{"id":17414,"date":"2018-01-01T00:00:00","date_gmt":"2017-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/01\/wenn-die-revolution-nicht-warten-kann\/"},"modified":"2018-10-08T17:37:09","modified_gmt":"2018-10-08T15:37:09","slug":"wenn-die-revolution-nicht-warten-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/01\/wenn-die-revolution-nicht-warten-kann\/","title":{"rendered":"Wenn die Revolution nicht warten kann&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Nach der Anreise in das kleine St\u00e4dtchen Buir, in unmittelbarer N\u00e4he der Kohlegrube Hambach, starten \u00fcber 4000 Menschen aus zahlreichen L\u00e4ndern tanzend, singend und mit lauten Rufen nach Klimagerechtigkeit zun\u00e4chst als Demozug in Richtung Grube. Gemeinsam machen sie die Novemberaktion zu einem Fest der transnationalen Solidarit\u00e4t und lassen durch ihre Blockaden und gegenseitige Unterst\u00fctzung Klimagerechtigkeit erfahrbar werden. Kurz nach Verlassen von Buir brechen erste Finger, farblich unterschiedene Aktionsgruppen bestehend aus mehreren hundert Aktivist*innen, aus dem Demozug aus und machen sich \u00fcber Feldwege auf in Richtung des RWE-Betriebsgel\u00e4ndes.<\/p>\n<p>Vier solcher Finger gelangen an diesem Tag in die Kohlegrube Hambach. Tausende stellen sich dort mit ihren K\u00f6rpern der Zerst\u00f6rung und Profitgier entgegen und legen so drei Kohlebagger bis in die sp\u00e4ten Abendstunden lahm. Sie zeigen: Kohleausstieg bleibt Handarbeit &#8211; das Klima wird in der Grube verhandelt, nicht an Verhandlungstischen in Bonn, wo Profitinteressen der Konzerne Vorrang vor der Rettung der Lebensgrundlage von Mensch und Umwelt haben.<\/p>\n<h3>Die Aktion schl\u00e4gt ihre Wellen:<\/h3>\n<p>Medien von den Aachener Nachrichten, \u00fcber das ZDF, bis zum britischen Guardian berichten \u00fcber die mutigen Aktivist*innen und greifen die Botschaft auf: Deutschland ist ein Kohlemonster und kein Klimavorreiter, wie auf internationaler B\u00fchne so oft verk\u00fcndet. Gerne h\u00e4tte die deutsche Verhandlungsdelegation diesen Fakt wohl verdeckt gehalten. Doch zusammen mit vielen weiteren Protestaktionen, die w\u00e4hrend der Klima-Konferenz stattfanden (vgl. GWR 424) hat Ende Gel\u00e4nde mit der massenhaften Blockade der Kohlegrube einen geh\u00f6rigen Beitrag dazu geleistet, Deutschlands Regierung an den Verhandlungstischen zu blamieren und ihre Doppelstandards zu entlarven. Doch warum sieht Ende Gel\u00e4nde zivilen Ungehorsam unter den gegebenen Umst\u00e4nden als unentbehrlich an und welche Perspektiven er\u00f6ffnen sich dadurch?<\/p>\n<h3>Nach 22 Jahren falscher Hoffnung<\/h3>\n<p>Im Rahmen der UN-Klimaverhandlungen verhandeln nationalstaatliche Regierungen nun bereits seit 22 Jahren \u00fcber Ma\u00dfnahmen zur Begrenzung des Klimawandels &#8211; ohne dass dabei zumindest eine reale Reduzierung der globalen CO2 Emissionen erreicht worden w\u00e4re. Stattdessen \u00fcberbietet man sich dort mit kreativen Ideen, wie die Natur noch besser in Wert gesetzt und neue Profitquellen erschlossen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sei es durch den Handel mit CO2-Zertrifikaten, Aufforstungsprojekte zum CO2-Ausgleich, oder j\u00fcngste Pl\u00e4ne zu Klimaversicherungen.<\/p>\n<p>Solche auf Marktmechanismen beruhenden (Schein-)L\u00f6sungsans\u00e4tze ebnen lediglich einem &#8222;Gr\u00fcnen Kapitalismus&#8220; den Weg, der versucht sich selektiv der CO2-Reduzierung anzunehmen, jedoch weiter einem Wachstumszwang und der damit einhergehenden unbegrenzten Ausbeutung materieller und menschlicher Ressourcen unterliegt.<\/p>\n<p>Der Gerechtigkeitsfrage, die den Kern der Auseinandersetzungen der Klimagerechtigkeitsbewegung bildet, wird hingegen im &#8222;Gr\u00fcnen Kapitalismus&#8220; \u00fcberhaupt keine Aufmerksamkeit geschenkt. Vielmehr werden durch Ma\u00dfnahmen wie die zuvor genannten Aufforstungsprojekte neue Ungerechtigkeiten produziert, wenn zu deren Realisierung Kleinbauer*innen vertrieben und dadurch ihrer Lebensgrundlage beraubt werden.<\/p>\n<h3>Quer gestellt<\/h3>\n<p>In den Ende Gel\u00e4nde Aktionen stellen Menschen sich diesen Ungerechtigkeiten mit ihren verletzlichen K\u00f6rpern direkt in den Weg und machen dadurch deutlich, dass sie diese nicht l\u00e4nger hinnehmen wollen.<\/p>\n<p>Mit dieser entschlossenen Haltung setzen sie ein klares Zeichen f\u00fcr den sofortigen Kohleausstieg und f\u00fcr ein Klima der Gerechtigkeit. Sie nehmen dabei auch in Kauf Gesetze zu brechen und sehen dies als ein legitimes Mittel, um der Zerst\u00f6rung des Raubtierkapitalismus Einhalt zu gebieten. Denn staatliche Parlamente und Regierungen, die diese Gesetze erlassen und umsetzen, delegitimieren sich selbst, wenn sie durch ihre Entscheidungen Millionen Menschen die Lebensgrundlagen entziehen und zur Bedienung von Profitinteressen Menschenleben billigend in Kauf nehmen.<\/p>\n<p>Die grundlegenden Probleme dieser Menschheit lassen sich daher nicht innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung l\u00f6sen, die f\u00fcr ein solches Handeln die Anreize setzt.<\/p>\n<p>Ein italienischer Aktivist, der sich an der Ende Gel\u00e4nde Aktion im November beteiligte, kommt in seiner Reflektion zum zivilen Ungehorsam in der Kohlegrube daher zu dem Schluss &#8222;capital vs. life is the new capital vs. work&#8220;. ((1))<\/p>\n<h3>Unsere Alternative hei\u00dft Solidarit\u00e4t<\/h3>\n<p>Die kapitalistische Zerst\u00f6rung wird durch sich wechselseitig bedingende gesellschaftliche Unterdr\u00fcckungsmechanismen erm\u00f6glicht. Gleicherma\u00dfen intersektional und thematisch breit aufgestellt ist jedoch auch der Widerstand durch Ende Gel\u00e4nde. Wie das Workshop-Angebot auf den Klimacamps, oder die Banner und Sprechch\u00f6re auf den Ende Gel\u00e4nde Aktionen zeigen, kommt hier die Forderung nach einem sofortigen Kohleausstieg zusammen mit beispielsweise antirassistischen K\u00e4mpfen zur \u00dcberwindung staatlicher Grenzen und gegen patriarchale Unterdr\u00fcckungsstrukturen.<\/p>\n<p>Denn allen ist das Bewusstsein gemein, dass es innerhalb des ungerechten kapitalistischen Weltsystems keine gerechten Teill\u00f6sungen geben kann. In diesem Sinne hat sich der intersektionale, themen\u00fcbergreifende Kampf f\u00fcr Klimagerechtigkeit, der bei Ende Gel\u00e4nde durch Aktionen massenhaften zivilen Ungehorsams zum Ausdruck kommt, als eine der zentralen Auseinandersetzungen der heutigen Zeit mit dem Ziel der \u00dcberwindung des Kapitalismus herausgebildet.<\/p>\n<h3>&#8222;Wir ertrinken nicht, wir k\u00e4mpfen!&#8220;<\/h3>\n<p>Zugleich zeigen die Aktionen von Ende Gel\u00e4nde aber auch, dass diese Auseinandersetzung nicht auf einen alles entscheidenden Tag X verschoben werden kann. Dies machen die dramatischen Berichte der Pacific Climate Warriors, eine Gruppe von Klimaaktivist*innen aus dem Pazifik, zu der Lage auf ihren Inseln eindr\u00fccklich deutlich. Es braucht sofortige Ma\u00dfnahmen auch innerhalb der bestehenden Herrschaftsordnung, um die schlimmsten sozialen Konsequenzen durch den Klimawandel zumindest abzufedern.<\/p>\n<p>Um diese zu erreichen folgen die Pacific Climate Warriors ihrem Motto: &#8222;we are not drowning, we are fighting!&#8220;.<\/p>\n<p>F\u00fcr sie und ihre Familien, genauso wie f\u00fcr Millionen von Menschen an vielen Orten dieser Welt, ist der Klimawandel schon heute eine Realit\u00e4t, die ihre Lebensgrundlagen und ihr Leben akut bedroht. Soziale Bewegungen m\u00fcssen Parteien und Regierungen daher vor sich hertreiben und zum Handeln zwingen. Nur so k\u00f6nnen die zerst\u00f6rerischen Ausw\u00fcchse des Kapitalismus in Schranken gewiesen und existentielle, realpolitische Verbesserungen erk\u00e4mpft werden, die zugleich neue Handlungsoptionen er\u00f6ffnen, die \u00fcber das bestehende System hinausweisen.<\/p>\n<h3>F\u00fcr eine bessere, solidarischere Welt<\/h3>\n<p>Ende Gel\u00e4nde und die Klimacamps zeigen auch, dass wir nicht bis zur \u00dcberwindung des Kapitalismus warten m\u00fcssen, um eine bessere, solidarischere Welt aufzubauen. Das Konzept der pr\u00e4figurativen Politik beschreibt, dass schon im hier und jetzt Alternativen erprobt und gelebt werden k\u00f6nnen und diese so auch zum Aufbau eines gegenhegemonialen, solidarischen Projekts beitragen. Sowohl durch kollektive konsensorientierte Entscheidungsfindungsverfahren, durch die gleichm\u00e4\u00dfige(re) Verteilung und Wertsch\u00e4tzung von Care Arbeit, durch einen achtsamen Umgang miteinander, als auch durch solidarische Unterst\u00fctzungsstrukturen w\u00e4hrend, als auch nach den Aktionen, wird die bessere Welt schon mal erprobt und wichtige F\u00e4higkeiten auf dem Weg dorthin erlernt. Dabei wird mensch sicher nicht immer den eigenen Anspr\u00fcchen gerecht. Ende Gel\u00e4nde ist auch ein kollektiver Lernprozess, wie eine solidarischere Welt der Zukunft gestaltet werden k\u00f6nnte. Die niedrigschwelligen Aktionen massenhaften zivilen Ungehorsams erm\u00f6glichen es dabei jedes Mal erneut zahlreichen neuen Menschen Teil dieses kollektiven Prozesses zu werden, sich in ihn mit einzubringen, ihn zu gestalten und dadurch gesellschaftliche Handlungsf\u00e4higkeit zur\u00fcckzugewinnen.<\/p>\n<h3>Transnationale Solidarit\u00e4t f\u00fcr Klimagerechtigkeit<\/h3>\n<p>Ein weiteres Element dieser pr\u00e4figurativen Ordnung, zu der Ende Gel\u00e4nde beitragen m\u00f6chte, ist die gelebte transnationale Solidarit\u00e4t. Rund die H\u00e4lfte aller Teilnehmenden kamen im November aus dem Ausland ins Rheinische Revier gereist, um dort die Kohleverstromung zu blockieren. Ebenso wie der globale Kapitalismus und der Klimawandel, kennt daher auch unsere gelebte Solidarit\u00e4t keine Grenzen. Ende Gel\u00e4nde tritt f\u00fcr den sofortigen Kohleausstieg in Deutschland in Aktion, sieht sich jedoch als Teil einer globalen Bewegung f\u00fcr Klimagerechtigkeit, die zur Bek\u00e4mpfung von Ungerechtigkeiten den globalen Ausstieg aus allen fossilen Energietr\u00e4gern einfordert. Ersichtlich wurde diese Vernetzung bei der Ende Gel\u00e4nde Aktion im November 2017 durch eine Auftaktzeremonie der Pacific Climate Warriors sowie durch ein Konzert von Standing Rock Aktivisten, die in den USA gegen den Ausbau von \u00d6lpipelines k\u00e4mpfen, auf dem Abschlussplenum. Eine der Herausforderungen f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre wird sein, die Erfahrungen, die bei Ende Gel\u00e4nde gesammelt wurden, in die europ\u00e4ischen und globalen Vernetzungsprozesse mit einzubringen und weiter an der Handlungsf\u00e4higkeit der Klimagerechtigkeitsbewegung zu arbeiten. Denn wir sind uns sicher: &#8222;We are unstoppable, another world is possible!&#8220;<\/p>\n<p><b>Mattis Berger<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Anreise in das kleine St\u00e4dtchen Buir, in unmittelbarer N\u00e4he der Kohlegrube Hambach, starten \u00fcber 4000 Menschen aus zahlreichen L\u00e4ndern tanzend, singend und mit lauten Rufen nach Klimagerechtigkeit zun\u00e4chst als Demozug in Richtung Grube. 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