{"id":17448,"date":"2018-02-01T00:00:00","date_gmt":"2018-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/02\/machnos-gewalt-und-die-kritik-von-anna-saksaganskaja\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:50","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:50","slug":"machnos-gewalt-und-die-kritik-von-anna-saksaganskaja","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/02\/machnos-gewalt-und-die-kritik-von-anna-saksaganskaja\/","title":{"rendered":"Machnos Gewalt und die Kritik von Anna Saksaganskaja"},"content":{"rendered":"<p>Es geht dabei um eine ph\u00e4nomenologische Beschreibung der Mikroebene von Gewalt- und Machtmechanismen bis hin zu Pogromen, Exzessen und Genoziden. In der gewaltfreien und anarchistischen Bewegung blieben diese Studien bisher weitgehend unbeachtet. ((2)) Das liegt vielleicht daran, dass sich diese Studien wenig mit staatlicher Gewalt befassten, ja den Staat sogar zuweilen als stabilisierenden, zivilisierenden Ordnungsfaktor und sozusagen als Rettungsanker vor \u00fcberbordender individueller oder Gruppengewalt rechtfertigten. Au\u00dferdem gibt es etwa bei Sofsky eine Art Fatalismus der Gewalt, der sie quasi als nat\u00fcrliches Ph\u00e4nomen beschreibt und damit den Blick auf gewaltfreie Handlungsm\u00f6glichkeiten und deren m\u00f6gliche Erfolge verstellt.<\/p>\n<p>Ich halte diese Ignoranz in der gewaltfreien und anarchistischen Rezeption f\u00fcr wenig hilfreich. Die Gewaltforschung stellt Probleme in den Mittelpunkt, die aktuell sind: etwa das Ph\u00e4nomen der &#8222;failed states&#8220; in B\u00fcrgerkriegssituationen. Dabei m\u00fcsste es auch f\u00fcr AnarchistInnen evident sein, dass die Aufl\u00f6sung, Zerst\u00f6rung oder kriegerische Zersetzung von Staaten nicht automatisch in eine freie, selbstorganisierte, nicht-hierarchische und gewaltfreie Gesellschaft m\u00fcndet, sondern oft in eine warlord-artige Phase verschiedener Gruppengewalten, Milizen und Pseudo-Armeen sowie internationaler Interventionsarmeen, die sich vom Krieg und der noch vorhandenen (nicht-gefl\u00fcchteten) Bev\u00f6lkerung ern\u00e4hren. Syrien, Irak, Sudan, Darfur, S\u00fcdsudan als j\u00fcngste Beispiele sprechen f\u00fcr sich. F\u00fcr AnarchistInnen bedeutet dies zumindest, dass die positive Aufbauarbeit, die Verbreitung libert\u00e4rer Inhalte, Entscheidungsstrukturen, Kommunen und Projekte weit wichtiger sind als die illusorische Hoffnung auf befreiende Aspekte &#8222;revolution\u00e4rer&#8220; Zerst\u00f6rung. Libert\u00e4re und basisdemokratische Strukturen entstehen nicht automatisch, sondern nur durch die langfristige Verbreitung einer libert\u00e4ren Kultur und ein Ein\u00fcben entsprechender ethisch-solidarischer Verhaltensweisen &#8211; auf Massenebene.<\/p>\n<h3>Die Machno-Bewegung in der Ukraine als Akteur in einem Gewaltraum<\/h3>\n<p>Felix Schnells Studie &#8222;R\u00e4ume des Schreckens&#8220; stellt die Machno-Bewegung in der Ukraine 1918-1921 als Beispiel f\u00fcr solche Gewaltexzesse in den Mittelpunkt. F\u00fcr Schnell sind die peripheren Gebiete des ehemaligen Zarenreiches nach 1917, also w\u00e4hrend des russischen B\u00fcrgerkrieges, ein &#8222;Gewaltraum&#8220;, in dem sich zahlreiche Gruppenmilizen und bewaffnete Kr\u00e4fte gegen\u00fcberstanden. Exzessive Gewaltanwendung war, so seine These, durch den Ersten Weltkrieg endemisch geworden. Nach dem Zerfall der in den Weiten des Zarenreiches fragilen Zentralgewalt der russischen Gro\u00dfst\u00e4dte wurden alle Konflikte in der Peripherie mit oft lokal entstandenen Gewaltformationen ausgek\u00e4mpft. Schnell begreift die Machno-Armee als eine solche Gewaltformation:<\/p>\n<p>&#8222;Die Machnowschtschina war eine an in Gewaltr\u00e4umen herrschende Bedingungen angepasste soziale Formation&#8220;, und sie war nur eine unter vielen. Gewaltakteure waren auch &#8222;die Bolschewiki, aber auch die Sozialrevolution\u00e4re und die Anh\u00e4nger der Rada-Regierung&#8220; ((3)), die unter einem Ataman (milit\u00e4rischer Oberbefehlshaber) 1917 die b\u00fcrgerliche Republik ausrief &#8211; dann die ausl\u00e4ndischen Interventionstruppen, Deutsche, \u00d6sterreicher, Polen, die wei\u00dfen Armeen unter Denikin und Wrangel. Auch die Bev\u00f6lkerungsgruppen, die vor diesem Hintergrund gegeneinander aufgehetzt wurden, waren vielz\u00e4hlig, hatten in derselben Region zuweilen sehr lange isoliert voneinander gelebt als Deutsche, MennonitInnen, Juden, Russen und Ukrainer mit jeweils verschiedenen Loyalit\u00e4ten, so dass Klassenantagonismen immer wieder durch ethnische Ressentiments und Pogrome an der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung durchkreuzt wurden. Alle Armeen und Milizen waren in st\u00e4ndiger Bewegung, es war ein mehrj\u00e4hriger Bewegungskrieg, der f\u00fcr die im Dorf verbliebenen Bauern und B\u00e4uerinnen verheerende Auswirkungen hatte, weil selbst eine mit ihnen sympathisierende Miliz wie diejenige Machnos sie nicht dauerhaft sch\u00fctzen konnte. Zu diesen strukturellen Bedingungen gesellt sich der individuelle Charakter Machnos.<\/p>\n<h3>Machno: F\u00fchrungsanspruch durch Gewalttaten<\/h3>\n<p>Nestor Machno stammte aus einer Bauernfamilie mit fr\u00fch verstorbenem Vater. Noch vor seiner Vollj\u00e4hrigkeit f\u00fchrte er in anarchistischen Gruppen bewaffnete Raub\u00fcberf\u00e4lle durch, wurde 1906 verhaftet, kam wegen Minderj\u00e4hrigkeit frei, wurde aber nach Denunziation aus seinem Heimatdorf Gulai-Pole (ukrainisch: Huljajpole) 1910 erneut verhaftet und zum Tode verurteilt. Die Strafe wurde in lebenslange Zwangsarbeit umgewandelt. Er kam 1917 infolge der Februarrevolution frei. Nun begr\u00fcndete er seinen Ruf in Gulai-Pole und Umgebung durch Gewalt:<\/p>\n<p>&#8222;Eine seiner ersten Aktionen dort war, Rache an denjenigen Personen zu nehmen, die seinerzeit durch ihre Aussagen zu seiner Verhaftung und Verurteilung beigetragen hatten. Die Namen erfuhr er aus den Akten der lokalen Polizeibeh\u00f6rden. Einen der Informanten zog er am helllichten Tage auf die Stra\u00dfe und schoss ihm eine Kugel in den Kopf, den zweiten warf er aus dem Fenster seines Hauses, den dritten schlie\u00dflich, einen Priester, enthauptete er. Danach wurde der leblose K\u00f6rper an ein Pferd gebunden und durch die Stra\u00dfen von Gulai-Pole geschleift.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Bezeichnend ist hier der \u00f6ffentliche Charakter der Hinrichtungen. Mit solchen Methoden, besonders sichtbar in St\u00e4dten oder gr\u00f6\u00dferen D\u00f6rfern, gelangte Machno zu seiner Machtstellung im Gewaltraum. Schnell: &#8222;Vom Charakter her soll Machno j\u00e4hzornig, aufbrausend, ungez\u00fcgelt gewesen sein. Er liebte es, Furcht zu verbreiten.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Durch solche Gewalttaten, d.h. eigenh\u00e4ndig ver\u00fcbte Hinrichtungen, wurde Machno erst zum &#8222;Batko&#8220;, was im Ukrainischen &#8222;Vater&#8220; bzw. &#8222;V\u00e4terchen&#8220; bedeutet, aber gleichzeitig die Bedeutung von &#8222;F\u00fchrer&#8220;, &#8222;Anf\u00fchrer&#8220; beinhaltet.<\/p>\n<h3>Die Quellen: Das Beispiel Anna Saksaganskaja (1876-1939)<\/h3>\n<p>Bei dieser Charaktereinsch\u00e4tzung bezieht sich Schnell u.a. auf die Einsch\u00e4tzungen von Anna Saksaganskaja. Ich muss hier bei der Darstellung einiger, l\u00e4ngst nicht aller Gewalttaten Machnos, die Schnell in einer schockierenden F\u00fclle dokumentiert, auf die Quellen der Forschung Schnells eingehen. Schlie\u00dflich gibt es viele Erinnerungen und schriftliche Zeugnisse, die entweder aus zaristischen Quellen, Quellen von Gutsbesitzern oder reichen Gro\u00dfbauern (&#8222;Kulaken&#8220;), Verwaltungsbeamten oder den Bolschewiki stammten, die alle nur eingeschr\u00e4nkt vertrauensw\u00fcrdig sind, weil sie ein handfestes Interesse an politischer Denunziation der Machno-Bewegung hatten. Schnell pr\u00fcft diese Quellen, wenn er sie \u00fcberhaupt verwendet, st\u00fctzt sich jedoch vor allem auf die bekannten Quellen der Machno-Mitstreiter Arschinoff und Volin; er betont dabei aber deren selbstkritische Stellen.<\/p>\n<p>Die Dokumentenlage zur Machno-Bewegung ist relativ gut. Es ist ein Gl\u00fccksfall, dass am 29. M\u00e4rz 1920 das Tagebuch von Machnos Ehefrau, Galina A. Kuzmenko, den Bolschewiki in die H\u00e4nde fiel und bis heute erhalten blieb. Schnell st\u00fctzt sich des Weiteren auf die Tageb\u00fccher von Aleksej Tschubenko, den langj\u00e4hrigen Adjudanten Machnos. Weniger vertraut Schnell auf die Autobiographie Machnos selbst ((6)), die die Zeit von M\u00e4rz 1917 bis April 1918 umfasst: &#8222;In Machnos Autobiographie spielt das eigene T\u00f6ten kaum eine Rolle. (&#8230;) Es ist jedoch eine gut belegte Tatsache, dass Machno sehr oft t\u00f6tete und sowohl im Kampf als auch bei Exekutionen grob gesch\u00e4tzt mehrere hundert Menschen mit eigener Hand umbrachte. (&#8230;) \u00dcber die Begleichung der alten Rechnungen erfahren wir in der Folge nichts. (&#8230;) \u00dcber das eigene T\u00f6ten redet man nicht, daf\u00fcr taten es andere.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Eine solche andere, f\u00fcr Schnell verl\u00e4ssliche Quelle ist nun Anna Saksaganskaja (1876-1939). Sie verschlug es 1919 in das Zentrum der Machno-Truppen. Sie verfasste ihre Erlebnisse in einer autobiographischen Schrift mit dem Titel &#8222;Unter der schwarzen Flagge&#8220;, die in der Sowjetunion nie ver\u00f6ffentlicht wurde, jedoch erhalten blieb. In ihrer Jugend geh\u00f6rte sie zu den SymbolistInnen, einer idealistischen Kunstrichtung, zu der etwa auch die Dichterin Hedwig Lachmann, die zweite Frau Gustav Landauers, gez\u00e4hlt wird. Anna Saksaganskaja verfasste Theaterst\u00fccke und Erz\u00e4hlungen. Im Fr\u00fchjahr 1919 fl\u00fcchtete sie vor dem Hunger in Petrograd zu ihrer Schwester und ihrem Schwager, die in Jekaterinoslaw ein Mietshaus besa\u00dfen. Zweimal eroberten die Machno-Truppen 1919 diese Stadt, beim ersten Mal nur vier Tage, beim zweiten Mal f\u00fcr sechs Wochen. Anna Saksaganskaja, so Schnell, &#8222;bewohnte mit einer K\u00f6chin ein paar Zimmer, als Machnos Soldaten in die Stadt einfielen und die Haust\u00fcr eintraten. (&#8230;) In dem Teil des Hauses wurden zehn Machno-Soldaten mit ihrem Anf\u00fchrer, einem Mann namens Fedja P., einquartiert. Diesem Mann, der eine gewisse Zuneigung zu ihr fasste, verdankte sie wahrscheinlich ihr Leben. Er trat als ihr Besch\u00fctzer auf und erreichte es, dass sie von niemandem bel\u00e4stigt wurde. (&#8230;) Ein anderer Schutz und eine gewisse Ablenkung bestanden darin, dass sie aufgrund ihrer F\u00e4higkeiten zu Vsevolod Volin bestellt wurde, der damals zu Machnos Gefolge geh\u00f6rte. Volin gab die Zeitung der Machno-Bewegung heraus, den &#8218;Weg zur Freiheit&#8216;, und konnte die Schriftstellerin in der Redaktion gut gebrauchen.&#8220; ((8))<\/p>\n<h3>Das Massaker von Jekaterinoslaw<\/h3>\n<p>Jekaterinoslaw wurde 1919 insgesamt, da haben HistorikerInnen gez\u00e4hlt, achtzehnmal von den unterschiedlichsten Milizen besetzt. Anna Saksaganskaja: &#8222;Die Stadt ging wie ein Fussball von der Hand einer k\u00e4mpfenden Partei in die andere&#8220; \u00fcber. Alle w\u00fcteten und raubten den jeweils ihnen feindlich gesinnten Teil der BewohnerInnen aus. Wesentlich ist nun, dass sich laut Anna Saksaganskaja die Machno-Truppen nicht qualitativ anders verhielten als die anderen Milizen der Wei\u00dfen oder dann der rote Terror der Bolschewiki. Besonders schlimm sei nach Saksaganskaja den BewohnerInnen die kurze Zeit der ersten Besetzung Machnos von vier Tagen angesichts ihrer Grausamkeit in Erinnerung. Auf der Stra\u00dfe sei beim Einmarsch auf alles geschossen worden, danach habe man das Gesch\u00e4ftszentrum der Stadt gepl\u00fcndert, dann zerst\u00f6rt. Inmitten seiner Truppen habe Machno an einem kleinen Feldgesch\u00fctz gestanden und auf die h\u00f6chsten Geb\u00e4ude feuern lassen. Am Ende h\u00e4tten mehr als dreihundert Leichen in den Stra\u00dfen gelegen. ((9))<\/p>\n<p>Bei der zweiten, l\u00e4ngeren Besetzung Machnos sei ihr Haus von seinen Truppen in eine Art Hotel oder Casino verwandelt worden. Anna Saksaganskaja: &#8222;Die Wohnung erinnerte an eine Durchgangsstra\u00dfe&#8220;, Alkohol sei in Str\u00f6men geflossen, Prostituierte seien von den Stra\u00dfen geholt worden, auf Gem\u00e4lde seien Zielschie\u00dfen veranstaltet worden. Sie konnte sich dem nicht entziehen. Sobald sie sich in ihre mit der K\u00f6chin bewohnte Kammer habe zur\u00fcckziehen wollen, habe Fedja P. sie geholt: &#8222;Es sei zu gef\u00e4hrlich, sonst z\u00f6ge sie den Verdacht auf sich, eine Gegnerin zu sein. Sie m\u00fcsse mit dabei sein und gute Miene zum b\u00f6sen Spiel machen. (&#8230;) Bei alledem war die Todesangst allgegenw\u00e4rtig: Anna Saksaganskaja wusste wie viele andere auch, dass in den sechs Wochen der Besetzung der Stadt t\u00e4glich am Ufer des Djnepr Menschen erschossen und ihre Leichen teils in den Fluss geworfen, teils einfach liegen gelassen wurden. (&#8230;) Es war nicht schwer, Opfer zu finden, wie sie [Anna S.; d.A.] bemerkte: Die Denunziation bl\u00fchte, Reiche, Kommunisten, Kritiker Machnos und schlie\u00dflich Intellektuelle fanden sich leicht. Die sogenannte |Abteilung f\u00fcr Gegenaufkl\u00e4rung&#8216; [eine Art Geheimdienst Machnos; d.A.] war noch ein relativ neuer Apparat und musste sich offenbar in den Augen des Batko als n\u00fctzlich und notwendig beweisen. Auch Volins N\u00e4he verb\u00fcrgte damit keine absolute Sicherheit. Als die Machno-Truppen schlie\u00dflich \u00fcberst\u00fcrzt aus der Stadt abziehen mussten, hatte sie [Anna S.; d.A.] das Gl\u00fcck, sich einer Verschleppung durch ihren Besch\u00fctzer Fedja P. gerade noch entziehen zu k\u00f6nnen.&#8220; ((10))<\/p>\n<p>Schnell fasst das Massaker von Jekaterinoslaw zur Zeit der zwei Machno-Besetzungen zusammen: &#8222;Opfer des Terrors wurden in erster Linie Wei\u00dfgardisten und Offiziere oder Personen, die f\u00fcr solche gehalten wurden, aber auch unter der Zivilbev\u00f6lkerung gab es Tote. Studenten, Kaufleute, B\u00e4cker und eine Gruppe von Juden werden in einem Dokument genannt. Auch die Arbeiter von Tschetschelewka, einer bereits im Jahre 1905 kurzzeitig existierenden und dann 1917 wiederbelebten Kommune, blieben nicht verschont.&#8220; ((11))<\/p>\n<h3>Konkurrenz zu anderen Miliz-Anf\u00fchrerInnen: Entscheidung durch Gewalt<\/h3>\n<p>Machnos Truppen waren keineswegs die einzige selbsternannt progressive, anarchistische oder sozialrevolution\u00e4re Miliz. Die Mechanismen auch der anderen linken Milizen waren jedoch immer dieselben, es gab einen klaren Anf\u00fchrer (auch Anf\u00fchrerin), der\/die sich durch Gewalt legitimieren musste und nur als sich durchsetzender Gewaltt\u00e4ter anerkannt wurde. Nichts war f\u00fcr den F\u00fchrungsanspruch so zersetzend wie die Niederlage im Gewaltduell unter konkurrierenden Anf\u00fchrerInnen.<\/p>\n<p>Schnell nennt neben den Machno-Truppen die sogenannten &#8222;gr\u00fcnen&#8220; Milizen der Antonow-Br\u00fcder, au\u00dferhalb der Reichweite Machnos; dann die Miliz des Ataman Grigorjew, urspr\u00fcnglich ein Sozialrevolution\u00e4r, der im B\u00fcrgerkrieg jedoch mehrfach die Seiten wechselte und den Machno in einer seiner eigenen Krisenphasen, in der Machno nur 4.000 Milizion\u00e4re hatte, aus Konkurrenzgr\u00fcnden im pers\u00f6nlichen Duell umbrachte, worauf der gr\u00f6\u00dfte Teil von Grigorjews Truppen autorit\u00e4tsh\u00f6rig zu Machno \u00fcberlief, wodurch dieser wieder \u00fcber 15.000 Mann verf\u00fcgte (H\u00f6hepunkt der Machno-Truppenst\u00e4rke Ende 1919: 80.000). ((12))<\/p>\n<p>Interessant ist der Fall der anarchistischen Milizenanf\u00fchrerin Marusja Nikiforowna, die ihre politische Sozialisation zuerst bei Machno durchlebte und danach lange eine Art halbautonome Truppe anf\u00fchrte. Sie war zusammen mit Machnos Ehefrau Galina Kuzmenko eine Ausnahme, denn bei Machno gab es sonst keine Milizion\u00e4rinnen. Auf Reisen geh\u00f6rten zwar Frauen zum Tro\u00df in W\u00e4gen, sie verrichteten aber Reproduktionsarbeiten f\u00fcr die m\u00e4nnliche Truppe (Kochen, Kleidern\u00e4hen usw.). Schnell: &#8222;Als Machnos Stern stieg und seine Macht gr\u00f6\u00dfer wurde, passte allerdings Marusjas Anarchismus zunehmend weniger in seine Pl\u00e4ne. Als sie einmal eine gro\u00dfe Summe Geld von Machno f\u00fcr ihre Truppe forderte (&#8230;), warf Machno sie kurzerhand aus einem Eisenbahnwaggon &#8211; womit die Freundschaft ein Ende hatte&#8220; (Quelle Tschubenko). Zwischendurch hatte Marusja allerdings mehrere tausend Mann Gefolge. Damit \u00fcberfiel sie Ende 1917 die Stadt Aleksandrowsk (Provinz Lugansk). Hier zeigten sich dieselben Mechanismen des Verprassens von gepl\u00fcnderten Waren wie bei Machno in Jekaterinoslaw: &#8222;Marusjas Truppe pl\u00fcnderte die |B\u00fcrger&#8216; gnadenlos aus. Ihre Soldaten kleideten sich teilweise in bunte Frauenkleider und Pelze, setzten Damenh\u00fcte auf, begossen sich mit Parf\u00fcm.&#8220; Obwohl sie damit durchaus b\u00e4uerliche Sympathien gewannen, fiel, &#8222;wie der Berichterstatter bemerkte, f\u00fcr die Armen der Stadt kaum etwas von dem Reichtum ab: Da die Anarchisten in Saus und Braus lebten, verbrauchten sie das Meiste selbst.&#8220; ((13))<\/p>\n<h3>Machnos Anarchismus: ein Primitivismus?<\/h3>\n<p>Anna Saksaganskaja, so Schnell, &#8222;interessierte sich bei all ihrer Angst (&#8230;) sehr f\u00fcr Machnos Anarchismus. Sie wollte schlicht und einfach wissen, was der Batko darunter verstand. Fedja P., ihr Besch\u00fctzer in den Tagen der Jekaterinoslawer Besetzung, warnte sie eindr\u00fccklich, Machno danach zu fragen: Der Batko liebte es nicht, \u00fcber diese Dinge zu reden. Seine eigene Ansicht war: |Was soll das schon f\u00fcr ein Anarchismus sein &#8211; es ist einfach ein R\u00e4uberismus.&#8216; Sie vers\u00e4umte aber keine M\u00f6glichkeit, andere mit F\u00fchrungsaufgaben betraute Mitglieder der Armee zu fragen, was es mit dem Anarchismus auf sich habe. Einer von ihnen sagte, dass es noch zu fr\u00fch daf\u00fcr sei, den Bauern politische Ziele zu erl\u00e4utern. Die Bauern lebten mehr von der Praxis als von der Theorie, au\u00dferdem sei ihnen die Idee des Anarchismus fremd.&#8220; ((14))<\/p>\n<p>Anders, so Sakganskaja, sei die Rolle Volins gewesen, mit ihm habe man &#8222;literarische Gespr\u00e4che&#8220; f\u00fchren k\u00f6nnen. Dessen anarchistische Zeitung &#8222;Weg zur Freiheit&#8220; sei aber &#8222;von den Aufst\u00e4ndischen offenbar kaum gelesen&#8220; worden. &#8222;Darauf angesprochen meinte ein Mitglied aus Machnos F\u00fchrungszirkel: Das sei Volins Sache. Er versuche damit, Machno zu beeindrucken. Machno aber brauche diese Zeitung nicht und schenke ihr keine Aufmerksamkeit.&#8220; ((15))<\/p>\n<p>Schnell bezweifelt sogar, dass Machno \u00fcberhaupt Anarchist gewesen sei. Diese Einsch\u00e4tzung halte ich f\u00fcr falsch, seine Freundschaft mit dem Anarchisten Arschinoff noch aus Moskauer Gef\u00e4ngnistagen war eindeutig. Machno war belesen, seine Selbstbezeichnung sollte erstgenommen werden. Es w\u00fcrde f\u00fcr uns die anarchistische Selbstkritik auch zu einfach machen, wenn wir Machno nicht als Anarchisten anerkennen w\u00fcrden. Doch bedeutsam ist nicht sein Selbstbekenntnis, sondern dass er es nicht f\u00fcr n\u00f6tig hielt, in seinen Reden an die b\u00e4uerliche Bev\u00f6lkerung den Anarchismus zu erkl\u00e4ren, ja auch nur das Wort Anarchismus zu verwenden. Wohl sprach er von &#8222;Land&#8220; und &#8222;Freiheit&#8220;, aber in einem apokalyptischen Sinne als Zerst\u00f6rung der verhassten St\u00e4dte, die den Bauern nur die Produkte requirierten. Schnell:<\/p>\n<p>&#8222;Wenn Machno zu Bauern sprach, redete er vom unvermeidlichen Untergang der St\u00e4dte, davon, dass frei lebende Menschen keine St\u00e4dte brauchten, dass man auch keine B\u00fcrger, keine Arbeiter brauchte, dass man sofort die St\u00e4dte verlassen und in die D\u00f6rfer, die Steppe, die W\u00e4lder gehen und dort ein neues, freies b\u00e4uerliches Leben beginnen sollte. (&#8230;) Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass w\u00e4hrend der sechs Wochen dauernden Besetzung Jekaterinoslaws im Jahre 1919 nicht nur alle beh\u00f6rdlichen Archive vernichtet wurden, sondern auch alle Bibliotheken.&#8220; ((16))<\/p>\n<p>Diese Intellektuellenfeindlichkeit und Zivilisationskritik erstreckte sich, so Schnell s\u00fcffisant, aber nicht auf die neueste Waffentechnik, f\u00fcr die sich Machno interessierte. Schnell sieht in dieser den Bauern vermittelten Vision eine Art &#8222;von |Steinzeitkommunismus&#8216; \u00e0 la Pol Pot oder Sendero Luminoso.&#8220; ((17))<\/p>\n<p>Hier bin ich nicht seiner Meinung, sondern finde, das kommt eher John Zerzans primitivistischem Anarchismus nahe, dessen Zerst\u00f6rungsvision ohne kulturell-libert\u00e4r aufgebaute Massenbasis einer positiven Alternative ebenfalls die Zerst\u00f6rung der St\u00e4dte impliziert und in einer Gewaltorgie enden kann.<\/p>\n<h3>Kein systematischer Antisemitismus, aber geringe Bedeutung der anarchistischen Ideologie<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges fielen in der Ukraine in zahllosen Judenpogromen Sch\u00e4tzungen zufolge 50.000 bis 250.000 Juden zum Opfer, f\u00fcr 1917 bis 1921 wird hier von HistorikerInnen sogar von einer &#8222;Vorstufe des Holocaust&#8220; gesprochen. ((18)) Schnell stellt dabei Machno eher als Ausnahme dar und glaubt hier seinen Memoiren, wonach ihm die Jahre 1905\/06 eine &#8222;gr\u00fcndliche Abneigung gegen den Antisemitisms&#8220; ((19))eingefl\u00f6\u00dft h\u00e4tten und er wegen der Pogromstimmung in der Bauernschaft besorgt war.<\/p>\n<p>Dies best\u00e4tigen auch andere HistorikerInnen, selbst wenn sie Machno gegen\u00fcber kritisch eingestellt sind, etwa Colin Darch in &#8222;The Myth of Nestor Machno&#8220; von 1985: &#8222;Alle seri\u00f6sen Darstellungen, die ich kenne, sind sich darin einig, dass der Vorwurf des systematischen Antisemitismus gegen Machno [der vor allem von den Bolschewiki erhoben wurde; d.A.] eine Erfindung ist.&#8220; Es m\u00fcsse, so Darch, &#8222;sogar betont werden, dass Machno Antisemitismus unter seinen Anh\u00e4ngern auf allen Ebenen bek\u00e4mpfte, mit betr\u00e4chtlichem Erfolg.&#8220; ((20))<\/p>\n<p>Schnell best\u00e4tigt das, spricht aber durchaus von Einzelf\u00e4llen, die aus Gr\u00fcnden der Zweckm\u00e4\u00dfigkeit zuweilen auch unbestraft blieben: &#8222;Gleichwohl ist es eine schlichte Tatsache, dass auch Machnos Soldaten Pogrome ver\u00fcbten. So etwa in der j\u00fcdischen Kolonie Garkaja, wo unter dem Kommando des [bulgarischen Machno-]Kommandeurs Demendschi Dutzende Menschen umgebracht wurden.&#8220; F\u00fcr Machnos Kommandeur hatte das keine Folgen, &#8222;weil der Bulgare als f\u00e4higer, n\u00fctzlicher und letztlich unersetzlicher Kommandeur galt&#8220;. Schnell: &#8222;Im Ganzen handelte es sich um Einzelf\u00e4lle und man kann nicht von einem Pogromautomatismus der Machno-Armee sprechen.&#8220; ((21)) Doch wie beim Anarchismus widersetzte sich Machno nicht offen der generellen Pogromstimmung gerade unter der Bauernschaft, die er wohl als quasi-nat\u00fcrlich anarchistisch einsch\u00e4tzte. So sind die vereinzelten Gewalttaten gegen j\u00fcdische D\u00f6rfer auch unter Machno f\u00fcr Schnell &#8222;ein Indiz daf\u00fcr, dass Ideologie in der Praxis des B\u00fcrgerkriegs eine eher geringe Bedeutung hatte&#8220;. ((22))<\/p>\n<h3>Offenbarungseid der Gewaltkultur Machnos: Hinrichtungen mit kalter Waffe<\/h3>\n<p>Viele Bestandteile der Gewaltkultur Machnos (und anderer Milizen), die Schnell untersucht hat, k\u00f6nnen hier nicht ausf\u00fchrlich dargestellt werden: die Rolle des Alkohols etwa, den das verhasste Zarenreich noch offiziell bek\u00e4mpft hatte, und der in den staatslosen Gewaltr\u00e4umen unter Bauern und bei den Milizen in Str\u00f6men floss und etwaige Skrupel bei Gewalttaten wirkungsvoll ertr\u00e4nkte. Nicht eingegangen werden kann hier auch auf die Gewalttaten gegen D\u00f6rfer der Deutschen und MennonitInnen in der Ukraine, die aufgrund ihres wirtschaftlichen Florierens und mehr oder weniger berechtigten Vorw\u00fcrfen der Kollaboration mit den deutschen und \u00f6sterreichischen Besatzungstruppen klassen\u00fcbergreifend und aufgrund ihrer Bev\u00f6lkerungszugeh\u00f6rigkeit verfolgt wurden.<\/p>\n<p>F\u00fcr Anna Saksaganskaja war Machno &#8222;schlicht ein Psychopath, ein seit Kindesbeinen gewaltt\u00e4tiger Mensch, der den jeweiligen Umst\u00e4nden entsprechend seine Krankheit auslebte&#8220;. ((23)) Schnell geht in seiner Analyse analytischer vor und beschreibt Gewalt als zentrale Qualifikation der F\u00fchrerschaft Machnos: &#8222;M\u00fcndliche Befehle Machnos endeten f\u00fcr gew\u00f6hnlich mit der Phrase: |&#8230; oder ich bringe dich um!&#8216; Auch Tschubenko hatte diesen Halbsatz oft geh\u00f6rt. (&#8230;) Als Tschubenko einmal einen Kavalleristen mit Diebesgut in der Tasche gestellt hatte und Machno zuf\u00e4llig dazukam, z\u00f6gerte er keine Sekunde, sondern zog seinen Revolver und erschoss den Mann.&#8220; Als sich zwei Anarchisten an der Kriegskasse der Machno-Truppen bereichern wollten und sie Tschubenko festnahm, &#8222;erschoss [sie] Machno Tschubenko zufolge buchst\u00e4blich in derselben Minute, in der er davon erfuhr.&#8220; Schnell: &#8222;Gerade der fast spontane Charakter seiner Handlungen repr\u00e4sentierte seine Machtvollkommenheit. Kaum etwas anderes repr\u00e4sentiert Herrschaft so absolut, wie Herr \u00fcber Leben und Tod zu sein.&#8220;<\/p>\n<p>Einmal richtete Machno einen der von ihm verhassten Priester folgenderma\u00dfen hin: Er zwang ihn mit Hilfe eines Genossen, auf eine Lokomotive zu steigen, deren Kessel unter Dampf stand, und hineinzuspringen. Als sich der Priester weigerte, halfen die beiden eigenh\u00e4ndig nach. &#8222;Laut Tschubenko soll Machno dazu gel\u00e4chelt und gesagt haben: |Hier, V\u00e4terchen, hast du die wahre H\u00f6lle &#8211; wenn du die Menschen mit dieser H\u00f6lle erschreckt hast, dann koste jetzt selbst davon!'&#8220; ((24))<\/p>\n<p>Machnos Gewalt f\u00e4rbte auf seine unmittelbaren MitstreiterInnen ab. \u00dcber eine Gewalttat seiner Frau berichtet Schnell:<\/p>\n<p>&#8222;Als einer der Unter-Atamane einen pl\u00fcndernden Machno-Soldaten festgenommen hatte, fragte er Galina Kuzmenko, was mit ihm geschehen solle &#8211; sie antwortete: |Erschie\u00df ihn, er versteht es ja doch nicht.&#8216; Galina Kuzmenko lie\u00df aber nicht nur t\u00f6ten, sondern t\u00f6tete auch mit eigener Hand&#8220;, weil, so Schnell, ihre Familie von den Bolschewiki umgebracht worden war. Sie selbst wird allerdings durch ihre Racheakte als gef\u00fchllos beschrieben: &#8222;Im Zusammenhang mit einer Vergeltungsaktion gegen die deutsche Siedlung Mariental hei\u00dft es: |Als wir aus dem Wirtschaftshof in die Steppe hinausgingen, fanden wir im Gras zwei M\u00e4nner, die sich dort mit Gewehren bewaffnet versteckt hatten. Sie wurden zerhackt.&#8216; &#8220; ((25))<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel daf\u00fcr, wie Machnos Gewalt abf\u00e4rbte: Machnos &#8222;Kommandant Kusenko, der gerade dabei war, einen Deutschen, den er aus dem Zug geschleift hatte, |mit dem Messer zu zerteilen&#8216;, gab protestierenden Beobachtern zur Antwort, Machno habe ihm das Recht dazu gegeben &#8211; und fertig.&#8220; ((26))<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist hier der hohe Anteil &#8222;kalter Waffen&#8220; anstatt von Pistolen und Gewehren bei direkten Hinrichtungen, also &#8222;Stich-, Hieb- und Hauwaffen&#8220;. Schnell: &#8222;Sie erforderten mehr physische Kraft, vor allem brachten sie den T\u00e4ter direkt mit dem Opfer in Kontakt (&#8230;), diese Art der T\u00f6tung ist auch schwieriger und deshalb prestigetr\u00e4chtiger.&#8220; ((27)) Je brutaler die Gewalt, desto st\u00e4rker somit der Anspruch auf eine hohe Stellung innerhalb der Hierarchie der K\u00e4mpfergemeinschaft, deren Basis, wie nun deutlich geworden sein sollte, auch bei Machnos Armee immer aus beidem bestand: aus Sympathie der b\u00e4uerlichen Bev\u00f6lkerung, aber auch aus Furcht und Schrecken.<\/p>\n<h3>Verzweiflung der Soldaten und Unm\u00f6glichkeit der Desertion<\/h3>\n<p>Anna Saksaganskaja &#8222;machte die Beobachtung, dass unter Machnos Soldaten viele waren, die an den Zielen des Batko und an ihrem eigenen Tun verzweifelten&#8220;. ((28)) Wieviele aus dieser Armee desertieren wollten, werden wir nie wissen k\u00f6nnen. Viele, auch anarchistische Chronisten der Machno-Bewegung, haben immer nur darauf hingewiesen, dass die Machno-Armee eine Zwangsrekrutierung unter Bauern nicht n\u00f6tig hatte, da die Bauerns\u00f6hne freiwillig die Machno-Armee verst\u00e4rkten. Das mag sein, doch nachdem sie die Realit\u00e4t ihres Gewaltraums von innen kennengelernt hatten, konnten sie nicht einfach zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Gruppenmitglieder der Machno-Armee &#8222;wurden schlicht und einfach von den anderen daran gehindert, die Gruppe zu verlassen: Wer davonlief, wer |desertierte&#8216;, wurde erschossen. Der Eintritt in die Armee des Batko war in der Regel zwanglos, der Austritt nur durch den Tod vorgesehen.&#8220; ((29))<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Verzweifelte gab es oft kein Zur\u00fcck. Der Hof der Eltern war inzwischen zerst\u00f6rt, es gab kein Hinterland im B\u00fcrgerkrieg, so wurde die Miliz fast zu einem geschlossenen System, es gab keinen Ort au\u00dferhalb, die eigene militante Gruppe war fast alternativlos.<\/p>\n<p>Dieser Mechanismus greift in allen B\u00fcrgerkriegen und f\u00fchrt faktisch zur Reproduktion der Milizen wie auch ihrer internen und externen weiteren Brutalisierung.<\/p>\n<h3>Simone Weils Diktum zur Brutalisierung im B\u00fcrgerkrieg<\/h3>\n<p>Besondere Dokumente f\u00fcr die Gewaltkultur der Machno-Armee sind Schnells Berichte dar\u00fcber, wie sich die Machno-Soldaten nach den Gewalttaten in der T\u00e4tergemeinschaft mit ihnen br\u00fcsteten. Schnell fasst hierzu Saksaganskajas Aufzeichnungen in &#8222;Unter der schwarzen Flagge&#8220; zusammen. Bei abendlichen Feiern trugen die Soldaten ihre &#8222;Heldentaten&#8220; vor:<\/p>\n<p>&#8222;Ihre Erz\u00e4hlungen trugen ausschlie\u00dflich blutigen Charakter. Jeder von ihnen bem\u00fchte sich, den anderen in seiner K\u00fchnheit zu \u00fcbertreffen &#8211; \u00fcber Menschen sprachen sie dabei wie Schlachter \u00fcber Vieh: umgebracht, erstochen, mit dem Messer abgestochen, Bauchaufschlitzen. Diese W\u00f6rter wurden mit Gel\u00e4chter begleitet. Dem Publikum gefielen diese Geschichten und kaum konnte einer zu Ende erz\u00e4hlen, so fing schon der andere seine nicht weniger blutige Geschichte an.&#8220; ((30))<\/p>\n<p>In einem anderen Gewaltraum, dem Spanischen B\u00fcrgerkrieg, hat die anarchosyndikalistische Philosophin Simone Weil \u00fcber die Brutalisierung im B\u00fcrgerkrieg aus eigenem Erleben \u00e4hnliche Beobachtungen angestellt. Sie schrieb in ihrem &#8222;Brief an Georges Bernanos&#8220; 1938:<\/p>\n<p>&#8222;Wenn die weltlichen oder geistlichen Autorit\u00e4ten [bei Machno handelte es sich um eine weltliche Autorit\u00e4t; d.A.] eine bestimmte Kategorie menschlicher Wesen f\u00fcr au\u00dferhalb der Gemeinschaft stehend und ihr Leben f\u00fcr wertlos erkl\u00e4ren, so dachte ich, dann gibt es f\u00fcr den Menschen nichts Nat\u00fcrlicheres, als zu t\u00f6ten. Wenn man wei\u00df, dass man ohne Risiko der Strafe oder des Vorwurfs t\u00f6ten kann, so t\u00f6tet man; oder zumindest l\u00e4chelt man denen aufmunternd zu, die es tun.&#8220; ((31))<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der Gewaltakte Machnos und seiner Armee wird deutlich, dass der Anarchismus in seiner Revolutionskonzeption ein Abgleiten in den B\u00fcrgerkrieg verhindern muss.<\/p>\n<p>Es fehlt mir das Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass in neueren Darstellungen der anarchistischen Geschichte die B\u00fcrgerkriegsanarchismen, und zwar sowohl in Form der Mexikanischen Revolution plus B\u00fcrgerkrieg, der ukrainischen Machno-Revolution plus B\u00fcrgerkrieg und auch der Spanischen Revolution plus B\u00fcrgerkrieg immer wieder soviel Raum bekommen und dabei kritische Betrachtungsweisen oft unerw\u00e4hnt bleiben &#8211; wie etwa bei der zweiteiligen arte-Filmdokumentation &#8222;Kein Gott, kein Herr&#8220; von 2013. ((32))<\/p>\n<p><b>N.O. 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