{"id":17464,"date":"2018-03-01T00:00:00","date_gmt":"2018-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/weiblich-unabhaengig-radikal-charismatisch\/"},"modified":"2022-01-28T11:48:05","modified_gmt":"2022-01-28T09:48:05","slug":"weiblich-unabhaengig-radikal-charismatisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/weiblich-unabhaengig-radikal-charismatisch\/","title":{"rendered":"Weiblich, unabh\u00e4ngig, radikal, charismatisch"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Louise Michel (1830-1905), Kommunardin und die wohl bekannteste Anarchistin des 19. Jahrhunderts, ist gewisserma\u00dfen eine Sehnsuchtsfigur der Revolte: weiblich, unabh\u00e4ngig, radikal und charismatisch. Schon zu Lebzeiten wurde sie zur Ikone, als &#8222;rote Jungfrau&#8220; besungen von Victor Hugo, als unbeugsame Gefangene gemalt von Jules Girardet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinter der Projektion die echte Person zu entdecken, ist niemals leicht. In diesem Fall ist es aber besonders schwer, weil neben den vielen Imaginationen \u00fcber Louise Michel von ihr selbst kaum eigene Texte \u00fcberliefert sind. Sie war Aktivistin, nicht Autorin, sie bevorzugte das gesprochene Wort vor dem geschriebenen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daher ist es kein Wunder, dass ihre Memoiren, die sie in den 1880er Jahren im Gef\u00e4ngnis verfasste, von besonderem Interesse sind. Sie sind allerdings auch keine ganz einfache Lekt\u00fcre. Louise Michel schreibt assoziativ, in Geschichten, springt bei der Schilderung von Ereignissen in der Zeit vor und zur\u00fcck, kurz: Sie liefert alles M\u00f6gliche, aber eben genau keine koh\u00e4rente Erz\u00e4hlung des eigenen Lebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer wieder standen Herausgeber deshalb vor der Frage, wie sie dieses Material aufbereiten sollen. Fr\u00fchere Ausgaben haben meist versucht, durch K\u00fcrzungen, Umstellungen und erg\u00e4nzende Zus\u00e4tze ein halbwegs koh\u00e4rentes Textgebilde zu schaffen, oft sogar, ohne das zu kennzeichnen. Diese Neuausgabe greift hingegen so wenig wie m\u00f6glich in den urspr\u00fcnglichen Text ein, hilft aber mit zahlreichenden erl\u00e4uternden Fu\u00dfnoten beim Verst\u00e4ndnis des Textes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was mehr als notwendig ist, denn Louise Michel schreibt f\u00fcr ein zeitgen\u00f6ssisches Publikum, sie setzt also vieles an Informationen voraus, das man heute gar nicht wissen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer von der Lekt\u00fcre &#8222;Memoiren&#8220; im \u00fcblichen Sinne erwartet, wird aber nicht nur vom unsystematischen und assoziativen Schreibstil \u00fcberrascht sein, sondern m\u00f6glicherweise auch vom Inhalt etwas entt\u00e4uscht. Denn das, was viele wohl am meisten von Louise Michel h\u00f6ren wollen &#8211; eine Analyse der Ereignisse der Pariser Kommune n\u00e4mlich &#8211; fehlt fast v\u00f6llig. Das ist einerseits \u00fcberraschend, andererseits aber vielleicht auch nicht, weil Louise Michel zwar im nachhinein zur ber\u00fchmtesten Kommunardin stilisiert wurde. Zu jener Zeit selbst war sie aber keineswegs die wichtigste. Anders als viele andere Kommunardinnen, die aus feministischen oder sozialistischen Bewegungen kamen, hat sich Michel eigentlich erst w\u00e4hrend der Kommune so richtig politisiert. Zur Anarchistin ist sie auch erst sp\u00e4ter geworden, w\u00e4hrend der Kommune selbst geh\u00f6rte sie noch zum Fl\u00fcgel der Blanquisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genauso wie ihr Lebensgef\u00e4hrte aus dieser Zeit, Th\u00e9ophile Ferr\u00e9, der nach der Kommune hingerichtet wurde. Auch \u00fcber diese Beziehung &#8211; die einzige heterosexuelle Liebesbeziehung Michels, von der wir wissen &#8211; erfahren wir in den Memoiren kaum etwas, lediglich einige Hinweise zu den Umst\u00e4nden von Ferr\u00e9s ungl\u00fccklicher Verhaftung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ihre pers\u00f6nlichen Beziehungen betrifft, so sind Louise Michels Memoiren vollst\u00e4ndig von denen zu Frauen gepr\u00e4gt. An aller erster Stelle steht dabei die Beziehung zu ihrer Mutter, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch zieht. Das Verh\u00e4ltnis muss au\u00dferordentlich eng gewesen sein, alles, was Michel \u00fcber ihre Mutter schreibt, ist von gro\u00dfer Zuneigung und Dankbarkeit gepr\u00e4gt. Aber noch viele andere Frauen spielen Hauptrollen in Michels Erinnerungen: Gro\u00dfmutter und Tanten, die Freundin, mit der sie nach Paris ging, die Schulleiterin, bei der sie ihre erste Anstellung als Lehrerin fand und mit der sie sp\u00e4ter selbst eine Schule gr\u00fcndete, ihre Schw\u00e4gerin Marie Ferr\u00e9, sp\u00e4ter die Frauen, die mit ihr im Gef\u00e4ngnis waren oder ebenso in die Verbannung nach Neukaledonien geschickt wurden. Insofern ist das Buch auch ein wichtiges Dokument \u00fcber Frauennetzwerke und ihre Bedeutung zur damaligen Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erg\u00e4nzt wird der Band durch Abschriften von Zeitungsartikeln, Gedichte und Prozessberichte. Auch solche Quellen machen die Lekt\u00fcre nat\u00fcrlich nicht unbedingt leichter, aber wenn man den Band einfach zum Schm\u00f6kern heranzieht ohne den Anspruch, jedes Detail sofort zu verstehen, gewinnt man einen wirklich interessanten Einblick in das Leben und vor allem in die Gef\u00fchlswelt der &#8222;echten&#8220; Louise Michel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Louise Michel (1830-1905), Kommunardin und die wohl bekannteste Anarchistin des 19. Jahrhunderts, ist gewisserma\u00dfen eine Sehnsuchtsfigur der Revolte: weiblich, unabh\u00e4ngig, radikal und charismatisch. Schon zu Lebzeiten wurde sie zur Ikone, als &#8222;rote Jungfrau&#8220; besungen von Victor Hugo, als unbeugsame Gefangene gemalt von Jules Girardet. 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