{"id":17400,"date":"2017-12-01T00:00:00","date_gmt":"2017-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/der-kampf-der-tolstojanerinnen-um-das-recht-auf-kriegsdienstverweigerung\/"},"modified":"2022-01-25T17:44:44","modified_gmt":"2022-01-25T15:44:44","slug":"der-kampf-der-tolstojanerinnen-um-das-recht-auf-kriegsdienstverweigerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/der-kampf-der-tolstojanerinnen-um-das-recht-auf-kriegsdienstverweigerung\/","title":{"rendered":"Der Kampf der TolstojanerInnen um das Recht auf Kriegsdienstverweigerung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Bis heute wird auch unter AnarchistInnen der gro\u00dfe Einfluss unterbewertet, den die tolstojanische Bewegung zu Zeiten der Russischen Revolution vor allem unter der b\u00e4uerlichen Bev\u00f6lkerung und vielen Jugendlichen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lenin sah in Tolstojs literarischem Werk das Spiegelbild der russischen Verh\u00e4ltnisse im Zarismus, kritisierte aber dessen Gewaltlosigkeit sowie die &#8222;tolstojanische Abschw\u00f6rung der Politik&#8220;. <a href=\"#u1\">((1))<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leo Tolstoj (1828 &#8211; 1910) interessiert hier weniger als weltweit erfolgreicher Schriftsteller und Autor u.a. von &#8222;Krieg und Frieden&#8220;, auch nicht in erster Linie als Reformp\u00e4dagoge, sondern zusammen mit seinen NachfolgerInnen als Teil der russischen libert\u00e4ren Bewegung. Sie praktizierten das einfache, antiindustrielle Leben auf b\u00e4uerlichen Farmen und verurteilten revolution\u00e4re Gewalt moralisch. Alten patriarchalen Traditionen standen sie jedoch weitgehend unkritisch gegen\u00fcber bzw. \u00fcbernahmen sie zum gro\u00dfen Teil. Gleichwohl riefen sie zur Kriegsdienstverweigerung in allen Armeen auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Hinsicht ist der tolstojanische Einfluss vor allem f\u00fcr die Zeit nach der Oktoberrevolution bisher noch nicht gen\u00fcgend untersucht. Valentin Bulgakows Artikel von 1928 \u00fcber die tolstojanische antimilitaristische Bewegung in Russland war eines der fr\u00fchesten deutschsprachigen Dokumente \u00fcber eine von der Geschichtsschreibung unterdr\u00fcckte Bewegung. Der Artikel von Karl Bartes von 1931 \u00fcber die Duchoborzen in Russland und Kanada aus dem Jahre 1931 schloss daran an. <a href=\"#u2\">((2))<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bulgakow und Bartes beschrieben Tolstojs Engagement f\u00fcr die Gemeinschaft der Duchoborzen, die dazu gef\u00fchrt hatte, dass diese vom Zarismus verfolgte altrussische Bauernsekte mit drei Schiffen zu insgesamt 7000 Menschen 1899 nach Kanada auswandern konnte, wo sie zumindest bis Ende der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts als kommunistische Lebensgemeinschaften ohne Privateigentum weiterlebten und auch weiterhin den Milit\u00e4rdienst verweigerten.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Religi\u00f6se Kriegsdienstverweigerung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den Ersten Weltkrieg wurden in Russland 837 offizielle F\u00e4lle von Kriegsdienstverweigerung (KDV) aus tolstojanisch-christlichen Kreisen bekannt. Dass die tolstojanische Form der KDV auch unter Bauern weit verbreitet war, l\u00e4sst Bulgakows Hinweis auf die damals sogenannten &#8222;Gr\u00fcnen&#8220;, eine Jugendbewegung, ahnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sowohl w\u00e4hrend der b\u00fcrgerlichen Regierung, welche den imperialistischen Krieg fortsetzte, als auch w\u00e4hrend der &#8222;Oktoberrevolution&#8220; 1917 und danach, als die Rote Armee aufgebaut werden sollte, floh diese halbb\u00e4uerliche Jugend von den St\u00e4dten in die W\u00e4lder, um sich weder in der einen noch der anderen Form des Milit\u00e4rs, also weder bei den &#8222;wei\u00dfen&#8220; noch den &#8222;roten&#8220; Armeen und Milizen, beteiligen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Tolstojaner W.G. Tschertkow verhandelte vor dem Hintergrund zunehmender Verweigerungsf\u00e4lle sowohl mit der b\u00fcrgerlichen als auch mit der bolschewistischen Regierung \u00fcber die Anerkennung der KDV aus Gewissensgr\u00fcnden. Am 4. Januar 1919 legalisierten die Bolschewiki die religi\u00f6se KDV, worauf in den folgenden zwei Jahren ca. 30.000 schriftliche Antr\u00e4ge auf KDV innerhalb der Roten Armee gestellt wurden. Dies geschah mitten im B\u00fcrgerkrieg. Wenn ber\u00fccksichtigt wird, dass die meisten Bauern nicht schreiben und also keine Antr\u00e4ge stellen konnten (ca. 80% Analphabeten), muss die Dunkelziffer sehr hoch angesetzt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch auch w\u00e4hrend der Zeit der Legalisierung wurden Kriegsdienstverweigerer verfolgt und erschossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angesichts der immer weiter steigenden Verweigerungszahlen wurde die Legalisierung der KDV am 14. Dezember 1920 von den Bolschewiki zur\u00fcckgenommen. Zwar wurde den in Russland verbliebenen Duchoborzen noch 1921 die Befreiung vom Milit\u00e4rdienst zugesichert, gleichzeitig wurden sie jedoch als &#8222;Sch\u00e4dlinge&#8220; diffamiert, ins Gef\u00e4ngnis gesteckt, mit besonderen Steuern belastet und ihre Hausindustrie zugrunde gerichtet.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Bauerns\u00f6hne auf die Felder statt in die Armee!<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bulgakow weist darauf hin, dass die Idee der Gewaltlosigkeit in den D\u00f6rfern konsequent gegen die roten und die wei\u00dfen Armeen durchgef\u00fchrt wurde, wie das konkrete Beispiel des Dorfes Rajewskoje, das als Gemeinde kollektiv den Milit\u00e4rdienst verweigerte, zeigt. Es ist nur zu vermuten, dass sich hierin auch die \u00f6konomischen Gr\u00fcnde der Bauern f\u00fcr die KDV ausdr\u00fcckten. Da sie nun endlich ihr Land erk\u00e4mpft hatten, wollten sie dieses auch bebauen und ihre S\u00f6hne, potentielle Arbeitskr\u00e4fte, nicht in den Krieg ziehen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul Avrich spricht von vier Str\u00f6mungen des russischen Anarchismus: AnarchokommunistInnen, AnarchosyndikalistInnen, IndividualanarchistInnen und TolstojanerInnen. Die Letzteren h\u00e4tten als gewaltfrei-christliche AnarchistInnen trotz weniger Verbindungen zum militanten Anarchismus gro\u00dfen moralischen Einfluss auf die Bewegung ausge\u00fcbt. Schon um die Jahrhundertwende habe sich die tolstojanische Ideologie betr\u00e4chtlich verbreitet. <a href=\"#u3\">((3))<\/a> Vor allem nach dem Kronstadter Aufstand 1921, bei dem die Dienstverweigerung innerhalb der Roten Armee eine gro\u00dfe Rolle spielte (siehe Kronstadt-Artikel), wurden TolstojanerInnen verfolgt und wegen KDV erschossen. <a href=\"#u4\">((4))<\/a> Volin nennt bis Ende 1922 nach offiziellen Angaben 92 erschossene tolstojanische Anarchisten und vermutet viele weitere Tolstojaner in den Gef\u00e4ngnissen. <a href=\"#u5\">((5))<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis heute wird auch unter AnarchistInnen der gro\u00dfe Einfluss unterbewertet, den die tolstojanische Bewegung zu Zeiten der Russischen Revolution vor allem unter der b\u00e4uerlichen Bev\u00f6lkerung und vielen Jugendlichen hatte. 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