{"id":17445,"date":"2018-02-01T00:00:00","date_gmt":"2018-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/02\/der-hambacher-forst-und-die-anarchie\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:50","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:50","slug":"der-hambacher-forst-und-die-anarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/02\/der-hambacher-forst-und-die-anarchie\/","title":{"rendered":"Der Hambacher Forst und die Anarchie"},"content":{"rendered":"<p>Im Rheinischen Braunkohlerevier hat sich w\u00e4hrend der letzten sieben Jahre ein breites B\u00fcndnis entwickelt. Eine immer gr\u00f6\u00dfer werdende Anti-Kohle-Bewegung entstand.<\/p>\n<p>Wer sind die verschiedenen Akteur*innen dieser immer h\u00e4ufiger im Fokus der \u00d6ffentlichkeit stehenden Bewegung? Wie arbeiten diese unter welchen Bedingungen gegen RWE und deren Unterst\u00fctzer*innen zusammen? Gibt es Analysen eventueller Bruchlinien auf Seiten von RWE und der von RWE manipulierten Legislative, Juridikative und Exekutive der Formaldemokratie?<\/p>\n<p>Wird planvoll entlang eines Handlungskonzeptes bzw. einer in Grundz\u00fcgen abgestimmten Strategie vorgegangen? Wie sieht die B\u00fcndnisarbeit der Anarchist*innen aus?<\/p>\n<h3>Eine kurze R\u00fcckschau:<\/h3>\n<p>Die &#8222;Grube gr\u00e4bt&#8220;-Kampagne im Herbst 2010 mit der ersten direkten Aktion des Zivilen Ungehorsams, der Blockade einer Kohlebahn direkt vor dem Kraftwerk Bergheim-Niederaussem, war der Beginn der solidarischen Vielfalt des Widerstands.<\/p>\n<p>Aktivist*innen aus dem \u00f6ko-anarchistischen Spektrum gingen u.a. sowohl auf die BUND-Jugend NRW als auch auf B\u00fcrgerinitiativen vor Ort zu.<\/p>\n<p>Ein str\u00f6mungs\u00fcbergreifendes Klimacamp, das erste von bis heute sieben Camps, fand dann 2011 in in dem Umsiedlungsort Kerpen-Manheim statt. &#8222;Grube gr\u00e4bt&#8220; organisierte erneut eine Gleisblockade.<\/p>\n<p>Ende 2011 gr\u00fcndete sich dann &#8222;ausgeCO2hlt&#8220; als offene Plattform f\u00fcr den sofortigen Ausstieg aus der Braunkohle. Im April 2012 begann die bis heute andauernde Waldbesetzung &#8222;Hambacher Forst&#8220;. Das breite internationale B\u00fcndnis &#8222;Ende Gel\u00e4nde&#8220; entstand im Herbst 2014.<\/p>\n<p>Neben den Massen-Aktionen von Ende Gel\u00e4nde 2015 und 2017 (die GWR berichtete) gab es u.a. auch Aktionen des Zivilen Ungehorsams aus dem explizit gewaltfreien Spektrum durch die Musiker*innen von Lebenslaute, das erste Mal 2012, dann 2015 mit dem Motto &#8222;Andante an der Kante&#8220;. Lebenslaute ist eine offene Musik- und Aktionsgruppe unter dem Motto: &#8222;klassische Musik &#8211; politische Aktion&#8220;. Seit 1986 f\u00fchrt diese Graswurzelgruppe in losen Ensembles bei \u00f6ffentlichen Auftritten klassische Musik und Zivilen Ungehorsam zusammen.<\/p>\n<p>Seit 2013 gibt es nun auch das &#8222;B\u00fcndnis gegen Braunkohle im Rheinland&#8220;. Drei bis viermal im Jahr kommen unterschiedliche Akteur*innen des Widerstands halbtags oder auch ganztags zusammen.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Ergebnis ist der gemeinsam im Konsens abgestimmte Forderungskatalog, der st\u00e4ndig aktualisiert wird. Mehrere gr\u00f6\u00dfere und kleinere Aktionen wurden zusammen geplant und durchgef\u00fchrt &#8211; zuletzt Mahnwachen w\u00e4hrend der COP 23 oder an den zwei Rodungstagen Ende 2017.<\/p>\n<p>Es gibt ein B\u00fcndnis-Aktions-Mobil, ein ca. drei\u00dfig Jahre altes Feuerwehrauto, das schon w\u00e4hrend zahlreicher Aktionen eingesetzt wurde. Es dient regelm\u00e4\u00dfig als Shuttle-Fahrzeug bei den einmal im Monat stattfindenden Waldspazierg\u00e4ngen im Hambacher Wald &#8211; organisiert von der Natur-F\u00fchrerin Eva T\u00f6ller und dem Wald-P\u00e4dagogen Michael Zobel. Bisher haben schon insgesamt \u00fcber elftausend Menschen teilgenommen, am 14. Januar 2018 mehr als f\u00fcnfhundert. F\u00fcr viele ist das ein Impuls, sich dann selbst auch zu engagieren und den Widerstand zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die Waldbesetzung Hambacher Forst wird im B\u00fcndnis gegen Braunkohle als wichtige Akteurin gesch\u00e4tzt. In den vielen Jahren haben sich bemerkenswerte Vertrauens-Beziehungen zwischen den Menschen aus dem &#8222;b\u00fcrgerlichen Widerstand&#8220; und radikalen, antikapitalistischen, oft im Selbstverst\u00e4ndnis anarchistischen Aktivist*innen entwickelt.<\/p>\n<h3>Die Waldbesetzung Hambacher Forst &#8211; ein anarchistisches Projekt?<\/h3>\n<p>Die Waldbesetzung Hambacher Forst ist ein Freiraum mit vielen M\u00f6glichkeiten der Selbstorganisation. Sie ist auch ein anarchistisches Experimentierfeld. Der Versuch, ohne Hierarchie zusammen zu leben und zu arbeiten, ist ein grundlegender Konsens innerhalb der Waldbesetzung.<\/p>\n<p>In Klein-Gruppen zusammenwohnend, u.a. in &#8222;Oak-Town&#8220;, &#8222;Beach-Town&#8220; oder &#8222;Gallien&#8220;, gestalten die Waldbesetzer*innen neben zus\u00e4tzlichen direkten Aktionen, wie z.B. Blockaden der Kohlebahn, ihren Alltag in Gegenseitiger Hilfe und mit Freien Vereinbarungen. Es gibt auch ein Plenum aller Besetzer*innen. In der Au\u00dfen-Kommunikation gibt es keine Sprecher*innen. Jede(r) spricht f\u00fcr sich selbst.<\/p>\n<p>In den letzten Monaten haben die Waldbesetzer*innen besonders viel gearbeitet, zahlreiche neue Baumh\u00e4user sind kooperativ entstanden. Skill Sharing, das solidarische, gegenseitige Teilen von Wissen, findet statt, nicht nur im allj\u00e4hrlichen zweiw\u00f6chigen Fr\u00fchlings-Skillsharingcamp, sondern auch im Alltag. Manche Besucher*innen f\u00fchlen sich auch an die Atmosph\u00e4re von Gro\u00dfkommunen oder \u00d6kod\u00f6rfern erinnert.<\/p>\n<p>F\u00fcr einige ist die Waldbesetzung nun schon fast seit sechs Jahren der Lebensmittelpunkt. Die liebevolle Ausstattung ihrer Baumh\u00e4user zeigt dies. Manche sind drei bis f\u00fcnf Jahre dabei, nicht permanent, aber doch die weitaus meiste Zeit des Jahres.<\/p>\n<p>Eine immer wiederkehrende, manchmal konflikthafte Herausforderung ist die Ankunft und Einbeziehung von neu angereisten Aktivist*innen. Gerade in den letzten Monaten r\u00fcckte die Auseinandersetzung mit der Gewaltfrage in den Fokus.<\/p>\n<p>Militante Aktivist*innen, manchmal gerade erst angekommen, beschw\u00f6ren Militanz als das entscheidende Mittel, um die Waldbesetzung aufrechtzuerhalten bzw. den Restwald zu verteidigen gegen die monsterhaft wirkende Rodungsmaschinerie von RWE. Manche sagen: &#8222;Da auch wir Angst und Schrecken verbreiten, wagen sich die Polizisten nicht so schnell in unseren Wald.&#8220;<\/p>\n<p>Zurzeit hat RWE die Erlaubnis von der Bergbaubeh\u00f6rde, den Tagebau Hambach zun\u00e4chst bis zum 31. M\u00e4rz 2018 weiterf\u00fchren zu k\u00f6nnen, aber mit der Auflage, nicht roden zu d\u00fcrfen. Trotzdem ist der Restwald akut gef\u00e4hrdet &#8211; trotz Rodungsstopp.<\/p>\n<p>Restwald? Es sind nur noch ca. acht Quadratkilometer \u00fcbrig von urspr\u00fcnglich 85 Quadratkilometer wertvollem (Ur-)Wald, fr\u00fcher ein anerkanntes Naturschutzgebiet.<\/p>\n<p>Im Wald befinden sich sogenannte Rettungswege, die RWE durch die Polizei nach dem 20. Januar 2018 r\u00e4umen lassen will. Diese Wege sind durch die Waldbesetzer*innen u.a. mit Barrikaden und Tripods verschiedener Gr\u00f6\u00dfe versehen worden. Bei fr\u00fcheren R\u00e4umungen solcher Wege gab es mehrfach heftigsten Widerstand seitens mancher militanter Besetzer*innen.<\/p>\n<p>Nun gibt es die klare Ansage des Polizeipr\u00e4sidiums Aachen: Wenn Gewalt seitens der Besetzer*innen w\u00e4hrend der R\u00e4umung dieser Wege erfolgt, dann wird die gesamte Waldbesetzung ger\u00e4umt.<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde auch bedeuten, dass damit das Herzst\u00fcck des Restwaldes vernichtet w\u00fcrde. Um zu den \u00fcber vierzig Baumh\u00e4usern zu gelangen und diese zu r\u00e4umen, m\u00fcssten viele der alten Stieleichen und Hainbuchen gef\u00e4llt werden.<\/p>\n<p>CDU und FDP, die Regierungsparteien in NRW und die SPD fordern seit langem ein Ende des aus ihrer Sicht &#8222;rechtsfreien Raums&#8220; im Hambacher Wald. Dem auf Deeskalation setzenden Polizeipr\u00e4sidenten von Aachen ist ein NRW-Innenministerium \u00fcbergeordnet, das eher von Hardlinern gepr\u00e4gt wird.<\/p>\n<h3>Was tun?<\/h3>\n<p>Als einer der Initiator*innen des B\u00fcndnisses gegen Braunkohle und Unterst\u00fctzer der Waldbesetzung von Anfang an stehe ich pers\u00f6nlich immer wieder ein f\u00fcr den gewaltfreien anarchistischen Weg, f\u00fcr gewaltfreie direkte Aktionen und gezielte begrenzte Gesetzes\u00fcberschreitungen.<\/p>\n<p>Die Waldbesetzung Hambacher Forst ist ein wichtiger Kristallisationspunkt der Anti-Kohlebewegung und der Bewegung f\u00fcr Klima-Gerechtigkeit. Es gilt, die Waldbesetzung zu erhalten. Ein Aktionskonsens wie von Ende Gel\u00e4nde, der Eskalationen ausschlie\u00dft, zwar den Begriff &#8222;gewaltfrei&#8220; bewusst vermeidet, aber aus meiner Sicht letztendlich gewaltfrei ist, w\u00fcrde in der jetzigen Situation auch f\u00fcr die Waldbesetzung sehr hilfreich sein. Auch f\u00fcr die Erreichung unserer gemeinsamen Nah-Ziele, dem dauerhaften Rodungsstopp im Hambacher Forst:<\/p>\n<p>Keine R\u00e4umung der Waldbesetzung! Hambi bleibt!<\/p>\n<p>Rote Linie Alte A4 f\u00fcr den Tagebau Hambach, rote Linie A61 f\u00fcr den Tagebau Garzweiler!<\/p>\n<p><b>Emilio Weinberg<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rheinischen Braunkohlerevier hat sich w\u00e4hrend der letzten sieben Jahre ein breites B\u00fcndnis entwickelt. Eine immer gr\u00f6\u00dfer werdende Anti-Kohle-Bewegung entstand. Wer sind die verschiedenen Akteur*innen dieser immer h\u00e4ufiger im Fokus der \u00d6ffentlichkeit stehenden Bewegung? Wie arbeiten diese unter welchen Bedingungen gegen RWE und deren Unterst\u00fctzer*innen zusammen? 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