{"id":17462,"date":"2018-03-01T00:00:00","date_gmt":"2018-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/zwischen-cholera-und-hungersnot\/"},"modified":"2022-01-27T13:24:28","modified_gmt":"2022-01-27T11:24:28","slug":"zwischen-cholera-und-hungersnot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/zwischen-cholera-und-hungersnot\/","title":{"rendered":"Zwischen Cholera und Hungersnot"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mit mehr als 100.000 K\u00e4mpfern waren die schiitischen Houthi-Rebellen die gr\u00f6\u00dfte und kampferprobteste Gruppierung innerhalb der heterogenen Aufstandsbewegung. Aus dem Norden kommend brachten sie gro\u00dfe Teile der bev\u00f6lkerungsreichen Landesteile im S\u00fcden und Westen unter ihre Kontrolle. 2014 gingen die Houthis irrwitzigerweise eine Zweckehe mit dem zuvor gest\u00fcrzten Diktator Saleh ein, um zusammen mit Saleh-treuen Milizen und meuternden Teilen des Milit\u00e4rs, die noch immer unter Salehs Kommando standen, im Januar 2015 schlie\u00dflich den Pr\u00e4sidentenpalast in Sana&#8217;a zu st\u00fcrmen. Die Houthis \u00fcbernahmen de facto den Regierungsapparat des Jemen. Pr\u00e4sident Hadi &#8211; ein treuer Verb\u00fcndeter Saudi-Arabiens &#8211; wurde unter Hausarrest gestellt, konnte jedoch unter dem Schutz einer Burka seinen Wachen entkommen und schlie\u00dflich \u00fcber Aden ins saudi-arabische Riad fliehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 26. M\u00e4rz 2015 startete daraufhin eine von den Saudis dominierte und vom Westen unterhaltene Koalition von neun arabischen Staaten die Bombardierung des Jemen mit dem Ziel, die Houthis zur\u00fcck in die Sa&#8217;da-Region im Norden zu vertreiben und den Saudi-Proteg\u00e9 Hadi wieder an die Macht zu bringen. Nachdem der gest\u00fcrzte Diktator Saleh Ende letzten Jahres erneut die Loyalit\u00e4ten wechselte und sich auf die Seite Hadis und die der Saudi-Koalition schlug, attackierten die Houthis seine Residenz in Sana&#8217;a und t\u00f6teten ihn schlie\u00dflich bei seinem Fluchtversuch aus der Stadt nur einen Tag nach der \u00f6ffentlichen Bekanntgabe seines Seitenwechsels. In der Folge von Salehs Tod eskalierte die Gewalt aufs Neue, von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterst\u00fctzte separatistische Bewegungen im S\u00fcden gewinnen immer mehr an Einfluss und das Land steht erneut am Rande der Aufspaltung in Nord- und S\u00fcdjemen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Krieg im Jemen ist gekennzeichnet von extremer Gewalt gegen Zivilist*innen und zivile Infrastruktur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei macht sich vor allem die Saudi-Koalition schwerer Kriegsverbrechen schuldig, wie die Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch und Amnesty International in ihren Berichten unzweideutig feststellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne die Unterst\u00fctzung westlicher Staaten w\u00e4re die Bombardierung des Jemen undenkbar und so tragen insbesondere die USA, Deutschland, Gro\u00dfbritannien, Frankreich, Italien und Kanada durch Waffenlieferungen, Luftbetankung saudischer Kampfjets, Bereitstellung von Logistik und Geheimdienstinformationen oder Entsendung von Milit\u00e4rberatern eine zentrale Mitschuld an den Kriegsverbrechen der Saudi-Koalition.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die gr\u00f6\u00dfte humanit\u00e4re Katastrophe der Welt&#8220;<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber 3 Millionen Menschen sind im Jemen auf der Flucht im eigenen Land. Laut Zahlen der UN sind seit Beginn der Bombardements im M\u00e4rz 2015 \u00fcber 45.000 Menschen durch Kriegshandlungen verletzt und weit \u00fcber 10.000 Menschen get\u00f6tet worden, darunter \u00fcber 8.000 Zivilist*innen, wobei die tats\u00e4chlichen Zahlen wohl deutlich dar\u00fcber liegen, wie Reuters berichtet. UNICEF gibt die Zahl get\u00f6teter Kinder mit mehr als 1.600 an. Die Saudi-Koalition ist verantwortlich f\u00fcr die \u00fcberwiegende Mehrheit der Opfer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch diese Zahlen sind nur die Spitze eines Eisbergs. Es ist komplex, denn neben den Saudis, dem jemenitischen Milit\u00e4r, den Houthi-Rebellen, ISIS und Al-Qaida w\u00fcten als direkte Folge des Krieges im Jemen noch zwei weitere todbringende Kr\u00e4fte: die Cholera und der Hunger. Laut aktuellen Zahlen der UN sind von den 26 Millionen Einwohner*innen des Jemen knapp 21 Millionen Menschen auf humanit\u00e4re Hilfe angewiesen, 76 Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung. Die UN bezeichnet den Jemen als &#8222;die gr\u00f6\u00dfte humanit\u00e4re Katastrophe der Welt&#8220; &#8211; und doch k\u00f6nnte der Krieg in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung kaum weniger pr\u00e4sent sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Amnesty International wirft s\u00e4mtlichen Kriegsparteien Verletzungen des V\u00f6lkerrechts und der Menschenrechte vor, so werden den Houthi-Truppen willk\u00fcrliche Inhaftierungen, der Einsatz von Landminen sowie der Beschuss ziviler Einrichtungen insbesondere im belagerten Ta&#8217;iz vorgeworfen. Doch in Quantit\u00e4t wie Qualit\u00e4t sind es vor allem die massiven Kriegsverbrechen der Saudi-Koalition, die den Jemen an den Rand des Zusammenbruchs dr\u00e4ngten. Die Koalition f\u00fchre &#8222;wahllose, unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige oder gegen Zivilisten und zivile Objekte gerichtete&#8220; Luftschl\u00e4ge durch, so Amnesty mit Formulierungen, die explizit Bezug aufs humanit\u00e4re V\u00f6lkerrecht nehmen. Angriffe auf Schulen, Hotels, Marktpl\u00e4tze, Wohnviertel und Krankenh\u00e4user sind wohl dokumentiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die saudische Luftwaffe bombardierte die Beerdigung des Vaters des Houthi-Innenministers mit Raketen made in USA und t\u00f6tete dabei 140 Menschen und verletzte 525 weitere. Eine Hochzeitsfeier am Roten Meer wurde von den Saudis bombardiert, wobei 131 Menschen starben. Ein saudischer Apache-Helikopter attackierte ein Fl\u00fcchtlingsboot, das vom Jemen Richtung Sudan aufbrach, und t\u00f6tete dabei 42 Menschen. Die Saudi-Koalition setzt massenhaft international ge\u00e4chtete Clusterbomben ein, welche aufgrund des hohen Anteils an Blindg\u00e4ngern auf Jahrzehnte eine Gefahr f\u00fcr Leib und Leben der Zivilbev\u00f6lkerung darstellen. Auch wird mit Br\u00fccken, Stra\u00dfen, Wasserwerken, H\u00e4fen sowie der Telekommunikation und der Stromversorgung gezielt die Infrastruktur des Jemen angegriffen. Im gro\u00dfen Stil werden Lebensmittelfabriken und Anlagen der ohnehin sp\u00e4rlichen Industrie vors\u00e4tzlich zerst\u00f6rt, weshalb die New York Times von einer &#8222;systematischen Ausl\u00f6schung&#8220; der jemenitischen Wirtschaft spricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Saudische Kampfjets haben viele schiitische Moscheen zerst\u00f6rt, was zu einer Aufheizung des sektiererischen Charakters des Krieges f\u00fchrte, obwohl in der Vergangenheit die Konfession im Jemen kaum eine Rolle spielte. Au\u00dferdem wurde durch Angriffe ein Gro\u00dfteil des unendlich wertvollen und Jahrtausende alten kulturellen und arch\u00e4ologischen Erbes im Jemen, oft als &#8222;lebendes Museum&#8220; bezeichnet, buchst\u00e4blich pulverisiert. Die UNESCO sah sich daher gezwungen, auch die beiden letzten jemenitischen St\u00e4tten des Weltkulturerbes auf ihre rote Liste der gef\u00e4hrdeten St\u00e4tten zu setzen. Der renommierte Arch\u00e4ologe Lamya Khalidi bezichtigt die Saudis des &#8222;kulturellen Vandalismus&#8220;.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Die Choleraepidemie &#8211; &#8222;vollst\u00e4ndig menschengemacht&#8220;<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer kleineren Welle 2016 brach im Jemen als Folge des Krieges ab Mai 2017 die global verheerendste Choleraepidemie seit Beginn der modernen Aufzeichnungen aus. Ausgehend von der von Houthi-Rebellen gehaltenen Hauptstadt Sana&#8217;a erfasste die Infektionskrankheit rasch auch die l\u00e4ndlichen Gebiete des Landes mit dem Ergebnis, dass Ende 2017 die unvorstellbare Marke von 1.000.000 infizierten Menschen durchbrochen wurde, mehr als 2.200 Menschen sind bereits an den Folgen gestorben, so die Zahlen vom Internationalen Roten Kreuz und der Weltgesundheitsorganisation. &#8222;Jeden Tag z\u00e4hlen wir im ganzen Land mindestens 5.000 bis 10.000 neu gemeldete F\u00e4lle,&#8220; berichtet Geert Cappelaere von UNICEF Middle East. &#8222;Das ist noch nie dagewesen.&#8220; Allein im Mai 2017 sind mehr als f\u00fcnfmal so viele Menschen durch die Cholera gestorben wie durch die Kriegshandlungen selbst, im Juni 2017 starb alle 45 Minuten ein Mensch an den Folgen der Krankheit. Betroffen sind insbesondere Junge und Alte, so kommt die H\u00e4lfte aller Todesopfer aus den Gruppen der unter 5- und \u00fcber 60-J\u00e4hrigen. Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre stellen mehr als die H\u00e4lfte aller Infizierten. Alle 35 Sekunden steckt sich ein weiteres Kind an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mitte Mai 2017 erkl\u00e4rte das mit der Epidemie vollkommen \u00fcberforderte Houthi-Gesundheitsministerium den Ausnahmezustand und forderte Hilfe der internationalen Gemeinschaft. Cholera ist normalerweise eine einfach und billig vorzubeugende und zu behandelnde Krankheit, nur in schweren F\u00e4llen m\u00fcssen Antibiotika gegeben werden. Salz- und Zuckerl\u00f6sungen reichen in der Regel zur Behandlung aus. Doch wie sollen diese L\u00f6sungen anger\u00fchrt werden, wenn zwei Drittel der Bev\u00f6lkerung keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben? Neben den zerst\u00f6rten Wasser- und Kanalisationssystemen und dem millionenfachen Mangel an Impfungen ist es vor allem das dezimierte und vollkommen \u00fcberlastete Gesundheitssystem, das den Choleraausbruch im Jemen zu dieser pr\u00e4zedenzlosen Katastrophe anwachsen lie\u00df. All diese Faktoren sind in erster Linie vom Krieg verursacht oder dramatisch von ihm versch\u00e4rft worden: &#8222;Dieser t\u00f6dliche Cholera-Ausbruch ist die direkte Folge von zwei Jahren heftigen Konflikts,&#8220; erkl\u00e4ren die K\u00f6pfe von UNICEF und WHO in einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung. &#8222;Durch den Zusammenbruch der Gesundheits-, Wasser- und Sanit\u00e4rsysteme wurden 14,5 Millionen Menschen vom regelm\u00e4\u00dfigen Zugang zu sauberem Wasser und sanit\u00e4ren Anlagen abgeschnitten, wodurch sich die Krankheit weiter ausbreiten konnte.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Dieser Choleraskandal ist vollst\u00e4ndig menschengemacht&#8220;, urteilt daher auch UN-Nothilfekoordinator Stephen O&#8217;Brien kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt. Neben strukturellen Problemen m\u00fcssen vor allem die unabl\u00e4ssigen Bombardements der Saudi-Koalition f\u00fcr diesen Zustand verantwortlich gemacht werden. In Verletzung jeglichen Kriegsrechts werden systematisch Krankenh\u00e4user in Houthi-Territorien mit der perfiden Absicht bombardiert, die Houthis auf diese Weise zu schw\u00e4chen. Allein in den ersten neun Monaten des Krieges kam es zu 130 Angriffen auf Gesundheitseinrichtungen, obwohl &#8211; oder weil? &#8211; dem saudischen Milit\u00e4r pr\u00e4ventiv die GPS-Koordinaten der Krankenh\u00e4user \u00fcbermittelt wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Internationale Hilfsorganisationen wie \u00c4rzte ohne Grenzen, deren Einrichtungen mindestens viermal bombardiert wurden, mussten \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume hinweg aus Selbstschutz ihre T\u00e4tigkeit im Jemen einstellen.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Hunger als milit\u00e4rische Waffe<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben dem vors\u00e4tzlich zerst\u00f6rten Gesundheitssystem ist die massive Choleraepidemie auch untrennbar mit der zweiten gro\u00dfen Katastrophe im Jemen verkn\u00fcpft: der Hungerkatastrophe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn an Unter- oder Mangelern\u00e4hrung leidende Menschen sind kaum in der Lage, aus eigener Kraft heraus gegen die Cholera anzuk\u00e4mpfen. Au\u00dferdem sind die Symptome bei hungernden Menschen gravierender und verschlechtern sich schneller. Alle zehn Minuten stirbt im Jemen ein Kind aufgrund von problemlos vermeidbaren Krankheiten wie Durchfall, Atembeschwerden, Unterern\u00e4hrung oder der Cholera, so die ersch\u00fctternde Bilanz von UNICEF, 1.000 Kinder jede Woche. &#8222;Kinder sterben, weil ihnen wegen des Konflikts dringend ben\u00f6tigte Gesundheitsversorgung und Ern\u00e4hrung verwehrt bleiben,&#8220; meint Dr. Meritxell Rela\u00f1o, der Jemen-Beauftrage von UNICEF. &#8222;Ihr Immunsystem ist schwach von Monaten des Hungers.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Laut dem aktuellen Lagebericht des Weltern\u00e4hrungsprogramms der UN sind 17 Millionen Menschen im Jemen von Nahrungsmittelknappheit bedroht, was 65 Prozent der Bev\u00f6lkerung entspricht, 6,8 Millionen Menschen sind akut von Hunger bedroht. \u00dcber zwei Millionen Kinder sind schwerstens unterern\u00e4hrt, dazu kommen \u00fcber eine Million Schwangere oder stillende M\u00fctter. Der Hunger ist die Gei\u00dfel des Jemen, die buchst\u00e4blich die Gesellschaft auseinanderrei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wird von der Saudi-Koalition regelrecht als Waffe eingesetzt, als milit\u00e4rische Strategie, um die Bev\u00f6lkerung zur Revolte gegen die Houthis anzustacheln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gr\u00fcnde der Hungerkatastrophe liegen einerseits auf der Nachfrageseite. So st\u00fcrzte die jemenitische Wirtschaft als Folge des Krieges in die verheerendste Krise seit den sp\u00e4ten 1960er Jahren, kriegsinduziert ist das jemenitische Finanzsystem nahezu vollst\u00e4ndig kollabiert. Die Zentralbank in Sana&#8217;a ist au\u00dferstande, die L\u00f6hne der im \u00f6ffentlichen Sektor Besch\u00e4ftigten zu zahlen. Seit Beginn des Krieges st\u00fcrzte der jemenitische Rial ab und lie\u00df so die Preise auf Nahrungsmittel in die H\u00f6he schie\u00dfen. Viele Menschen k\u00f6nnen sich Essen schlicht und ergreifend nicht mehr leisten und sehen sich gezwungen, Hab und Gut zu ver\u00e4u\u00dfern. Mehr als die H\u00e4lfte aller jemenitischen Haushalte kauft Nahrung auf Kredit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fataler ist jedoch die Angebotsseite. Vor dem Krieg importierte der Jemen 85 Prozent seiner Medikamente und 90 Prozent seiner Nahrungsmittel aus dem Ausland. Unter dem Vorwand, Waffenlieferungen an die Houthis zu unterbinden, verh\u00e4ngt Saudi-Arabien seit Fr\u00fchjahr 2015 eine Seeblockade gegen den Jemen, die das UN-Menschenrechtskommissariat als v\u00f6lkerrechtswidrig und &#8222;schwerwiegenden Bruch grundlegender Menschenrechtsnormen&#8220; bezeichnet. Die saudische Marine patrouilliert in jemenitischen Gew\u00e4ssern und weist willk\u00fcrlich einen Gro\u00dfteil ankommender Containerschiffe ab oder setzt sie \u00fcber Monate und vereinzelt l\u00e4nger als ein Jahr vor der K\u00fcste fest, wie Reuters ausf\u00fchrlich dokumentiert, sogar UN-Schiffe mit Hilfsg\u00fctern werden von den Saudis abgewiesen. Innerhalb weniger Wochen nach Einrichten der Seeblockade brach der gesamte Import in den Jemen um 85 Prozent ein, seit \u00fcber zwei Jahren erreichte kein einziger Container mit Medikamenten den Hode\u00efda Port, den wichtigsten Industriehafen im Jemen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jene Waren, die nach saudischer Endlosb\u00fcrokratie schlie\u00dflich doch abgeladen werden k\u00f6nnen, m\u00fcssen auf dem Landweg ins Houthi-Territorium in den Norden gebracht werden und dabei Hunderte Checkpoints durchqueren. Diese extrem zeit- und geldfressenden Willk\u00fcrma\u00dfnahmen machen Nahrungsmittelimporte aus offensichtlichen Gr\u00fcnden faktisch unm\u00f6glich und halten au\u00dferdem regionale und internationale Spediteure systematisch davon ab, mit dem Jemen \u00fcberhaupt Handel zu treiben, mit dem Ergebnis, dass insbesondere Medikamente und Lebensmittel zur Mangelware werden. Durch die extreme Verknappung steigen Nahrungsmittelpreise rasant an und die Hungerkatstrophe versch\u00e4rft sich weiter. Die Seeblockade der Saudis t\u00f6tet so jeden Tag Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollte die Blockade der Saudis weiterhin aufrechterhalten und Nahrungsmittellieferungen unterbunden werden, erkl\u00e4rte UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock Anfang November 2017 dem UN-Sicherheitsrat, wird dies &#8222;die gr\u00f6\u00dfte Hungersnot, die die Welt seit vielen Jahrzehnten gesehen hat&#8220;. Anders als bei der Hungersnot im &#8222;S\u00fcdsudan Anfang des Jahres mit Zehntausenden Betroffenen&#8220; oder der &#8222;Hungersnot in Somalia 2011, bei der 250.000 Menschen ihr Leben lie\u00dfen&#8220;, so Lowcock weiter, wird es im Jemen &#8222;Millionen von Opfern&#8220; geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der jemenitische Luftraum wird durch die Saudis ebenfalls hermetisch abgeriegelt, und auch diese Blockade kostet jeden Tag Menschenleben. Aufgrund der erzwungenen Schlie\u00dfung des Flughafens in der Hauptstadt Sana&#8217;a, \u00fcber den j\u00e4hrlich normalerweise Tausende Menschen zur Behandlung komplizierter Krankheiten ins Ausland ausfliegen, finden diese Menschen nun im gro\u00dfen Stile ihren Tod im Jemen. Das norwegische Fl\u00fcchtlingswerk gibt an, dass allein in den ersten zw\u00f6lf Monaten nach der Schlie\u00dfung des Sana&#8217;a Airport mehr Menschen an den Folgen gestorben sind &#8211; 10.000 &#8211; als durch direkte Kampfhandlungen w\u00e4hrend der gesamten Dauer des Krieges.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hunger, Cholera, das Gesundheitssystem in Tr\u00fcmmern, See- und Luftblockaden: all diese todbringenden Sekund\u00e4rph\u00e4nomene tauchen in den Opferstatistiken des Krieges nicht auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie lassen die nackten Zahlen der durch Gewehre und Raketen get\u00f6teten Menschen auf ein Vielfaches anwachsen.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wir sind noch am Leben&#8220;<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Recherchen zum Thema Jemen-Krieg finden sich auf entsprechenden Fotos und in Videos immer wieder herzzerrei\u00dfende Bilder von Babys und Kleinkindern, die, ausgezehrt von Hunger und Cholera, in den Armen ihrer verzweifelten M\u00fctter, oder auf Bahren in zerst\u00f6rten Krankenh\u00e4usern liegen. Die besch\u00e4mende Wucht dieser Bilder der jemenitischen Kinder, die ihre letzten physischen Kr\u00e4fte f\u00fcr gelegentliche Atemz\u00fcge aufwenden, gerade so noch nicht tot, ist ein Schlag ins Gesicht des Menschheitsgewissens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als monstr\u00f6ses Zeugnis der Schande menschengemachten Elends sollten sie ebenso ihren Weg ins kollektive Bewusstsein finden wie die Bilder der ausgemergelten Buchenwald-H\u00e4ftlinge oder die der vom Agent Orange missgebildeten Kinder in Vietnam. Doch der Jemen scheint unendlich weit weg, der brutale Krieg findet einfach keinen Platz in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie schon im Jahr zuvor versammelten sich auch zum zweiten Jahrestag des Kriegsbeginns im M\u00e4rz 2017 Hunderttausende Menschen in Sana&#8217;a und f\u00fcllten soweit das Auge reicht den Al-Sabeen Square der Hauptstadt, um lager\u00fcbergreifend gegen den brutalen Angriffskrieg der Saudi-Koalition zu demonstrieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Dies ist eine Botschaft an die Welt,&#8220; erz\u00e4hlt Essam al-Abed, einer der K\u00f6pfe der Demonstration, &#8222;um allen da drau\u00dfen zu sagen, dass das jemenitische Volk trotz zwei Jahren Krieg noch immer triumphiert, noch immer am Leben ist und noch immer den Frieden liebt.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit mehr als 100.000 K\u00e4mpfern waren die schiitischen Houthi-Rebellen die gr\u00f6\u00dfte und kampferprobteste Gruppierung innerhalb der heterogenen Aufstandsbewegung. 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