{"id":17424,"date":"2018-01-01T00:00:00","date_gmt":"2017-12-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/01\/larzac-ist-ueberall\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:03","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:03","slug":"larzac-ist-ueberall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/01\/larzac-ist-ueberall\/","title":{"rendered":"Larzac ist \u00fcberall"},"content":{"rendered":"<p>Bis heute wirkt das Beispiel des Larzac-Widerstands inspirierend auf Basisbewegungen in aller Welt. Die Frage ist dabei, ob es sich beim Larzac um ein Beispiel handelt, das nachgeahmt werden kann oder um eine Ausnahme mit besonderen Voraussetzungen. Schlie\u00dflich erweiterte Frankreichs Armee im selben Zeitraum einige andere Truppen\u00fcbungspl\u00e4tze, ohne auf vergleichbaren Widerstand zu sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Zu den Besonderheiten des Larzac-Kampfes geh\u00f6ren die Verbindung des Widerstandes mit \u00fcberzeugenden praktisch-konstruktiven Alternativen und die Bereitschaft zu gegenseitiger Hilfe und aktiver Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<h3>Solidarit\u00e4t w\u00e4hrend des Widerstandes von 1971 bis 1981<\/h3>\n<p>Der Zusammenhalt und die Einigkeit, wichtige Charakteristika des Larzac Kampfes, fanden ihren Ausdruck in verschiedenen Formen der Solidarit\u00e4t zwischen den Betroffenen:<\/p>\n<p>&#8211; Mit dem &#8222;Schwur der 103&#8220;, den sie 1972 leisteten und 1975 erneuerten, verpflichteten sich die 103 von urspr\u00fcnglich 109 Bauernfamilien zu gegenseitiger Solidarit\u00e4t, in der Weigerung, ihr Land an die Armee abzugeben. Da ein gr\u00f6\u00dferer Teil der Fl\u00e4chen nur gepachtet war, hie\u00df die Forderung &#8222;Das Land soll denen geh\u00f6ren, die es nutzen&#8220;. Der Erwerb von Fl\u00e4chen, die der Staat f\u00fcr den Truppen\u00fcbungsplatz aufkaufen wollte, in Genossenschaften (GFA) sicherte den Erhalt kleinerer Betriebe und verringerte die Kluft zwischen den gro\u00dfen und den kleinen H\u00f6fen. An den GFAs konnten sich auch Nicht-Landwirte durch zinslose Darlehen beteiligen. Die Emp\u00f6rung \u00fcber den Sprengstoffanschlag, der im M\u00e4rz 1975 die Wohnung einer Bauernfamilie in La Blaqui\u00e8re zerst\u00f6rte, f\u00fchrte zum gemeinsamen Wiederaufbau und zus\u00e4tzlich zu einem wundersch\u00f6nen Schafstall, der trotz mehrfacher Illegalit\u00e4t vom Staat nicht anger\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Die Bauerngemeinschaft gab auf GFA-Fl\u00e4chen neu angesiedelten Landwirten die notwendige materielle Unterst\u00fctzung. Die Herde f\u00fcr den Hof Cavali\u00e8s entstand z.B. durch Schenkung von Schafen durch andere Bauern. Nachbarn spendeten viele Tage gemeinsamer Arbeit zur Ausbesserung landwirtschaftlicher Wege, und auf zahlreichen Baustellen.<\/p>\n<h3>Solidarische Aktionen von au\u00dfen zur Unterst\u00fctzung des Larzac<\/h3>\n<p>Die landesweite Solidarit\u00e4t mit den Larzac-Bauern kam aus unterschiedlichen politischen Bewegungen. Die Friedensbewegung, die Gewaltfreien, die Okzitanisten und die Linksradikalen reagierten 1971 als Erste auf die Ank\u00fcndigung des Staates, den Truppen\u00fcbungsplatz zu erweitern, w\u00e4hrend fast alle betroffenen Landwirte noch auf einen richtungsweisenden Aufruf des Bauernverbandes warteten. Gut 150 &#8222;Larzac- Komitees&#8220;, das hei\u00dft lokale B\u00fcndnisse aller Unterst\u00fctzer*innengruppen, wurden in ganz Frankreich und in manchen St\u00e4dten Europas gegr\u00fcndet. Jeden Monat trafen sich Delegierte der Komitees auf dem Larzac.<\/p>\n<p>Das individuelle Engagement wurde verst\u00e4rkt durch Kampagnen wie die Verweigerung von 3 % Steuern zugunsten der Aufbauprojekte auf dem Larzac, oder die demonstrative R\u00fcckgabe von Wehrp\u00e4ssen. In beiden F\u00e4llen folgte eine Welle von Prozessen gegen die zivil Ungehorsamen, durch die weitere Aufmerksamkeit f\u00fcr das umstrittene Themas entstand. Weitere Formen der Solidarit\u00e4t waren Demonstrationen und Fastenaktionen, freiwillige Arbeit oder der Erwerb von GFA-Anteilsscheinen. Kriegsdienstverweigerer und Totale Kriegsdienstverweigerer besetzten Geb\u00e4ude auf bereits von der Armee gekauftem Land.<\/p>\n<p>Manche kollektive Solidarit\u00e4tsaktionen, wie 1975 der Kauf einer Parzelle durch die LIP-Arbeiter oder durch die Redaktion des Satiremagazins &#8222;Canard enchain\u00e9&#8220;, brachten &#8222;politisches Kapital&#8220; ein. Landesweite politische Bewegungen wie Parteien, Gewerkschaften und Bauern beteiligen sich an der Organisation von Gro\u00dfkundgebungen. Prominente Pers\u00f6nlichkeiten wie der katholische Priester Jean Toulat, der Gr\u00fcnder der Arche-Gemeinschaft Lanza del Vasto, der General de la Bollardi\u00e8re, der Admiral Antoine Sanguinetti, der Philosoph Jean-Paul Sartre, der S\u00e4nger Graeme Allwright, die Theaterdramaturgin Ariane Mnouchkine bekundeten ihre Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<h3>Solidarit\u00e4t, die vom Larzac ausgeht<\/h3>\n<p>Den Larzac-Bauern war es aus politischen wie aus strategischen Gr\u00fcnden wichtig, sich in globale Zusammenh\u00e4nge einzuordnen. Sie kn\u00fcpften daher Kontakte zu anderen Bewegungen und f\u00fchrten dabei Aktionen mit starker Symbolwirkung durch, wie 1972-73 Geldsammlungen und die Lieferung von Lebensmitteln an streikende Arbeiter der Lederindustrie in Millau. Sie versammelten im August 1974 unter dem Motto &#8222;Getreide bringt Leben &#8211; Waffen bringen Tod&#8220; 100.000 Menschen zum Erntefest zugunsten der unter einer starken D\u00fcrre leidenden Sahel-Zone. Sie gestalten gegenseitige Solidarit\u00e4t mit den Arbeiter*innen der besetzten Uhrenfabrik LIP in Besan\u00e7on, dem gro\u00dfen Arbeitskampf der 1970er Jahre. Unter dem Motto &#8222;Larzac ist \u00fcberall&#8220; unterst\u00fctzen sie diverse lokale Widerstandsgruppen, z.B. gegen den Bau eines AKWs in Braud et St. Louis und eines Staudamms in Naussac. Sie beteiligen sich am Widerstand gegen den Bau des AKW Plogoff (Bretagne) und \u00fcbergeben dort als Geschenk 30 Larzac-Schafe &#8211; in einem Stall, der auf dem Bauplatz des geplanten Atomkraftwerks neu gebaut worden war.<\/p>\n<h3>Aktive Solidarit\u00e4t vom Larzac nach au\u00dfen von 1981 bis heute<\/h3>\n<p>Am Ende des Larzac-Kampfes wollten die Bauern die ihnen geschenkte Solidarit\u00e4t erwidern: &#8222;retour de la solidarit\u00e9&#8220;. Sie gr\u00fcndeten 1982 die &#8222;Larzac-Stiftung&#8220;, 1999 in &#8222;Larzac-Solidarit\u00e9&#8220; umbenannt. Der erste Schritt der Stiftung war die Herausgabe des Buches &#8222;alors la paix viendra&#8230;&#8220; (Dann wird der Friede kommen), das zugunsten von Bewegungen im globalen S\u00fcden (Neu-Kaledonien, El Salvador usw.) verkauft wurde.<\/p>\n<p>Die Stiftung organisierte Solidarit\u00e4tsaktionen zusammen mit anderen Strukturen der Larzac-Region wie APAL (Verein zur Weiterentwicklung des Larzac), Cun du Larzac (Zentrum f\u00fcr gewaltfreie Aktion), AVEM (Verein der Tier\u00e4rzte und Viehz\u00fcchter der Region Millau), Conf\u00e9d\u00e9ration Paysanne-Aveyron (B\u00e4uerliche F\u00f6deration im Departement Aveyron) und den Informationsorganen des Larzac, der seit Juli 1975 monatlich erscheinenden Zeitschrift &#8222;Gardarem Lo Larzac&#8220;, und den Informationsdiensten von Larzac-Solidarit\u00e9 und Cun du Larzac.<\/p>\n<p>1982 reiste eine Delegation von Bauern und Larzac-Aktivist*innen nach Japan, um den Widerstand gegen die Erweiterung des Flughafen bei Tokyo, Narita-Sanrizuka zu unterst\u00fctzen. Im August 1983 fand auf dem Larzac eine Demonstration von 15.000 Personen f\u00fcr den &#8222;gel du nucl\u00e9aire&#8220; im Kampf gegen die Stationierung der Mittelstreckenraketen in Europa statt. Damit wurde erstmals nach der Wahl die Politik des Staatspr\u00e4sidenten Mitterand von links deutlich kritisiert.<\/p>\n<p>Ab 1985 wird die Solidarit\u00e4t mit dem kanakischen Volk &#8211; die Ureinwohner*innen von Neu-Kaledonien bezeichnen ihre Heimat Kanaky &#8211; durch Besuche von Vertreter*innen der Autonomiebewegung auf dem Plateau bekr\u00e4ftigt sowie durch zahlreiche Aufenthalte von Larzac- Bewohner*innen in Neu-Kaledonien, Spendensammlungen oder dem Geschenk einer Parzelle Landes und dem Bau einer H\u00fctte als &#8222;Botschaft Kanakys&#8220; auf dem Larzac.<\/p>\n<p>1995 reiste, wie schon 1973, eine Larzac-Delegation nach Polynesien, um Solidarit\u00e4t mit dem Maori-Volk im Widerstand gegen die Atomtests in Mururoa zu bezeugen.<\/p>\n<p>Larzac-Bewohner*innen nahmen in Pal\u00e4stina an zivilen Missionen der Internationalen Zivilen Kampagne f\u00fcr den Schutz des Pal\u00e4stinensischen Volkes teil, bevor &#8222;Larzac Solidarit\u00e9s&#8220; die Gr\u00fcndung eines &#8222;Comit\u00e9 Palestine-12&#8220; anregt, mit dem Ziel, die Bev\u00f6lkerung mit Informationsveranstaltungen, Presseerkl\u00e4rungen sowie einer w\u00f6chentlichen Schweigestunde in Millau f\u00fcr das Schicksal Pal\u00e4stinas zu sensibilisieren.<\/p>\n<p>Seit dem Jahr 2000 organisiert AVEM Besuche von Bauern aus dem Departement Aveyron in L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens sowie Seminare f\u00fcr Landwirte und Viehz\u00fcchter aus Algerien und dem Senegal in der Larzac-Region. Seit den 70er Jahren kamen zahlreiche Vertreter*innen von Bauernverb\u00e4nden z.B. aus Kolumbien, Spanien, El Salvador, Indien usw. auf den Larzac, um sich zu informieren und von den Erfahrungen des Larzac z.B. mit gewaltfreiem Widerstand und kollektiver Verwaltung der L\u00e4ndereien zu lernen.<\/p>\n<h3>Widerstand und eigenst\u00e4ndige Regionalentwicklung<\/h3>\n<p>Als Francois Mitterand 1981 zum Pr\u00e4sidenten der Republik gew\u00e4hlte wurde, annullierte er das Vorhaben, den Truppen\u00fcbungsplatz Larzac zu erweitern. Nun galt es, neue Landwirte auf den befreiten H\u00f6fen und L\u00e4ndereien anzusiedeln. Aber wer sollte Eigent\u00fcmer und Verwalter der 6000 ha Land werden, die der Staat erworben hatte? Die Larzac-Bauern mussten noch viel politischen Druck entwickeln, um eine stabile rechtliche Form f\u00fcr ihren kollektiven Landbesitz zu erreichen: erst 1985 wurden die Fl\u00e4chen, die dem Landwirtschaftsministerium unterstellt waren, durch einen Erbpachtvertrag f\u00fcr vorerst 60 Jahre den Larzac-Bauern bzw. der SCTL (Zivile Gesellschaft zur kollektiven Verwaltung der Bodenfl\u00e4chen auf dem Larzac) anvertraut .<\/p>\n<p>Von der Last der Landbesitz-Frage befreit, m\u00fcssen sich die Bauern gegen die Einf\u00fchrung von Milch-Quoten wehren, um die kleineren Betriebe aufrecht zu erhalten und zu sichern. Ein &#8222;Roquefort-Komitee&#8220; wird gegr\u00fcndet, das sp\u00e4ter zum Syndikat der Schafmilch-Produzenten wird. Um nicht allein von den herk\u00f6mmlichen Vertriebswegen abh\u00e4ngig zu sein, schlie\u00dfen sich die Bauern zur Wirtschaftlichen Interessengemeinschaft der Grandes Causses f\u00fcr den Direktverkauf ihrer Produkte zusammen (Causse bedeutet Kalkhochebene).<\/p>\n<p>Als symbolische Offensive gegen die Herrschaft der Waren \u00fcber die Welt demontierten Larzac-Bauern 1999 vor Beginn des Weltsozialforums in Seattle die Baustelle f\u00fcr eine Mac Donalds-Filiale in Millau. Der Larzac f\u00fchlt sich solidarisch mit den weltweiten Bewegungen gegen die Atomindustrie, gegen die neoliberale Globalisierung, gegen Gen-Manipulation von Lebensmitteln und weitere Sch\u00e4den der Industriegesellschaft. Um eine gerechte und friedliche Welt mit aufzubauen, nimmt der Larzac an internationalen Demonstrationen gegen die gro\u00dfen Institutionen des Neoliberalismus, wie die Welthandels-Organisation und die Weltbank (Seattle 1999, Davos 2000 und 2001, Prag 2001, Cancun 2003), sowie an alternativen Gipfeltreffen &#8222;f\u00fcr eine andere Welt&#8220; (Porto Alegre 2001, 2002, 2003, Florenz 2002, Paris 2003) teil.<\/p>\n<p>Auf nationaler Ebene mobilisierte der Larzac mehrfach die Sozialen Bewegungen durch die Organisation von Gro\u00dfkundgebungen (Millau 2000, Larzac 2003) nach dem Vorbild der Demonstrationen w\u00e4hrend des Kampfes gegen die Erweiterung des Truppen\u00fcbungsplatzes. Dies illustriert die Entwicklung von einer lokalen Auseinandersetzung \u00fcber die Verf\u00fcgungsmacht \u00fcber den Boden zum globalen Widerstand.<\/p>\n<h3>Das Milit\u00e4r hat nicht aufgegeben &#8211; Der Kampf muss weitergehen<\/h3>\n<p>36 Jahre sp\u00e4ter wehren sich Landwirte und andere politisch Aktive gegen die Installierung von 1200 Fremdenlegion\u00e4ren auf dem Truppen\u00fcbungsplatz bei La Cavalerie \/ Larzac. Diese waren Jahrzehnte lang in Djibouti und Abu Dhabi stationiert und wurden im Rahmen des Ausnahmezustandes nach Frankreich verlegt.<\/p>\n<p>&#8222;1995 fuhren wir nach Tahiti, aus Solidarit\u00e4t unter den Widerstandsbewegungen und trugen T-Shirts mit dem Aufdruck &#8222;Larzac-Maori-Solidarit\u00e4t&#8220;, erkl\u00e4rt Christine Thelen, 63. Wie viele andere hat sie sich in den 70er Jahren auf dem Larzac niedergelassen und versteht sich heute als &#8222;Feldbefreierin&#8220;, als aktive Gegnerin des Staudamms von Sivens und des Gro\u00dfflughafen-Projektes Notre Dame des Landes, als Unterst\u00fctzerin der Pal\u00e4stinenser und als Helferin f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>In diesen Schmelztiegel der Protestbewegungen, des Zivilen Ungehorsams und des Antimilitarismus schl\u00e4gt am 31.7.2015 die Ank\u00fcndigung des Verteidigungsministers, die 13. Halbbrigade der Fremdenlegion auf dem Larzac zu stationieren, wie &#8222;eine Bombe&#8220; ein. 460 Legion\u00e4re kamen im Jahr 2015, bis 2018 sollen es 1200 werden.<\/p>\n<p>Bis zum Abzug des CEITO (Centre d&#8216; exp\u00e9rimentation de l&#8217;infanterie au tir op\u00e9rationel), wo seit den 80er Jahren Schie\u00df\u00fcbungen durchgef\u00fchrt wurden, waren auf dem Truppen\u00fcbungsplatz zuletzt noch 172 Soldaten stationiert. &#8222;Seit 2011 gab es Ger\u00fcchte \u00fcber die baldige Schlie\u00dfung des Truppen\u00fcbungsplatzes und wir dachten schon, es sei endlich soweit, dass der Larzac wieder v\u00f6llig zivil und friedlich w\u00fcrde&#8220;, meint der 81j\u00e4hrige Alain Desjardin. Damit ist es wohl erst einmal vorbei. &#8222;Ausgerechnet die Fremdenlegion. Die schlimmste Einheit der ganzen Armee!&#8220;, h\u00f6rt man von Bauern, &#8222;ein schreckliches Symbol, ein echter Schlag ins Gesicht des Larzac, vor allem aber eine Provokation&#8220;.<\/p>\n<h3>Vieles verl\u00e4uft \u00e4hnlich wie Anfang der 1970er Jahre<\/h3>\n<p>Die Entscheidung wurde ohne vorherige Information oder Abstimmung mit den Anwohner*innen getroffen. H\u00f6here Beamte und regionale Politiker*innen wurden dagegen lange vor den Bauern informiert und mit Geldzusagen gek\u00f6dert. Mit der Ankunft zus\u00e4tzlicher Soldaten soll viel \u00f6ffentliches Geld in die Region flie\u00dfen, w\u00e4hrend Kredite und Zusch\u00fcsse f\u00fcr zivile Projekte schwer zu bekommen sind. Im August 2015 war noch von 40 Millionen Euro die Rede, im Oktober versprach die Regierung in Paris schon 116 Millionen, um der Region die Stationierung schmackhaft zu machen. Wie damals behaupten interessierte Kreise, der Larzac sei eine unterentwickelte Region. Der franz\u00f6sische Staat versucht mit gewissem Erfolg das Verh\u00e4ltnis der Kr\u00e4fte zu seinen Gunsten zu verschieben, die Bev\u00f6lkerung zu spalten, die Soziale Bewegung zu schw\u00e4chen, die hier so viele K\u00e4mpfe gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Seit 1981 hat sich die Region in eigener Initiative aktiv weiter entwickelt: die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung wuchs hier von 1970 bis 2012 um 26 % (eine im Vergleich zum \u00fcbrigen Frankreich einzigartige Entwicklung), die landwirtschaftlichen Betriebe vermehrten sich von 108 im Jahr 1979 auf heute 130 &#8211; anders als im Rest des Departements, wo die Zahl der H\u00f6fe in den vergangenen Jahren um 1600, d.h. um 10 % zur\u00fcckging.<\/p>\n<p>Beispiele f\u00fcr die vielen Verbesserungen der lokalen und regionalen \u00d6konomie: Seit 2003 gibt es z.B. in Millau den &#8222;march\u00e9 paysan&#8220;, einen von 30 H\u00f6fen getragenen Laden zur Direktvermarktung regionaler Produkte. Die wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten wurden diversifiziert: produzierten die Larzac-Bauern bis 1971 fast ausschlie\u00dflich Schafsmilch f\u00fcr die K\u00e4seindustrie in Roquefort, so enth\u00e4lt die Produktionspalette heute auch H\u00fchner, Rinder, Schweine, Angoraziegen, essentielle \u00d6le und Honig. Neu dazu kam eine kleine Brauerei, eine B\u00e4ckerei, Anbau und Verarbeitung aromatischer Pflanzen f\u00fcr Ap\u00e9ritif, Schn\u00e4pse, Essig. Seit 1996 arbeitet &#8222;Les bergers du Larzac&#8220;, eine eigene K\u00e4serei getragen von 30 Familien mit 32 Angestellten, die gerade dabei ist, ihre Produktion zu verdoppeln.<\/p>\n<p>All diese Produkte sind in den Sommermonaten auch auf den Wochenm\u00e4rkten in den Weilern Montredon, Potensac und La Courvertoirade zu finden, sowie in der &#8222;Jasse &#8211; Maison du Larzac&#8220; (ehemaliger, zum Informations- und Versammlungsort ausgebauter Schafstall an der D 809) sowie in weiteren Gesch\u00e4ften, in Touristen-Unterk\u00fcnften, Campingpl\u00e4tzen und Restaurants.<\/p>\n<p>Die Revitalisierung der landwirtschaftlichen Aktivit\u00e4t und begleitender Berufe, wie Drechsler, T\u00f6pfer, Bauhandwerker u.v.a.m. h\u00e4tte es nicht gegeben ohne die intensive Arbeit des Nachdenkens, des miteinander Diskutierens und des Teilens, wie es sich seit Beginn des Kampfes entwickelt hat. All das geschah, ohne dass die Bauern auf Anweisungen von oben gewartet h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Die wirtschaftliche Seite ist Ausdruck der kollektiven Kreativit\u00e4t, beg\u00fcnstigt durch die Vitalit\u00e4t des sozialen Gef\u00fcges. Ein Netzwerk von Vereinen und Kollektiven ber\u00fchrt alle Lebensbereiche und ist Ausdruck von individueller und kollektiver Autonomie.<\/p>\n<p>Trotzdem wird erneut behauptet, der Larzac und die umliegenden T\u00e4ler seien &#8222;unterentwickelt&#8220; und die Ankunft der Fremdenlegion sei die &#8222;einzige M\u00f6glichkeit&#8220;, die Wirtschaft der Region anzukurbeln. Einmal angenommen, der Larzac w\u00e4re tats\u00e4chlich unterentwickelt, weshalb hilft dann der franz\u00f6sische Staat erst jetzt und verkn\u00fcpft es mit einer milit\u00e4rischen Umstrukturierung?<\/p>\n<p>In Wirklichkeit geht es darum, all das verschwinden zu lassen, was vor Ort seit Jahrzehnten in eigener Regie von unten entwickelt wurde &#8211; und was Wege zu weiteren machbaren Alternativen aufzeigen kann.<\/p>\n<p>Die Einheit der Larzac-Bev\u00f6lkerung, eine wesentliche Voraussetzung, um den Erweiterungsplan zu verhindern, ist heute nicht mehr im selben Ma\u00dfe gegeben wie im Widerstand der 70er Jahre. Die damals k\u00e4mpferische Generation ist alt geworden, ihre Kinder sind mit der Bew\u00e4ltigung des Alltags besch\u00e4ftigt. Sichtbarer Protest kommt heute eher von Menschen, die sich in den letzten Jahrzehnten auf dem Plateau niedergelassen haben.<\/p>\n<p>Besonders schmerzhaft ist der Bruch in der &#8222;Conf\u00e9d\u00e9ration paysanne&#8220; zu sp\u00fcren, einer Organisation fortschrittlicher Bauern, die den Larzac-Aktiven viel bedeutet und zeitweise von Jos\u00e9 Bov\u00e9, heute Gr\u00fcnen-Abgeordneter im Europaparlament, angef\u00fchrt worden war.<\/p>\n<p>&#8222;Jos\u00e9, unser Kamerad in vielen bisherigen K\u00e4mpfen, behauptet, die Ankunft der Legion\u00e4re sei ein Nicht-Ereignis&#8220;, ereifert sich Christine. &#8222;Er hat seine \u00dcberzeugungen vergessen! Wir sind v\u00f6llig platt \u00fcber seine Haltung, am Schluss haben wir uns angebr\u00fcllt.&#8220;<\/p>\n<p>Auf den Vorwurf, zum Lager der Camp-Bef\u00fcrworter \u00fcbergelaufen zu sein, erwidert Bov\u00e9: &#8222;F\u00fcr mich stellt das keine wesentliche Ver\u00e4nderung dar. &#8230; Ja wir haben damals alle gegen die Erweiterung des Camps gek\u00e4mpft und wir haben gewonnen, weil Mitterand 1981 das Projekt abgesagt hat. Seitdem folgte ein Regiment auf das andere. Heute geht es nicht darum, den Truppen\u00fcbungsplatz zu erweitern, es ist lediglich ein Mieterwechsel.&#8220;<\/p>\n<p>Wer den Larzac bisher als einen vorbildlichen gewaltfreien Widerstand der betroffenen Bev\u00f6lkerung kannte, mag entt\u00e4uscht sein, dass der Antimilitarismus nicht dazu reichte, den alten Truppen\u00fcbungsplatz aufzul\u00f6sen. Doch das war nie der Konsens-Kern f\u00fcr die Einheit der 103 Bauernfamilien, die auf den 14.000 ha Land bleiben und weiter wirtschaften wollten und sich gemeinsam gegen die Vertreibung wehrten. Als sich die zivile Bewegung 1981 gegen die Armee durchgesetzt hatte, entwickelte sich ein allerseits akzeptierter Status quo: Die Armee bleibt innerhalb ihres Gel\u00e4ndes und die Bauern auf deren Terrain.<\/p>\n<p>Hier liegt der Unterschied zur heutigen Situation sowohl in der Motivation als auch in den M\u00f6glichkeiten des Widerstandes. Es geht dem Milit\u00e4r nicht um die Vergr\u00f6\u00dferung des eigentlichen Truppen\u00fcbungsplatzes. Daher entz\u00fcnden sich die heutigen Auseinandersetzungen um Man\u00f6ver und \u00dcbungsm\u00e4rsche der Fremdenlegion\u00e4re au\u00dferhalb des Camp du Larzac. Trupps von Soldaten marschieren mit Waffen und Sturmgep\u00e4ck durch D\u00f6rfer und nutzen landwirtschaftliche Wege f\u00fcr ihre Gewaltm\u00e4rsche. Angeblich gibt es daf\u00fcr auf dem 3000 ha gro\u00dfen Milit\u00e4rgel\u00e4nde zu wenig Raum, da es durch die Jahrzehnte langen Schie\u00df\u00fcbungen und durch nicht explodierte Munition belastet sei! Der Camp-Kommandant weist Klagen gegen Man\u00f6ver au\u00dferhalb des Camps zur\u00fcck: &#8222;Die Armee ist \u00fcberall zuhause.&#8220;<\/p>\n<p>Gardem Lo Larzac ((4)), ein im Sommer 2015 gegr\u00fcndetes Kollektiv von Bauern und Larzac-Einwohner*innen gegen die verst\u00e4rkte milit\u00e4rische Pr\u00e4senz in der Region, organisiert deshalb die Kampagne &#8222;wei\u00dfes K\u00e9pi&#8220; mit der Aufforderung an alle Anwohner*innen, zu melden, wann immer sich Trupps von Legion\u00e4ren au\u00dferhalb ihres gekennzeichneten Gel\u00e4ndes aufhalten.<\/p>\n<p>Die Initiative betreibt vor allem \u00d6ffentlichkeitsarbeit mit Flugbl\u00e4ttern, Leserbriefen und auf Facebook. In der Kleinstadt Millau organisiert die eher kleine Gruppe Aktionen und Versammlungen, gelegentlich wird auch eine Milit\u00e4rparade oder eine andere Veranstaltung der Legion gest\u00f6rt oder verhindert. Eine gr\u00f6\u00dfere Kundgebung fand am 18. Juni 2016 unter dem Titel &#8222;Larzac debout&#8220; in und um den Weiler La Blaqui\u00e8re statt. ((5))<\/p>\n<p>In La Blaqui\u00e8re steht der ber\u00fchmte illegal gebaute Schafstall, Symbol des konstruktiven Widerstandes, &#8222;eine zu Stein gewordene Demonstration&#8220;. Er wird auch als &#8222;die Kathedrale des Widerstandes&#8220; bezeichnet.<\/p>\n<p><b>Wolfgang Hertle<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis heute wirkt das Beispiel des Larzac-Widerstands inspirierend auf Basisbewegungen in aller Welt. Die Frage ist dabei, ob es sich beim Larzac um ein Beispiel handelt, das nachgeahmt werden kann oder um eine Ausnahme mit besonderen Voraussetzungen. 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