{"id":17473,"date":"2018-03-01T00:00:00","date_gmt":"2018-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/die-revolution-bleibt-eine-herausforderung-fuer-den-anarchismus\/"},"modified":"2022-01-28T12:48:10","modified_gmt":"2022-01-28T10:48:10","slug":"die-revolution-bleibt-eine-herausforderung-fuer-den-anarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/die-revolution-bleibt-eine-herausforderung-fuer-den-anarchismus\/","title":{"rendered":"Die Revolution bleibt eine Herausforderung f\u00fcr den Anarchismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel Kuhn ist seit Jahren ein in unterschiedlichen Spektren gesch\u00e4tzter Beteiligter der internationalen anarchistischen Bewegung und Theorieentwicklung. Zwar ist er durchaus in einer spezifischen Str\u00f6mung des Anarchismus verankert, aber er zeigt sich immer wieder interessiert und offen f\u00fcr das, was sich in anderen Spektren tut. Er will dabei vor allem organisatorisch die unterschiedlichen Str\u00f6mungen zu einer gemeinsamen Perspektive des Anarchismus zusammenf\u00fchren &#8211; ein ambitioniertes Unterfangen. Bei diesem ist ihm wichtig, dass der Anarchismus als Gesamtbewegung die revolution\u00e4re Perspektive nie aus den Augen verliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist eine Intention, die ich mit ihm teile &#8211; auch wenn ich bescheidener glaube, dass es m\u00f6glich ist, theoretisch und strategisch auf eine bestimmte Str\u00f6mung des Anarchismus Einfluss zu nehmen und \u00fcber sie dann auf soziale Massenbewegungen, nie jedoch, den gesamten Anarchismus organisatorisch zu erfassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Anarchismus und Revolution&#8220; ist nach &#8222;Vielfalt, Bewegung, Widerstand&#8220; (Unrast, 2009) das zweite Buch von Gabriel, das seine verstreuten Texte, Rezensionen und Diskussionsbeitr\u00e4ge sammelt. Das neue Buch umfasst Reflexionen \u00fcber klassische Anarchisten wie Erich M\u00fchsam und Gustav Landauer, beinhaltet aber vor allem vielf\u00e4ltige Auseinandersetzungen mit aktuellen Diskussionen im internationalen Anarchismus wie etwa dem exklusiv syndikalistischen Ansatz von Michael Schmidt (und Lucien van der Walt) im Buch &#8222;Schwarze Flamme&#8220;, den Bem\u00fchungen von Philippe Kellermann um eine Verbindung von Marxismus und Anarchismus oder das Potential sowie die Sackgassen poststrukturalistischer Theorieentwicklung (am Beispiel von Badiou, \u008ei\u009eek, Deleuze). Abgeschlossen wird das Buch mit &#8222;23 Thesen zum Anarchismus&#8220; &#8211; ein Text, der eine ausf\u00fchrlichere Diskussion verdient h\u00e4tte. <a href=\"#u1\">((1))<\/a><\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Vom Optimismus zu gr\u00f6\u00dferer Skepsis<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen\u00fcber dem Buch von 2009 gibt es bei Gabriel einen Einsch\u00e4tzungswandel. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts war seiner Ansicht nach noch vom Optimismus eines nach dem Mauerfall, der Krise des Marxismus und nach Seattle 1999 weltweit erstarkenden Anarchismus und anarchistischer Initiativen, Bewegungen und Projekte gepr\u00e4gt, was in diesem Band noch bei Mark Brays Studie zum Einfluss des Anarchismus bei der Occupy-Wall-Street-Bewegung (2011\/12) nachhallt. Bray hat Interviews mit 192 Organizern dieser Bewegung gef\u00fchrt, wonach 72 % dieser Organizer &#8222;explizit oder implizit anarchistischen Prinzipien&#8220; (S. 87) folgten. Nun zeugen die Texte dieses Buches, laut Gabriels Vorwort, aber &#8222;von einer gr\u00f6\u00dferen politischen Skepsis sowohl angesichts der sich immer weiter ausdehnenden Herrschaft des Neoliberalismus als auch der st\u00e4ndig wachsenden (neo)faschistischen Bedrohung&#8220; (S. 7). Ich w\u00fcrde auf weltweiter Ebene den Turning Point verschieben auf das Scheitern der so hoffnungsvoll begonnenen arabischen Aufst\u00e4nde und deren Versinken in Milit\u00e4rdiktatur, westlicher Milit\u00e4rintervention und B\u00fcrgerkriegen von Syrien bis zur Sahel-Zone &#8211; mit der R\u00fcckwirkung internationaler Terrorismus, Fluchtbewegungen und massivem staatlichem \u00dcberwachungsausbau, verst\u00e4rkt noch durch die Klimakrise. Die wichtigsten emanzipativen Bewegungen dieser Zeit sind m.E. &#8222;Welcome Refugees&#8220; sowie die Klimabewegung. In der Tat haben sich damit die Bedingungen auch f\u00fcr die anarchistische Bewegung ver\u00e4ndert. Die Analyse dieses letzten Komplexes kommt bei Gabriel allerdings kaum vor &#8211; ich w\u00e4re gespannt \u00fcber seine Stellungnahmen dazu gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An einer Stelle schreibt Gabriel \u00fcber seine eigene politische Sozialisation, dass er sich als Zwanzigj\u00e4hriger &#8222;bedingungslos der autonomen Szene&#8220; zugerechnet und dann ob der Krise des Marxismus zur poststrukturalistischen Theorie gefunden hat (S. 157f.). Man merkt das an ein paar Stellen, wenn Gabriel etwa von &#8222;pr\u00e4figurativer Politik&#8220; ( S. 183) spricht. Daran st\u00f6rt mich sowohl &#8222;pr\u00e4figurativ&#8220; wie &#8222;Politik&#8220;. In vor-poststrukturalistischen Zeiten haben wir davon gesprochen, dass die anarchistische &#8222;Utopie&#8220; (und nicht &#8222;Politik&#8220;) bereits jetzt in unserem Verhalten und unseren Projekten so weit wie m\u00f6glich &#8222;vorweggenommen&#8220; (und nicht &#8222;pr\u00e4figuriert&#8220;) werden soll. Das ist also weder Politik im traditionellen Sinne noch ist daf\u00fcr das Wort &#8222;pr\u00e4figurativ&#8220; vonn\u00f6ten. Dieses Wort dokumentiert nur den Gap, den Abgrund, der noch immer zwischen universit\u00e4r-poststrukturalistischer Theorie und ihrer m.E. kaum einmal (vielleicht noch am ehesten bei Transgender, aber ohne revolution\u00e4re Perspektive) gelungenen, vor allem vermittelbaren Umsetzung in bewegungsaktivistische Praxis besteht. Gabriel scheint hier auch etwas desillusioniert, weil manch poststrukturalistische\/r TheoretikerIn, anstatt zur Revolution vorzudringen, doch nur zum Beiwerk der neoliberalen Demokratie verkommen ist: &#8222;Das dabei aufgebotene Gelaber ist in vielen F\u00e4llen kaum auszuhalten&#8220; (S. 157).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben Gabriels Offenheit, seiner Kritik an rigiden Anarchismusdefinitionen (etwa eines Michael Schmidt) und seiner wichtigen, radikalen Selbstkritik am uniformen Habitus anarchistischer Szenen als &#8222;Standardmodus von griesgr\u00e4mig bis rotzig&#8220; (S. 186) sch\u00e4tze ich an ihm auch seine aufgrund seines Aktivismus innerhalb der Anti-AKW-Bewegung gepr\u00e4gte libert\u00e4re Technologiekritik. Gerade in poststrukturalistischen Diskussionen habe ich nie verstanden, warum die Betonung von kultureller Hegemonie, symbolischer Macht, also Mechanismen der Internalisierung von Herrschaft &#8211; in klassisch-anarchistischer, pr\u00e4-poststrukturalistischer Begrifflichkeit also das Theorem der &#8222;freiwilligen Knechtschaft&#8220; &#8211; nicht auch wie selbstverst\u00e4ndlich den Vermittlungssprung zur machtpolitischen Internalisierung zeitgen\u00f6ssischer Herrschaftsformen in die jeweilige Technologie mit vollzogen hat. Dieser Sprung war noch f\u00fcr technologiekritische Denker wie G\u00fcnter Anders, Jaques Ellul, Robert Jungk, Lewis Mumford oder Edward P. Thompson evident. Mit Gabriel bin ich einig, dass daraus keineswegs der Primitivismus eines Paul Zerzan herauskommen muss.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Anarchismus und Marxismus, gar Maoismus in einer Einheitsfront?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel meint, er habe seinen Anti-Marxismus verloren. Das liege auch am \u00c4lterwerden. Sein Zugang zum Marxismus sei jetzt von &#8222;aufgeschlossener Neugierde&#8220; (S. 158) gepr\u00e4gt, er will Anarchismus und Marxismus sogar zu einer &#8222;linken Einheitsfront im Kampf gegen den Neoliberalismus&#8220; (S. 159) zusammenf\u00fchren. Bei aller Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr Gabriels Offenheit, im Hinblick auf den Marxismus teile ich sie nicht. Seine Neugierde \u00fcberrascht mich angesichts seiner Klarsicht gegen\u00fcber etwa Alain Badiou, der kommunistische Politik nach dem Mauerfall zwar jenseits des Staates und sogar der Partei denken will, aber im Anarchismus nur &#8222;eitle Kritik&#8220; (S. 34) des Kleinb\u00fcrgers sieht und sich weigert, sich jenseits marxistischer Klischees damit zu besch\u00e4ftigen. Noch mehr verst\u00f6rt mich Gabriels zwar kritisches, aber doch auch emanzipativ begr\u00fcndetes Interesse am zeitgen\u00f6ssischen asiatischen Naxalismus\/Maoismus oder eine Rezension eines Buches von J. Moufawad-Paul, in welchem der Autor den peruanischen &#8222;Leuchtenden Pfad&#8220; gar dem Zapatismus vorzieht (S. 167ff.). Wenn Gabriel in These 16 seiner 23 Thesen zum Anarchismus schreibt, es sei &#8222;verst\u00e4ndlich, wenn f\u00fcr indische Bauern ein \u0082langwieriger Volkskrieg&#8216; &#8211; und damit der Leninismus in seiner maoistischen Variante &#8211; als vielversprechendste Variante auf die staatliche Repression erscheint&#8220; (S. 192), dann antworte ich: Nein, daf\u00fcr habe ich als Anarchist kein Verst\u00e4ndnis und ich halte diese B\u00e4uerinnen und Bauern auch nicht f\u00fcr frei in ihrer Entscheidung. Es gibt in Indien eine lange Geschichte und Gegenwart gandhianisch-gewaltloser b\u00e4uerlicher Massenbewegungen und damit Aktionsalternativen gegen die staatliche Repression. Den autorit\u00e4ren Charakter naxalitischer Bauernf\u00fchrer in Indien habe ich bei Besuchen selbst erlebt, vor allem deren unzul\u00e4ngliche Aufarbeitung von Pol Pot\/Kampuchea. Ich habe in Kalkutta Aussteigernetzwerke aus Guerillagruppen besucht, die Jugendliche betreuten, die von ihrem 12. bis zu ihrem 18. Lebensjahr nichts anderes f\u00fcr ihr Leben lernten, als Gewehre zu benutzen! In diesen Kreisen war dann bei den langj\u00e4hrig Erfahrenen Peter Marshalls Buch &#8222;Demanding the Impossible. A History of Anarchism&#8220; popul\u00e4r &#8211; aber die Voraussetzung ihres Interesses am Anarchismus war gerade der Ausstieg aus dem Maoismus, aus dem Leben eines Guerillero und die damit gewonnene Reflexionsfreiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darin sehe ich das Hauptproblem einer Einheitsfront zwischen Anarchismus und Marxismus: In seinen Krisenzeiten direkt nach dem Mauerfall \u00f6ffneten sich marxistische Str\u00f6mungen in Ans\u00e4tzen der Selbstkritik. Heute ist das m.E. nicht mehr der Fall, die Reihen werden &#8211; mit wenigen Ausnahmen &#8211; wieder geschlossen und die Tageszeitung &#8222;junge Welt&#8220; verteidigt das militaristisch-autorit\u00e4re Maduro-Regime in Venezuela!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gabriel Kuhn ist seit Jahren ein in unterschiedlichen Spektren gesch\u00e4tzter Beteiligter der internationalen anarchistischen Bewegung und Theorieentwicklung. Zwar ist er durchaus in einer spezifischen Str\u00f6mung des Anarchismus verankert, aber er zeigt sich immer wieder interessiert und offen f\u00fcr das, was sich in anderen Spektren tut. 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