersatzdienst verweigerten. F\u00fcr viele Kriegsdienstverweigerer ging es nicht nur um das eigene Gewissen. Sie wollten durch ihre Verweigerung das Unbehagen an einer Gesellschaft ausdr\u00fccken, die wenige Jahrzehnte nach Kriegsende in Deutschland die sozialen und politischen Ursachen f\u00fcr Krieg und R\u00fcstung verdr\u00e4ngte. Zwar sahen viele Zivis, insbesondere ab den 1980er Jahren, durchaus Sinn in den T\u00e4tigkeiten, die sie im sozialen Bereich verrichteten. Doch, so stellte die Selbstorganisation in einem Grundsatzpapier von 1983 heraus, f\u00fchre gerade die Arbeit friedlichen und gesellschaftlich n\u00fctzlichen Zweckes zu einer \u201eFriedensdienst-Illusion\u201c. Der Zivildienst, wie er verfasst sei, bringe die Gesellschaft kein St\u00fcck dem Frieden n\u00e4her, schlie\u00dflich sei er keine Arbeit gegen den Krieg oder gegen Kriegsvorbereitung, er arbeite nicht an den Ursachen f\u00fcr Krieg. Somit \u201edient der Zivildienst dazu, das soziale Gewissen des Staates auf Kosten der (Kriegsdienstverweigerer) zu befriedigen\u201c. Die SOdZDL befand, dass es den staatlich verordneten Zwangsdienst und einen Friedens-Dienst nicht gleichzeitig geben k\u00f6nne. Sie folgerte: \u201eDie Abschaffung des Zivildienstes und damit auch der Wehrpflicht ist und bleibt unsere Hauptforderung!\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Zivildienst: Eine Erfolgsgeschichte?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201eWehrpflicht\u201c in Deutschland wurde 1956 mit dem Passus eingef\u00fchrt: \u201eWer aus Gewissensgr\u00fcnden den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, kann zu einem Ersatzdienst verpflichtet werden.\u201c Obwohl die Verweigerer mit dem Ersatzdienst eine T\u00e4tigkeit antraten, die dem Allgemeinwohl diente oder dienen sollte, und trotz des Grundrechts auf Verweigerung des Dienstes an der Waffe, wurden sie im besten Falle skeptisch be\u00e4ugt. Noch in den 1970er Jahren war es nicht un\u00fcblich, sie als \u201eDr\u00fcckeberger\u201c oder \u201eVaterlandsverr\u00e4ter\u201c zu bezeichnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Einf\u00fchrung der \u201eWehrpflicht\u201c gab es immer wieder gesetzliche Neuerungen. Mit ihrer Gr\u00fcndung im Jahr 1971 reagierte die Selbstorganisation auch auf die Diskussionen um die Verabschiedung der sogenannten \u201eErsatzdienstnovelle\u201c. Die \u201eWehrunwilligen\u201c bef\u00fcrchteten, dass die Politik damit den Ersatzdienst qua Gesetz verst\u00e4rkt als reinen Arbeitsdienst zu fixieren gedachte, dem jegliche antimilitaristische Anteile fehlten. Die Dauer des Dienstes variierte im Laufe der Jahre, mal waren es 12, 15 oder gar 18 und 20 Monate, zuletzt dann lediglich 9 und 6 Monate. Im Gegensatz zu diesem Auf und Ab stieg die Zahl der Dienstleistenden kontinuierlich. Im Jahre 1960 traten die ersten 340 Ersatzdienstleistenden an, im August 1997 waren es 150.000 Zivis. Mit dem Aufw\u00e4rtstrend \u00e4nderte sich auch die Organisierung des Zivildienstes. 1970 wurde mit Hans Iven der erste \u201eBundesbeauftragte f\u00fcr den zivilen Ersatzdienst\u201c inauguriert. An ihm und seiner wenig sp\u00e4ter eingerichteten Beh\u00f6rde, dem Bundesamt f\u00fcr den Zivildienst, arbeitete die SOdZDL sich hartn\u00e4ckig ab. Immer wieder lastete sie dem Bundesamt an, den Ersatzdienst so unattraktiv wie nur m\u00f6glich machen zu wollen, damit der Kriegsdienst blo\u00df nicht ins Hintertreffen ger\u00e4t. Absichtlich enthalte das Amt freie Stellen vor und unternehme nichts gegen die zu Teilen uns\u00e4glichen Bedingungen, unter denen Ersatzdienstleistende ihre Arbeit erledigten. Der Staat und die Politik sorgten sich angesichts der steigenden Verweigererzahlen indessen um die \u201eLoyalit\u00e4t\u201c der jungen M\u00e4nner dem Staat gegen\u00fcber. Der CDU-Politiker Gerhard Stoltenberg dr\u00fcckte das in einer Bundesratsrede im Juli 1972 so aus: \u201eNicht zuletzt geht es um die Frage, ob es eine Grenze gibt in der Entwicklung der \u00f6ffentlichen Meinung, in den pers\u00f6nlichen Entscheidungen auch der jungen Menschen, in der Wehrdienstverweigerung (\u2026) zum Verlust der Verteidigungsf\u00e4higkeit und damit zur Ersch\u00fctterung der Grundlagen einer Sicherheits- und Friedenspolitik f\u00fchrt.\u201c In der Vorstellung der meisten Staatsorgane war Frieden nur mit Militarismus zu haben.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Organisierung der Zivildienstleistenden<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Grunde war die SOdZDL hierarchisch aufgebaut. Es gab Einzelk\u00e4mpfer und Basisgruppen, Regionalzentralen, Landeszentralen und die Bundeszentrale (BZ), die die Koordination der vielen einzelnen und gemeinsamen Aktionen und Kommunikationen \u00fcbernahm. Der Informationsfluss zwischen Ortsgruppen, Landeszentralen und der Bundeszentrale war rege: neben der Korrespondenz kursierten unz\u00e4hlige Rundbriefe und Info-Bl\u00e4ttchen mit sch\u00f6nen Namen wie \u201eDer Dr\u00fcckeberger\u201c, \u201eDer Zuvieldienst\u201c (in Anlehnung an das vom Bundesamt f\u00fcr den Zivildienst herausgebrachte \u201eDer Zivildienst\u201c), \u201eDer Bonner L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer\u201c, \u201eZeddel\u201c (lies: Z D L), \u201eR\u00fchrt Euch!\u201c oder \u201eFahnenflucht\u201c. Zwar war die Selbstorganisation darauf angelegt, die Politisierung und Organisierung von unten, also ausgehend von den Basisgruppen, zu betreiben, aber schon Mitte 1971 stellte sie in einem Diskussionspapier fest: \u201eFaktisch wird das nicht geleistet\u201c und rief ebenda den Ersatzdienstleistenden entgegen: \u201eDie BZ ist nicht mehr als (euer) B\u00fcro!! Die BZ ist nicht die (Selbstorganisation)!\u201c Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit lie\u00df sich jedoch nicht aufl\u00f6sen, das war der Struktur der Selbstorganisation geschuldet. Es gab keine formelle Mitgliedschaft, mitmachen konnte jeder. F\u00fcr die meisten war ihr Engagement mit Ende ihres Zivildienstes vorbei. Die gew\u00fcnschte dauerhafte Organisierung der Basis wurde so durch starke Fluktuation erschwert. Von den 100 Basisgruppen, die es noch 1987 gab, schrumpfte die Zahl auf ein Dutzend zehn Jahr sp\u00e4ter. Zudem \u00e4nderten sich auch die Motive der Zivis: Je mehr Zivildienstleistende ihren Dienst antraten, desto mehr \u201eunpolitische\u201c waren unter ihnen. Trotz der Einbettung in politisch-aktivistische Kontexte beschr\u00e4nkte sich die Einmischung bei vielen au\u00dferdem auf eine ganz konkrete Lebensphase. Zivildienstleistende und Verweigerer wendeten sich an die lokalen Gruppen und die Bundeszentrale mit dem Wunsch nach Informationen: Wie verweigere ich? Welche Rechte habe ich? Wo finde ich eine Zivi-Stelle? Was darf der Vorgesetzte sich mir gegen\u00fcber erlauben? Muss ich mir wirklich die Haare schneiden lassen und mich rasieren (bei der Einsatzstelle des Roten Kreuzes Heidelberg gab es tats\u00e4chlich Haar- und Barterlasse)? In einem internet- und smartphonelosen Zeitalter war die SOdZDL eine unentbehrliche Anlaufstelle und eine Multiplikatorin f\u00fcr antimilitaristische Kontakte und Informationen. Sie war aber auch eine Beratungsstelle rechtlicher, politischer und manchmal sogar psychologischer Art. Vielen jungen M\u00e4nnern setzten die mehrstufigen Pr\u00fcfungsverfahren arg zu. Noch bis in die 1980er Jahre hinein mussten sie ihren \u201eGrundsatzpazifismus\u201c unter Beweis stellen, um als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden. Endlich im Zivildienst angekommen, waren sie h\u00e4ufig Drangsalierungen und dem Gutd\u00fcnken der Dienstellenleitung ausgesetzt. Die Zivis bombardierten ihre Lokalgruppen und die Bundeszentrale der Selbstorganisation daher mit Briefen, in denen sie abenteuerliche Dinge schilderten, von der Unterbringung in bauf\u00e4lligen Baracken oder Kasernen (die quasi-milit\u00e4rische Kasernierung der Zivis spricht B\u00e4nde!) bis hin zu Disziplinarma\u00dfnahmen wegen \u201eUngehorsams\u201c. In vielen Einsatzstellen wurden Zivildienstleistende als Billiglohnkr\u00e4fte, die Aufgaben von regul\u00e4r Besch\u00e4ftigten \u00fcbernahmen und, wie die Selbstorganisation in einer Pr\u00e4ambel von 1973 formulierte, \u201eals Lohndr\u00fccker, Streikbrecher und L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer\u201c eingesetzt. In mehrt\u00e4gigen Schichten \u00fcbernahmen sie beispielsweise in Pflegeeinrichtungen und Krankenh\u00e4usern T\u00e4tigkeiten ohne je daf\u00fcr ausgebildet worden zu sein. Den Dienststellen missfiel die Organisierung der Zivildienstleistenden \u2013 sie h\u00e4tten es meist lieber gesehen, wenn die Zivis weiterhin vereinzelt vor sich hingeackert h\u00e4tten. An eine Dienstbefreiung, um etwa an der Bundeskonferenz der Selbstorganisation teilzunehmen, war kaum zu denken.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Es wird gestreikt<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch mit den lokalen und bundesweiten Streiks, die die Selbstorganisation kontinuierlich auf die Beine stellte, bewegten sich die Zivis auf d\u00fcnnem Eis. Durch ihre Teilnahme an Streiks handelten Zivildienstleistende rechtswidrig, die Folge waren Disziplinarverfahren \u201ewegen schuldhafter Verletzung der Dienstpflichten\u201c und Strafversetzungen. Auch der damalige Bundesminister f\u00fcr Jugend, Familie und Gesundheit, Heiner Gei\u00dfler, stellte in einem Schreiben von Januar 1983 klar, dass er nicht zu einem Gespr\u00e4ch mit den \u201eHerren\u201c der Selbstorganisation zur Verf\u00fcgung stehe, \u201ees sei denn, Sie widerrufen ausdr\u00fccklich Ihre Aufforderung zur Dienstverweigerung.\u201c Sie streikten dennoch regelm\u00e4\u00dfig punktuell und speziell: etwa gegen die Arbeitsbedingungen an einem D\u00fcsseldorfer Krankenhaus. Sie streikten aber auch generell: wie gegen den Einsatz von Zivis bei der Post, der Feuerwehr oder im Umweltschutz. Und sie streikten \u00fcber den Tellerrand hinaus: beispielsweise gegen die deutsche Kriegsbeteiligung w\u00e4hrend des Golfkrieges 1991.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e<span lang=\"de-DE\">Die Streiks waren neben den Schriften (\u201aAusbruch\u2018, \u201aDr\u00fcckeberger\u2018, etc.) wichtig f\u00fcr die kritische Reflexion der zivildienstleistenden Kriegsdienstverweigerer. Hier\u00fcber kam es zu meiner Zeit nach meinem Eindruck zu individuellen Politisierungsgeschichten und auch zu Totalverweigerungen\u201c, so Alexander Leuthold, der langj\u00e4hrige Redakteur der SOdZDL-Zeitschrift \u201eAusbruch\u201c, am 15. November 2017 im Gespr\u00e4ch mit der Graswurzelrevolution-Redaktion.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehrfach versuchten die Dienststellen, ihre Ersatzdienstleistenden von Streiks abzuhalten und zu kriminalisieren. Das Bundesverwaltungsamt, dem die Ersatzdienstleistenden unterstanden, deckte diese Praxis der Dienststellen nicht nur, es regte die Dienststellen sogar zu einer ausgesprochenen Law and Order-Politik an. In einem Schreiben zum bevorstehenden Streik im Jahr 1971 gegen die Ersatzdienstnovelle empfahl es zum Beispiel, \u201ealle Ersatzdienstleistenden unverz\u00fcglich (\u2026) in einem besonderen Dienstunterricht eindringlich \u00fcber die Rechtslage zu belehren und die Teilnehmer an der Belehrung namentlich festzuhalten.\u201c Trotz Strafandrohung lie\u00dfen die Ersatzdienstleistenden sich nicht vom Streiken abhalten und brachten mitunter tausende Menschen auf die Stra\u00dfe. Die Kampagnen der Selbstorganisation wurden beharrlich gef\u00fchrt. Zahlreiche Basisgruppen der Selbstorganisation beteiligten sich etwa an den bundesweiten Aktionen gegen die \u201eWintex-Cimex\u201c (Winter-Exercise \/ Civil-Military-Exercise), eine gro\u00dfangelegte NATO-\u00dcbung im Jahre 1989. Auch Ersatzdienstleistende waren verpflichtet, an den \u201eZivil- und Katastrophenschutz\u00fcbungen\u201c teilzunehmen. Der \u201eEinladung\u201c des Bundesamtes f\u00fcr den Zivildienst war denn auch dringlich angeh\u00e4ngt: \u201eDieser Bescheid ist unanfechtbar. Ihm ist unbedingt Folge zu leisten\u201c. Den Zivildienstleistenden stand der Sinn jedoch gerade nicht nach einer Einbindung in milit\u00e4rische und zivile Kriegsspiele. Die Zivi-Gruppe in Stade beschrieb in ihrer Pressemitteilung zu den Gegenaktionen die Paradoxie, Kriegsdienstverweigerer in eine Kriegssimulation einzuspannen: \u201eIn \u201aFriedenszeiten\u2018 werden sie im Zivildienst in besonders kriegsrelevanten Bereichen ausgebildet: ambulante Versorgung, Krankenpflege und -transport, Rettungswesen (.) So bildet die knappe Million Kriegsdienstverweigerer eine gut ausgebildete zivile Armee.\u201c Bei diesen und anderen Aktionen erfuhr die Selbstorganisation auch Unterst\u00fctzung von anderen Gruppierungen, wie lokalen R\u00fcstungs- oder AtomgegnerInnen. W\u00e4hrend einige pazifistische Zusammenschl\u00fcsse die Arbeit mit der Selbstorganisation aufgrund angeblicher \u201eKB-Dominanz\u201c (KB = Kommunistischer Bund) ablehnten, existierte \u00fcber Jahre eine sehr enge Zusammenarbeit mit der \u201eZentralstelle f\u00fcr Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgr\u00fcnden\u201c, der \u201eDeutschen Friedensgesellschaft \u2013 Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen\u201c und der \u201eGraswurzelrevolution \u2013 Monatszeitschrift f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft\u201c. Auch mit den Gewerkschaften arbeitete die Selbstorganisation zusammen. Sie bem\u00fchte sich dar\u00fcber hinaus um die Aufnahme von Zivildienstleistenden in die Gewerkschaften, die schlagkr\u00e4ftigere politische Aktionen m\u00f6glich gemacht h\u00e4tten &#8211; die Gewerkschaften blockierten dies jedoch von Beginn an. Auf parteipolitischer Ebene versuchte die Selbstorganisation die VolksvertreterInnen durch fortw\u00e4hrende Kontaktaufnahme f\u00fcr ihre Belange zu sensibilisieren. Bei einzelnen PolitikerInnen fand sie auf diese Weise Geh\u00f6r. Personen wie Willy Brandt, Hans Eichel oder Rita S\u00fcssmuth reagierten auf die zahllosen Offenen Briefe, die die Basisgruppen oder die Bundeszentrale an sie verschickte. Doch nur wenige ergriffen tats\u00e4chlich Partei wie Renate Schmidt, die sich f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen und gegen die Repressalien, denen Zivis ausgesetzt waren, einsetzte. Einige, die sich bei der Selbstorganisation oder in ihrem Dunstkreis bewegten, zog es sp\u00e4ter gar selbst in den Bundes- oder Landtag, wie den Linken-Abgeordneten Willi van Ooyen oder den Gr\u00fcnen-Politiker Reinhard B\u00fctikofer.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Anne Niezgodka,<\/strong><br \/>\n<strong> Archiv f\u00fcr alternatives Schrifttum<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Zivildienst hie\u00df anfangs Ersatzdienst und war als ebensolcher verfasst. Er sollte einen Ersatz f\u00fcr diejenigen jungen M\u00e4nner darstellen, die \u2013 formell aus Gewissensgr\u00fcnden \u2013 ihren Kriegsdienst an der Waffe nicht ableisten wollten oder konnten. 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