{"id":17467,"date":"2018-03-01T00:00:00","date_gmt":"2018-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/wunderbare-spuren\/"},"modified":"2022-01-27T12:56:17","modified_gmt":"2022-01-27T10:56:17","slug":"wunderbare-spuren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/wunderbare-spuren\/","title":{"rendered":"Wunderbare Spuren"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Erneut ist im Verlag Graswurzelrevolution ein Buch erschienen, das sich mit der Biographie und dem Werk einer beinahe vergessenen Anarchistin auseinandersetzt. Wie schon zuvor Lou Marin mit seinem Band zu Rirette Ma\u00eetrejean w\u00fcrdigt Martin Baxmeyer damit eine weitere wichtige Pers\u00f6nlichkeit der anarchafeministischen Bewegung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Band ist in zwei Teile gegliedert: Er beginnt mit einer umfassenden und intensiv recherchierten Biographie der Autorin und Anarchistin <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/produkt\/amparo-poch-y-gascon\/\">Amparo Poch y Gasc\u00f3n<\/a> und endet mit ihrer von Martin Baxmeyer erstmals ins Deutsche \u00fcbersetzten Kurzprosa. Baxmeyer selbst &#8211; und ich w\u00fcrde ihm da zustimmen &#8211; schl\u00e4gt in seinem Vorwort vor, zuerst die literarischen Texte zu lesen und dann die Biographie, also das Buch von hinten aufzurollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum besseren Verst\u00e4ndnis hat Baxmeyer die Kurztexte mit hilfreichen Fu\u00dfnoten versehen, die nicht nur den historischen Kontext skizzieren und die Andeutungen aufschl\u00fcsseln, sondern auch Vermerke zur Motivik und zu Bez\u00fcgen zu anderen literarischen Werken enthalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf diese Weise erh\u00e4lt der*die Leser*in eine verst\u00e4ndliche Kontextualisierung sowie einen guten Einblick in die erstaunlich dichte und kraftvolle literarische Sprache dieser Autorin.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Poch y Gasc\u00f3n und die Mujeres Libres<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Amparo Poch y Gasc\u00f3n war eine schillernde, widerspruchsvolle Pers\u00f6nlichkeit der libert\u00e4ren, gewaltfreien Bewegung in Spanien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Baxmeyer fasst das Besondere an dieser Frau in pr\u00e4gnanten Worten zusammen: &#8222;Ihr ganzes Leben lang tat sie, was man nicht erwartet h\u00e4tte: Sie setzte sich unerm\u00fcdlich f\u00fcr die Gesundheit und die Rechte von Kindern ein, besa\u00df aber praktisch kein eigenes Familienleben; sie war eine revolution\u00e4re Anarchistin, die zeitweilig im Staatsdienst arbeitete und Mitglied einer regul\u00e4ren Partei war; sie gr\u00fcndete eine radikalfeministische Organisation, hielt aber nichts von einer Trennung der Geschlechter; sie war eine unersch\u00fctterliche, gewaltfreie Aktivistin mitten in einem B\u00fcrgerkrieg und einer durchaus gewaltt\u00e4tigen Revolution; eine k\u00e4mpferische Feministin in einer Bewegung voller Machos und Pantoffelhelden; eine \u00fcberdurchschnittlich begabte Schriftstellerin und Dichterin, die stets Amateurin blieb und deren Werk winzig und bis heute fast vergessen ist; und eine lebenslange, staatsfeindliche Umst\u00fcrzlerin, nach der heute in Spanien staatliche Einrichtungen benannt sind.&#8220; (15f.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf etwas mehr als hundert Seiten zeichnet Baxmeyer das Leben und Wirken von Amparo Poch y Gasc\u00f3n nach: ihr Studium der Medizin, das nur wenigen Frauen offenstand und das sie mit Bravour meisterte, ihren Weg in den Anarchismus und insbesondere ihr spannungsreiches Verh\u00e4ltnis zu den M\u00e4nnern in der anarchistischen Bewegung Spaniens, die leider viel weniger von einer Gleichheit zwischen den Geschlechtern gepr\u00e4gt war, als es zumeist angenommen wird. Als Reaktion darauf gr\u00fcndete Poch y Gasc\u00f3n gemeinsam mit anderen Frauen der Bewegung die Organisation Mujeres Libres (Freie Frauen). Baxmeyer beleuchtet die T\u00e4tigkeit dieser Organisation w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs: &#8222;W\u00e4hrend der sozialen Revolution wurden die Mujeres Libres, nicht zuletzt durch Poch y Gasc\u00f3ns Zutun, zu einem entscheidenden Faktor, um die weitreichenden Ziele der anachistischen (sic) Utopie nicht unter dem Schutt des Kriegs, des Alltags oder der Gewohnheit verschwinden zu lassen.&#8220; (57)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die radikalfeministische Organisation forderte beispielsweise die &#8222;maternidad conciente&#8220;, also die \u0082bewusste Mutterschaft&#8216; und stellte damit die f\u00fcr das Spanien der 30er Jahre &#8222;revolution\u00e4re Forderung&#8220; nach sexueller Aufkl\u00e4rung, Verh\u00fctung, Abtreibung und Gleichheit der Geschlechter auf. (70) Gleichzeitig wehrten sie sich gegen den Begriff &#8222;Feminismus&#8220;, der ihnen b\u00fcrgerlich und mit den Zielen der anarchistischen Bewegung unvereinbar erschien (72). Im Anhang findet sich ein literarischer Text von Poch y Gasc\u00f3n, &#8222;F\u00fcrchterlicher Fehlschlag&#8220; (126ff.), in dem sie diesen \u0082Feminismus&#8216; aufs Bitterste verspottet. Der Feminismus der Mujeres Libres richtete sich ausdr\u00fccklich nicht gegen M\u00e4nner, so Baxmeyer, sondern gegen die &#8222;dreifache Versklavung&#8220; (76) der Frauen durch ausbeuterische und sexistische Arbeitsverh\u00e4ltnisse, ihre Rolle in den Familien und durch mangelnde Bildung. Baxmeyer stellt dar, wie die Mujeres Libres diese dreifache Versklavung bek\u00e4mpfen wollten und wie schwierig sich das Verh\u00e4ltnis dieser Frauenorganisation zu den von M\u00e4nnern dominierten Organisationen der anarchistischen Bewegung gestaltete.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Die Zeitschrift Mujeres Libres und das literarische Schaffen Poch y Gasc\u00f3ns<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab 1936 gaben die Mujeres Libres eine gleichnamige Zeitschrift heraus, die schon bald zum &#8222;geistigen R\u00fcckgrat&#8220; (84) der Organisation avancieren sollte. Obwohl unter den schweren Bedingungen des B\u00fcrgerkriegs nur 13 Ausgaben erschienen und die Zeitschrift schon 1938 wieder eingestellt wurde, kann man, so Baxmeyer, &#8222;den Einfluss von Mujeres Libres auf die Verbreitung anarchafeministischer Ideen in Spanien und innerhalb der anarchistischen Bewegung gar nicht \u00fcbersch\u00e4tzen.&#8220; (85) Es war als &#8222;&#8218;Lernmedium&#8216; f\u00fcr proletarische Frauen und M\u00e4dchen konzipiert&#8220; (89) und enthielt ausschlie\u00dflich von Frauen verfasste Texte. Unter anderem eben auch jene literarischen Kurztexte, die Amparo Poch y Gasc\u00f3n verfasste und die Baxmeyer im Anhang ins Deutsche \u00fcbersetzt vorlegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das literarische Werk steht also in einem deutlichen politischen Kontext und dient dazu, die theoretischen Positionen der anarchafeministischen Utopie zu illustrieren. Doch die Prosa Poch y Gasc\u00f3ns geht weit \u00fcber diesen Propagandazweck hinaus. Stark wird Baxmeyers Buch dort, wo sich Biographie und Literaturwissenschaft treffen: Es gelingt ihm die politische \u00dcberzeugungsarbeit, die Poch y Gasc\u00f3ns Texte leisten m\u00f6chten, zusammenzubringen mit ihrer besonderen literarischen Qualit\u00e4t, die eben gerade nicht bei diesem Zweck stehen bleibt. Er beschreibt f\u00fcr Laien bestens verst\u00e4ndlich, wie die Literatur zum Experimentierraum f\u00fcr die politische Utopie wird und zugleich die literarische Sprache zum Ort, an dem diese Utopie immer schon Wirklichkeit ist. Baxmeyer legt wunderbare Spuren durch ein winzig kleines literarisches Werk, das sich durch ihren Anspielungsreichtum und ihre komplexe poetische Verfasstheit zu einem kleinen Universum entfaltet. Diese Spuren findet er in ihrem eigenen Lebensweg, z.B. der T\u00e4tigkeit als Medizinerin, der anarchistischen Literatur und Theorie, aber auch in der spanischen Literatur und Kultur: &#8222;Erasmus von Rotterdam, San Juan de la Cruz, Francisco de Goya, Juan Ram\u00f3n Jim\u00e9nez und Santiago Ram\u00f3n y Cajal waren f\u00fcr Amparo Poch y Gasc\u00f3n und ihr Schreiben mindestens ebenso wichtig wie Michail Bakunin, Peter Kropotkin oder die Mujeres Libres.&#8220; (10)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martin Baxmeyer legt mit seiner Biographie und den \u00dcbersetzungen von Amparo Poch y Gasc\u00f3n ein wichtiges Buch vor, das zum einen dazu beitr\u00e4gt die Rolle und die Bedeutung von Frauen und ihren Organisationen in der libert\u00e4ren Bewegung Spaniens zur Zeit des B\u00fcrgerkriegs aufzuarbeiten. Zum anderen bewahrt er ein hochwertiges literarisches Werk vor dem Vergessen und verdeutlicht die politische Wirksamkeit von Literatur im historischen Kontext der sozialen Revolution im Spanien der 1930er Jahre.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erneut ist im Verlag Graswurzelrevolution ein Buch erschienen, das sich mit der Biographie und dem Werk einer beinahe vergessenen Anarchistin auseinandersetzt. Wie schon zuvor Lou Marin mit seinem Band zu Rirette Ma\u00eetrejean w\u00fcrdigt Martin Baxmeyer damit eine weitere wichtige Pers\u00f6nlichkeit der anarchafeministischen Bewegung. 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