{"id":17465,"date":"2018-03-01T00:00:00","date_gmt":"2018-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/ursula-k-le-guin\/"},"modified":"2022-01-27T13:43:45","modified_gmt":"2022-01-27T11:43:45","slug":"ursula-k-le-guin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/ursula-k-le-guin\/","title":{"rendered":"Ursula K. Le Guin"},"content":{"rendered":"<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Ein Nachruf<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ursula K. Le Guin, Autorin zahlreicher Romane aber auch politischer Essays, ist am 22. Januar im Alter von 88 Jahren gestorben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ursula K. Le Guin hat uns gezeigt, was Science Fiction sein kann, um uns zu zeigen, was wir sein k\u00f6nnten&#8220; twitterte Benni B\u00e4rmann (@benni_b) kurz nach ihrem Tod, und das trifft die Sache sehr genau. Unter Anarchist_innen ist Le Guin vor allem f\u00fcr ihren 1974 erschienenen Roman &#8222;Planet der Habenichtse&#8220; (&#8222;The Dispossessed&#8220;) bekannt, in dem es um zwei gegens\u00e4tzliche Kulturen geht: den kapitalistischen Planeten Urras und sein anarchistisches Pendant, den kargen Mond Anarres.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Le Guins Romane werden h\u00e4ufig als Science Fiction beziehungsweise als Fantasy klassifiziert, je nachdem ob sie in Welten mit fortgeschrittener Technologie und Raumschiffen spielen (wie zum Beispiel &#8222;Planet der Habenichtse&#8220;) oder in naturverbunden-magischen Welten (wie die &#8222;Erdsee&#8220;-Romane). Zutreffender w\u00e4re allerdings die Bezeichnung &#8222;Social Fiction&#8220;, denn die Themen, mit denen sich Le Guin besch\u00e4ftigt, sind nicht die Auswirkungen von Technologie oder Magie, sondern die Frage, wie sich menschliche Beziehungen gestalten w\u00fcrden, wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anders w\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geschlechterverh\u00e4ltnisse spielen dabei nat\u00fcrlich eine wesentliche Rolle. In dem 1969 erschienenen Roman &#8222;Winterplanet&#8220; (&#8222;The Left Hand of Darkness&#8220;) etwa beschreibt Le Guin eine Welt, in der die Menschen &#8222;ambisexuell&#8220; sind, das hei\u00dft, sie haben kein eindeutiges Geschlecht, sondern erleben nur einmal pro Monat einige Tage sexueller Potenz. Dann werden sie entweder m\u00e4nnlich oder weiblich, jedes Individuum kann also schon einmal Mann oder Frau, Vater oder Mutter gewesen sein. Doch die meiste Zeit ihres Lebens sind sie geschlechtslos. Das setzt den (m\u00e4nnlichen) Besucher von der Erde in fruchtbares Erstaunen, allerdings erweist sich der Versuch, wie feministische Kritikerinnen einwandten, als nicht wirklich gelungen: Die vermeintlich androgynen Bewohner des Winterplaneten sind irgendwie doch mehr Mann als Frau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Le Guin selbst betrachtet das allerdings nicht als Scheitern, sondern als Ergebnis eines literarischen Experiments: Da unsere Vorstellung von &#8222;Menschentum&#8220; aufs Engste mit einer Norm des M\u00e4nnlichen verkn\u00fcpft ist, ist es eben so, dass ein einziges Geschlecht unweigerlich als &#8222;m\u00e4nnliches&#8220; erscheint. Nicht androgyne Gesellschaften, so Le Guins humorvolle Schlussfolgerung, m\u00fcssen erst noch erfunden werden, sondern Frauen. Oder, wie sie \u00fcber sich selbst in einem sp\u00e4teren Aufsatz schrieb: &#8222;Ich bin ein Mann. Vielleicht denken Sie jetzt, ich h\u00e4tte mich in meinem Geschlecht geirrt oder ich wollte Sie reinlegen, weil mein Vorname auf \u0082a&#8216; endet oder ich drei BHs besitze oder f\u00fcnf Mal schwanger war und andere Details, von denen Sie vielleicht geh\u00f6rt haben. Aber Details sind unwichtig. Fakt ist. Ich wurde Jahrzehnte vor der Erfindung von Frauen geboren.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Le Guin schrieb den gr\u00f6\u00dften Teil ihrer Texte, bevor die Unterscheidung zwischen Sex und Gender aufkam, daher konnte sie noch mit der doppelten Bedeutung von &#8222;Sexualit\u00e4t&#8220; und &#8222;Geschlecht&#8220; (im gemeinsamen Begriff &#8222;Sex&#8220;): &#8222;Sex ist noch langweiliger zum Zuschauen als alle anderen Sportarten, selbst Baseball. Wenn ich gezwungen w\u00e4re, einen Sport anzuschauen anstatt ihn selbst zu betreiben, w\u00fcrde ich Springreiten w\u00e4hlen. Die Pferde sehen wirklich gut aus. Die Leute, die sie reiten, sind zwar meistens so eine Art Nazis, aber wie alle Nazis sind sie nur so m\u00e4chtig und erfolgreich wie die Pferde, die sie reiten, es ist ja schlie\u00dflich das Pferd, das entscheidet, ob es \u00fcber dieses f\u00fcnfbarrige Hindernis springt oder kurz davor anh\u00e4lt und den Nazis runterfallen l\u00e4sst. Nur dass das Pferd sich normalerweise nicht daran erinnert, dass es diese Option hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pferde sind nicht allzu schlau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls haben Springreiten und Sex ziemlich viel gemeinsam. Wenn ich die Wahl h\u00e4tte, obwohl ich oft vergesse, dass ich eine Wahl habe, w\u00fcrde ich jedenfalls ganz sicher Springreiten anschauen und Sex machen, niemals andersrum. Aber jetzt bin ich ohnehin zu alt f\u00fcr Springreiten, und f\u00fcr Sex &#8211; wer wei\u00df? Ich wei\u00df es. Sie nicht.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ursula Le Guin will in ihren B\u00fcchern keinen Idealzustand beschreiben, sondern es geht ihr um die &#8222;Aufhebung der gewohnten Denkweise, um Metaphern dessen, wof\u00fcr unsere Sprache bislang noch die Worte fehlen&#8220;, wie sie einmal schrieb. Dabei ist sie unglaublich originell, weshalb sich auch ihre politischen und literaturwissenschaftlichen Essays lohnen, wie sie zum Beispiel in dem Sammelband &#8222;The Wave in the Mind&#8220; zu finden sind: &#8222;Manchmal denke ich, ich k\u00f6nnte genauso gut meine Wahlm\u00f6glichkeit aus\u00fcben, kurz vor dem f\u00fcnfbarrigen Hindernis stoppen und den Nazi runterfallen lassen. Wenn ich sowieso nicht gut darin bin, so zu tun, als w\u00e4re ich ein Mann, und wenn ich nicht gut darin bin, jung zu sein, k\u00f6nnte ich genauso gut anfangen und so tun, als w\u00e4re ich eine alte Frau. Ich bin nicht sicher, ob jemand bereits alte Frauen erfunden hat, aber einen Versuch k\u00f6nnte es wert sein.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine alte Frau ist Ursula K. Le Guin jedenfalls geworden, und was f\u00fcr eine! Kurz vor ihrem Tod f\u00fchrte sie noch eine schriftliche Auseinandersetzung mit einem Leserbriefschreiber, der Science-Fiction Romane mit &#8222;alternativen Fakten&#8220; im Stil der Trump-Administration verglich. Aber der Vergleich funktioniert nicht, schrieb Le Guin: &#8222;Wir Romanautorinnen denken uns Sachen aus. Manche davon sind offensichtlich unm\u00f6glich, andere sind realistisch, aber nichts davon ist real &#8211; es ist alles Einbildung, und deshalb nennen wir es Fiktion, weil es eben keine Tatsachen sind.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Thema ihrer B\u00fccher ist Politik, also das, was verhandelbar ist. Im &#8222;Planet der Habenichtse&#8220; erz\u00e4hlt sie die Geschichte eines jungen Physikers vom Planeten Anarres, der eine Erfindung gemacht hat, die bedeutsam f\u00fcr das ganze Universum sein k\u00f6nnte. Da er auf seinem kargen Heimatplaneten, wo alle mit \u00dcberleben besch\u00e4ftigt sind, niemanden kennt, um seine Thesen zu diskutieren, sucht er Kontakt zu Wissenschaftlern des kapitalistischen Urras. Allerdings: Kontakte zum &#8222;Anderen&#8220; gef\u00e4hrden unweigerlich die eigene Stabilit\u00e4t. Ist es m\u00f6glich, trotz kultureller Differenzen miteinander zu leben? Le Guin zeigt zumindest, wie schwierig es ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Physiker wird von den eigenen Leuten angefeindet, weil sie f\u00fcrchten, dass die Aufgabe der strikten Separation die Stabilit\u00e4t der eigenen Gesellschaft gef\u00e4hrdet. Die Machthaber auf Urras wiederum versuchen tats\u00e4chlich, ihn zu vereinnahmen, ihn auszunutzen und zu korrumpieren. Ob es richtig ist, die Kontaktsperre zwischen Urras und Anares aufzuheben, ist keine Frage, die man mit &#8222;Ja&#8220; oder &#8222;Nein&#8220; beantworten k\u00f6nnte in dem Sinne, dass eine dieser Antworten richtig ist und die andere falsch. Politische Differenzen lassen sich nicht neutral entscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Echte Differenz ist aber auch nicht blo\u00dfer Relativismus, sondern es steht wirklich etwas auf dem Spiel. Das ist die gro\u00dfe St\u00e4rke der Science Fiction-Literatur: Dass sie mit Hilfe von Aliens tats\u00e4chliche Differenzen in den Lebensformen ausarbeiten kann. Wirkliche Aliens erkennt man nicht an der Hautfarbe und auch nicht am Geschlecht, sondern daran, ob sie wirklich etwas Neues bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist der Grund, warum so viele V\u00f6lker die Aliens zun\u00e4chst f\u00fcr G\u00f6tter halten &#8211; wie die Waldwesen auf dem von der Erde zwangskolonisierten Planeten New Tahiti, um die es in einem weiteren Roman von Ursula K. Le Guin geht, &#8222;Das Wort f\u00fcr Welt ist Wald&#8220; von 1972. Die Menschen, die f\u00fcr die Waldwesen Aliens beziehungsweise G\u00f6tter sind, bringen ihnen eine ganz neue F\u00e4higkeit: das T\u00f6ten. Das Konzept war ihnen bis dahin unbekannt. Eigentlich eine schlechte Sache, sollte man meinen, aber nur so gelingt es ihnen, die irdischen Alien-Invasoren wieder zu vertreiben. Eines der Waldwesen erkl\u00e4rt das am Ende so: &#8222;Manchmal kommt ein Gott. Er bringt eine neue Art, etwas zu tun, oder etwas Neues, das zu tun ist. Eine neue Art zu singen oder eine neue Art von Tod. Er bringt es \u00fcber die Br\u00fccke zwischen der Traumzeit und der Weltzeit. Wenn er dies getan hat, ist es getan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann Dinge, die in der Welt existieren, nicht nehmen und versuchen, sie in den Traum zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, sie innerhalb des Traums mit Mauern und Heuchelei festzuhalten. Das ist Wahnsinn. Was ist, ist. Es hat nun keinen Sinn mehr, so zu tun, als w\u00fcssten wir nicht, wie wir einander t\u00f6ten k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht ist das der rote Faden in den Romanen von Ursula K. Le Guin: Dass die gr\u00f6\u00dfere Gefahr immer darin besteht, die eigenen Werte und \u00dcberzeugungen selbst zu verraten gerade indem man versucht, sie um jeden Preis zu sch\u00fctzen. Oder, wie es der Protagonist im &#8222;Winterplanet&#8220; sagt: &#8222;Gegen etwas opponieren, bedeutet, es zu erhalten. Man sagt hier: \u0082Alle Wege f\u00fchren nach Mishnory&#8216; (So hei\u00dft die Hauptstadt des Planeten) Doch wenn man Mishnory den R\u00fccken kehrt und es verl\u00e4sst, ist man zweifellos immer noch auf dem Weg nach Mishnory. Gegen Vulgarit\u00e4t opponieren bedeutet unvermeidlich, selbst vulg\u00e4r zu sein. Nein, man muss woanders hingehen; man muss sich ein anderes Ziel setzen. Dann beschreitet man einen anderen Weg.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Nachruf Ursula K. Le Guin, Autorin zahlreicher Romane aber auch politischer Essays, ist am 22. Januar im Alter von 88 Jahren gestorben. &#8222;Ursula K. 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