{"id":17421,"date":"2018-01-01T00:00:00","date_gmt":"2017-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/01\/das-hoffnungsvolle-und-verschuettete-retten\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:50","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:50","slug":"das-hoffnungsvolle-und-verschuettete-retten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/01\/das-hoffnungsvolle-und-verschuettete-retten\/","title":{"rendered":"Das Hoffnungsvolle und Versch\u00fcttete retten"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution: In Deinen vorherigen B\u00fcchern zu Geschichte und Zukunft des Kommunismus kommt der Anarchismus kaum vor. Jetzt hat es ein Anarchist, Alexander Berkman, sogar auf den Titel Deines neues Buches geschafft.\u00a0((1))\u00a0Hat hier der Wechsel einer Perspektive oder einer Haltung stattgefunden, oder ist das nur Zufall?<\/b><\/p>\n<p>Bini Adamczak: Vor einigen Jahren hat Philippe Kellermann ein leider viel zu wenig beachtetes Buch herausgebracht mit dem sprechenden Titel &#8222;Anarchismus, Marxismus, Emanzipation&#8220;.\u00a0((2))\u00a0In ausf\u00fchrlichen Gespr\u00e4chen befragt er darin Marxistinnen oder Kommunistinnen zu ihrem Verh\u00e4ltnis zu anarchistischer Geschichte, Bewegung und Theorie. Die Unterhaltung mit mir er\u00f6ffnete Kellermann mit einer fast gleich lautenden Frage. Ich will die umfassende und (selbst)kritische Diskussion, die in dem B\u00e4ndchen unter der \u00dcberschrift &#8222;Dekonstruktion von Anarchismus und Kommunismus&#8220; ver\u00f6ffentlicht ist, hier nicht wiederholen, nur so viel: &#8222;Gestern Morgen. Die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft&#8220;\u00a0((3))\u00a0endet mit einer autobiographischen Notiz aus den 1990er Jahren, die um das umkringelte A kreist. Von daher ist es vielleicht nicht ganz so verwunderlich, dass &#8222;Der sch\u00f6nste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom m\u00f6glichen Gelingen der Russischen Revolution&#8220; mit den Erfahrungen von zwei Anarchist*innen &#8211; Berkman und Goldman &#8211; beginnt. Der Zusammenhang ist aber systematischer. Im letzten Kapitel von &#8222;Gestern Morgen&#8220; habe ich versucht, anhand der Niederschlagung des Kronst\u00e4dter Aufstands von 1921 und des Putsches gegen die sozialistische Regierung in Chile 1973 ein Dilemma der Revolution zu skizzieren: Diejenigen Revolution\u00e4rinnen, die einer revolution\u00e4ren Ethik folgen, an die Solidarit\u00e4t oder Vernunft ihrer Gegnerinnen appellieren, milit\u00e4rische Vorteile zugunsten einer offenen Auseinandersetzung ungenutzt lassen oder allgemein einen B\u00fcrgerkrieg als zu hohen Preis f\u00fcr die Emanzipation ansehen, werden von ihren autorit\u00e4ren Widersachern, die nicht auf solche Skrupel R\u00fccksicht zu nehmen brauchen, niedergeschlagen. Diejenigen Revolution\u00e4rinnen hingegen, die alles auf den Sieg setzen und meinen, selbst noch die gr\u00e4sslichsten Mittel w\u00fcrden durch den sozialistischen Zweck gerechtfertigt, k\u00f6nnen sich zwar gegen ihre Konkurrentinnen durchsetzen und gegen die bewaffnete Konterrevolution behaupten, sie verlieren aber das, wof\u00fcr sie eigentlich gek\u00e4mpft haben. Die einen sind uns &#8211; zu Recht &#8211; sympathischer als die anderen, zumal die Leninistinnen, die gerade die Konterrevolution besiegt haben, gegen\u00fcber den Kronst\u00e4dterinnen selbst als Konterrevolution\u00e4re auftreten. Aber keiner der beiden Wege f\u00fchrt zu dem ersehnten Ziel. Die einen unterliegen im Kampf, die anderen scheitern an ihren eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben. Dieses revolution\u00e4re Dilemma von Scheitern und Niederlage, ist der Ausgangspunkt von &#8222;Der sch\u00f6nste Tag im Leben &#8230;&#8220;. Das ganze Buch versucht die Frage zu beantworten, wie unter den konkreten historischen Bedingung des soeben gest\u00fcrzten Russischen Reiches, zwischen 1917 und 1921, ein Ausweg aus dem Dilemma der Revolution h\u00e4tte gefunden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>GWR: Du hast gleich zwei Neuerscheinungen vorgelegt, beide handeln u.a. von der Oktoberrevolution, beide beginnen mit Gef\u00fchlslagen: In &#8222;Beziehungsweise Revolution&#8220; schilderst Du die Traurigkeit von Revolution\u00e4ren dar\u00fcber, dass die Revolution vorbei ist. In &#8222;Der sch\u00f6nste Tag im Leben des Alexander Berkman&#8220; ist es das Gl\u00fcck, das Berkman bei seiner Ankunft im postrevolution\u00e4ren Russland empfindet, mit dem das Buch beginnt. Welche Rolle spielen Emotionen und Affekte f\u00fcr das (Nach-)Wirken von Revolutionen?<\/b><\/p>\n<p>Bini Adamczak: Revolutionen werden von W\u00fcnschen und Tr\u00e4umen nach einem Ende von Leid und Unterdr\u00fcckung, von Sehns\u00fcchten und Hoffnungen auf ein gutes Leben motiviert und angetrieben. Zugleich setzen sie diese Begierden in zuvor ungesehenem Ausma\u00df frei und produzieren auch v\u00f6llig neue. In Revolutionen explodiert die Phantasie, weil M\u00f6glichkeiten, die zuvor als irrsinnig erschienen, in sinnliche N\u00e4he r\u00fccken. Die Erfahrung kollektiver Solidarit\u00e4t scheint \u00fcber die Grenze des individuellen Lebens hinaus zu treiben. Die Aussicht auf Gerechtigkeit, auf righting wrongs, aber auch auf Ausgleich, auf Rache entwickelt eine ungeheure Kraft. So gro\u00df die Hoffnung, so gro\u00df aber auch h\u00e4ufig die folgende Entt\u00e4uschung. Manche Historikerinnen haben diesen Zusammenhang sogar zu einer Notwendigkeit verkl\u00e4rt. Wenn wir aber genauer hinsehen, k\u00f6nnen wir aus den affektiven Atmosph\u00e4ren, die vergangene Revolutionen durchquert haben, auch etwas \u00fcber das m\u00f6gliche Gelingen zuk\u00fcnftiger Revolutionen lernen. Die Traurigkeit von Revolution\u00e4rinnen nach der Revolution etwa, die ich postrevolution\u00e4re Depression (PRD) nenne, gibt Aufschluss auf eine sehr paradoxe Konzeption des Verh\u00e4ltnisses von Revolution und Sozialismus, von \u00dcbergang und Utopie. Die Analyse der PRD bringt einen Revolutionsfetisch ans Licht, der die Revolution von einem Mittel zu einem Zweck verkehrt. Damit wird dieses Begehren nach Revolution aber zu einem Hindernis f\u00fcr das Gelingen der Revolution. Wenn wir eigentlich die Revolution selbst begehren, dann k\u00f6nnen wir nicht w\u00fcnschen, dass sie erfolgreich ist, denn dann k\u00e4me sie ja zu einem Ende.<\/p>\n<p><b>GWR: Die \u00f6ffentliche Thematisierung von Gef\u00fchlen, sowie auch die Einsicht, dass dies f\u00fcr emanzipatorische Ver\u00e4nderungen unumg\u00e4nglich ist, wird ja vor allem mit den Revolten von 1968 verbunden. Das Erstaunliche an der Revolutionswelle von 1968 sei gewesen, schreibst Du, dass es sie \u00fcberhaupt gegeben habe. &#8222;Wie konnte die Tradition eines freiheitlichen Sozialismus aktualisiert werden, nachdem die \u00e4u\u00dfere Konterrevolution von Faschismus und Nazismus die sozialistischen Akteurinnen ermordet, ihre Institutionen zerschlagen, ihre Publikationen verbrannt hatte? Ohne personelle wie institutionelle Entnazifizierung? [&#8230;] Sie kam zu einem gro\u00dfen Teil von au\u00dfen.&#8220;\u00a0((4))\u00a0Wo war dieses Au\u00dfen und wie kam es nach Innen?<\/b><\/p>\n<p>Bini Adamczak: Nazismus und Faschismus haben weltweit, vor allem aber in Europa sozialistische Traditionen gewaltsam abgebrochen. Zudem hat der Stalinismus den Kommunismus nicht nur diskreditiert, sondern auch antiautorit\u00e4re Alternativen zu ihm zerschlagen. Nicht nur auf dem Terrain der Sowjetunion, sondern auch international, etwa in Spanien. Unter diesen Bedingungen entsteht in den sp\u00e4ten 1960er Jahren dennoch eine weltweite emanzipatorische Bewegung, die auch an die Russische Revolution, an versch\u00fcttete Traditionen ankn\u00fcpft. Diese Bewegung konnte nur aus der Peripherie kommen, aus den trikontinentalen K\u00e4mpfen, aus den antikolonialen Befreiungskriegen. Die Demonstration am 2. Juni 1967 in Berlin, die zum Fanal f\u00fcr die westdeutsche Studierendenbewegung wurde, hatte weder einen bildungspolitischen noch einen vergangenheitspolitischen Anlass. Sie richtete sich gegen den Besuch des persischen Schahs. Es war eine Demonstration internationaler Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p><b>GWR: Der Inter- oder gar Transnationalismus von 1968 ist ja durchaus umstritten. Du schreibst, dass der internationale Charakter der Revolte die &#8222;Bedingung der M\u00f6glichkeit von 1968&#8220;\u00a0((5))\u00a0war. \u00c4hnlich wie in Berlin gingen dem Pariser Mai die Proteste gegen die Kolonialherrschaft in Algerien voraus. Das ist, denke ich, sehr wichtig hervorzuheben. Vor allem deshalb, weil dieser Zusammenhang sonst so gerne ausgeblendet oder gar geleugnet wird. Der Historiker Gerd Koenen etwa schrieb 2001 von der &#8222;projektiven Identit\u00e4t mit den K\u00e4mpfern gegen den US-Imperialismus&#8220;\u00a0((6)), die in erster Linie dazu gedient h\u00e4tte, die deutschen Schuldgef\u00fchle wegen des Nationalsozialismus zu kanalisieren. Warum war es Dir ein Anliegen, hier noch einmal Stellung zu beziehen?<\/b><\/p>\n<p>Bini Adamczak: Diese kritische Analyse hat einen wahren Kern. Rudi Dutschke etwa meinte, auch Deutschland m\u00fcsse einen anti-imperialistischen Kampf gegen die Besatzungsm\u00e4chte f\u00fchren und die RAF verglich in manchen Bekennerschreiben die US-amerikanischen Angriffe auf Hanoi mit der Bombardierung auf Dresden und setzte im gleichen Atemzug Auschwitz mit beiden so grundverschiedenen Kriegshandlungen gleich. Das ist sp\u00e4testens seit dem antinationalen oder antideutschen turn in der Linken in Deutschland immer wieder thematisiert worden. Im besten Fall allerdings nicht in Form einer denunziatorischen Kritik, die die gesamte Bewegung von 68 oder die Linke im Allgemeinen gleich mit erledigt, sondern in Form einer immanenten Kritik. Das hei\u00dft als linke Selbstkritik, die den internationalen oder anationalen Impuls von 68 gegen seine nationalistische Korrumpierung verteidigt. Die globale Revolte \u00fcberstieg den nationalen Rahmen.<\/p>\n<p><b>GWR: G\u00f6tz Aly setze dann noch eins drauf auf die zweifelhafte Interpretation Koenens. Aly sah in 1968 ein neues 1933. Die Studierendenbewegung von 1968 habe aus der Erbmasse der &#8222;rechtsradikalen Studentenbewegung der Jahre 1926 bis 1933&#8220;\u00a0((7))gesch\u00f6pft; die von den 68erInnen wieder aufgebrachte Idee einer R\u00e4te-Demokratie sei dem &#8222;st\u00e4ndischen Grundprinzip&#8220; gefolgt, &#8222;das sich 1933 bis 1945 in der Reichsapothekenkammer, im NS-Kraftfahrerkorps&#8220;\u00a0((8))\u00a0u.a. bahngebrochen habe. Dieser Totalverlust historischen Augenma\u00dfes und diese Umschreibung der Geschichte kamen 2008 relativ gut an. Stattdessen machst Du den wesentlich einleuchtenderen Vorschlag, 1968 auf 1917 zu beziehen. Wie sehen diese Bezugnahmen aus?<\/b><\/p>\n<p>Bini Adamczak: Nationalsozialismus und Faschismus sind paradoxe Projekte. Sie inszenieren sich als revolution\u00e4re Bewegung, wollen aber die \u00f6konomischen Beziehungen der Gesellschaft unangetastet lassen. Sie beschw\u00f6ren die authentische R\u00fcckkehr zu einer reinen und homogenen Vergangenheit, sind in Bezug auf Kultur und Technik aber tats\u00e4chlich v\u00f6llig eklektizistisch. So wie Identit\u00e4re oder Autonome Nationalisten heute Praxen und Codes der Linken kopieren, so haben es schon ihre historischen Vorg\u00e4nger gemacht: von der roten Fahne, \u00fcber das Label Arbeiterpartei bis hin zu bestimmten Organisationsformen. Das macht auch Sinn, geht es doch insbesondere in Krisen darum, das revolution\u00e4re Potential in der Gesellschaft nationalistisch so zu kanalisieren, dass es f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Herrschaft nicht gef\u00e4hrlich wird. Wer diesen Zusammenhang nicht kennt, dem kann es schon mal passieren, dass er beim Schauen einer Doku \u00fcber die DDR ausruft: &#8222;Die sehen ja aus wie Nazis&#8220;.<\/p>\n<p>G\u00fcnther Jakob hat, als die gel\u00e4uterten 68er in der Bundesregierung angekommen waren, gezeigt, wie sich die ideellen Werte der Nazi-Generation auf \u00e4hnlichen Wegen weiter vererbt haben wie das materielle Verm\u00f6gen. Zu kritisieren, dass der beabsichtigte Bruch mit dem Nazismus unvollst\u00e4ndig blieb oder dass viele der fr\u00fcheren Rebellen sich nahtlos ins Establishment einpassten, ist allerdings etwas ganz Anderes als die Gegens\u00e4tze extremismustheoretisch zusammen fallen zu lassen, so dass nur noch der Status Quo \u00fcbrig bleibt.<\/p>\n<p>Die Bezugnahmen von 68 auf 17 hingegen sind un\u00fcbersehbar. Das zeigt sich schon am Umfang der Publikationen: den Nach- und Raubdrucken wie an den ausf\u00fchrlichen westmarxistischen Diskussionen zur Sowjetunion. Die ganze Linke nach 68 lie\u00df sich in Bezug zur Russischen Revolution ordnen. Mit der Frage &#8222;In welchem Jahr ist die Russische Revolution gescheitert?&#8220; lie\u00df sich ziemlich pr\u00e4zise bestimmen, welcher Fraktion jemand angeh\u00f6rte.<\/p>\n<p><b>GWR: Die Beziehungen von 1968 zu 1917 waren ja gest\u00f6rte, also widerspr\u00fcchliche Bezugnahmen: Nicht nur der Stalinismus und die Leninsche Staatsfixiertheit hatten den Marxismus-Leninismus f\u00fcr viele diskreditiert. Auch innerhalb der marxistischen Theorie gab es Verschiebungen, etwa vom Fokus auf Ausbeutung hin zu einem auf Entfremdung. Welche Br\u00fcche zwischen 1917 und 1968 scheinen Dir die wesentlichen zu sein?<\/b><\/p>\n<p>Bini Adamczak: Ich verstehe die beiden gro\u00dfen Revolutionswellen des 20. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der ersten modernen Revolution, der franz\u00f6sischen. Aus ihrer Parole &#8222;Freiheit, Gleichheit, Solidarit\u00e4t&#8220; fokussierte 1917 auf Gleichheit, 1968 auf Freiheit. Die eine Revolution war mehr von Produktivit\u00e4tsparadigma gepr\u00e4gt &#8211; es ging um Fortschritt, Disziplin, ein Ende der Armut -, die andere mehr vom Konsumtionsparadigma, sie setzte also eher auf Differenz, Lust, Selbstbestimmung.<\/p>\n<p><b>GWR: Anders als viele andere Sozialtheorien fokussierst Du sehr stark auf Geschlechterverh\u00e4ltnisse. Die Revolten von 1968 h\u00e4tten eine &#8222;differentielle Feminisierung&#8220;\u00a0((9))\u00a0der gesamten Gesellschaft ausgel\u00f6st. Das Private wird politisch, die heterosexuelle Arbeitsteilung wird in Frage gestellt, Du sprichst auch von einer &#8222;hedonistischen Mentalit\u00e4t&#8220;\u00a0((10)), die sich entwickelt. Was hei\u00dft &#8222;differentielle Feminisierung&#8220;?<\/b><\/p>\n<p>Bini Adamczak: Die Orientierung an Gleichheit \u00e4u\u00dferte sich 1917 in der Utopie einer Welt ohne Geschlecht. Tats\u00e4chlich ging es aber darum, ein Geschlecht f\u00fcr alle zu realisieren: das Geschlecht m\u00e4nnlicher Arbeiter.<\/p>\n<p>Deswegen spreche ich f\u00fcr diese revolution\u00e4re Sequenz von &#8222;universeller Maskulinisierung&#8220;. Diese &#8222;Gleichheit mit den M\u00e4nnern&#8220; geriet ab 68 unter scharfe Kritik. Aber die Versuche, an ihre Stelle eine universelle Feminisierung zu setzen, blieben vereinzelt. Gemessen an der vorhergegangenen Epoche kommt es jetzt zwar zu einer Verweiblichung &#8211; das Private dringt st\u00e4rker in die \u00d6ffentlichkeit ein, Arbeitsverh\u00e4ltnisse werden feminisiert &#8211; aber was wir heute sehen ist vielmehr eine Ausdifferenzierung von Geschlecht. Nicht kein Geschlecht, nicht ein Geschlecht, sondern viele.<\/p>\n<p><b>GWR: Der Begriff der Beziehungsweisen, der im Titel neben der Revolution steht, bezieht sich gar nicht blo\u00df auf die Bezugnahmen auf die fr\u00fchere Revolution. Du beschreibst damit gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse \u00fcberhaupt. Was meinst Du mit Beziehungsweisen?<\/b><\/p>\n<p>Bini Adamczak: Von Marx stammt die Formulierung, eine Gesellschaft sei keine Summe von Individuen, sondern von Beziehungen. Viele Sozialtheorien gehen von diesem naheliegenden Gedanken aus. Aber ihn weiter zu verfolgen, auszuf\u00fcllen, weiterzuentwickeln, ist gar nicht so einfach. Viele Linke sprechen von den &#8222;Verh\u00e4ltnissen&#8220;, gegen die wir k\u00e4mpfen, aber oft k\u00f6nnten sie genauso gut &#8222;Zust\u00e4nde&#8220; oder &#8222;Schweinesystem&#8220; sagen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Kritik macht das vielleicht nur einen geringen Unterschied. Ich denke aber, dass es gerade im Hinblick auf die Ver\u00e4nderbarkeit dieser Welt sinnvoll ist, eben ihre Verh\u00e4ltnisse, ihre Beziehungen in den Blick zu nehmen um zu fragen: Wie beziehen wir uns aufeinander? Wie wollen wir uns aufeinander beziehen?<\/p>\n<p><b>GWR: Der dritte Teil des Beziehungsweise-Buches ist der Theorie gewidmet. Du pl\u00e4dierst darin u.a. daf\u00fcr, den Kapitalismus als Beziehung zu verstehen, &#8222;weder als geschlossenes System, noch als Antagonismus unverbundener Klassenbl\u00f6cke, sondern als Gef\u00fcge von ineinandergreifenden Beziehungsweisen, lebendiger wie dinglicher.&#8220;\u00a0((11))<\/b><\/p>\n<p><b>Worin besteht der Vorteil einer solchen Sichtweise?<\/b><\/p>\n<p>Bini Adamczak: Ich beanspruche nicht, eine pr\u00e4zisere oder wahrere Theorie bzw. Kritik des Kapitalismus zu liefern. Aber vielleicht ein besseres theoretisches toolkit f\u00fcr seine \u00dcberwindung. Die Linke bleibt hier oft in der Negation stehen: Zerschlagung des Staates, Abschaffung der Grenzen, Aufhebung des Privateigentums!<\/p>\n<p>Die Ware oder der Markt sind aber nicht einfach technische oder \u00f6konomische Institutionen oder Systeme, sondern es sind spezifische Weisen, einander zu begegnen, miteinander zu leben, in eine materielle wie emotionale Beziehung zu treten.<\/p>\n<p>Wir wissen, wie viel Leid diese Beziehungsweisen, zumal in Verbindung mit jenen der Familie oder des Staates bringen. Aber wir sollten vermehrt die Frage stellen, wie gelungene &#8211; solidarische &#8211; Beziehungen aussehen. Meine Hoffnung ist, dass diese Frage eher dabei hilft, Antworten f\u00fcr die Zukunft zu finden als die eing\u00e4ngige aber ziemlich unbestimmte Parole &#8222;Abschaffung des Kapitalismus!&#8220;<\/p>\n<p><b>GWR: Der Anarchist Gustav Landauer, den Du ja auch zitierst, hatte 1912 den Staat als Verh\u00e4ltnis begriffen. Er werde nicht ein f\u00fcr alle Mal geschaffen, sondern &#8222;entsteht in jedem Augenblick, durch Dulden und Handeln&#8220;.\u00a0((12))<\/b><\/p>\n<p><b>Landauer leitete aus diesem Verst\u00e4ndnis auch seine libert\u00e4ren Revolutionshoffnungen ab: Wenn der Staat aus Beziehungen besteht, m\u00fcssen und k\u00f6nnen wir auch andere, neue Beziehungen schaffen. Siehst Du das auch so? Oder anders gefragt: Wie h\u00e4ngen Beziehungsanalyse und Revolutionstheorie zusammen?<\/b><\/p>\n<p>Bini Adamczak: Die &#8222;Revolutionstheorie&#8220; von 1917 fokussierte vor allem auf den Staat. Dieser sollte erobert werden, um dann mit seiner Hilfe alles zu \u00e4ndern. Die &#8222;Revolutionstheorie&#8220; von 1968 konzentrierte sich mehr auf das Subjekt: alles ver\u00e4ndert sich, wenn du dich ver\u00e4nderst. Das f\u00fchrte gerade auch in der Niederlage von 68 zu einer besonderen Aufmerksamkeit f\u00fcr P\u00e4dagogik und Selbstfindung.<\/p>\n<p>Historisch f\u00fchrten beide Orientierungen in Sackgassen. Die eine in die &#8222;Totalisierung&#8220; des Stalinismus, die andere in die &#8222;Atomisierung&#8220; des Neoliberalismus. Die Orientierung auf das Dazwischen, auf Beziehungsweisen, soll helfen, aus diesen Sackgassen herauszufinden. Es geht um Versammlung, Verkn\u00fcpfung, um die convergence des luttes.<\/p>\n<p>Es geht um das Kn\u00fcpfen und St\u00e4rken nicht hierarchischer, egalit\u00e4rer, solidarischer Beziehungsweisen, die die indifferenten und konkurenten oder familistischen ersetzen und so auch das Verh\u00e4ltnis von Privat und \u00d6ffentlich ganz anders justieren. Damit soll es zugleich m\u00f6glich werden, aus beiden Revolutionswellen das Gelungene aber Verschwundene, das Hoffnungsvolle aber Versch\u00fcttete zu retten.<\/p>\n<p><b>Interview: Jens Kastner<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: In Deinen vorherigen B\u00fcchern zu Geschichte und Zukunft des Kommunismus kommt der Anarchismus kaum vor. Jetzt hat es ein Anarchist, Alexander Berkman, sogar auf den Titel Deines neues Buches geschafft.\u00a0((1))\u00a0Hat hier der Wechsel einer Perspektive oder einer Haltung stattgefunden, oder ist das nur Zufall? 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