{"id":17401,"date":"2017-12-01T00:00:00","date_gmt":"2017-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/wie-kam-es-zum-aufstand-von-kronstadt-1921\/"},"modified":"2021-06-30T14:25:46","modified_gmt":"2021-06-30T12:25:46","slug":"wie-kam-es-zum-aufstand-von-kronstadt-1921","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/wie-kam-es-zum-aufstand-von-kronstadt-1921\/","title":{"rendered":"Wie kam es zum Aufstand von Kronstadt 1921?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Kronstadt ist eine Befestigung auf der Insel Kotlin zum Schutze Petrograds. 1921 hatte die Stadt ca. 50.000 EinwohnerInnen, von denen ein gro\u00dfer Teil in der Marine diente. Zus\u00e4tzlich erf\u00fcllten auch die zivilen Produktionsst\u00e4tten milit\u00e4rische Zwecke. Die Kronstadter Matrosen waren qualifizierte Arbeiter, die ihren Kontakt zum Land und zu ihren Familien nie verloren hatten. Durch Auslandsfahrten lernten sie westliche Ideen und Schriften kennen. Im Oktober 1905 erhoben sich die Kronstadter Matrosen zum ersten Mal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">W\u00e4hrend des Krieges 1914-1917 agitierten linke Sozialrevolution\u00e4re, Anarchokommunisten und Tolstojaner unter den Matrosen f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung. In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1917 wurden als historisch blutigster Akt der Matrosen 200 h\u00f6here Offiziere erschossen. Im Juli 1917 demonstrierten die Kronstadter Matrosen erstmals f\u00fcr die Forderung: \u201eAlle Macht den lokalen Sowjets\u201c. Volkspropagandisten aus Kronstadt wurden st\u00e4ndig in alle Winkel des Landes auf Agitationsreisen geschickt, wodurch ein guter \u00dcberblick auf die Lage der Arbeitenden und Bauern\/B\u00e4uerinnen zustande kam. Nachdem der erste Kronstadter Sowjet kurze Zeit menschewistisch dominiert war, waren im zweiten neben den Bolschewiki haupts\u00e4chlich Anarchisten und Maximalisten vertreten. Die MaximalistInnen hatten sich 1904\/05 von den Sozialrevolution\u00e4rInnen abgespalten und organisierten sich f\u00f6deralistisch, lehnten Partei und Staat ab und n\u00e4herten sich libert\u00e4ren Positionen an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">In der Revolution von 1917 erk\u00e4mpften die Kronstadter Matrosen alle wichtigen Siege der Bolschewiki: gegen den reaktion\u00e4ren Kornilow-Putsch im August 1917, beim Sturm auf das Winterpalais sowie beim Sturz des Parlaments (siehe auch GWR 423, S. 18f.). Trotz ihrer Instrumentalisierung durch die Bolschewiki verloren die Matrosen nicht ihre libert\u00e4re Unabh\u00e4ngigkeit, was die 1918 gegen die Bolschewiki durchgef\u00fchrte Sozialisierung der H\u00e4user und Wohnungen in Kronstadt aufzeigte. Bei der Reorganisierung der Flotte f\u00fcr die Rote Armee wurden die nach Meinung der Bolschewiki zu unabh\u00e4ngigen Matrosen in gro\u00dfen Teilen gegen andere Truppen ausgetauscht.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Streik in Leningrad und Aufstand in Kronstadt<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Anfang 1921 spitzte sich die Versorgungssituation der St\u00e4dte und die Ausbeutung der b\u00e4uerlichen Bev\u00f6lkerung durch Zwangsrequirierungen zu und es kam zu Streiks in Petrograd. 60% der Fabriken Petrograds hatten keine Rohstoffe f\u00fcr die Produktion mehr und mussten geschlossen werden. Die EinwohnerInnenzahl der Stadt war von 1918 bis 1921 von 1,5 Mio. auf 400.000 geschrumpft. Angesichts des Zusammenbruchs der Versorgung blieb nur der offiziell verbotene Schwarzmarkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Teilweise wurde w\u00e4hrend der Streiks auch die Wiedereinf\u00fchrung der Konstituierenden Versammlung (Parlament) gefordert. Kronstadter Matrosen gingen nach Petrograd und agitierten f\u00fcr freie Sowjets.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die Streiks weiteten sich aus. Am 25. Februar 1921 verh\u00e4ngte der Vorsitzende des neu eingerichteten Verteidigungsrates und KP-ZK-Mitglied Sinowjew den Ausnahmezustand \u00fcber Petrograd, vergab an Streikende keine Lebensmittel mehr, lie\u00df Massenverhaftungen durchf\u00fchren und konnte die Streiks bis zum 28. Februar mit Waffengewalt brechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Daraufhin verfasste die Besatzung des vor Kronstadt liegenden Schiffes \u201ePetropawlowsk\u201c eine Resolution, die in Kronstadt am 1. M\u00e4rz 1921 vor 16.000 EinwohnerInnen verlesen und angenommen wurde \u2013 unter Protest der anwesenden hochrangigen Kommunisten Kuzmin (Politkommissar der Baltischen Flotte) und Kalinin (Pr\u00e4sident des allrussischen Exekutivrates der Sowjets). In der Resolution wurde u.a. erkl\u00e4rt, dass die gegenw\u00e4rtigen Sowjets nicht mehr den Willen der Arbeitenden und Bauern\/B\u00e4uerinnen zum Ausdruck br\u00e4chten und neue, geheime Wahlen zum Sowjet anzusetzen seien. F\u00fcr die Arbeitenden, Bauern\/B\u00e4uerinnen, AnarchistInnen und linke Sozialrevolution\u00e4rInnen m\u00fcsse dabei Rede- und Pressefreiheit gew\u00e4hrt werden. Alle politischen Abteilungen, Kontrollabteilungen auf den st\u00e4dtischen Zufahrtswegen (wegen \u201eSchwarzmarkt\u201c usw.) sowie die kommunistischen Kommissare in Armee und Betrieben sollten abgeschafft werden. Die Resolution verurteilte also die kommunistische Dominanz der Sowjets, die Zwangsbeschlagnahmungen unter Bauern\/B\u00e4uerinnen und die Militarisierung der Betriebe, in denen durch demobilisierte Milit\u00e4reinheiten der Arbeitszwang eingef\u00fchrt worden war \u2013 ein Konzept Trotzkis, dem sich Lenin angeschlossen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Am 2. M\u00e4rz 1921 fand in Kronstadt eine Delegiertenversammlung statt, die zum gr\u00f6\u00dften Teil aus Parteilosen bestand und ein provisorisches Revolutionskomitee w\u00e4hlte, welches die Neuwahlen zum Sowjet vorbereiten sollte. Ger\u00fcchte um einen bewaffneten Gegenschlag der \u00f6rtlichen KommunistInnen sprengten die Versammlung, waren jedoch grundlos, da von den rund 2.000 Kronstadter Kommunisten sich bereits die meisten der Aufstandsbewegung angeschlossen hatten. Kalinin wurde freigelassen, nur wenige Kommunisten wurden \u00fcberhaupt verhaftet. Niemand wurde gefoltert oder get\u00f6tet, w\u00e4hrend die Bolschewiki ihrerseits Geiseln in Petrograd nahmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Am 4. M\u00e4rz 1921 trat die Delegiertenversammlung erneut zusammen, um das Revolutionskomitee zu erweitern und die Verteidigung der Festung vorzubereiten; am 8. und 11. M\u00e4rz 1921, um freie Gewerkschaften zu initiieren. Die bolschewistischen Vorw\u00fcrfe, der Aufstand w\u00fcrde von zaristischen Gener\u00e4len geleitet, wurde durch die Ver\u00f6ffentlichung der Namen des Revolutionkomitees widerlegt \u2013 in der Roten Armee waren dagegen viele ehemalige zaristische Gener\u00e4le durch Trotzki wieder in Dienst gestellt worden. Im \u00dcbrigen hielten sich die Kronstadter Matrosen nicht an den Rat des einzigen in Kronstadt als Berater t\u00e4tigen ehemaligen Generals Koslowskij, der f\u00fcr eine milit\u00e4rische Offensive eintrat.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Der Angriff Trotzkis begr\u00fcndete unter Libert\u00e4ren seinen Ruf als Konterrevolution\u00e4r<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Am 5. M\u00e4rz 1921 traf Kriegskommissar Trotzki in Petrograd ein, \u00fcbernahm das Kommando und stellte den Aufst\u00e4ndischen das Ultimatum, sich zu ergeben. Dennoch hofften die Kronstadter auf einen Kompromiss mit den Bolschewiki, der ihre Forderungen jedoch ber\u00fccksichtigen sollte. Kurz darauf schrieben Emma Goldman und Alexander Berkman, die zu dieser Zeit in Petrograd waren, an Sinowjew und appellierten an ihn, ein Blutbad zu vermeiden sowie eine unabh\u00e4ngige Verhandlungskommission zu bilden. Dass die Bolschewiki zu dieser Zeit noch verunsichert waren, zeigt ihr Angebot vom 6. M\u00e4rz, eine Delegation von ParteikommunistInnen und Parteilosen nach Kronstadt zu schicken. Die Kronstadter forderten daraufhin, dass die Parteilosen dieser Delegation unter Anwesenheit einiger ihrer Matrosen in den Leningrader Betrieben frei gew\u00e4hlt werden sollten. Es erscheint jedoch unwahrscheinlich, dass sich die Bolschewiki auf Verhandlungen eingelassen h\u00e4tten, selbst wenn die Matrosen diese revolution\u00e4re Forderung nicht gestellt h\u00e4tten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Am 7. M\u00e4rz 1921 er\u00f6ffneten die Tscheka (Geheimdienst der Bolschewiki) und die Rote Armee unter Ex-Zaren-General Tuchatschewski das Feuer. Obwohl die Versorgungslage Kronstadts kritisch wurde und sich nur auf die kollektiv erwirtschafteten Gem\u00fcsegartenprodukte der Insel st\u00fctzen konnte, nahmen die Kronstadter keine milit\u00e4rische Hilfe von ausl\u00e4ndischen Konterrevolution\u00e4ren an. Ein Solidarit\u00e4tsfunkspruch des rechten Sozialrevolution\u00e4rs Tschernow erfuhr eine freundliche Ablehnung. Das liberale \u201eNationale Zentrum\u201c der russischen Exilgemeinde versuchte, verdeckt \u00fcber das russische Rote Kreuz Kontakt zu den KronstadterInnen aufzunehmen. Die aber wollten lediglich Nahrungsmittel und Medizin vom Roten Kreuz annehmen \u2013 wozu es allerdings nicht mehr kam. Um die zaristische Vergangenheit des Rot-Kreuz-Abgesanten Vilken haben sie gewusst. Der von den Bolschewiki erhobene Vorwurf, dass die Matrosen \u201eobjektiv\u201c der Konterrevolution in die H\u00e4nde arbeiteten, ist auch deshalb absurd, weil die Interventionsgruppen zu dieser Zeit alle geschlagen waren und die kapitalistischen Staaten zu keiner neuen Intervention mehr bereit waren (USA) oder bereits Handelsabkommen mit den Bolschewiki abgeschlossen hatten (GB).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die milit\u00e4rische Niederschlagung des Aufstandes bereitete den Bolschewiki erhebliche Schwierigkeiten und zog sich bis zum 17. M\u00e4rz 1921 hin. Lenin f\u00fcrchtete die potentielle Gefahr des Kronstadter Aufstandes, weil dieser im Gegensatz zu den konterrevolution\u00e4ren Angriffen der Wei\u00dfen im Namen der Sowjets und der legitimen Versprechen der Oktoberrevolution gef\u00fchrt wurde. Die Brutalit\u00e4t des von Trotzki geleiteten Angriffs begr\u00fcndete in der anarchistischen Bewegung bis heute dessen Ruf als autorit\u00e4rem Konterrevolution\u00e4r.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Massenverweigerungen in der Roten Armee und Lenins Zwang zur Parteieinheit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Nach den ersten Sch\u00fcssen wurde denn auch von Seiten der KronstadterInnen die dritte Revolution offen gefordert. Die Moral der angreifenden Roten Armee war zersetzt. Der erste Angriff \u00fcber das Eis am 8. M\u00e4rz 1921 war von Massenverweigerungen und \u00dcberl\u00e4ufen gekennzeichnet, ganze Divisionen verweigerten schon vor den Angriffen den Dienst und mussten entwaffnet werden. Tschekatruppen, ukrainische, chinesische, tatarische Truppen wurden herangeschafft. Vom 8. bis 15. M\u00e4rz 1921 \u2013 also quasi gleichzeitig \u2013 fand in Moskau der 10. Parteitag der KP statt. Am 8. M\u00e4rz beschrieb Ouglaow, ein Politkommissar, die Truppenmoral der Roten Armee:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">\u201eEs ist unm\u00f6glich, die Armee einen zweiten Angriff auf die Bastion ausf\u00fchren zu lassen. Ich habe bereits die Genossen Laschewitsch, Awrow und Trotzki von der Moral der Kadetten unterrichtet. Ich musste ihnen diese Tendenzen mitteilen: Sie, die Kadetten, wollen die Absicht der Kronstadter kennenlernen und beabsichtigen, Delegierte in die Stadt zu schicken. Die Anzahl der Politkommissare auf diesem Abschnitt ist vollkommen unzureichend!\u201c <span lang=\"de-DE\">((1))<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Am 10. M\u00e4rz 1921 erstattete Trotzki Bericht an den Parteitag. Lenin verurteilte den Aufstand in Kronstadt, der weder bolschewistisch noch konterrevolution\u00e4r sein wolle, dies aber nicht sein k\u00f6nne. Geschickt nahm er den Aufstand zum Anlass, Parteieinheit durchzusetzen und die innerparteiische Opposition (sog. \u201eArbeiteropposition\u201c und demokratische ZentralistInnen, die sich f\u00fcr unabh\u00e4ngige Gewerkschaften einsetzten) zu unterdr\u00fccken. Er spielte diese gegen Kronstadt aus, indem er sie als Anarchosyndikalisten denunzierte und sie in die ideologische N\u00e4he der Aufst\u00e4ndischen r\u00fcckte. Die Anf\u00fchrerInnen der Arbeiteropposition, A.G. Schljapnikow und Alexandra Kollontaj, distanzierten sich darauf vom Kronstadter Aufstand. Kollontai erkl\u00e4rte, dass die Arbeiteropposition unter den Ersten sein m\u00fcsse, die sich freiwillig vom Parteitag als Politkommissare zur Hebung der Truppenmoral vor Kronstadt meldeten. Insgesamt meldeten sich unmittelbar 300 Delegierte der KP zum sofortigen Einsatz, ein Viertel des gesamten Parteitags.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Obwohl also Kollontaj als Volkskommissarin f\u00fcr soziale F\u00fcrsorge eine hervorragende Frauenpolitik machte, zeitweilig eine unabh\u00e4ngige Frauenorganisation und die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs durchsetzte, unterst\u00fctzte sie nicht nur im Fr\u00fchjahr 1919 an der B\u00fcrgerkriegsfront in der Ukraine die Repressionspolitik ihres Ehemanns Dybenko, zu einer Zeit also, als die Rote Armee die freien Rayon-Kongresse der Machno-Bewegung unterdr\u00fcckte, sondern rief 1921 auch noch zur Unterdr\u00fcckung des Kronstadter Aufstands auf. Ihre sp\u00e4tere Akzeptanz des Stalinismus hat hier ihre Vorzeichen. <span lang=\"de-DE\">((2))<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Nach der Reorganisierung der Roten Armee wurde die Festung Kronstadt vom 16. bis 18. M\u00e4rz 1921 unter blutigem Gemetzel gest\u00fcrmt. 8.000 Kronstadter Matrosen gelang die Flucht nach Finnland. Kronstadt wurde die blutigste Episode des B\u00fcrgerkriegs: \u00fcber 700 Tote, bis zu 10.000 Verwundete auf Seiten der Bolschewiki; 6.000 Tote, \u00fcber 1.000 Verwundete und 2.500 Gefangene bei den KronstadterInnen \u2013 und das innerhalb von nur zehn Tagen. Die meisten Gefangenen wurden umgebracht oder verschleppt. Die Kronstadter verteidigten ihre revolution\u00e4ren Inhalte in einem aussichtslosen Kampf mit Waffengewalt, um ein Fanal f\u00fcr die Welt zu setzen. Der von ihnen immer noch erhoffte Streik und Aufstand auf dem Festland blieb aus.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die Diffamierungen Lenins und die NEP-Politik als Konsequenz<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Kurze Zeit sp\u00e4ter wurde die Neue \u00d6konomische Politik (NEP) eingef\u00fchrt, die lokale M\u00e4rkte zulie\u00df und die Zwangsbeschlagnahmungen von Getreide aufhob \u2013 Forderungen, die die Kronstadter bereits erhoben hatten und daf\u00fcr als konterrevolution\u00e4r gebrandmarkt worden waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Welche willk\u00fcrlich erfundenen L\u00fcgen Lenin noch nach der Niederschlagung des Aufstands im April 1921 in seiner die Neue \u00d6konomische Politik begr\u00fcndenden Schrift \u201e\u00dcber die Naturalsteuer\u201c parat hat, ist verbl\u00fcffend:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">\u201eDas Fr\u00fchjahr 1921 brachte \u2013 haupts\u00e4chlich infolge der Missernte und des Viehsterbens (als wenn es nur Widrigkeiten der Natur gewesen w\u00e4ren, die zum Aufstand gef\u00fchrt h\u00e4tten; d.A.) \u2013 eine extreme Versch\u00e4rfung in der Lage der Bauernschaft, die infolge des Krieges und der Blockade ohnehin au\u00dferordentlich schwer war. Die Folge der Versch\u00e4rfung waren politische Schwankungen, die, allgemein gesprochen, der innersten \u201aNatur\u2019 des Kleinproduzenten entsprechen. Der krasseste Ausdruck dieser Schwankungen war die Meuterei in Kronstadt. Am kennzeichnendsten an den Kronstadter Ereignissen sind gerade die Schwankungen des kleinb\u00fcrgerlichen Elements. Etwas Festgeformtes, Klares, Bestimmtes gibt es kaum. Nebelhafte Losungen wie \u201aFreiheit\u2019, \u201afreier Handel\u2019, \u201aBefreiung vom Joch\u2019, \u201aSowjets ohne Bolschewiki\u2019 oder Neuwahl der Sowjets oder Erl\u00f6sung von der \u201aParteidiktatur\u2019 usw. usf.\u201c <span lang=\"de-DE\">((3))<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die liberale NEP hatte Lenin gerade selbst eingef\u00fchrt, die sonstigen Forderungen waren alles andere als \u201enebelhaft\u201c. Wir haben hier die Urform des orthodox-marxistischen Vorwurfs eines \u201eschwankenden kleinb\u00fcrgerlichen Elements\u201c, mit dem MarxistInnen und LeninistInnen den Anarchismus in der weiteren Geschichte des 20. Jahrhunderts immer dann diffamierten, wenn er ihnen in die Quere kam oder anstelle der KP-Politik die Menschen begeisterte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Tats\u00e4chlich gab es nach der Niederschlagung des Aufstands im Exil vereinzelt Kontakte und B\u00fcndnispl\u00e4ne vereinzelter Kronstadter mit Reaktion\u00e4ren, die alle scheiterten. So gab es z.B. im Sommer 1921 eine Koalition von Petrischenko (Ex-Vorsitzender des Revolutionskomitees), dem Liberalen Grimm und Exilgeneral Wrangel, einem Wei\u00dfen. Paul Avrich sieht darin einen Versuch von Petrischenko, die Reaktion\u00e4re auszunutzen, um nach einer erhofften Niederschlagung der Bolschewiki der Bev\u00f6lkerung die M\u00f6glichkeit zu geben, sich frei ihre Regierungsform zu w\u00e4hlen. Kontakte zu Konterrevolution\u00e4ren bestanden also nur nach Niederschlagung des Aufstands. <span lang=\"de-DE\">((4))<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Der Aufstand selbst war jedoch weder bolschewistisch noch konterrevolution\u00e4r. Er war typisch f\u00fcr die russischen libert\u00e4ren Bewegungen. Als spontaner Massenaufstand begonnen, entwickelte er sich in eine libert\u00e4re Richtung, obwohl nur einige bewusste AnarchistInnen aktiv beteiligt waren, was im Nachhinein wiederum bedauert werden muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">pc<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kronstadt ist eine Befestigung auf der Insel Kotlin zum Schutze Petrograds. 1921 hatte die Stadt ca. 50.000 EinwohnerInnen, von denen ein gro\u00dfer Teil in der Marine diente. Zus\u00e4tzlich erf\u00fcllten auch die zivilen Produktionsst\u00e4tten milit\u00e4rische Zwecke. 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