{"id":17423,"date":"2018-01-01T00:00:00","date_gmt":"2017-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/01\/rudolf-rocker-rockt-noch-immer-2\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:50","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:50","slug":"rudolf-rocker-rockt-noch-immer-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/01\/rudolf-rocker-rockt-noch-immer-2\/","title":{"rendered":"Rudolf Rocker rockt noch immer"},"content":{"rendered":"<p><b>Monika: Wie bist du eigentlich auf das Thema gekommen? Warum Rudolf Rocker?<\/b><\/p>\n<p>Emmelie \u00d6den: Rudolf Rocker ist ja nicht nur ein bedeutender Anarchist, sondern vor allem ein herausragender Theoretiker und auch Praktiker des Anarchosyndikalismus. Insofern bin ich, dadurch dass ich mich mit dem Anarchosyndikalismus besch\u00e4ftigt habe, zwangsl\u00e4ufig auf Rudolf Rocker gesto\u00dfen, der nicht nur f\u00fcr Deutschland wichtig ist, sondern gerade auch international eine gro\u00dfe Rolle spielte und spielt. Interessanterweise ist er im englischsprachigen und auch im spanischsprachigen Raum bekannter als in Deutschland selbst.<\/p>\n<p><b>Monika: Wo hast du f\u00fcr die Brosch\u00fcre recherchiert?<\/b><\/p>\n<p>Emmelie: Rudolf Rocker hat ausf\u00fchrliche Memoiren geschrieben. Ich unterstelle ihm, dass er beim Schreiben im Hinterkopf hatte, dass sie vielleicht mal ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnten, weil sie nicht so privat geschrieben sind, wie man es von einem Tagebuch kennt. Diese Memoiren gibt es im Internationalen Institut f\u00fcr Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam. Dort kann man die &#8222;Rudolf Rocker Papers&#8220; als Nachlass anfordern und kriegt sie als Digitalisat zugeschickt. Teilweise sind diese Memoiren im Suhrkamp-Verlag ver\u00f6ffentlicht worden, aber nur eine Auswahl. Die gesamten Memoiren habe ich f\u00fcr die Brosch\u00fcre durchgearbeitet, das war meine Hauptquelle. Es werden viele Adressen genannt und man wei\u00df meist direkt, wo was stattgefunden hat. Das war f\u00fcr den Stadtf\u00fchrer, den ich gemacht habe, hilfreich. Als Erg\u00e4nzung habe ich in den zeitgen\u00f6ssischen Tageszeitungen gest\u00f6bert, vor allem in der sozialdemokratischen Zeitung von damals, der &#8222;Mainzer Volkszeitung&#8220;, in der Rudolf Rocker als Jugendlicher oft erw\u00e4hnt wurde. Anfangs durchaus positiv, sp\u00e4ter dann weniger, da er sich im Clinch mit der Partei befunden hat, aber seinen Namen findet man doch des \u00d6fteren.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Was bedeutet der Anarchosyndikalismus f\u00fcr dich?<\/b><\/p>\n<p><b><\/b>Emmelie: Anarchosyndikalismus ist in erster Linie eine Gewerkschaftsbewegung. Historisch betrachtet kann man seine Ziele und Ideen am besten verstehen: Er ist aus einer Gewerkschaftsbewegung heraus entstanden, die gesagt hat: &#8222;Wir wollen keine zentralistische Gewerkschaft in dem Sinne, dass die Funktion\u00e4re von oben entscheiden, wann was gemacht wird, sondern wir wollen uns basisdemokratisch auf einer Ebene gemeinsam gleichberechtigt organisieren.&#8220; Das verschmilzt zusammen mit der Idee des Anarchismus von Herrschaftslosigkeit und Selbstbestimmung. Die anarchosyndikalistische Gewerkschaftsbewegung ist somit zweiteilig. Wir haben zum einen die Ziele, die auch die Gewerkschaften, die man sonst so kennt, eigentlich haben sollten, also konkrete Verbesserungen im Hier und Jetzt, h\u00f6here L\u00f6hne, bessere Arbeitszeiten und Bedingungen allgemein; zum anderen aber eben auch was der Anarchismus fordert: perspektivisch eine freie Gesellschaft, in der Menschen ohne Zwang miteinander leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Bernd: \u0085 und ohne Herrschaft&#8230;<\/b><\/p>\n<p><b><\/b>Emmelie: Genau, nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p><b>Bernd: Kannst du ein bisschen mehr zu Rudolf Rocker erz\u00e4hlen? Wie ist er aufgewachsen? Wie verlief sein Leben?<\/b><\/p>\n<p><b><\/b>Emmelie: Er wurde 1873 in Mainz geboren. Seine Hauptbet\u00e4tigungszeit hat ca. 1900 angefangen.<\/p>\n<p>In London hat er sich viel in der j\u00fcdischen Arbeiterbewegung eingesetzt, hat Streiks organisiert und ist auch viel publizistisch t\u00e4tig gewesen. Ab 1919 hat er in Berlin gelebt und die erste anarchosyndikalistische Gewerkschaft in Deutschland mit aufgebaut, die Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD).<\/p>\n<p>Dann, 1933 nach dem Reichstagsbrand, musste er ins Exil in die USA gehen und ist dort 1958 gestorben.<\/p>\n<p>Seine Kindheit und seine Jugend hat er in Mainz verlebt. Dort hat er sich politisiert und sozialisiert. Diese Zeit ist spannend, denn so kann man sehen, wie dieser Mensch, der tats\u00e4chlich bis hin zu Albert Einstein und Thomas Mann rezipiert wurde, \u00fcberhaupt selbst auf diese ganzen Ideen gekommen ist: Was er als Kind und Jugendlicher gelesen hat z.B., um dann eigene Ideen zu entwickeln.<\/p>\n<p><b>Monika: Kannst du bitte mehr \u00fcber sein politisches Bewusstsein erz\u00e4hlen? Wie ist es dazu gekommen, dass er sich in die Richtung Anarchosyndikalismus entwickelt hat? Damals wurde es noch nicht so genannt oder definiert.<\/b><\/p>\n<p>Emmelie: Ja, das stimmt. Als Rocker angefangen hat, sich mit der Politik auseinanderzusetzen, da hat der Anarchosyndikalismus ja gerade erst in seinen Kinderschuhen gesteckt. Die Urspr\u00fcnge lagen in Frankreich. Damals kannte Rocker das noch nicht. Er ist selbst erst einmal in die sozialdemokratische Bewegung gelangt, das war damals vor allem in Deutschland die gr\u00f6\u00dfte und &#8211; das dachten viele &#8211; auch die einzige sozialistische Bewegung. Aber sie war damals auch noch revolution\u00e4rer &#8211; aber was hei\u00dft viel, es scheint nicht so schwer, revolution\u00e4rer zu sein als die Sozialdemokratie es heute ist. Aber damals hatte sie noch revolution\u00e4re Ideale und war k\u00e4mpferisch. Von 1878 bis 1890 war sie auch illegal durch die Sozialistengesetze. Das hei\u00dft, die Sozialdemokraten sind im Untergrund aktiv gewesen. Schon als 13-J\u00e4hriger ist Rocker in die sozialdemokratische Bewegung gelangt, durch seinen Onkel, der schon aktiv war. Dann hat er angefangen, die ersten sozialistischen Schriften zu lesen, ist mitgekommen auf die Versammlungen und hat sich schlie\u00dflich immer mehr davon entfernt, wurde immer kritischer, hatte auch immer mehr kritische Stimmen geh\u00f6rt, aufgenommen und dann auch selbst umgesetzt.<\/p>\n<p><b>Bernd: F\u00fcr mich ist auch spannend, dass er sich dem Kriegsdienst entzogen hat. Kannst du dazu noch etwas erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p>Emmelie: Ja, genau. Ihm hat der Milit\u00e4rdienst gedroht, weil damals jeder Mann dienen musste. Mainz war immer eine Milit\u00e4rstadt und das ist ihm schon fr\u00fch aufgesto\u00dfen. Ihm hat sowieso keine Autorit\u00e4t je besonders zugesagt und er war nie gerne in der Schule, auch nie ein Lehrerliebling. Insofern konnte er das Milit\u00e4r nie leiden. Dem Milit\u00e4rdienst wollte er entgehen, weil er ein Antimilitarist war. Unter anderem deshalb hat er Deutschland verlassen. Er war kein Dogmatiker, insofern darf man seinen Antimilitarismus nicht zu eng verstehen. Ich w\u00fcrde ihn nicht als Pazifisten bezeichnen, weil er auch k\u00e4mpferische Auseinandersetzungen bef\u00fcrwortet hat, zum Beispiel in Spanien 1936. Und auch in seinen Memoiren sind viele Anekdoten zu finden, die ein bisschen mit Gewalt zu tun haben und im Nachhinein auch witzig zu lesen sind, zum Beispiel Kneipenschl\u00e4gereien. Sp\u00e4ter, w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs hat er in Teilen die Bombardierung Deutschlands durch die Alliierten bef\u00fcrwortet, um den Faschismus zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p><b>Monika: Ich w\u00fcrde gerne mehr \u00fcber seine Familie wissen und seine Sozialisation. Wie sah sein Leben aus?<\/b><\/p>\n<p>Emmelie: Seine Familie war eine Handwerkerfamilie. Sein Vater war Steindrucker und ist gestorben, als Rocker drei Jahre alt war. Seine Mutter hat sich danach als N\u00e4herin durchgeschlagen, bis sie neu geheiratet hat.<\/p>\n<p>Seine Familie war sehr liberal. Sein Gro\u00dfvater war bei der 1848er Revolution aktiv. Ansonsten hat auch die Beziehung zur Kirche keine gro\u00dfe Rolle gespielt. Trotzdem waren freiheitliche oder gar anarchistische Ideale nicht pr\u00e4sent in der Familie. Der Onkel war Sozialdemokrat und das war f\u00fcr Rocker der gr\u00f6\u00dfte revolution\u00e4re Einfluss im weitesten Sinne. Aber sein Onkel war immer zur\u00fcckhaltend, er hat niemandem seine Meinung aufgezwungen. Insofern ist es eher nat\u00fcrlich gewachsen mit den Jahren zwischen ihm und seinem Onkel.<\/p>\n<p><b>Monika: Und wenn es um seine Schulzeit geht?<\/b><\/p>\n<p>Emmelie: Seine Schulzeit war f\u00fcr ihn ein Grauen. Damals war die Schule noch viel schlimmer als sie es heute ist. Da wurden die Kinder geschlagen, Zwang und Zucht waren die h\u00f6chsten Gebote. Sp\u00e4ter ist seine Mutter auch noch verstorben und dann ist er im Waisenhaus gewesen. Dort hat er das, was er schon aus der Schule kannte, noch mal schlimmer erlebt. Es gab eine starke hierarchische Ordnung im Waisenhaus. Die Jungen, die dort gelebt haben, waren teilweise schwer gesch\u00e4digt, weil sie dort keine Bezugsperson, keine Zuneigung erfahren hatten. Dar\u00fcber hinaus war jede Phantasie abgestorben und er hatte auch einfach keine Besch\u00e4ftigung dort.<\/p>\n<p><b>Bernd: Auf den Anarchismus ist Rocker durch Michail Bakunins Schrift &#8222;Gott und der Staat&#8220; gesto\u00dfen. Kannst du dazu etwas erz\u00e4hlen? Wann war das? Wie ist er damit in Ber\u00fchrung gekommen?<\/b><\/p>\n<p>Emmelie: Das war nach seiner Lehrzeit 1891. Da hat er sich \u00fcberlegt, wenn ich jetzt fertig mit der Lehre bin, kann ich ins Ausland gehen. Dann ist er auf Wanderschaft gegangen, zu Fu\u00df von Mainz bis nach Br\u00fcssel. Dort hat damals ein internationaler Sozialistenkongress stattgefunden. Zu diesem Zeitpunkt war er in Mainz schon in der sozialdemokratischen Bewegung aktiv. Auf dem Kongress hat er viele andere Sozialisten kennengelernt. Es gab gerade im Ausland sehr viele Anarchisten. Das war in Mainz gar nicht der Fall, Mainz war damals eine sozialdemokratische Hochburg. Und in Br\u00fcssel hat er auch Anarchisten kennengelernt, auch viele deutsche Anarchisten, die zu dem Zeitpunkt im Exil gelebt. Speziell hat er dort einen jungen Mann kennengelernt, der sich Lambert genannt hat, das war sozusagen sein Pseudonym. Er war Schriftenschmuggler, deshalb musste er sich so einen Namen zulegen. Schriften, die in Deutschland verboten waren, hat er hierher geschmuggelt, zum Beispiel die Zeitschriften &#8222;Die Autonomie&#8220; und &#8222;Die Freiheit&#8220;.<\/p>\n<p><b>Bernd: &#8222;Die Freiheit&#8220; von Johann Most aus Chicago.<\/b><\/p>\n<p><b><\/b>Emmelie: Ja. Und die hat Rocker sp\u00e4ter gelesen. \u00dcber diesen Lambert hat er sie kennengelernt. Von ihm hat er die ersten anarchistischen Schriften bekommen und eben auch Bakunins &#8222;Gott und der Staat&#8220;. Das war seine erste spezifisch anarchistische Lekt\u00fcre, die er auf dem R\u00fcckweg idyllisch im Gr\u00fcnen verschlungen hat. Dar\u00fcber schreibt er auch ganz sch\u00f6n in seinen Memoiren, dass das der Moment war, in dem der Anarchist in ihm erwacht ist.<\/p>\n<p><b>Bernd: Wunderbar. Du hast den Stadtf\u00fchrer &#8222;Proletarisches Mainz&#8220; geschrieben, der das Leben von Rocker in Mainz nachzeichnet. Regelm\u00e4\u00dfig machst du damit Stadtf\u00fchrungen. Wie hat Rocker in Mainz gewirkt und wie wirkt er dort heute?<\/b><\/p>\n<p><b><\/b>Emmelie: Er hat Mainz fr\u00fch verlassen, schon kurz vor seinem 20. Geburtstag. Insofern muss man sozusagen seine Wirkung, also das, was er in Mainz hinterlassen hat, schon mal ein bisschen einschr\u00e4nken, aber daf\u00fcr, dass er so jung war, hat er erstaunlich viel hinterlassen. Ich habe das schon vorhin kurz angesprochen, dass er oft in den Lokalzeitungen Erw\u00e4hnung gefunden hat, weil er damals zu diesen jungen Menschen geh\u00f6rt hat, die die Sozialdemokratie kritisiert haben. Das war im Rahmen der sogenannten &#8222;Unabh\u00e4ngigen-Bewegung&#8220; ab 1890. Mit der Aufhebung der Sozialistengesetze haben die sogenannten Unabh\u00e4ngigen begonnen, den Parlamentarismus als Taktik zu kritisieren, weil die Strategie immer opportunistischer wurde. Rocker hat sich in Mainz hervorgetan, weil er selten ein Blatt vor den Mund genommen hat, mutig und rebellisch war. Das hat den Parteif\u00fchrern in Mainz nicht gefallen. Die haben dies in der Presse ein bisschen verunglimpft, nach dem Motto &#8222;der Gr\u00fcnschnabel hat mal wieder eine Rede gehalten und wir wissen genau, welche Phrasen er gedroschen hat&#8220;. Aber trotzdem haben sie \u00fcber ihn geschrieben, so unwichtig kann er nicht gewesen sein.<\/p>\n<p><b>Monika: Ich finde es spannend, dass Rocker in seinen Memoiren viele Anekdoten geschrieben hat. K\u00f6nntest du eine Anekdote erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p>Emmelie: Ja, gerne. Die Memoiren sind unterhaltsam geschrieben und wahnsinnig informativ, so erf\u00e4hrt man viel historische Hintergr\u00fcnde. Eine Anekdote, die mir jetzt spontan einf\u00e4llt, ist, als seine Lehrzeit angefangen hat. Er wollte immer Buchbinder werden. Das Handwerk hat er schon durch seinen Onkel kennengelernt. Allerdings war es damals nicht m\u00f6glich, eine geeignete Lehrstelle zu bekommen und er musste sich durch ein gutes Dutzend anderer Lehrstellen durchhangeln, die er immer wieder gewechselt hat. Die erste Lehrstelle war die einzige, die er tats\u00e4chlich noch freiwillig ausgew\u00e4hlt hat, als Schiffsjunge. F\u00fcr nichts anderes au\u00dfer das Buchbinden hat er sich interessiert, aber er hat sich gesagt: als Schiffsjunge, das kann ich mir einigerma\u00dfen vorstellen, da bin ich wenigstens unterwegs, da hatte er Lust drauf. Also hat er angeheuert und war alleine auf einem Schiff mit einem Matrosen, der eine besondere Art und Weise hatte, sich auszudr\u00fccken. Er hat Rudolf Rocker direkt gefragt: &#8222;Du kommst doch gewiss aus Mannheim&#8220; &#8211; dieser ganz verdutzt: &#8222;Nein, aus Mainz.&#8220; &#8211; &#8222;Ach so, aus Mainz, das ist ja noch schlimmer. Da k\u00f6nnse nicht mal gerade schei\u00dfen. Die schei\u00dfen alle krumm oder um die Ecke.&#8220; Da hat er sich ausgelassen \u00fcber die Mainzer, die fand er ganz schlimm. Im rheinischen Dialekt. Ich kann das jetzt leider nicht so sch\u00f6n nachmachen, aber das kann man sich vielleicht vorstellen. Dann hat er ihn gefragt, wie er denn hei\u00dft: &#8222;Rrrrrrrudolf.&#8220; und gemeint, dass sein Vater den Kalender neun Monate lang misshandelt h\u00e4tte, um den d\u00e4mlichsten Namen auszufinden. Der Matrose hat ihn zusammengeschissen auf dem Schiff. Man muss sich das vorstellen: Rocker war damals 15 Jahre alt und hat von diesem erfahrenen Matrosen keinen Respekt entgegengebracht bekommen. Es war hart f\u00fcr Rocker, da er mit ihm eine Weile auf dem Schiff war und er musste sich M\u00fche geben, um ein bisschen von ihm geachtet zu werden. Er hat sich ins Zeug gelegt und vern\u00fcnftig gearbeitet. Mit der Zeit sind die beiden warm miteinander geworden. Rocker konnte Kartoffeln kochen, da war der Matrose erstaunt dar\u00fcber.<\/p>\n<p><b>Monika: Das zeigt schon Rockers Charakter und seine Erfahrungen.<\/b><\/p>\n<p>Bernd: Was ich an Rocker auch interessant finde, ist seine F\u00e4higkeit andere vom Anarchosyndikalismus zu begeistern. Der Anarchosyndikalismus war im Deutschen Reich vor dem Ersten Weltkrieg ja eine kleine Bewegung. Vor 1914 gab es ungef\u00e4hr zehntausend AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen, die zum Teil in den lokalistischen Gewerkschaften organisiert waren. Das waren basisdemokratische Gewerkschaften, die auch den Generalstreik propagiert haben. W\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs waren alle anarchistischen und antimilitaristischen Agitationen verboten, aber die fanden nat\u00fcrlich trotzdem statt, es gab zum Beispiel die anarchistische Untergrundzeitung &#8222;Der Ziegelbrenner&#8220; von Ret Marut bzw. B. Traven. Dadurch dass die Anarchisten w\u00e4hrend des Kriegs gegen Herrschaft, Krieg und Militarismus trommelten, hatten sie unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund der grausamen Kriegserfahrungen von Millionen Menschen eine Massenbasis. Als Rocker 1919 aus dem Exil zur\u00fcckkam wurde die FAUD als anarchosyndikalistischer Zusammenschluss der verschiedenen lokalistischen Gewerkschaften gegr\u00fcndet. Statt zehntausend waren es dann pl\u00f6tzlich f\u00fcr kurze Zeit bis zu 150.000 FAUD-Mitglieder. Das war in gewisser Weise eine Massengewerkschaft. Davon sind wir heute weit entfernt. Die Zeitung, f\u00fcr die Rocker zeitweise auch als Redakteur gearbeitet hat, &#8222;Der Syndikalist&#8220;, hatte eine w\u00f6chentliche Auflage von bis zu 120.000. Aus heutiger Sicht eine extrem hohe Auflage. Wie erkl\u00e4rst du dir das? Das hatte auch viel mit Rocker zu tun, weil Rocker ja durch seine Schriften stark gewirkt hat. Wie erkl\u00e4rst du dir diese Entwicklung? Und wie erkl\u00e4rst du dir die Weitsicht, die Rocker hatte? Also, er hat z.B. schon fr\u00fch erkannt, dass die Russische Revolution der Bolschewisten nicht in eine emanzipatorische, sondern in eine diktatorische Richtung geht. Anders als Emma Goldman und Alexander Berkman, die das sp\u00e4ter in Russland am eigenem Leib erlebt haben und erst dann erkannt und kritisiert haben, hatte Rocker schon vorher analysiert, dass in Russland eine neue Diktatur entsteht. Wie erkl\u00e4rst du dir, dass Rudolf Rocker eine so weitsichtige Person war?<\/p>\n<p>Emmelie: Das ist schwer zu begr\u00fcnden, ich kann ja nicht in seinen Kopf schauen. Aber er hat schon fr\u00fch sehr viel gelesen, das war im Waisenhaus seine einzige Besch\u00e4ftigung. Und er hat sich immer gerne theoretisch mit Dingen auseinandergesetzt und sich f\u00fcr Geschichte interessiert. Ich kann mir vorstellen, dass das ein Grund war, warum er in der Lage war, solche Umw\u00e4lzungen gut zu analysieren: Weil er sich eben auch mit solchen Umw\u00e4lzungen in der Geschichte befasst hat Zum Beispiel mit der Franz\u00f6sischen Revolution als Schwerpunkt noch w\u00e4hrend seiner Mainzer Zeit. Das Beispiel der Russischen Revolution ist interessant, weil ihn das abgehoben hat von vielen anderen Anarchisten. Auch zum Beispiel Erich M\u00fchsam war einer derjenigen, die am Anfang sehr viele Hoffnungen in die Russische Revolution gesteckt haben. Rocker war von Anfang an ein harscher Kritiker von totalit\u00e4ren Systemen und auch vom Marxismus gewesen. Deshalb hat er erkannt, dass, wenn sich dort irgendwelche Staatsformen entwickeln sollten, dann werden diese auch am Ende zu totalit\u00e4ren Systemen neigen, zu totalit\u00e4ren Strukturen f\u00fchren. Er hat den sowjetischen Staat nicht so sehr unterschieden vom Faschismus. Er hat gesagt, dass Faschismus &#8211; wie er dann sp\u00e4ter in Deutschland und auch in Italien und Spanien an der Tagesordnung war &#8211; und Staatskommunismus aus demselben Holz geschnitzt seien.<\/p>\n<p><b>Bernd: Rocker hat auch den bekanntesten lebenden Anarchisten, Noam Chomsky, gepr\u00e4gt. Aber auch Albert Einstein und Thomas Mann waren von &#8222;Nationalismus und Kultur&#8220;, Rockers Hauptwerk, beeindruckt. Dieses Buch hatte im Spanischen B\u00fcrgerkrieg Massenauflagen.<\/b><\/p>\n<p><b>Aber auch seine Zeit in London finde ich interessant. Kannst du mehr \u00fcber sein Wirken im East End erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p>Emmelie: In London hat er von 1895 bis 1918 gelebt. Es war die l\u00e4ngste Zeit, die er an einem Ort verbracht hat, insofern hat er dort viel geleistet. Er war zum einem publizistisch t\u00e4tig, und zum anderen praktisch in der Arbeiterbewegung aktiv.<\/p>\n<p>Das waren seine beiden Standbeine: Theorie und Praxis. Seine publizistische T\u00e4tigkeit bestand darin, dass er eine j\u00fcdische Arbeiterzeitung mit herausgegeben hat und sp\u00e4ter auch der Herausgeber und Chefredakteur war. Die hie\u00df &#8222;Arbeiterfreund&#8220; oder &#8222;Arbeter-Fraynd&#8220; auf jiddisch, denn sie war jiddisch-sprachig. Er hat sich in der j\u00fcdischen Arbeiterbewegung stark engagiert, obwohl er selbst kein Jude war. \u00dcber Kontakte im Londoner Viertel East End, wo viele j\u00fcdische Migranten und Anarchisten gelebt haben, ist er dort gelandet. Dadurch ist er zu dieser Zeitung gekommen, hat dort auch seine theoretischen Gedanken geschult und viel ver\u00f6ffentlicht, was er sp\u00e4ter in seinen anderen Werken vertieft hat. Was interessant ist: er hat sich viel f\u00fcr Literatur interessiert und in dieser Zeit auch eine Zeitschrift mit Literaturschwerpunkt selbst gegr\u00fcndet, die &#8222;Germinal&#8220;. Der Titel bezieht sich auf den gleichnamigen Roman von \u00c9mile Zola \u00fcber die Bergarbeiter und die Arbeiterorganisation.<\/p>\n<p>Das andere Standbein in London war seine T\u00e4tigkeit in der Arbeiterbewegung. Er hat Streiks mitorganisiert, sa\u00df in Streikkomitees, hat mit daf\u00fcr gesorgt, dass die Arbeiter Geld bekommen und weiter Geld erhalten w\u00e4hrend des Streiks. Es gab einen erfolgreichen Streik mit mehreren hunderttausend Streikenden. Das war nicht nur im East End, wo die j\u00fcdischen Arbeiter waren, sondern das haben sie gemeinsam mit dem West End gemacht. Gerade dadurch ist die Schlagkraft entstanden, weil es viele waren und sie \u00fcbergreifend gehandelt haben. Die Arbeiter im East End waren die \u00e4rmsten und die im West End waren nicht ganz so arm. Gerade durch diese Zusammenarbeit und Solidarit\u00e4t konnten sie so erfolgreich sein und ihre Forderungen durchsetzen.<\/p>\n<p><b>Bernd: In Berlin hat Rocker bei der FAUD gewirkt. Was heute nicht so bekannt ist &#8211; die FAUD hat auch den Generalstreik als direkte Aktion propagiert, eines der Hauptkampfmittel sozusagen. Als dann am 13. M\u00e4rz 1920 reaktion\u00e4re Freikorpssoldaten gegen die nach der Novemberrevolution geschaffene Weimarer Republik putschten, scheiterte dieser konterrevolution\u00e4re Putschversuch nach 100 Stunden am gr\u00f6\u00dften Generalstreik, den es in Deutschland je gegeben hat. Dass der Kapp-Putsch scheiterte, hat viel mit den AnarchosyndikalistInnen zu tun, die zum Generalstreik aufgerufen haben und zusammen mit KommunistInnen und SozialdemokratInnen das gesellschaftliche Leben im Land zum Erliegen gebracht haben. Das ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr, dass man mit dem Generalstreik und anderen direkten Aktionen tats\u00e4chlich auch einen faschistischen Putsch ersticken kann. Das wird in der b\u00fcrgerlichen Geschichtsschreibung kaum erw\u00e4hnt.<\/b><\/p>\n<p>Emmelie: Ja, genau, das ist gerade die Frage, die wir am Anfang schon hatten, was Anarchosyndikalismus \u00fcberhaupt ist. Das ist ein wunderbares Beispiel daf\u00fcr, um zu zeigen, wie der Anarchosyndikalismus auch arbeitet. Wir haben schon geh\u00f6rt, dass er parlamentarische Arbeit ablehnt, sprich auch den Staat, dann fragt man sich, was soll denn stattdessen passieren, dann leben wir alle im Chaos? Nein, es gibt eben eine Organisation durch die Gewerkschaft und auch die Methoden, um eine Gesellschaft zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Diese Kraft, diese Macht, die die Arbeiterinnen und Arbeiter haben, denn durch ihre Arbeit kommt erst alles ins Laufen. Wenn sie dann sagen, wir machen es nicht mehr, dann stehen die Leute bl\u00f6d da. Dadurch sitzen wir am l\u00e4ngeren Hebel, wenn wir uns zusammentun und f\u00fcr etwas k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><b>Monika: Genau. Was k\u00f6nnen wir von Rudolf Rocker heute lernen? Was f\u00fcr unsere gewerkschaftliche Praxis k\u00f6nnen wir von seiner Lehre anwenden?<\/b><\/p>\n<p>Emmelie: Das ist eine gro\u00dfe Frage, die ich nicht abschlie\u00dfend beantworten kann. Ich finde seine Lehre allgemein philosophisch interessant, weil es viele Konzepte sind, die man wahrscheinlich in vielen Jahren auch noch wird anwenden k\u00f6nnen, weil sie \u00fcbergreifend sind. Das ist zum Beispiel die Analyse von Zentralismus und F\u00f6deralismus, vom Gesellschaftsaufbau, der \u00fcber das hinausgeht, was wir heute von Zentralismus und F\u00f6deralismus verstehen.<\/p>\n<p>Also, die Bundesrepublik als Beispiel f\u00fcr den f\u00f6deralistischen Staat, das hat Rudolf Rocker nicht gemeint, sondern F\u00f6deralismus als einen Gesellschaftsaufbau, der von Unten nach Oben funktioniert: Dass wirklich unten auf der Basis die Entscheidung stattfindet und die Entscheidung immer weiter getragen wird, aber nicht von Oben nach Unten entschieden wird. Dar\u00fcber hinaus hat er damit auch verbunden, dass immer der Mensch im Vordergrund steht und die menschlichen Bed\u00fcrfnisse, w\u00e4hrend im Zentralismus immer eine abstrakte Idee ganz oben steht.<\/p>\n<p>Wenn man es sich wie eine Pyramide vorstellt, dann sitzt ganz oben an der Spitze der Pyramide im Zentralismus immer eine abstrakte Idee, zum Beispiel ein Gott in der Religion, oder das Kapital im Kapitalismus und im Staat eben die Regierung. Das hat er sozusagen in einem Konzept zusammengefasst, so dass man es auf viele Situationen anwenden kann: auf die neoliberalistische Wirtschaftsform heute genauso wie auf ein monarchistisches politisches System vor vielen Hunderten von Jahren.<\/p>\n<p><b>Bernd: Welche Perspektiven f\u00fcr die anarchosyndikalistischen Bewegungen weltweit siehst du heute?<\/b><\/p>\n<p>Emmelie: Spannende Frage. Ich sehe ganz andere Perspektiven als die, die Rocker hatte. Ich glaube, dass diese Massengewerkschaftsbewegung momentan nicht durchf\u00fchrbar ist. Meine pers\u00f6nliche Perspektive aktuell ist die eines Kollektivbetriebs: Selbermachen, indem man sich selbst nach anarchosyndikalistischen Prinzipien organisiert und wirtschaftet und dadurch versucht, eine Parallelwirtschaft gewisserma\u00dfen zu etablieren. Es gibt aktuell schon viele Kollektivbetriebe, und die Idee ist, dass je mehr es gibt und je mehr diese sich miteinander vernetzen, desto mehr kann auch auf diese kapitalistischen Strukturen verzichtet werden. Man kann hier und jetzt schon ein bisschen anders leben. Ich glaube, dass das hilfreich ist, zum einen, um Leuten zu zeigen, dass man es anders machen kann. Weil immer davon zu reden und Texte dar\u00fcber zu schreiben, das hilft auch nicht, denn viele lassen sich davon nicht \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Das ist auch verst\u00e4ndlich, denn mit Ideen kann man erstmal nicht so viel anfangen. Aber wenn man sieht, dass die Menschen anders arbeiten k\u00f6nnen, dass es funktioniert, dass auch dadurch was erwirtschaftet wird &#8211; das \u00f6ffnet einem nochmal ganz anders die Augen.<\/p>\n<p>Das Andere ist, dass ein Kollektivbetrieb auch im Alltag weiterhilft, weil man andere Arbeitsbedingungen hat, also man arbeitet einfach mit mehr Freude, wenn man f\u00fcr sich selbst arbeitet, als wenn man sich immer nach den Vorschriften von fremden Menschen und deren Kapital richten muss. Kollektivbetriebe stehen aktuell bei mir ganz oben auf der Liste. Ich glaube auch dar\u00fcber hinaus, dass eine Entwicklung zur anarchosyndikalistischen, freiheitlichen Gesellschaft ein langer Weg ist, den wir erst \u00fcber Generationen erreichen werden, nach und nach, und nicht \u00fcber einen gro\u00dfen Knall und dann gibt&#8217;s die Revolution und pl\u00f6tzlich ist alles anders.<\/p>\n<p><b>Bernd: Also praktisch durch eine libert\u00e4r-sozialistische Graswurzelrevolution, die von unten w\u00e4chst und die Gesellschaft umw\u00e4lzt.<\/b><\/p>\n<p>Emmelie: Von unten nat\u00fcrlich sowieso, weil wir machen sie ja selber. Also langsam und mit der Zeit, so dass man lernen kann, sich anders zu verhalten.<\/p>\n<p><b>Bernd und Monika: Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/b><\/p>\n<p><b>Interview:\u00a0<\/b><b>Monika<\/b><b>, Bernd Dr\u00fccke<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monika: Wie bist du eigentlich auf das Thema gekommen? Warum Rudolf Rocker? Emmelie \u00d6den: Rudolf Rocker ist ja nicht nur ein bedeutender Anarchist, sondern vor allem ein herausragender Theoretiker und auch Praktiker des Anarchosyndikalismus. Insofern bin ich, dadurch dass ich mich mit dem Anarchosyndikalismus besch\u00e4ftigt habe, zwangsl\u00e4ufig auf Rudolf Rocker gesto\u00dfen, der nicht nur f\u00fcr &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/01\/rudolf-rocker-rockt-noch-immer-2\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Rudolf Rocker rockt noch immer - graswurzelrevolution","description":"Monika: Wie bist du eigentlich auf das Thema gekommen? Warum Rudolf Rocker? 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