{"id":17474,"date":"2018-03-01T00:00:00","date_gmt":"2018-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/ein-gelungener-comic-zur-tierethik\/"},"modified":"2022-01-28T13:19:52","modified_gmt":"2022-01-28T11:19:52","slug":"ein-gelungener-comic-zur-tierethik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/ein-gelungener-comic-zur-tierethik\/","title":{"rendered":"Ein gelungener Comic zur Tierethik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Diskussionen \u00fcber ethische Grundlagen der Tierethik nehmen in den letzten Jahren immer gr\u00f6\u00dferen Umfang an. Da ist es g\u00fcnstig, dass mit dem Sachcomic des AutorInnengespanns Julia Kockel und Oliver Hahn nun eine kurzweilige Einf\u00fchrung vorliegt, die in der Darstellung die Komplexit\u00e4t des Themas nie verliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Verh\u00e4ltnis von Text zu Bild ist ausgewogen. Durch die Schwarz-Wei\u00df-Zeichnungen werden sowohl die besprochenen TheoretikerInnen portraitiert als auch in oft witziger Weise Diskussionsstr\u00e4nge dargestellt, z.B. auf S. 35 in einer Illustration zum &#8222;Verrohungsargument&#8220; (das Qu\u00e4len von Tieren f\u00e4rbt auf den Charakter des Menschen ab), wo ein Esel seinem mit der Peitsche drohenden Eigent\u00fcmer sagt: &#8222;Das darfst du aber nicht, oder willst du abstumpfen?&#8220; Die Zeichnungen vermeiden es dabei angenehm, die Abbildung des Massenmords an Tieren exzessiv in den Vordergrund zu stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die inhaltliche Konzeption besteht einerseits aus einer sehr kompetenten historischen Darstellung von der Antike bis heute, wobei die Bef\u00fcrworter des Anthropozentrismus (Descartes, Kant usw.) und die tierethischen ProtagonistInnen vom reformistischen Tierschutz \u00fcber moralische Pflichten, Tierrechte bis zum politischen Veganismus und zur Tierbefreiung dargestellt werden. Dabei wirkt die Heranziehung des im Verlag Graswurzelrevolution erschienen Buches &#8222;Das Schlachten beenden&#8220; als Quelle produktiv, weil so die linkssozialistischen und anarchistischen Traditionen mitber\u00fccksichtigt werden. Die AutorInnen scheuen sich nicht vor der Diskussion vieler problematischer Aspekte. So werden die Behindertenfeindlichkeit des &#8222;Pr\u00e4ferenzutilitarismus&#8220; Singers oder Irrwege in den Biozentrismus und falsches Ausspielen von Herrschaftsformen (Sexismus und Holocaust-Vergleich in den Peta-Kampagnen) problematisiert. Gleichzeitig wird, ausgehend von den britischen Feministinnen des 19. Jahrhunderts um Francis Power Cobbe \u00fcber Anarchistinnen wie Clara Wichmann bis hin zu j\u00fcngsten Vertreterinnen wie Carol Gilligan oder Birgit M\u00fctherich der Beitrag des Feminismus zur tierethischen Debatte gew\u00fcrdigt. Die Komplexit\u00e4t der aktuellen Diskussion wird im hinteren Teil des Comics zusammengefasst. Hier finden auch TierrechtsaktivistInnen und VeganerInnen Diskussionen, die sie vielleicht noch nicht reflektiert haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Kritik an der inhaltlichen Konzeption habe ich aber: die Nicht-Ber\u00fccksichtigung Gandhis im historischen Teil mit entsprechenden Folgen auf den Abschnitt &#8222;Ziviler Ungehorsam oder Tierterrorismus?&#8220; Gandhi ist in seinen Londoner Studienjahren dem hier gew\u00fcrdigten Henry Stephens Salt (S. 43ff.) pers\u00f6nlich begegnet und war sein Sch\u00fcler. Gandhi konnte so das traditionell-relgi\u00f6se Ahmisa-Gebot des Jainismus in Indien mit modernen Tierrechtsideen verbinden und schrieb auch selbst Texte und Reden zur &#8222;ethischen Grundlage des Vegetarismus&#8220;. Die weltweite Verbreitung des Gandhischen Vegetarismus war bedeutender als die des in der &#8222;Dritten Welt&#8220; unbekannt gebliebenen Salt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Comic behandelt bei der gewaltfreien Grundlegung der Tierethik hier leider ausschlie\u00dflich die Tradition Tolstois und verengt somit das dargestellte Verst\u00e4ndnis gewaltfreien Widerstands auf &#8222;individuelle Selbstver\u00e4nderung&#8220; (S. 46 ff., S. 116). Bei Gandhi wird aber das Eintreten f\u00fcr Tierrechte mit kollektivem gewaltfreiem Widerstand verkn\u00fcpft. Aufgrund dieser Nicht-Ber\u00fccksichtigung Gandhis k\u00f6nnen die AutorInnen Sachbesch\u00e4digungen von TierbefreierInnen beim Einbruch in Tierfabriken begrifflich nicht anders denn als &#8222;Gewalt gegen Sachen&#8220; fassen, anstatt sich bei Sachen, wie bei Tieren, die entscheidende Frage zu stellen: K\u00f6nnen Sachen Gewalt empfinden? Das k\u00f6nnen sie im Unterschied zu Tieren nicht. Sachbesch\u00e4digung ist also gewaltfrei, Gewalt gegen Tiere nicht. Im Comic wird hier nur von einer vergleichsweise geringeren Gewalt gesprochen &#8211; und so legitimatorisch das Tor f\u00fcr die rechtsstaatliche Verfolgung von TierbefreierInnen als TerroristInnen ge\u00f6ffnet. Gandhi h\u00e4tte im Gegensatz zu Tolstoi nicht &#8222;Gewalt gegen Sachen&#8220; abgelehnt (S. 116), sondern &#8222;gewaltfreie Sachbesch\u00e4digung&#8220; unter bestimmten Umst\u00e4nden bef\u00fcrwortet. Daher kommt seine Kampagne des massenhaften Verbrennens aus England importierter Kleidung im antikolonialen Befreiungskampf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verdr\u00e4ngt wird durch diese begrifflich ungen\u00fcgende Diskussion um &#8222;Gewalt gegen Sachen&#8220; auch eine weitere Erscheinung im Tierrechtsaktvismus, die im Comic nicht vorkommt, die Tatsache, dass es immer wieder militante TierbefreierInnen gibt, die zwar Gewalt gegen Tiere ablehnen, aber keineswegs Gewalt gegen Menschen (seien es der Metzger vor Ort oder die Chefs der Pelzindustrie). Hier wird der Grundsatz der moralischen Gleichbehandlung von Lebewesen in bestimmten Bereichen ins Gegenteil verkehrt: Das menschliche Leben wird hier als weniger wert erkl\u00e4rt als tierisches Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Einwand im Detail dokumentiert aber eher die Lust zur Diskussion, die der Comic weckt, als grundlegende Kritik.<b><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussionen \u00fcber ethische Grundlagen der Tierethik nehmen in den letzten Jahren immer gr\u00f6\u00dferen Umfang an. Da ist es g\u00fcnstig, dass mit dem Sachcomic des AutorInnengespanns Julia Kockel und Oliver Hahn nun eine kurzweilige Einf\u00fchrung vorliegt, die in der Darstellung die Komplexit\u00e4t des Themas nie verliert. Das Verh\u00e4ltnis von Text zu Bild ist ausgewogen. 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