{"id":17446,"date":"2018-02-01T00:00:00","date_gmt":"2018-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/02\/katalonien-spanien-anarchie\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:03","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:03","slug":"katalonien-spanien-anarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/02\/katalonien-spanien-anarchie\/","title":{"rendered":"Katalonien, Spanien, Anarchie"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution: Warum gibt es die im Dezember 2017 in einer stark limitierten Auflage erschienene neue Baxi-CD &#8222;Lebenszeichen&#8220; nicht im Handel?<\/b><\/p>\n<p>Martin Baxmeyer: (lacht) Weil das Lieder sind, die ich eigentlich alle auf einer regul\u00e4ren, dritten Platte ver\u00f6ffentlichen will. Da will ich gerne mit anderen Musikern zusammen spielen. Also, ich will die Lieder f\u00fcr eine Bandversion ein bisschen bearbeiten, dass sie auch mal im Radio laufen k\u00f6nnen. Die &#8222;Lebenszeichen&#8220;-CD ist das Basisgerippe f\u00fcr die ruhigeren Songs.<\/p>\n<p>Die habe ich 2017 zusammen gestellt, weil erstens ein Freund von mir, Martin Firgau vom deutsch-chilenischen Duo Contraviento, mir eine Liveaufnahme geschenkt hat, und zweitens, weil ich vor zwei Jahren einen schweren Unfall hatte, wo keinesfalls sicher war, ob ich jemals wieder \u00f6ffentlich auf einer B\u00fchne sitzen w\u00fcrde. Da war die CD eine M\u00f6glichkeit, musikalisch am Leben zu bleiben, f\u00fcr mich und andere. Deswegen hei\u00dft die CD auch &#8222;Lebenszeichen&#8220;.<\/p>\n<p><b>GWR: Baxi, wann k\u00f6nnen wir damit rechnen, dass das &#8222;Scheiblein Drei&#8220; erscheint?<\/b><\/p>\n<p>Martin Baxmeyer: Das wei\u00df ich noch nicht. Die &#8222;Lebenszeichen&#8220;-CD war ein sch\u00f6ner Schritt in die richtige Richtung. Die dreht jetzt auch so ihre Kreise. Ich habe sie eigentlich nur an Leute verschenkt, von denen ich wusste, dass sie verr\u00fcckt genug sind, Spa\u00df an meiner Musik zu haben. Dann wurden die Kreise immer weiter. In absehbarer Zeit w\u00fcrde ich gerne die dritte Scheibe machen.<\/p>\n<p><b>GWR: Deine bisher letzte CD war &#8222;Mal den Teufel an die Wand&#8220; ((3)). Sie erschien 2001 als Nachfolgerin Deiner 1998 ebenfalls vom DIY-Label Falling Down Records ver\u00f6ffentlichten Schallplatte &#8222;Der Einzelfall&#8220;. Platte und CD sind noch im Handel erh\u00e4ltlich.<\/b><\/p>\n<p><b>Ich m\u00f6chte mit Dir \u00fcber die Entwicklungen in Spanien reden, zun\u00e4chst aber auf Deine Publikationen eingehen. Du bist ja nicht nur Liedermacher und Kabarettist ((4)), sondern auch Autor. Wie bist Du auf das Thema Deiner Doktorarbeit &#8222;Das ewige Spanien der Anarchie. Die anarchistische Literatur des B\u00fcrgerkriegs 1936 bis 1939 und ihr Spanienbild&#8220; gekommen? Wie bist Du zum (Thema) Anarchismus gekommen?<\/b><\/p>\n<p>Martin Baxmeyer: Ui. Das ist ein Riesenbatzen. Das reicht weit, weit zur\u00fcck. (lacht) Deswegen bleibe ich lieber mal beim Thema meiner Doktorarbeit. Das war ein klassischer Weg. Der hat angefangen mit einem Thesenpapier. Ich habe seinerzeit im Grundstudium ein Referat halten wollen zu der Darstellung Spaniens in verschiedenen literarischen Medien, von professionellen bis nicht so professionellen Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Ich bin damals zum ersten Mal \u00fcber die anarchistische Literatur des B\u00fcrgerkriegs gestolpert. Als ich das sah, war ich v\u00f6llig \u00fcberrascht, was zum Teil f\u00fcr wirklich scharfe nationalistische T\u00f6ne in diesen Texten angeschlagen wurden. Denn die anarchistische Bewegung, nicht nur in Spanien, sondern generell, ist ja eigentlich von ihrem ideologischen Verst\u00e4ndnis her strikt antinationalistisch oder eben internationalistisch. Das soll die Gemeinschaft nicht nur der Proletarier aller L\u00e4nder werden, wie in der marxistischen Ideologie, sondern aller Menschen der Welt. Das ist eine weitreichende, internationalistische Utopie, die von Nationalstaaten, nationalen Grenzen herzlich wenig h\u00e4lt. Und auf einmal hatte ich reihenweise Texte vor mir, die ganz andere T\u00f6ne anschlugen.<\/p>\n<p>Das hat mich dann sehr interessiert, und dann habe ich schon als Student versucht, das weiter zu verfolgen. Ich habe meine Examensarbeit zu dem Thema geschrieben. Ich habe mich schamlos zu dem Zweck in Spanien in die Archive eingeschlichen. Ich habe denen da breitspurig verk\u00fcndet: &#8222;Ich schreibe schon l\u00e4ngst an meiner Doktorarbeit. Gebt mir mal das Zertifikat her.&#8220; Das Sch\u00f6ne an Spanien ist, das interessiert die einen feuchten Kehricht. Da sind die gelassen. Da steht zwar riesig &#8222;Verboten f\u00fcr\u0085&#8220; auf der T\u00fcr, aber einen Spanier k\u00fcmmert das nicht. Dann habe ich viel in Madrid, Barcelona und in Salamanca, vor allem im Archivo General de la Guerra de Espa\u00f1a, gearbeitet. Das hei\u00dft inzwischen anders. Aus dieser Examensarbeit ist dann tats\u00e4chlich dieses Monstrum an Doktorarbeit erwachsen, mit 596 Seiten, die eigentlich nur Verr\u00fcckte lesen wollen. Aber tats\u00e4chlich ist dieses Buch national wie international, das ist f\u00fcr mich v\u00f6llig \u00fcberraschend, enorm rezipiert worden. Mittlerweile werden, so gro\u00dfkotzig sich das jetzt anh\u00f6rt, Baxmeyer-Thesen international diskutiert (lacht), zum Teil auch f\u00fcrchterlich kritisiert. Aber das macht ja Spa\u00df. Da muss ich nicht dr\u00fcber weinen. Das ist genau das, was ich erreichen wollte.<\/p>\n<p><b>GWR: Dein neues Buch &#8222;Amparo Poch y Gasc\u00f3n. Biografie und Erz\u00e4hlung aus der Spanischen Revolution&#8220; ist schon fast fertig. Wenn alles klappt, erscheint es zur Leipziger Buchmesse im M\u00e4rz 2018 im Verlag Graswurzelrevolution.<\/b><\/p>\n<p>Martin Baxmeyer: Martin Baxmeyer: Das war eine klassische Labour of Love. Ich habe im Zuge meiner Promotion viel Zeit in den Archiven verbracht, in Spanien, aber auch in Amsterdam, in Paris, in Bochum zum Beispiel in der Bibliothek des Ruhrgebiets, die sehr gute Best\u00e4nde zum internationalen Anarchismus hat. Und ich habe literarische Quellen gesucht, weil sich meine Arbeit eben in erster Linie auf literarische Texte bezog.<\/p>\n<p>Dabei bin ich \u00fcber Erz\u00e4hlungen gestolpert, die in der Zeitschrift der anarchafeministischen Organisation Mujeres Libres (Freie Frauen) ver\u00f6ffentlicht wurden, von einer gewissen Doktor Salud Alegre, zu Deutsch &#8222;Doktor Fr\u00f6hliche Gesundheit&#8220;. Ein Pseudonym, das mir \u00fcberhaupt nichts sagte. Und diese literarischen Texte und Erz\u00e4hlungen geh\u00f6rten zum Sch\u00f6nsten, was ich in fast vier Jahren Recherchearbeit gefunden habe. Die waren ganz ungew\u00f6hnlich, lebensbejahend, relativ satirisch, giftig, aber unheimlich freundlich und bunt. Es machte einen ungeheuren Spa\u00df, sie zu lesen.<\/p>\n<p>Weil ich aber damals auf der Suche nach den nationalistischen Ver\u00e4nderungen des Spanien-Bildes war, konnte ich mit diesen Texten leider nichts anfangen, denn da \u00e4nderte sich gar nichts. Die waren quasi noch lupenrein der anarchosyndikalistischen Vorkriegsideologie verhaftet und reproduzierten so bestimmte utopische Gedanken und politische Forderungen, die man vorher auch schon gefunden h\u00e4tte. Und so bleiben die Sachen liegen. Irgendwie habe ich mir gedacht, nee, das geht so nicht. Ich habe dann relativ schnell herausbekommen, wer die Autorin dieser Texte war, das war eine junge \u00c4rztin aus Saragossa, aus Arag\u00f3n, namens Amparo Poch y Gasc\u00f3n. Und dann habe ich mich auf ihre Spuren gesetzt. In Spanien ist ihr Werk wieder durch verdienstvolle Arbeiten einer gro\u00dfartigen Kollegin von mir entdeckt worden, Antonina Rodrigo. Sie hat auch eine Biographie \u00fcber Poch y Gasc\u00f3n geschrieben, die 2002 ver\u00f6ffentlicht worden ist.<\/p>\n<p>Aber in Deutschland kennt diese Dame eigentlich niemand. So wuchs dann langsam eine deutsche Biographie von Amparo Poch y Gasc\u00f3n, und gleichzeitig habe ich mich daran gemacht, ihre Erz\u00e4hlungen zu \u00fcbersetzen, was eine sehr sch\u00f6ne Arbeit war, weil das einfach tolle, literarisch unheimlich anspruchsvolle Texte von ihr sind. Ein kleines Werk, ich glaube, es sind zw\u00f6lf Erz\u00e4hlungen, mehr nicht, aber jede einzelne ist es wert, auch mal literaturwissenschaftlich beachtet zu werden. Das Buch ist eigentlich nur ein Versuch, eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Lebensleistung zu w\u00fcrdigen. Amparo Poch y Gasc\u00f3n war beispielsweise Mitglied der War Resisters&#8216; International (WRI), war w\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkriegs und der keinesfalls gewaltfreien Sozialen Revolution, die sich da abspielte, strikte Gegnerin von Gewalt, hat das auch durchgehalten und eigentlich alle durch ihre Eigensinnigkeit gegen sich aufgebracht. Sie ist in Frankreich im Exil gestorben, in den 1970er Jahren. Das ist eine spannende Person. Die anarchistische Bewegung Spaniens ist nicht gerade arm an spannenden Frauengestalten. Amparo Poch y Gasc\u00f3n geh\u00f6rt sicherlich zu den spannendsten. Die wollte ich einfach ein bisschen bekannter machen.<\/p>\n<p><b>GWR: Du hast auch das Buch &#8222;Abel Paz und die Spanische Revolution&#8220; mitherausgegeben und viele Artikel nicht nur zur Spanischen Revolution ver\u00f6ffentlicht, unter anderem auch in der Graswurzelrevolution. Kannst Du etwas zum Anarchosyndikalismus und zum Spanischen B\u00fcrgerkrieg erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p>Martin Baxmeyer: Ich kann es versuchen, obwohl jedes Thema f\u00fcr sich schon sehr komplex ist. Den Spanischen B\u00fcrgerkrieg hat man mal die &#8222;Vor\u00fcbung&#8220; oder das &#8222;Vorzimmer des Zweiten Weltkriegs&#8220; genannt. Am 18. Juli 1936 putscht in der damals spanischen Kolonie Marokko (aufgeteilt zwischen Spanien und Frankreich) das Milit\u00e4r gegen die Zweite Spanische Republik. Die Milit\u00e4rs rechnen damit, dass sie relativ schnell erfolgreich sein werden. Tats\u00e4chlich w\u00e4chst sich dieser Putsch zu einem drei Jahre dauernden B\u00fcrgerkrieg aus, der das Land verw\u00fcstet.<\/p>\n<p>Im 20. Jahrhundert sicherlich das Schl\u00fcsselereignis der spanischen Geschichte, nicht nur deswegen, weil die Rechtskoalition, die sich um die Milit\u00e4rs schart, siegreich aus dem B\u00fcrgerkrieg hervorgegangen ist und das Ergebnis fast 40 Jahre Diktatur unter Francisco Franco waren. Der Spanische B\u00fcrgerkrieg ist f\u00fcr die europ\u00e4ische und globale Linke ein so wichtiges Ereignis, weil sich im B\u00fcrgerkrieg bis zum Mai 1937 eine gesellschaftliche Ver\u00e4nderung vollzieht, die zum Radikalsten geh\u00f6rt, was es bis zu diesem Zeitpunkt gegeben hat, die sogenannte Soziale Revolution, die eben nicht nur die politischen Entscheidungsstrukturen ver\u00e4ndern, sondern die ganzen Besitzverh\u00e4ltnisse, die ganzen Lebensverh\u00e4ltnisse umst\u00fcrzen will. Da ist eine Reihe von verschiedenen politischen Kr\u00e4ften beteiligt, die wichtigsten waren sicherlich die Anarchisten beziehungsweise die in der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT (Confederaci\u00f3n Nacional del Trabajo, Nationale Konf\u00f6deration der Arbeit) organisierten Anarchisten. Die CNT hat, auch wenn da zu B\u00fcrgerkriegsbeginn Tausende und Abertausende reingelaufen sind, weil so ein Gewerkschaftsausweis tats\u00e4chlich lebenserhaltend sein konnte, zu Beginn des B\u00fcrgerkriegs fast zwei Millionen Mitglieder. Sie war zu diesem Zeitpunkt die st\u00e4rkste anarchosyndikalistische Gewerkschaft weltweit.<\/p>\n<p><b>GWR: Und das bei damals insgesamt etwa 23 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern in Spanien. Eine unfassbar gro\u00dfe gesellschaftliche Kraft.<\/b><\/p>\n<p>Martin Baxmeyer: Das passt gut zu den Katalanen, weil die CNT ihre Hauptbasis in Barcelona hatte. Barcelona war auch die Drehscheibe. Die Ver\u00e4nderungen erfassten die Produktionsweise, die Lebensweise, erfassten die Art, wie die Leute miteinander umgingen, erfassten die Kleidungsweise, \u0085 Das war eine ungeheuer umfassende Angelegenheit, die sich relativ spontan und ohne Steuerung von oben entwickelte. Das hei\u00dft, das ist wirklich eine Revolution der Basis gewesen. F\u00fcr jemanden, der fixiert war auf die alte monarchische oder republikanische Ordnung, hat das gewiss ausgesehen wie ein Chaos. Tats\u00e4chlich war es eine alternative Form der Ordnung im Entstehen, mit vielen Konflikten und auch mit viel Blut. Das war alles andere als harmonisch, was sich da abspielte. Das spielte sich in einem Krieg ab, wo zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte offene St\u00e4dte bombardiert worden sind. In der anarchistischen Literatur ist das Entsetzen \u00fcber diese Bombenangriffe, \u00fcber diese Flugzeuge mit H\u00e4nden zu greifen. Wir in Deutschland kennen diese Bilder von zerbombten St\u00e4dten verdammt gut, das war damals neu, das war ein neues Waffensystem.<\/p>\n<p>Diese Revolution ist aus mehreren Gr\u00fcnden gescheitert: gescheitert ist sie an den politischen Konflikten innerhalb der republikanischen Koalition, an der Weigerung der europ\u00e4ischen M\u00e4chte, die Republik mit Waffen zu unterst\u00fctzen, an der antirevolution\u00e4ren Politik des stalinistischen Russlands und damit eben der Komintern, also der Kommunistischen Internationale, und nat\u00fcrlich durch die Niederlage im Spanischen B\u00fcrgerkrieg, nachdem die Tr\u00e4gerinnen und Tr\u00e4ger der Revolution auch schon w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs mit aller Sch\u00e4rfe und Gnadenlosigkeit verfolgt worden sind.<\/p>\n<p>Was sich w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs abspielte und auch danach, ist ein politischer Genozid, der in der spanischen Geschichte seinesgleichen sucht und der auf eine perverse Weise zum Modell geworden ist. Das l\u00e4sst sich zum Beispiel nachweisen f\u00fcr die ber\u00fcchtigten lateinamerikanischen Diktatoren. Augusto Pinochet in Chile zum Beispiel hat sich stark an Franco und seiner Politik orientiert, die politischen Gegner nicht nur zu besiegen und einzusperren, sondern sie wirklich physisch auszurotten. Einer der Geheimdienstoffiziere von Pinochet hat gesagt: &#8222;Das ist so, wie wenn sie Ameisen im Keller haben. Die m\u00fcssen sie auch alle t\u00f6ten.&#8220; Und das ist die Logik gewesen, die im Spanischen B\u00fcrgerkrieg erfolgreich war und schlie\u00dflich zu einer jahrzehntelangen Diktatur f\u00fchrte. Das hat Spanien ein bisschen im Guten wie im B\u00f6sen zu einer Art Traumland f\u00fcr Menschen mit anarchistischen Ideen oder Orientierung werden lassen. Barcelona beispielsweise selber hat das geschickt vermarktet. Vor zehn oder f\u00fcnfzehn Jahren, als ich da zum ersten Mal war, fing die Stadt an, so ein Stadtmarketingkonzept aufzulegen, das teilweise die alten anarchistischen Parolen und Parolen der Anti-Globalisierungsbewegung benutzte, um Touristen anzulocken. Da kann man ja nun schlecht ein Copyright verlangen. (lacht)<\/p>\n<p>Das ist ein ganz perverses Mischverh\u00e4ltnis. Gleichzeitig war und ist Barcelona ein Alptraum neoliberaler Verw\u00fcstungen. Es wird immer schlimmer. Jedes Mal, wenn ich da hinkomme, bin ich aufs Neue entsetzt, was jetzt wieder ruiniert worden ist oder wo wieder neue Konflikte aufgebrochen sind. Aber sozusagen das Erbe, die Erinnerung des Spanischen B\u00fcrgerkriegs ist nicht nur in Barcelona, sondern in ganz Spanien ungeheuer gegenw\u00e4rtig. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts, so 1999 ging das los, da kam eine neue Welle der Aufarbeitung. In diesen Kontext habe ich auch ein bisschen meine Dissertation verorten wollen. Die Aufarbeitung holte Aspekte aus der Vergangenheit hervor, die man bis dahin wohlweislich unter dem Tisch gehalten hatte.<\/p>\n<p><b>GWR: In Deutschland sind die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gew\u00e4hlt worden. Es gab vergleichsweise wenig Widerstand. In Spanien gab es 1936 einen faschistischen Putsch von Franco und den Militaristen. Da hat sich ein gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung massiv gegen diesen Faschismus gestemmt. Dass es 1936 sogar einen &#8222;kurzen Sommer der Anarchie&#8220; in Barcelona und gro\u00dfen Teilen Spaniens gab, dass die Anarchistinnen und Anarchisten in Spanien eine so gro\u00dfe Rolle gespielt haben, das ist f\u00fcr viele vermutlich nicht so verst\u00e4ndlich. Deshalb nochmal die Frage: Was ist Anarchosyndikalismus, was ist f\u00fcr Dich Anarchie?<\/b><\/p>\n<p>Martin Baxmeyer: Wie gesagt, das ist nicht so leicht zu erkl\u00e4ren. Anarchosyndikalismus kann man vielleicht noch am leichtesten erkl\u00e4ren. Das ist eine Orientierung innerhalb der europ\u00e4ischen Gewerkschaftsbewegung, die sich zum Ende des 19. Jahrhunderts etabliert und in Spanien 1910 mit der Gr\u00fcndung der erw\u00e4hnten CNT wirklich einen Riesenschritt nach vorne macht. Es geht darum, wie eine nicht-kapitalistische und nicht-hierarchische Gesellschaft organisiert werden soll, also wie man sie funktionsf\u00e4hig h\u00e4lt. Die Idee des Anarchosyndikalismus ist, dass die Gewerkschaften die Organisation der Gesellschaft \u00fcbernehmen. Das haben die orthodoxen Anarchisten, die sehr misstrauisch gegen alle festen Institutionen und Organisationsstrukturen waren, damals skeptisch beschnuppert; man hielt das f\u00fcr so etwas Halb-Reaktion\u00e4res.<\/p>\n<p>Die CNT hat sich auf eine ganz interessante Weise organisiert, sie war eher ein loser Dachverband, in dem sich viele kleine Branchensyndikate, also Gewerkschaften hinein organisiert haben. Das ist ein typisch anarchistisches Organisationsprinzip: Eine anarchistische Gesellschaft wird von unten nach oben aufgebaut, nicht von oben nach unten. Das ist nicht, als w\u00fcrde eine kleine revolution\u00e4re Elite dekretieren, oder sie \u00fcbernimmt die Staatsgewalt. Darum geht es nicht, sondern der Grundgedanken ist, dass Menschen sehr wohl in der Lage sind, auf friedliche und produktive Weise ihre Angelegenheiten selber zu organisieren. Der Anarchosyndikalismus war ein Versuch, diesen Grundgedanken sozusagen innerhalb der Arbeiterschaft zu verankern. Die anarchistische Utopie geht dar\u00fcber noch hinaus. Da gibt es zig verschiedene Spielarten. Es geht grunds\u00e4tzlich um ein anti-autorit\u00e4res Verst\u00e4ndnis von menschlicher Selbstorganisation. Anarchisten haben ein fast schon hinrei\u00dfend naives Verst\u00e4ndnis von der F\u00e4higkeit der Menschen, sich friedlich miteinander auseinander zu setzen. (lacht) H\u00e4ufig wird da eine Auseinandersetzung mit konkreten Problemen verweigert.<\/p>\n<p>Aber tats\u00e4chlich gibt es auch eine Menge Beispiele, wo diese Form anti-autorit\u00e4rer Selbstorganisation enorm produktiv ist. Und teilweise viel produktiver als bei einer autorit\u00e4ren Organisation. Es gibt zum Beispiel eine Tr\u00e4gerin der Wirtschaftsnobelpreis, obwohl sie gar keine Wirtschaftswissenschaftlerin war, die leider vor wenigen Jahren gestorben ist, Elinor Ostrom, die hat ein ganz wichtiges Buch geschrieben: &#8222;Die Verfassung der Allmende&#8220;. Allmende bedeutet Gemeineigentum. Sie hat sich mit einem gro\u00dfen Forschungsprojekt angeschaut, wo eigentlich selbstorganisierte Strukturen funktionieren, die nachwachsende Ressourcen verwalten. Und da stellte sich eben heraus: Je n\u00e4her die Menschen an dieser Ressource sind, desto besser k\u00f6nnen sie mit ihr umgehen. Je demokratischer der Umgang organisiert ist, desto nachhaltiger ist die Nutzung. Alles Dinge, die die aktuelle Wirtschaftstheorie einfach leugnet. Und das beschriebene Prinzip ist sehr anarchistisch.<\/p>\n<p>In Spanien war das Besondere, dass die anarchistische Bewegung seit 1868 mit gro\u00dfen Schwankungen pr\u00e4sent geblieben ist. Im 20. Jahrhundert nahm sie sehr an St\u00e4rke zu. Deren Ziel war ausdr\u00fccklich die revolution\u00e4re Ver\u00e4nderung der Gesellschaft nach diesen Kriterien. Das hei\u00dft, als der B\u00fcrgerkrieg kam und auf einmal die staatlichen Autorit\u00e4ten wegen des Putsches zusammenbrachen, waren die Anarchistinnen und Anarchisten alles andere als unvorbereitet. Ich habe beispielsweise in Salamanca Zeitschriften von den Gewerkschaften, wie gesagt, immer so kleine Branchensyndikate, studiert. Eine war in Barcelona f\u00fcr Strom, Wasser, Gasversorgung usw. zust\u00e4ndig. &#8222;Luz y fuerza&#8220; hie\u00dfen die: Licht und St\u00e4rke. Und das war beeindruckend, denn diese Gewerkschaft bereitete sich darauf vor, die Produktionsmittel zu \u00fcbernehmen und eigenm\u00e4chtig zu verwalten. Um das zu k\u00f6nnen, mussten sie nat\u00fcrlich wissen, wie die Maschinen eigentlich funktionieren, wie laufen die Transaktionen, wo liegen die Leitungen. Das wussten die Arbeiter nat\u00fcrlich schon, aber um gut vorbereitet zu sein und mit der Zeit gehen zu k\u00f6nnen, schickte die Gewerkschaft auf eigene Kosten Mitarbeiter zu gro\u00dfen internationalen Technikmessen. Das machten n\u00e4mlich nicht die Chefs der Firmen, das machte die. Und als dann auf einmal die M\u00f6glichkeit kam, die Betriebe tats\u00e4chlich zu \u00fcbernehmen, waren sie perfekt vorbereitet. Bis zur Zerst\u00f6rung der gro\u00dfen Elektrizit\u00e4tswerke in Barcelona durch Bombardements durch Franco lief die Versorgung mit Strom, Wasser und Gas perfekt und ohne Probleme, obwohl weit und breit kein Chef mehr zu sehen war und es eine reine Arbeiterselbstverwaltung war. Man muss fairerweise dazu sagen, dass es nicht immer so wundersch\u00f6n funktioniert hat. Aber daran kann man wirklich sehen, dass eine Revolution f\u00fcr die Anarchistinnen und Anarchisten der 1920er und 30er Jahre nicht irgendetwas Fernes und Getr\u00e4umtes war. Oder irgendein Identit\u00e4tsentwurf, den sie dann spazieren f\u00fchrten. Das war eine konkrete Perspektive, auf die sie tagt\u00e4glich hingearbeitet haben. Sonst h\u00e4tte es diese Soziale Revolution, so kurzlebig und unvollst\u00e4ndig sie auch immer gewesen sein mag, nie geben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>GWR: Kannst Du erz\u00e4hlen, was in Katalonien und vor allem in Barcelona in den letzten Monaten passiert ist? Es gab da ja extreme Umw\u00e4lzungen.<\/b><\/p>\n<p>Martin Baxmeyer: Die letzten Monate kann man eigentlich fast schon nicht mehr zusammenfassen. Im Gro\u00dfen und Ganzen ist die Situation systematisch eskaliert worden, dadurch, dass die separatistischen katalanischen Parteien, ein relativ breites Parteienb\u00fcndnis, nach der Finanzkrise 2008\/ 2009 die gro\u00dfe Chance gewittert haben, endlich den alten Traum eines katalanischen Nationalstaats zu realisieren, und die spanische Zentralregierung in Madrid gleichzeitig mit dem Schikanieren der katalanischen Region Punkte sammeln wollte. Der Gedanke der katalanischen Separatisten war, ihr Projekt eines katalanischen Nationalstaats einerseits \u00fcber das ber\u00fchmte Referendum am 1. Oktober 2017 demokratisch abzusichern. Es sollte tats\u00e4chlich die Bev\u00f6lkerung dar\u00fcber bestimmen, ob sie w\u00fcnscht, nicht mehr ein Teil Spaniens zu sein. Im Jahr 2009 hatte es schon mal ein solches unverbindliches Referendum gegeben. Das hatte zwar eine Zustimmungsquote von \u00fcber 90% f\u00fcr die Trennung von Spanien, aber nur eine Wahlbeteiligung von 27% der Bev\u00f6lkerung. Es hatten also wirklich nur die Nationalisten abgestimmt. Da bastele ich Dir auch h\u00fcbsche Zustimmungsraten!<\/p>\n<p>Andererseits war den politisch Verantwortlichen in Katalonien nat\u00fcrlich von vorneherein klar, dass der Weg zu einem katalanischen Nationalstaat nur \u00fcber Br\u00fcssel, nur \u00fcber die EU ginge. Dieses Kalk\u00fcl ist in zweierlei Hinsicht gescheitert: Zum einen ist die demokratische Unterst\u00fctzung weggebrochen oder weggebr\u00f6ckelt. In den Wahlen, die Spanien nach der Absetzung der katalanischen Regionalregierung am 21. Dezember 2017 durchgesetzt hat, haben zwar immer noch die separatistischen Parteien gewonnen, sie haben aber eine kleine Mehrheit. Sie haben 70 Sitze von 135. Diese Mehrheit existiert nur auf dem Papier. Denn acht von diesen 70 Abgeordneten k\u00f6nnen ihre Sitze gar nicht einnehmen, weil sie entweder im Gef\u00e4ngnis sitzen oder fl\u00fcchtig sind, weil Spanien sie wegen Rebellion verfolgt.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, das Regionalparlament ist ein Parlament am G\u00e4ngelband von Madrid. Madrid kann jederzeit bestimmen, wie die Mehrheitsverh\u00e4ltnisse im katalanischen Parlament sein werden. Madrid k\u00f6nnte zum Beispiel auch politische Konkurrenten zu dem ehemaligen Pr\u00e4sidenten, der jetzt in Br\u00fcssel sitzt, Carles Puigdemont, einfach aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen, um ihn parteiintern unter Druck zu setzen. Madrid sitzt also am Hebel. Die katalanischen Kr\u00e4fte sind eigentlich extrem geschw\u00e4cht. Und es hat sich au\u00dferdem herausgestellt, dass sich das Kalk\u00fcl, sich als eine linksliberal-alternative, kleine Nation der Europ\u00e4ischen Union anzudienen, zu einem Zeitpunkt, wo die Europ\u00e4ische Union von allen Seiten von populistischen, rechtspopulistischen, nationalistischen Regierungen unter Druck gesetzt und in ihrem Bestand gef\u00e4hrdet wird, einfach unfassbar naiv war. (lacht) Carles Puigdemont ist, nachdem Mariano Rajoy die Regierung gest\u00fcrzt, die Guardia Civil da reingeschickt und einen Haftbefehl erlassen hat, direkt zum gro\u00dfen Bruder in Br\u00fcssel gelaufen. Es ist aber albern zu glauben, dass er da nur sitzt und weint. Selbstverst\u00e4ndlich macht er da Lobbyarbeit. Selbstverst\u00e4ndlich versucht er, politische Kr\u00e4fte auf sich zu ziehen, um vielleicht doch noch die Chance zu erhalten, als gefeierter Pr\u00e4sident eines neuen, unabh\u00e4ngigen Kataloniens zur\u00fcck zu kommen. Ich halte das f\u00fcr sehr unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>Was die Sache zu einem Schaust\u00fcck von Realpolitik macht, ist die Tatsache, dass Rajoy, der Ministerpr\u00e4sident Spaniens, gar kein Interesse daran hat, die Katalonien-Krise schnell beizulegen. Denn die konservative Regierung Spaniens sieht sich momentan mit den gr\u00f6\u00dften und weitreichendsten Korruptionsvorw\u00fcrfen und auch juristischen Verfolgungen der spanischen Geschichte konfrontiert. Eigentlich fast die gesamte konservative politische Elite, wie auch die sozialdemokratische, ist der Korruption angeklagt. Vier Exminister, Rajoy \u00fcbrigens selber auch, zahllose Regionalverordnete\u0085man kann die Anklagen wirklich nicht mehr z\u00e4hlen. Dazu kommt die Situation, dass die konservative Volkspartei, Partido Popular, in Spanien keine absolute Mehrheit hat. Das sind die nicht gewohnt, die regieren eigentlich immer durch. Das geht diesmal nicht. Was ist das, was Rajoy macht? Er h\u00e4lt still, er tut eigentlich nichts. Die Krise in Katalonien war dann etwas, wo auf einmal alle spanischen Parteien, auch die Oppositionsparteien, zusammen r\u00fcckten. Und das war das Sch\u00f6nste, das er haben konnte.<\/p>\n<p>Deswegen vermute ich, dass Rajoy daf\u00fcr sorgen wird, dass die Krise in Katalonien weiter am K\u00f6cheln bleibt. Das hei\u00dft, dass die Provokationen unzweideutig auch von den Katalanen ausgingen, von den separatistischen Kr\u00e4ften in Katalonien, aber die konservative Regierung in Spanien war \u00fcber diese Situation alles andere als ungl\u00fccklich.<\/p>\n<p>So hat jeder aus reinen Partikularinteressen eine Situation heraufbeschworen, wo jetzt in Barcelona beispielsweise Leute, Bekannte haben mir das erz\u00e4hlt, die im Oktober 2017 und dar\u00fcber hinaus nicht damit einverstanden waren, dass Katalonien sich von Spanien l\u00f6st, sich teilweise nicht mehr \u00fcber die Stra\u00dfe trauten.<\/p>\n<p>Der soziale Bruch, die Polarisierung der Atmosph\u00e4re ist nicht so sehr zwischen Katalanen und Spaniern, die haben immer Probleme miteinander gehabt, sondern innerhalb der katalanischen Bev\u00f6lkerung. Man br\u00e4uchte jetzt wirklich verantwortungsvolle Politikerinnen und Politiker, die versuchen, diese Polarisierung etwas zu entsch\u00e4rfen. Die sehe ich nicht. Ich sehe nur einen Haufen Partikularinteressen, die relativ kurzfristig und kleingeistig sind. Das finde ich extrem bedrohlich.<\/p>\n<p><b>GWR: An dem Referendum am 1. Oktober 2017 haben sich nur um die 40 Prozent der Bev\u00f6lkerung in Katalonien beteiligt. Wie siehst Du jetzt die Perspektiven f\u00fcr emanzipatorische Bewegungen? Solche gibt es ja auch in Spanien und gerade in Barcelona. Es gibt beispielsweise die CNT und eine st\u00e4rkere, ebenfalls anarchosyndikalistische CGT. Beide sind relativ stark, zumindest im Vergleich zu \u00e4hnlichen Gewerkschaftsinitiativen in Deutschland wie etwa der anarchosyndikalistischen Freien ArbeiterInnen Union (FAU).<\/b><\/p>\n<p><b>Wie l\u00e4sst sich der Konflikt in Katalonien aufl\u00f6sen?<\/b><\/p>\n<p>Martin Baxmeyer: Die Position von emanzipatorischen Bewegungen ist durch die Polarisierung enorm geschw\u00e4cht worden. Zu den anarchistischen Gruppen: Die CNT ist dreimal gespalten und spielt in Spanien keine ernsthafte Rolle mehr. Die CGT war vorher schon geschw\u00e4cht, weil durch die gro\u00dfe Finanzkrise 2008\/2009 den Gewerkschaften paradoxerweise die Leute weggelaufen sind, teilweise aus dem simplen Grund, weil man die Mitgliedsbeitr\u00e4ge nicht mehr zahlen konnte, weil die Situation in Spanien so krass war, dass die Familien das Elend, was der Staat angerichtet hatte, auffangen sollten und es nicht konnten.<\/p>\n<p>In dieser polarisierten Situation prallen zwei extreme Nationalismen aufeinander, der sich in den letzten 15 Jahren permanent radikalisierende katalanische Nationalismus und der nicht minder radikale, aggressive und engstirnige zentralspanische Nationalismus. Also, man kann heutzutage teilweise die gro\u00dfe Tageszeitung El Pais, die meistgelesene Zeitung Spaniens, &#8211; was in Deutschland die BILD-Zeitung ist, in Spanien ist es ein seri\u00f6ses, linksliberal bis sozialistisch angehauchtes Blatt &#8211; eigentlich nicht mehr lesen. Die haben nicht nur Schaum vorm Mund, die haben schon blutigen Schaum vorm Mund. Ein gro\u00dfartiger Kollege von mir zum Beispiel, Francisco Rico, einer der wichtigsten Literaturwissenschaftler, hatte einen Kommentar geschrieben, wo er die katalanischen Separatisten mit Nazis gleichsetzte.<\/p>\n<p>Die Atmosph\u00e4re ist vergiftet. Da gem\u00e4\u00dfigte oder sogar antistaatliche, antinationalistische Positionen zu vertreten, ist schwer. Das wird teilweise mit Gewalt beantwortet, sei es mit der Gewalt des Zentralstaats, der die Guardia Civil schickt, sei es mit der Gewalt der Parteig\u00e4nger eines katalanischen Nationalstaats, die ihren Gegnern einfach einen auf die M\u00fctze hauen. Was die Sache noch schwieriger macht, ist auch, dass es in der anarchistischen Bewegung in Katalonien, die eigentlich strikt antistaatlich, antinationalistisch, internationalistisch sein sollte, nicht ungew\u00f6hnlich ist, gleichzeitig Anarchist und katalanischer Separatist zu sein. Das hei\u00dft, dass so eine Art Nationalanarchismus in Katalonien eine sehr g\u00e4ngige Position ist. Die Genossinnen und Genossen da tun es meistens mit der Formulierung ab, dass man eben nicht nur Anarchist sei, man sei noch etwas anderes. Das ist richtig, aber da kollidieren zwei grunds\u00e4tzlich verschiedene politisch-ideologische Vorstellungen ganz gewaltig miteinander. Also brechen auch innerhalb antinationalistischer Bewegungen Konflikte auf, die die Gruppen weitgehend handlungsunf\u00e4hig machen. Da setze ich keine allzu gro\u00dfen Hoffnungen hinein. Wobei nat\u00fcrlich, kritische Positionen zu vertreten, schon hilfreich sein kann. Zum Beispiel zu sagen: Kinder, was soll denn das nun eigentlich? Sollen wir Europa in immer kleinere Nationen aufbrechen? Oder ist es nicht viel besser, die alte internationalistische Perspektive mal wieder hervor zu holen und sich zu \u00fcberlegen, ob man nicht lieber auf einem Kontinent oder Planeten leben m\u00f6chte, auf dem sich alle Menschen frei bewegen k\u00f6nnen und die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Nation eher eine kulturelle als staatliche oder machtpolitische Frage w\u00e4re?<\/p>\n<p><b>GWR: Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/b><\/p>\n<p><b>Interview: Bernd Dr\u00fccke<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Warum gibt es die im Dezember 2017 in einer stark limitierten Auflage erschienene neue Baxi-CD &#8222;Lebenszeichen&#8220; nicht im Handel? Martin Baxmeyer: (lacht) Weil das Lieder sind, die ich eigentlich alle auf einer regul\u00e4ren, dritten Platte ver\u00f6ffentlichen will. Da will ich gerne mit anderen Musikern zusammen spielen. 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