{"id":17447,"date":"2018-02-01T00:00:00","date_gmt":"2018-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/02\/dekolonisierung\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:03","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:03","slug":"dekolonisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/02\/dekolonisierung\/","title":{"rendered":"Dekolonisierung"},"content":{"rendered":"<h3>Stichworte zum Postanarchismus 1<\/h3>\n<p>Kamerum war eine Kolonie des Deutschen Reiches. Schorsch Kamerun ist S\u00e4nger der Postpunkband Die Goldenen Zitronen. Wieso tr\u00e4gt so einer solch einen Namen? Punk immerhin war ja auch als Affekt gegen den Nationalismus entstanden, in Deutschland insbesondere auch noch gegen die ganze Nazi-Verstricktheit der Lehrer*innen und des \u00f6ffentlichen Lebens. In seinem Buch Die Jugend ist die sch\u00f6nste Zeit des Lebens erkl\u00e4rt Schorsch Kamerun das Pseudonym so: &#8222;Dem Teufel den Spiegel vorhalten. Sich freiwillig auf das beziehen, was man b\u00f6se findet.&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Der Name als Teil einer Strategie. Was das mit Anarchie zu tun hat? Die Strategie folgt auf den Affekt, und der wird ausgel\u00f6st, damit beginnen die Erinnerungen, durch Anarchy. Das Wort im Song der Sex Pistols. &#8222;Anarckeey!&#8220; Das Lebensgef\u00fchl, das damit zum Ausdruck gebracht und immer wieder erneuert wurde. Bei all jenen, denen die dominanten Lebensweisen auf die Nerven gehen, die unter ihnen leiden. Und denen der Goldies-S\u00e4nger sein Buch so reizend widmet, alle, &#8222;die probiert haben, den Ohrfeigen, Sch\u00f6nschreibklubs und Schuldspiralen eine \u00fcberraschende, grenzenlose Welt entgegenzusetzen&#8220;.<\/p>\n<p>Eine \u00fcberraschende, grenzenlose Welt. Daran arbeiteten auch die Anarchistinnen und Anarchisten bei Ausbruch des Spanischen B\u00fcrgerkriegs. Wenige Tage nach dessen Beginn traf sich Juan Garc\u00eda Oliver (1901-1980), Mitglied der Federaci\u00f3n Anarquista Ib\u00e9rica (FAI), am 23. Juli 1936 in Genf mit Vertretern der Islamischen Liga. Zumindest erz\u00e4hlt das der Chronist der Spanischen Revolution und Durruti-Biograph Abel Paz in einem Interview. Es ging um den antikolonialen Kampf gegen Frankreich und England, dessen Akteurin die Islamische Liga war. Garc\u00eda Oliver, sp\u00e4ter der erste anarchistische Justizminister der Republik, Kirchenhasser und Religionsver\u00e4chter, war letztlich rein strategisch unterwegs: &#8222;Es war das Ziel der CNT&#8220;, schreibt Abel Paz, &#8222;sollte in Spanien eine Revolution stattfinden, diese sich nicht sofort auf Frankreich und England ausdehnen sollte, sondern auf deren Kolonien auf der anderen Seite des Mittelmeers. So sollte der Kapitalismus in den Kolonialm\u00e4chten geschw\u00e4cht werden, um die Revolution auch dort fortzuf\u00fchren.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Diese Strategie ist eine organisatorische, quasi institutionelle. Auch wenn sie vielleicht nicht auf den Tag genau verb\u00fcrgt ist &#8211; der spanische Wikipedia-Eintrag zu Garc\u00eda Oliver behauptet, der Anarcho-Revolution\u00e4r habe sich an jenem 23. Juli auf einem katalanischen Regional-Plenum befunden und dort den Libert\u00e4ren Kommunismus ausgerufen! ((3))\u00a0-, so hat es sie doch gegeben.<\/p>\n<p>Anarchistinnen und Anarchisten haben zwar nicht ihr Hauptaugenmerk auf Fragen des Kolonialismus gerichtet. Aber sie haben ihn durchaus wahrgenommen. Schon sehr fr\u00fch. Bereits die franz\u00f6sische Anarchistin Louise Michel (1830-1905) sah sich, gezwungener Ma\u00dfen, mit den Auswirkungen des Kolonialismus konfrontiert. Man hatte sie nach ihrer Teilnahme an der Pariser Kommune (1871) nach Neukaledonien verbannt &#8211; s\u00fcdpazifische Inseln, die noch heute zu Frankreich geh\u00f6ren. Sie sympathisierte mit dem Aufstand der dortigen Indigenen, den Kanak*innen und ver\u00f6ffentlichte kanakische Sagen und Lieder. Auch wenn sie sonst dem technologischen Fortschritt nicht abgeneigt war, kritisierte sie deren Klassifizierung als &#8222;Wilde&#8220; und den Gegensatz zur angeblichen Zivilisiertheit der Europ\u00e4er*innen.<\/p>\n<p>Die Wiederentdeckung, Bewahrung und Aufwertung des vom Kolonialismus unterdr\u00fcckten und diffamierten Wissens &#8211; ob Heilmethoden oder Songs -, nahmen in den antikolonialen K\u00e4mpfen eine zentrale Rolle ein. Anarchist*innen sahen hier eine Parallele: Die Gewohnheiten der Arbeiter*innenklasse in Europa, von den Kneipenabenden \u00fcber die sexuellen Eskapaden bis zum Liedgut, wurden von den Herrschenden verachtet wie alles, was Indigene taten, f\u00fchlten, dachten. Weil sie auch noch ausgebeutet wurden wie alle Arbeiter*innen, schienen die Kolonisierten als B\u00fcndnispartner*innen selbstverst\u00e4ndlich. So sollte der Kapitalismus in den Kolonien geschw\u00e4cht werden.<\/p>\n<p>Sicherlich, Einw\u00e4nde dr\u00e4ngen sich auf: Die Diskriminierungserfahrungen und die Ausbeutung unterschieden sich in Wirklichkeit doch sehr. Auch wenn im Spanien der 1930er Jahre noch die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung analphabetisch und arm war. Aber noch etwas Anderes passt nicht. Es ist die unumst\u00f6\u00dfliche Grundannahme des klassischen Anarchismus, dass die Armen und Verzweifelten die selbstverst\u00e4ndlichen Tr\u00e4ger*innen der Revolution sind. Beinahe automatisch. Dieses Vertrauen in die Massen, das Volk, die Multitude, &#8222;die von unten&#8220; ist letztlich bis heute ungebrochen. Damit verkn\u00fcpft ist eine bestimmte Analyse der Quelle ihrer Motivation: Die Armen lehnen sich auf, revoltieren und k\u00e4mpfen, und das auch noch auf emanzipatorische Art und Weise, weil sie arm, verzweifelt, abgeh\u00e4ngt und notleidend sind. Oder, in den Worten Louise Michels: &#8222;Die Energie der Verzweiflung wird nie besiegt.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Aber das ist Unsinn. Aus Verzweiflung erw\u00e4chst keine Energie! Aus Wut vielleicht, aber Verzweiflung ist nie Kraftspender und Ideengeber, zumindest nicht im positiven, emanzipatorischen Sinne. Die sozialen Kr\u00e4fte f\u00fcr Ver\u00e4nderung entstehen vielmehr aus der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zwischen dem, was man erwartet, und dem, was einem\/ einer vorenthalten wird. Aus der Beziehung zwischen diesen beiden Gr\u00f6\u00dfen. Nicht aus absoluten Tatsachen, purer Not oder schierer Verzweiflung.<\/p>\n<p>Wenn man das einsieht, stellt sich auch die Frage der Strategie neu. Eine libert\u00e4re Strategie muss post-anarchistisch sein, weil sie nicht auf organische Volksmassenorganisationen aufbauen kann. Die dekolonisierenden K\u00e4mpfe sind immer auch K\u00e4mpfe gegen die Dominanzgesellschaft, gegen Lebensstile, die zur Norm erhoben und als solche durchgesetzt werden. Im Zentrum wie auch in den postkolonialen Peripherien. Insofern sind diese K\u00e4mpfe auch subkulturell, weil sie sich gegen das Einverst\u00e4ndnis weiter Teile der Bev\u00f6lkerung richtet.<\/p>\n<p>Eine postanarchistische Strategie aber sollte nicht im Postpunkkeller bleiben. Sie muss auch post-subkulturell sein. Sie greift die Umbenennung auf und damit ins kollektive Ged\u00e4chtnis ein. Warum also nicht organisieren?! Mit allen, die sich angesprochen f\u00fchlen und gegen Frontex und das Humboldt-Forum und gegen die V\u00f6lkerkundler dieser Erde. F\u00fcr eine \u00fcberraschende, grenzenlose Welt. Franzi Togoland und Susi Samoa, formiert Euch!<\/p>\n<p><b>Oskar Lubin<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stichworte zum Postanarchismus 1 Kamerum war eine Kolonie des Deutschen Reiches. Schorsch Kamerun ist S\u00e4nger der Postpunkband Die Goldenen Zitronen. Wieso tr\u00e4gt so einer solch einen Namen? Punk immerhin war ja auch als Affekt gegen den Nationalismus entstanden, in Deutschland insbesondere auch noch gegen die ganze Nazi-Verstricktheit der Lehrer*innen und des \u00f6ffentlichen Lebens. In seinem &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/02\/dekolonisierung\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Dekolonisierung - graswurzelrevolution","description":"Stichworte zum Postanarchismus 1 Kamerum war eine Kolonie des Deutschen Reiches. 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