{"id":17408,"date":"2017-12-01T00:00:00","date_gmt":"2017-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/lob-der-einfachen-sprache\/"},"modified":"2022-01-26T12:49:58","modified_gmt":"2022-01-26T10:49:58","slug":"lob-der-einfachen-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/12\/lob-der-einfachen-sprache\/","title":{"rendered":"Lob der einfachen Sprache"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Was die Neue Rechte ist und wie sie tickt, das l\u00e4sst sich nur verstehen, wenn man sie als Reaktion auf 1968 begreift. Und beim Verstehen darf man es letztlich nicht belassen, man muss auch in Kontakt treten und mit Rechten reden. Das sind die beiden Anliegen, denen der Soziologe und ehemalige Kulturredakteur der marxistischen Tageszeitung &#8222;junge Welt&#8220;, Thomas Wagner, sein Buch &#8222;Die Angstmacher&#8220; gewidmet hat.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Kriegserkl\u00e4rung gegen 68<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide Anspr\u00fcche sind durchaus plausibel. Auch wenn bei den ProtagonistInnen von AfD und Pegida nicht immer explizit gegen die sozialen Bewegungen der sp\u00e4ten 1960er gewettert wird, implizit haben sie hier ihre Gegenpositionen: Das kann der Feminismus sein, der die b\u00fcrgerliche Kleinfamilie in Frage stellt, das k\u00f6nnen Political Correctness oder Multikulturalismus sein, deren VertreterInnen in Kulturredaktionen und Lehrerzimmern vermutet und mit dem &#8222;Denken von 68&#8220; identifiziert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wagner zeichnet nach, wie sich schon Ende der 1960er Jahre eine Neue Rechte formiert, die sich von Altnazis abgrenzt und als direkte Gegenbewegung gegen die Studierendenproteste und Marx-Lekt\u00fcren versteht. Er zeigt auf, dass hier auch die Wurzeln der heutigen, ultrarechten &#8222;Identit\u00e4ren Bewegung&#8220; in verschiedenen L\u00e4ndern Europas liegen. Sie eint n\u00e4mlich, wie es beim Identit\u00e4ren Markus Willinger hei\u00dft, die &#8222;Kriegserkl\u00e4rung an die 68er&#8220;. Kurz, f\u00fcr das konservative Lager bedeutete &#8222;1968&#8220; einen Bruch, &#8222;der bis heute nachwirkt&#8220;. (24)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und weil das rechte Lager w\u00e4chst und immer mehr Zulauf bekommt, m\u00fcssen sich Linke die M\u00fche machen, so Wagner, sie nicht nur zu verstehen, sondern auch mit ihnen zu kommunizieren. Nicht zuletzt um dem rechten Vormarsch Einhalt zu gebieten. Dieses Kommunikationsanliegen ist sicherlich etwas umstrittener als das Ansinnen, Neue Rechte und 68 in Bezug zueinander zu setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil den Rechten dann ein Forum geboten und ihre gez\u00e4hmt vorgetragene Hetze auch noch salonf\u00e4hig wird, so die Gegenargumente.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wagner gelingt es nicht, sie zu entkr\u00e4ften. Schlie\u00dflich hat er nicht nur die intellektuellen Debatten der Nachkriegszeit nachvollzogen, den konservativen Vordenker Arnold Gehlen und das rechte Konzept des Ethnopluralismus studiert, die Debatten um die Popkultur der 1990er Jahre rekapituliert und all das f\u00fcr sich genommen wirklich gut nachvollziehbar geschildert, sondern: Er hat eben auch mit Rechten geredet. Was dabei herausgekommen ist, kann als Vorbild nicht dienen.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Neue Rechte und 68: Gegenreaktion oder Fortsetzung?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wagners Buch sollte deshalb keine Anleitung sein, wie man sich mit der Neuen Rechten auseinandersetzt, weil er diesen Positionen viel zu wenig widerspricht und ihnen \u00fcberhaupt zu wenig entgegensetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das liegt nicht nur an emotionalen Zuf\u00e4llen wie etwa jenem, dass Wagner den Identit\u00e4ren Martin Sellner f\u00fcr einen &#8222;auf sympathische Weise einnehmenden Kopf&#8220; (194) h\u00e4lt. Sondern es hat systematische Gr\u00fcnde. So bleibt n\u00e4mlich der zentrale Zusammenhang, den das Buch zu beschreiben antritt, von vornherein unklar: Ist die Neue Rechte nun eine Gegenreaktion auf &#8222;1968&#8220;, oder ist sie auch irgendwie deren Fortsetzung und Weiterentwicklung? Letzteres legt Wagner n\u00e4mlich nahe, wenn er schon in der Einleitung darauf hinweist, dass Rechte in den letzten Jahren verst\u00e4rkt viele Aktionsformen der Linken seit 1968 \u00fcbernommen h\u00e4tten: St\u00f6raktionen und Provokationen, Blockaden und Skandalisierungen. Hinzu kommen \u00dcberschneidungen wie antib\u00fcrgerliche Haltungen oder bestimmte Spielarten eines gegen die USA gerichteten Antiimperialismus, die Wagner ausf\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dieser Parallelisierung ist das Buch nicht mehr l\u00e4nger nur eine Geschichte der Neuen Rechten, sondern l\u00e4utet gewisserma\u00dfen eine neue Runde im Kampf um die Bedeutung der Revolten der &#8222;1968er Jahre&#8220; ein. Wagner distanziert sich von den Interpretationen um das Jubil\u00e4umsjahr 2008, in denen ehemalige Protagonisten wie Gerd Koenen und vor allem G\u00f6tz Aly versucht hatten, die 68erInnen in eine Reihe mit dem nationalsozialistischen Aufbruch zu stellen. Rudi Dutschke war Aly als &#8222;hitlerhaft&#8220; erschienen, in Anlehnung an Hitlers &#8222;Mein Kampf&#8220; hatte er die Auseinandersetzungen von 1968 als &#8222;Unser Kampf&#8220; betitelt. Ein auch nur ann\u00e4hernder Verlust historischen Augenma\u00dfes und analytischer Sch\u00e4rfe ist Wagner nicht nachzusagen. Er argumentiert vorsichtig, w\u00e4gt ab, versucht zu verstehen. Aber die Vorsicht geht schlicht zu weit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie f\u00fchrt dazu, dass kaum mehr durchdringt, dass der transnationalistische Aufbruch gegen den Autoritarismus, der 1968 kennzeichnet, mit den v\u00f6lkischen Gesellschaftsmodellen und ethnisierenden Exklusionen der Neuen Rechten nicht vereinbar ist. Die Revolten von 1968 sind ohne die antirassistischen K\u00e4mpfe in den USA, die Dekolonisierung, den Kampf gegen alte Nazis und Notstandsgesetze in der BRD und die feministische Forderung, auch das Private als politisch zu betrachten, nicht zu denken. Auch wenn es zweifellos hier und da Schnittmengen mit rechten Ans\u00e4tzen und \u00dcberl\u00e4uferInnen von links nach rechts gibt, dieser Gegensatz muss viel st\u00e4rker betont werden. So wie das die Neue Rechte ja auch tut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konkret \u00e4u\u00dfert sich die \u00fcbertriebene Vorsicht sowohl in den ganz abgedruckten Gespr\u00e4chen als auch in jenen, die in den Text eingeflochten sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn etwa der neurechte Verleger und Publizist G\u00f6tz Kubischek auf die Frage nach der Gewaltbereitschaft der Rechten antwortet, die Deutschen seien ein &#8222;altgewordenes, defensives Volk&#8220; (193), dann benennt Wagner das nicht als essenzialisierenden Schwachsinn, sondern spricht von einer Antwort &#8222;mit Bedacht&#8220; (193). Oder wenn die rechte Publizistin Ellen Kositza behauptet, die &#8222;Verf\u00fcgungsgewalt der Frau \u00fcber ihren K\u00f6rper&#8220; (244) geh\u00f6re zu den &#8222;anthropologischen Gewissheiten&#8220; der Rechten, zwei S\u00e4tze vorher aber noch klarstellt: &#8222;F\u00fcr mich ist Abtreibung nach wie vor Mord.&#8220; Mit der Widerspr\u00fcchlichkeit wird sie ebenso wenig konfrontiert wie mit dem fundamentalen Antifeminismus der Neuen Rechten.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Mangelnde Distanz<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">So stellt sich an vielen Stellen des Buches der Eindruck ein, dass Wagner sich seinem Gegenstand, den Neuen Rechten, ausliefert. Er gibt sich als Beobachter, referiert Positionen, kommentiert sehr zur\u00fcckhaltend. Das ist einerseits vielleicht eine Voraussetzung, Verst\u00e4ndnis \u00fcberhaupt zu erm\u00f6glichen. Die Positionen m\u00fcssen dargestellt werden. Andererseits aber bricht ihm die Distanz weg, l\u00e4sst sich zwischen den referierten und der eigenen Position des Autors oft nicht mehr unterscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das geht bis zur expliziten Zustimmung. Dem Lektor des rechten Antaios-Verlages, Benedikt Kaiser, widerspricht Wagner nicht, wenn dieser behauptet, die Linke h\u00e4tte sich von ihrer Kapitalismuskritik verabschiedet. Im Gegenteil, Wagner findet auch, dass es eine &#8222;auf Sprachkorrekturen reduzierte Politik&#8220; (295) in der Linken gebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Schlusskapitel vertritt Wagner die &#8211; allerdings auch von vielen Linken geteilte These -, die neue St\u00e4rke der Neuen Rechten gehe darauf zur\u00fcck, dass sich die Linke nurmehr mit solchen neuen Sprachnormen statt mit der sozialen Frage besch\u00e4ftigt habe. Da stehen die vermeintlich zweitrangigen kulturellen Differenzen mit ihren kleinlichen Kinkerlitzchen wie den Binnen-I- und Sternchenschreibweisen den angeblich wirklich wichtigen Dingen wie Armut und Ausbeutung entgegen, lanciert von Leuten, denen es zu gut geht und die keine Ahnung mehr haben von den N\u00f6ten der einfachen Leute. Schon in den 1990er Jahren h\u00e4tten Zeitschriften wie &#8222;Texte zur Kunst&#8220; &#8222;h\u00e4ufig verschraubte linke Diskurse&#8220; (118) gepflegt. Die waren schon damals vom Schriftsteller Rainald Goetz als \u00fcberheblich kritisiert worden &#8211; wie Wagner zustimmend herausstreicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine angeblich unverst\u00e4ndliche Sprache wird damit letztlich zum Symbol f\u00fcr die Kluft zwischen dem Establishment und den einfachen Leuten, die von Wagner wie von seinen rechten Gespr\u00e4chspartnerInnen gleicherma\u00dfen moniert wird. Angeblich waren es die &#8222;intellektuellen Eliten&#8220; (Wagner) (295), die solch eine &#8222;h\u00f6fische Sprache&#8220; eingef\u00fchrt haben, wie Wagner den Dramaturgen Bernd Stegemann (wieder zustimmend) zitiert. Es m\u00fcsse aber darum gehen, dass die Linke sich auf die Klassenfrage besinnt und sich bem\u00fcht, &#8222;auch von Nichtakademikern verstanden werden&#8220; (297) zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Sprachnormen: Elitenbefehl oder emanzipatorische Minderheitenpolitik?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass die Thematisierung der Klassenfrage und geschlechtergerechte Schreibweisen sich gar nicht ausschlie\u00dfen m\u00fcssen, darauf kommt Wagner nicht. Denn er sieht letztere nicht als Effekt von Minderheitenpolitiken, die darauf zielen Ausschl\u00fcsse zu verhindern, sich einzuklagen und sich sichtbar zu machen. Sogenannte Sprachkorrekturen werden nicht als Teil linker Inklusionspolitik begriffen. Sondern als Instruktion einer &#8222;kulturellen Elite&#8220;. Damit werden erstens all jene Str\u00f6mungen der Linken diskreditiert, die die soziale Frage auch als Frage symbolischer Herrschaft begreifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer Herrschaft also, die auch in unhinterfragten Dar- und Vorstellungen zum Ausdruck kommt, in stereotypen Bildern und eben auch in Sprache. Und zweitens wird ein Bild von gesellschaftlichen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen gezeichnet, das doch sehr fraglich ist &#8211; nicht nur, weil die rechte Journalistin Kositza es im Buch auf den Punkt bringt: &#8222;Critical Whiteness und Gendermainstreaming wird universit\u00e4r getragen. Das ist heute Staatsdoktrin.&#8220; (245) Der queere Feminismus erscheint hier nicht nur als hegemonial, was wohl keiner empirischen \u00dcberpr\u00fcfung standhalten d\u00fcrfte. Er ist f\u00fcr die Redakteurin der neurechten Zeitschrift &#8222;Sezession&#8220; zugleich der Inbegriff des Abgehobenen und Elit\u00e4ren. Es gebe, so Kositza, &#8222;gar kein reales Leben, auf das diese \u00dcberlegungen gegr\u00fcndet sind&#8220;. (247)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es bleibt unklar, wie weit Wagner hier argumentatorisch mitgeht, er l\u00e4sst das alles so stehen. Der Ansicht aber, dass die mit dem Poststrukturalismus in den \u00f6ffentlichen Raum eingezogene Political Correctness fruchtbare politisch Auseinandersetzungen erschwert, schlie\u00dft er sich explizit an. Dass der Kampf der Neuen Rechten gegen die &#8222;kulturellen Eliten&#8220; gerade da ansetzt, muss ihm nicht gesagt werden. Wagner zitiert in der Einleitung selbst die Anti-Establishment-Strategie der Neuen Rechten mit den programmatischen Worten des Berliner AfD-Politikers Georg Pazderski, der &#8222;wieder politisch inkorrekt sein&#8220; will. (26)<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Kulturelle Elite und Establishment<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Apropos Elite und Establishment: Sicherlich sind die Effekte von &#8222;1968&#8220; am ehesten im Bereich des Kulturellen zu suchen, im weiten wie im engen Sinne des Begriffs, das hei\u00dft in den Umgangs- und Beziehungsformen wie auch in den Meinungsspalten des Feuilleton und in den K\u00fcnsten. Aber ob diese Effekte die Rede von einer &#8222;kulturellen Elite&#8220; rechtfertigen, die vom &#8222;Denken von 68&#8220; dominiert wird, ist doch eher zu bezweifeln. Dar\u00fcber hinaus muss letztlich betont werden, dass eine solche &#8222;kulturelle Elite&#8220;, wenn es sie denn g\u00e4be, recht wenig gemeinsam hat mit dem &#8222;Establishment&#8220;, gegen das die Revolten von 1968ff. sich richteten: eine konsolidierte b\u00fcrgerliche Demokratie zwar, in der aber der Antikommunismus zur Staatsdoktrin geworden war und in der alte Nazis in den Schulen, dem Verwaltungsapparat und der Justiz frei walten durften; eine Zivilgesellschaft, die sich weigerte, \u00fcber Auschwitz zu reden; ein Eherecht, durch das die Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen vom Einverst\u00e4ndnis der Ehem\u00e4nner abhing; ein Wertekosmos, der die Pr\u00fcgelstrafe f\u00fcr Kinder ebenso rechtfertigte wie die milit\u00e4rische Intervention in Vietnam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wagners Buch kontrastiert all dies nicht mit dem Anti-Eliten-Diskurs der Neuen Rechten, sondern parallelisiert es eher. Und weil ihr Antifeminismus, ihre menschverachtende Haltung zur Migrationspolitik und ihr historischer Revisionismus kaum vorkommen, hat Wagner den Versuchen der Neuen Rechten, sich zur legitimen Stimme der einfachen Leute und ihrer diffusen Haltungen gegen &#8222;die da oben&#8220; zu machen, letztlich nichts entgegenzusetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem letzten Kapitel &#8222;Die uneingel\u00f6sten Versprechen von 1968&#8220; wird der Eindruck noch verst\u00e4rkt, dass diese Versprechen nun nicht mehr von Neo-Hippies oder Gr\u00fcnen, Autonomen oder anderen Linken, sondern eben von der AfD und anderen Neurechten repr\u00e4sentiert werden. Das ist nicht nur faktisch kaum zu halten. Sondern genau gegen diesen Eindruck gilt es, von links Stellung zu beziehen &#8211; und zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was die Neue Rechte ist und wie sie tickt, das l\u00e4sst sich nur verstehen, wenn man sie als Reaktion auf 1968 begreift. 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