{"id":17403,"date":"2017-12-01T00:00:00","date_gmt":"2017-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/robuste-oder-fragile-handlungseinheit\/"},"modified":"2022-01-25T17:11:33","modified_gmt":"2022-01-25T15:11:33","slug":"robuste-oder-fragile-handlungseinheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/robuste-oder-fragile-handlungseinheit\/","title":{"rendered":"Robuste oder fragile Handlungseinheit?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In dem Artikel von Joris Kern (GWR 422) geht es um die Vereinbarkeit von Bed\u00fcrfnissen in Prozessen kollektiver Organisierung, die eben von diesen Bed\u00fcrfnissen ausgehen. Dabei wird ein radikaler Ansatz der Konsensfindung grundlegend unterschieden von der heute \u00fcblichen &#8222;Kompromisskultur&#8220;, in der unvereinbare Bed\u00fcrfnisse starr gegeneinanderstehen und infolgedessen ein &#8222;Mittelweg&#8220; beschritten wird. Hierauf hat Katja Einsfeld in ihrem Artikel (GWR 423) eingewandt, dass ein zu starker Bezug auf Bed\u00fcrfnisse, die Handlungsf\u00e4higkeit eines Projektes l\u00e4hmen und einer Diktatur der Minderheit gleichkommen kann. Dies ist zwar richtig, setzt aber einen starren Begriff des Bed\u00fcrfnisses voraus, der selbst zweifelhaft ist und jener diskussionsarmen &#8222;Kompromisskultur&#8220; entstammt, die von Kern zur\u00fcckgewiesen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich die \u00dcberschrift des Textes von Joris Kern las, war ich zun\u00e4chst skeptisch: Sollten hier etwa Schw\u00e4che und &#8222;Verletzlichkeit&#8220; kultiviert oder zu Tugenden erh\u00f6ht werden, mit denen sich in Konflikten auch dann noch punkten l\u00e4sst, wenn die eigene Argumentation br\u00fcchig wird? W\u00fcrden &#8222;Verletzlichkeit&#8220; und der Bezug auf die &#8222;Bed\u00fcrfnisse&#8220; so nicht unweigerlich zu Strategien der Immunisierung und der defensiven Dominanz derer, die sich in einen nicht weiter befragbaren Bereich privater Innerlichkeit zur\u00fcckziehen, aus dem die eigenen Bed\u00fcrfnisse gleichsam naturw\u00fcchsig hervorbrechen? So ginge also die Argumentation, um jede Argumentation zu vermeiden: Ganz einfach aus dem Grund, dass sie &#8222;meine Bed\u00fcrfnisse&#8220; und in mir selbst gegr\u00fcndet sind, sind sie der Begr\u00fcndung unbed\u00fcrftig und so zugleich jeglicher Kritik entzogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnliches hat wom\u00f6glich auch Katja Einsfeld bef\u00fcrchtet, als sie in ihrer Erwiderung vor einem &#8222;Wettbewerb der Befindlichkeiten&#8220; warnte und schrieb, dass &#8222;Leute, die wiederholt auf pers\u00f6nlichen Bed\u00fcrfnissen beharren und damit das Wohl des Projektes hinten an stellen&#8220; nicht von ungef\u00e4hr mitunter als mental ungeeignet f\u00fcr kollektive Organisierungsprozesse bezeichnet werden oder einfach &#8222;im falschen Projekt&#8220; (GWR 423) sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Lekt\u00fcre von Kerns Artikel ist meine Skepsis jedoch bald weitgehend verflogen. Die drei Stellen, an denen von &#8222;Verletzlichkeit&#8220; die Rede ist, handeln gerade nicht davon, dass einzelne Beteiligte auf ihrer einmal etablierten Bed\u00fcrfnisstruktur beharren, sondern im Gegenteil davon, sie der Infragestellung zug\u00e4nglich zu machen und damit auch ihre Ver\u00e4nderbarkeit einzur\u00e4umen. Es geht also nicht darum, dass &#8222;Menschen wiederholt ihre Bed\u00fcrfnisse stark fordernd in den Vordergrund stellen&#8220; (GWR 423), sondern darum, die eigenen Bed\u00fcrfnisse \u00fcberhaupt zu allererst angstfrei zu artikulieren und sie dadurch zugleich auch zur Diskussion zu stellen. So erst wird die freiwillige Einigung m\u00f6glich; so wird es m\u00f6glich, eine Konstellation zu entwerfen, in der die Bed\u00fcrfnisse aller Beteiligten dann auch tats\u00e4chlich ber\u00fccksichtigt sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Offenbar werden Bed\u00fcrfnisse hier also nicht als statisch begriffen, auch wenn sie im Prozess ihrer Ver\u00e4nderung jederzeit wieder als &#8222;Bed\u00fcrfnisse&#8220; bezeichnet werden, woraus eine gewisse Verwirrung und ein Schwanken auch in Kerns Text selbst entsteht. So ist es etwa im Konfliktfall eine unm\u00f6glich zu erf\u00fcllende Forderung, die Bed\u00fcrfnisse anderer ihrem konkreten Inhalt nach unterschiedslos als gleichwertig zu betrachten oder gar wertzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist die Forderung, gleichzeitig anders zu denken, als man gerade denkt. W\u00e4re dies m\u00f6glich (was es nicht ist), so g\u00e4be es paradoxer Weise weder einen Konflikt, noch die Chance ihn zu l\u00f6sen, sondern nur das Auseinanderfallen des Gleichwertigen, die reine Disparit\u00e4t, das Ende jedes gemeinsamen Projektes. Es lassen sich jedoch Inhalt und Bed\u00fcrfnishaftigkeit eines Bed\u00fcrfnisses unterscheiden. Letztere wird individuell empfunden und kann als solche auch unabh\u00e4ngig vom konkreten Inhalt f\u00fcr voll genommen werden. Nur insofern k\u00f6nnen wir auch im Konfliktfall finden, &#8222;dass die Bed\u00fcrfnisse der anderen Beteiligten genauso wichtig sind wie die eigenen&#8220; (GWR 422), was durchaus eine Voraussetzung der Einigung ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Wesentlichen geht es darum, dass auch die individuellen Bed\u00fcrfnisse &#8211; und andere gibt es nicht &#8211; von vornherein gesellschaftlich produziert und daher ebenso ver\u00e4nderlich sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt einen Zusammenhang der Bed\u00fcrfnisse untereinander und die Befriedigung bestimmter Bed\u00fcrfnisse zieht andere nach sich. Es ist deshalb m\u00f6glich, durch die Art der Beziehungen, die wir eingehen, gezielt neue und andere Bed\u00fcrfnisse als die bisherigen in uns hervorzubringen. Lediglich, weil im Prozess der Einigung &#8222;die urspr\u00fcnglichen W\u00fcnsche oder Positionen keine Begrenzung, sondern ein Startpunkt&#8220; sind, besteht die Aussicht, eine gemeinsame &#8222;Strategie&#8220; zu entwerfen, &#8222;in der m\u00f6glichst alle Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllt werden&#8220; (GWR 422). Wohl um diese Ver\u00e4nderlichkeit auszudr\u00fccken, jedenfalls die Beweglichkeit zu steigern, unterscheidet Kern auch zwischen tieferliegenden Bed\u00fcrfnissen einerseits und ihrer kontextbezogenen \u00c4u\u00dferung in konkreten &#8222;W\u00fcnschen&#8220; andererseits. Wenn auch der Wunsch in uns aufsteigt, so ist er doch von vornherein sozialer Natur und gesellschaftlich erzeugt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihrer Erwiderung scheint Katja Einsfeld jedoch eine eher statische, weil privatistische Konzeption des Bed\u00fcrfnisses zu Grunde zu legen, so dass man beim Lesen ein wenig den Eindruck bekommt, als ginge ihre Kritik am Gegenstand vorbei. Weil diese privatistische Konzeption des Bed\u00fcrfnisses tats\u00e4chlich weit verbreitet ist, weist Einsfeld dabei zwar auf wirkliche Gefahren hin, reproduziert jedoch tendenziell den falschen Begriff. Auch das Selbstverh\u00e4ltnis zu den &#8222;eigenen Bed\u00fcrfnissen&#8220;, nach Art eines Privatbesitzes, dessen Wahrung sich gegen &#8222;das Wohl des Projektes&#8220; verselbst\u00e4ndigt, anstatt sich durch das allgemeine Wohl hindurch zu realisieren, ist ein gesellschaftlich produziertes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ungeachtet dessen und als w\u00e4ren die eigenen Bed\u00fcrfnisse nicht jederzeit und durch verschiedene Faktoren motiviert, zieht sich eine vergleichsweise harte Entgegensetzung von privatem Bed\u00fcrfnis und kollektivem Gesamtinteresse durch den ganzen Text, mit Konsequenzen bis in viele Einzelheiten hinein. So ist von der &#8222;Kommunikation auf Gef\u00fchls- und Bed\u00fcrfnisebene&#8220; die Rede, als w\u00e4re sie von eher rationalen Erw\u00e4gungen gleichsam getrennt, weshalb auf dieser Ebene nicht &#8222;alles zu kl\u00e4ren&#8220; (GWR 423) sei. Als handelte es sich bei Bed\u00fcrfnissen per se um das rein Privatistische, Irrationale und schrullig Partikulare, dem die objektive Sachlage schroff gegen\u00fcbersteht. Als w\u00e4ren nicht auch die eigenen Bed\u00fcrfnisse und Gef\u00fchle mitgepr\u00e4gt und informiert sogar von aufs Ganze gehenden Idealen und begr\u00fcndeten Ansichten den gesellschaftlichen Kontext betreffend. Als g\u00e4be es nicht auch das Bed\u00fcrfnis, vern\u00fcnftig zu handeln und das eigene Bed\u00fcrfnis in freiwilliger Verbindung mit anderen und nicht etwa gegen sie zu realisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Je nach Kontext kann der Fokus auf Bed\u00fcrfnisse entweder gut und richtig sein&#8220;, schreibt Einsfeld, &#8222;oder es sollten auch Projektbelange, Ziele, Erfahrungen, Untersuchungsergebnisse und strategische Argumente bedacht werden&#8220; (GWR 423). Aber handelt es sich denn um ein Entweder-Oder? Kommt es nicht darauf an, die Bed\u00fcrfnisse, mit der gr\u00f6\u00dferen Konstellation, mit Zielen und Projektbelangen so weitgehend in \u00dcbereinstimmung zu bringen, dass kein bedeutender Widerspruch zwischen diesen und jenen entsteht? Ist nicht gerade dies der Prozess der Konsensfindung und der Zusammenf\u00fcgung unterschiedlicher Leben zu einer Handlungseinheit, die mehr vermag als die Einzelnen allein f\u00fcr sich vermocht h\u00e4tten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn dann wirklich alle Beteiligten zustimmen, &#8222;weil sie einsehen, dass das aktuell die beste L\u00f6sung f\u00fcr das Projekt ist&#8220; (GWR 423), so ist dies kein fauler Kompromiss, sondern rein alles, was von einem Konsens in einer unvollkommenen Welt verlangt werden kann. Der Ausgang von den Bed\u00fcrfnissen steht also nicht gegen diese Bedenken, steht der R\u00fccksicht auf Ziele, Projektbelange usw. nicht als ihr ganz Anderes gegen\u00fcber. Die Bed\u00fcrfnisse selbst sind umgekehrt das Resultat auch dieser allgemeineren Bedenken, sind durch Argumente, zumal des eigenen Umfeldes, mitgepr\u00e4gt und durch Gr\u00fcnde ver\u00e4nderbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Je nach Kontext&#8220; &#8211; aber wer entscheidet? &#8211; kann es auch n\u00f6tig sein, partikulare Bed\u00fcrfnisse einzuklammern, um den Fortgang eines Projektes nicht zu gef\u00e4hrden. Dem l\u00e4sst sich nicht widersprechen. Und hier zeigt sich ein Manko der Rede von der &#8222;Konsenskultur&#8220;: die Schwierigkeit n\u00e4mlich, das zumindest vor\u00fcbergehend nicht Integrierbare in die eigenen \u00dcberlegungen einzubeziehen oder \u00fcberhaupt angemessen zu denken. Weil Einsfeld sich dem Nichtdenken des grundlegend Heterogenen verweigert, endet ihr Text mit einer ganzen Reihe praktischer Fragen. Wie umgehen mit dem Dissens, mit den Bed\u00fcrfnissen und Ansichten, die sich vorerst nicht integrieren lassen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dieser Schwierigkeit setzt der eigentliche Einwand an, den Einsfeld einer Konsenskultur macht, deren Begriff von Konsens ihr als zu &#8222;fragil&#8220; erscheint, insofern die gemeinsame Handlungsf\u00e4higkeit von der jederzeit v\u00f6lligen \u00dcbereinstimmung aller Beteiligten abh\u00e4ngen soll und den Schwankungen der individuellen Bed\u00fcrfnislagen ausgesetzt bleibt. Entgegen dieser Fragilit\u00e4t und Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr zart keimende Bed\u00fcrfnisse fordert sie ein &#8222;robustes&#8220; Konzept von Konsens, das gr\u00f6\u00dfere Handlungseinheiten und l\u00e4ngerfristige Planungszeitr\u00e4ume erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicher, ein gemeinsamer Handlungskonsens ist robust, wenn sein grunds\u00e4tzlicher Fortbestand nicht von den Grillen und vor\u00fcbergehenden Launen Einzelner abh\u00e4ngig ist. Er ist es aber auch, weil es ihm gelingt, sich f\u00fcr Einw\u00e4nde offen zu halten und so fortw\u00e4hrend die aktive Zustimmung aller Beteiligten sicher zu stellen und gegebenenfalls erneut zu generieren. Will sagen: Ein Konsens ist mittelfristig nur robust, wenn er sich eine gewisse Fragilit\u00e4t bewahrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn im Zentrum der Konsensfindung steht, als ihr Motor, der Dissens, die Diskussion, in der alles gesagt werden kann, was erst den Abgleich und die Integration der Ansichten erm\u00f6glicht. Die Einigung nimmt immer den Weg des Einspruchs, des Widerspruchs und der Infragestellung. Sie ist dissensuelle Einigung und nichts, von dem ausgegangen, das vorausgesetzt, nichts auch, das je ganz erreicht oder ein f\u00fcr alle Mal garantiert werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist Einigkeit im vollen Sinne, wenn \u00fcberhaupt, paradoxer Weise nur dar\u00fcber m\u00f6glich, dass es nicht n\u00f6tig ist, jederzeit so ganz und gar einig zu sein, um sich dennoch nicht zu trennen. Diese robust verletzliche Einigkeit w\u00e4re Einigkeit auch dar\u00fcber, dass die Handlungsf\u00e4higkeit erhalten bleibt, selbst wenn es zwischenzeitlich keinen &#8222;Konsens&#8220; im vollen Sinne gibt und dar\u00fcber, dass der Prozess der Herstellung eines Konsenses dennoch nicht abbricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die l\u00fcckenlose Selbstpr\u00e4senz einer Gemeinschaft in der Reflexion, die unumschr\u00e4nkte F\u00fclle der \u00dcbereinstimmung ist tats\u00e4chlich ein Phantasma, das l\u00e4hmende Effekte haben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man muss wissen, dass es einen Riss im Konsens gibt, im Zyklus von Handlung und Deliberation, der sich sehr wohl bearbeiten, auch verschieben, aber niemals v\u00f6llig schlie\u00dfen l\u00e4sst. Die Dinge bleiben in Bewegung; die Diskussion h\u00f6rt nie auf; der Konsens ist immer ein relativer und begrenzt. Bezogen auf den Gesamtzusammenhang der wirklich bestehenden Verbindungen l\u00e4sst er sich niemals abschlie\u00dfend verifizieren. Von irgendwoher kommt ein Einspruch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber man muss noch etwas anderes wissen. Die gegen die Bed\u00fcrfnisse der Einzelnen sich verselbst\u00e4ndigenden &#8222;Projektbelange&#8220;: Das ist der Staat. Nicht von den Bed\u00fcrfnissen auszugehen, bedeutet ganz einfach die Verstaatlichung, die Verh\u00e4rtung des Gemeinwesens gegen die Einzelnen. Die Bed\u00fcrfnisse als statisch aufzufassen und der Notwendigkeit ihrer Begr\u00fcndung zu entziehen, birgt die umgekehrte Gefahr. Auch dies ist eine Verh\u00e4rtung: der Einzelnen gegen das Ganze, und sollte dies vielleicht so sein, weil in einer Welt der Staaten so viele Einzelne heute wie kleine Staaten sind?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Anarchie ist weder dieses noch jenes, sondern das Gef\u00fcge der Realisation des Wunsches aller Einzelnen gemeinsam. In der Anarchie streben alle zusammen, f\u00fcr sich selbst das gemeinsame Wohl aller zu realisieren. Deshalb handelt jede*r zugleich um ihrer selbst willen, indem sie oder er im Sinne der &#8222;Projektbelange&#8220; handelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Konsens als radikale Kultur&#8220; w\u00e4re weiter nichts als der unabl\u00e4ssige Prozess, der eine L\u00f6sung f\u00fcr alle erstrebt, der folglich die Ver\u00e4nderbarkeit der Bed\u00fcrfnisse und auch die Offenheit f\u00fcr Argumente unterstellt, selbst wenn es nicht jederzeit m\u00f6glich ist, ein Unbehagen bereits zu artikulieren und fasslich zu begr\u00fcnden. Diese radikale Kultur ist also ganz etwas anderes als der liberale &#8222;Wetteifer der Befindlichkeiten&#8220;, der auf einer privatistischen Auffassung des Bed\u00fcrfnisses basiert, dessen Eigent\u00fcmer*in sich in einer Innerlichkeit verschanzt, aus der die Bed\u00fcrfnisse rein, naturw\u00fcchsig, grundlos und der Begr\u00fcndung unbed\u00fcrftig hervorquellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicher, das jeweilige Ganze prosperiert, wenn die Einzelnen prosperieren, und die Einzelnen prosperieren, wenn das Ganze prosperiert. Aber die Basis der freiwilligen Einigung ist nicht unmittelbar das Gemeinsame, sondern die Hoffnung auf den erf\u00fcllten Lebenswunsch aller Einzelnen in der Schickung individueller Welten, welche ihre Einigung ist. Das Gemeinsame ist also eine Produktion, die nicht m\u00f6glich ist, wenn man nicht von den Bed\u00fcrfnissen ausgeht, und auch nicht, wenn die Bed\u00fcrfnisse durch diese Produktion nicht ihrerseits anders produziert werden k\u00f6nnen als bisher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dem Artikel von Joris Kern (GWR 422) geht es um die Vereinbarkeit von Bed\u00fcrfnissen in Prozessen kollektiver Organisierung, die eben von diesen Bed\u00fcrfnissen ausgehen. Dabei wird ein radikaler Ansatz der Konsensfindung grundlegend unterschieden von der heute \u00fcblichen &#8222;Kompromisskultur&#8220;, in der unvereinbare Bed\u00fcrfnisse starr gegeneinanderstehen und infolgedessen ein &#8222;Mittelweg&#8220; beschritten wird. 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