{"id":17477,"date":"2018-03-01T00:00:00","date_gmt":"2018-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/oktoberrevolution-und-stalinismus\/"},"modified":"2022-01-28T12:55:59","modified_gmt":"2022-01-28T10:55:59","slug":"oktoberrevolution-und-stalinismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/oktoberrevolution-und-stalinismus\/","title":{"rendered":"Oktoberrevolution und Stalinismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In nicht wenigen L\u00e4ndern sind sich selbst als KommunistInnen verstehende Menschen mit Stalinportr\u00e4ts zum Gedenken an die Oktoberrevolution auf die Stra\u00dfe gegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei feiern sie den Kopf eines Systems, das fast s\u00e4mtliche Errungenschaften des Roten Oktober zur\u00fcckgenommen hat und viele derjenigen, die an der Oktoberrevolution beteiligt waren, einkerkern und ermorden lie\u00df. Der Historiker Christoph J\u00fcnke hat k\u00fcrzlich eine Analogie mit Marxistischen Stalinismuskritiken im 21. Jahrhundert im ISP-Verlag herausgegeben. Dort ist dokumentiert, wie gr\u00fcndlich Marxisten das Ph\u00e4nomen des Stalinismus in den letzten 90 Jahren analysierten. Texte von 15 Autoren werden in dem Band dokumentiert, die sich kritisch mit dem Stalinismus und seinen Wurzeln befassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist schade, dass J\u00fcnke nicht auch Texte von Frauen wie Agnes Heller, Ruth Fischer oder Angelica Balanoff aufgenommen hat, die in den von J\u00fcnke gew\u00e4hlten Bezugsrahmen fallen. In dem Buch sind keine anarchistischen und syndikalistischen Kritiken vertreten, auch r\u00e4te- und linkskommunistische Beitr\u00e4ge findet man dort nicht. J\u00fcnke hat in der Einleitung betont, dass die Zusammenstellung seiner subjektiven Auswahl geschuldet ist. Er habe sich dabei um eine repr\u00e4sentative Auswahl bem\u00fcht, was auch f\u00fcr das von ihm skizzierte marxistische Spektrum zutrifft. &#8222;Ausgelassen habe ich vieles, die fr\u00fchen Kritiken der 1920er Jahre, seien es marxistische Sozialdemokraten wie Otto Bauer, Paul Levi oder linke Kommunisten wie Karl Korsch, Amadeo Bordiga u.v.a.&#8220; Dazu ist anzumerken, dass J\u00fcnke die ausgelassenen anarchistischen Kritiken ebenso wenig erw\u00e4hnt, wie er nicht begr\u00fcndet, warum er auch keine Frauen in dem von ihm ausgew\u00e4hlten Bereich ber\u00fccksichtigt. Aller Kritik zum Trotz sind die ausgew\u00e4hlten Texte eine beeindruckende Lektion in linker Geschichte und sollten studiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Text in der Anthologie stammt von dem f\u00fchrenden bolschewistischen Politiker Christian Rakowski, der 1941 von Stalins Schergen erschossen wurde. Es ist erstaunlich, welche fast machtkritische Einsichten in seinem Text zu finden sind. &#8222;Sobald eine Klasse die Macht ergreift, verwandelt sich ein gewisser Teil in Agenten der Macht. Auf diese Weise entsteht die B\u00fcrokratie.&#8220; (S.27)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An anderer Stelle kommt Rakowski zu der f\u00fcr ihn niederschmetternden Erkenntnis: &#8222;Ich glaube nicht sehr zu \u00fcbertreiben, wenn ich sage, dass ein Parteigenosse von 1917 sich wohl kaum in der Gestalt eines Parteigenossen von 1928 wiedererkennen w\u00fcrde. Eine tiefe Wandlung hat sich in der Anatomie und der Psychologie der Arbeiterklasse vollzogen.&#8220; Seine intime parteiinterne Kenntnis macht seinen Text interessant. So beschreibt Rakowski, dass die Bolschewiki in der Opposition auch den von Marx als Lumpenproletariat diffamierten Teil der Werkt\u00e4tigen angesprochen hat. Als sie an der Macht waren, haben sich ihre gr\u00f6\u00dftenteils zu B\u00fcrokratInnen mutierten Mitglieder hingegen von diesem Teil der Klasse abgegrenzt. Rakowski prangert auch die Privilegien der Nomenklatura an und verweist darauf, dass die Bolschewiki immer gegen solche Vorteile f\u00fcr die M\u00e4chtigen gek\u00e4mpft hatten. Dieser Text zeigt auch, dass innerhalb der bolschewistischen Partei, 1928 als er verfasst wurde, durchaus noch eine fundamentale Kritik am b\u00fcrokratischen Kurs m\u00f6glich war. Klar erkannte der Autor, in welche Richtung der Kurs der Partei geht und beklagte, dass sich die Parteiagenten nicht genieren, &#8222;Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Hass auf die Intelligenz usw. f\u00fcr ihre Zwecke einzusetzen&#8220;. So hat er schon 1928 pr\u00e4zise die Inhalte stalinistischer Praxis benannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Victor Serge stellt J\u00fcnke auch den Text eines langj\u00e4hrigen Anarchisten vor, der nach der Oktoberrevolution zum Parteig\u00e4nger der Bolschewiki wurde. Erg\u00e4nzend dazu k\u00f6nnte man die Kritik der Anarchistin Rirette Maitrejean heranziehen. Sie war seine Genossin in der anarchistischen Zeit und hat seine Wandlung zum Parteig\u00e4nger der Bolschewiki wie seine Rolle als Antistalinist sehr kritisch kommentiert, wie Lou Marin in seinem 2016 im Verlag Graswurzelrevolution erschienenen Buch &#8222;Rirette Maitrejean &#8211; Attentatskritikerin, Anarchofeministin, Individualanarchistin&#8220; dokumentiert hat.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Zwischen Zweckoptimismus und Pessimismus: Trotzki<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotzki ist mit drei Texten im Band vertreten. War er anfangs noch \u00fcberzeugt, dass die stalinistische Epoche nur eine Episode in der Parteigeschichte bleibt, wurde er zunehmend skeptischer und hielt auch ein Scheitern der gesamten Revolution f\u00fcr denkbar. So machte er sich in einem dokumentierten Text kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs Gedanken, was geschehen w\u00fcrde, wenn es in der Folge in den kapitalistischen L\u00e4ndern zu keiner proletarischen Revolution kommen sollte oder es sich den Revolution\u00e4rInnen, worunter Trotzki nat\u00fcrlich KommunistInnen seiner Str\u00f6mung meint, nicht gelingt, sich zu halten. &#8222;Dann w\u00e4ren wir gezwungen einzugestehen, dass der Grund f\u00fcr den b\u00fcrokratischen R\u00fcckfall nicht in der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit des Landes zu suchen ist, auch nicht in der imperialistischen Einkreisung, sondern in der naturgegebenen Unf\u00e4higkeit des Proletariats zur herrschenden Klasse zu werden. Dann m\u00fcssten wir feststellen, dass die jetzige UdSSR in ihren Grundz\u00fcgen Vorl\u00e4ufer eines neuen Ausbeuterregimes im internationalen Ma\u00dfstab ist.&#8220; (S.119)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist frappant, dass von den vielen Gruppen, die sich auf Trotzki berufen, auf diese pessimistische Volte kaum eingegangen wird. Bemerkenswert ist, dass Trotzki gar nicht in Erw\u00e4gung zieht, dass vielleicht das zentralistische Parteimodell in die Niederlage f\u00fchrt, nein, er versteigt sich zu anthropologischen Formeln, wenn er von einer naturgegebenen Unf\u00e4higkeit des Proletariats schreibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im letzten Text besch\u00e4ftigt er sich mit der Frage, wie sich seine Anh\u00e4ngerInnen verhalten sollten, falls sich herausstellt, dass die Sowjetunion einen Teil von Polen besetzt. Er pl\u00e4dierte daf\u00fcr, trotz Stalin, die Rote Armee zu unterst\u00fctzen, weil die zumindest gegen die Gro\u00dfgrundbesitzer k\u00e4mpfen w\u00fcrde. Trotzkis letzter in dem Buch publizierter Text ist wenige Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs verfasst, als der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt viele KommunistInnen nachhaltig verst\u00f6rt hat. Er endet phrasenhaft: &#8222;Das Proletariat hat eine junge und noch schwache revolution\u00e4re F\u00fchrung. Aber die F\u00fchrung der Bourgeoisie verfault bei lebendigem Leib. \u0085 Allein diese Tatsache ist Grund genug f\u00fcr unseren unersch\u00fctterlichen revolution\u00e4ren Optimismus.&#8220; (S.142)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erfreulicherweise wurden auch Texte von heute wenig rezipierten Autoren aufgenommen. So ist der Sozialphilosoph Leo Kofler heute nur noch wenigen bekannt, der sich ebenso wie der in den 1970er popul\u00e4re Edward P. Thompson mit den Problemen des sozialistischen Humanismus befasst. Der \u00d6konom und Historiker Roman Rosdolsky beendet seine Stalinkritik mit der treffenden Charakterisierung der nominalsozialistischen Nomenklatura. &#8222;Sie haben in der langen Nacht der Stalin&#8217;schen Despotie die Sprache des revolution\u00e4ren Marxismus restlos und hoffnungslos verlernt; sie sind eben nur mehr: Reformisten gewordene Thermidorianer!&#8220; (S.296). Bez\u00fcge zur Franz\u00f6sischen Revolution finden sich auch bei anderen Autoren des Buches, die Klassifizierung der Bolschewiki als Jakobiner ist durchaus nicht nur negativ gemeint. Rosdolsky wurde nach der Implosion des Nominalsozialismus best\u00e4tigt, wo manche wie der ebenfalls im Buch vertretene Ernest Mandel noch auf einen revolution\u00e4ren Glutkern hofften, der von Stalinismus und B\u00fcrokratismus versch\u00fcttet war, zeigte sich bald, dass diese Parteien im Innern verfault und unrettbar verloren waren. Wer mehr \u00fcber den lange vergessenen Roman Rosdolsky, der bedeutende Texte zur Wertkritik ver\u00f6ffentlicht hat, wissen will, sollte zu dem k\u00fcrzlich im Mandelbaum-Verlag erschienenen Buch &#8222;Mit permanenten Gr\u00fc\u00dfen&#8220;, greifen, in dem Leben und Werk von Emmy und Roman Rosdolsky dargestellt sind (ISBN 978-3-85476-662-9).<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Hoffnung auf interne Reformen schwinden<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei den j\u00fcngeren dokumentierten Texten ist die Hoffnung auf eine Reform des Nominalsozialismus durch einen Sturz der B\u00fcrokratie verschwunden. Im Text von Jacek Kuron und Karol Modzelewski k\u00fcndigt sich ihre sp\u00e4tere Hinwendung zur kapitalistischen Zivilgesellschaft an und im dokumentierten Text von Rudolf Bahro sein sp\u00e4ter mit esoterischen Elementen durchdr\u00e4ngter \u00d6kologismus, der keine gesellschaftlichen Widerspr\u00fcche und Klassen mehr kennen wollte. Auch der Philosoph Lucio Colletti endet schlie\u00dflich als Abgeordneter in der Partei des Rechtspopulisten Berlusconi. Dabei hat er in dem abgedruckten Text &#8222;Zur Stalin-Frage&#8220; aus dem Jahr 1970 die gesellschaftlichen Ursachen des Stalinismus gut beleuchtet. &#8222;Die sozialdemokratischen F\u00fchrer, die im Januar 1919 Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet hatten \u0085, haben den ersten Stein zu jener Stra\u00dfe gelegt, die Stalin zur Macht verholfen hat. Die \u00fcbrigen Steine wurden dann durch die revolution\u00e4re Welle gelegt, die auf Europa niederging und Mussolini, Primo de Rivera, Horthy und so viele andere emporhob.&#8220; (S.479)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese historischen Tatsachen werden heute bei der Diskussion \u00fcber die Oktoberrevolution gerne ausgeblendet. Alle, auch die hier nicht erw\u00e4hnten Texte des Buches, bieten eine F\u00fclle von Assoziationen und Stoff f\u00fcr Debatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch kann dazu beitragen, zu verstehen, warum die Hoffnung, die die Oktoberrevolution vor 100 Jahren f\u00fcr viele Menschen in aller Welt hatte, auch f\u00fcr AnarchistInnen wie Alexander Berkman und Emma Goldmann so schnell in das Gegenteil umschlug. Daran hat Bini Adamczak in ihrem k\u00fcrzlich in der Edition Assemblage erschienenem Buch &#8222;Der sch\u00f6nste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom m\u00f6glichen Gelingen der Russischen Revolution&#8220; erinnert. Wer neue Versuche unternimmt, eine Gesellschaft jenseits von kapitalistischer Verwertungslogik, rassistischer und sexistischer Unterdr\u00fcckung zu schaffen, sollte es lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In nicht wenigen L\u00e4ndern sind sich selbst als KommunistInnen verstehende Menschen mit Stalinportr\u00e4ts zum Gedenken an die Oktoberrevolution auf die Stra\u00dfe gegangen. Dabei feiern sie den Kopf eines Systems, das fast s\u00e4mtliche Errungenschaften des Roten Oktober zur\u00fcckgenommen hat und viele derjenigen, die an der Oktoberrevolution beteiligt waren, einkerkern und ermorden lie\u00df. 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