{"id":17479,"date":"2018-03-01T00:00:00","date_gmt":"2018-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/so-mittel\/"},"modified":"2022-01-28T11:58:46","modified_gmt":"2022-01-28T09:58:46","slug":"so-mittel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/so-mittel\/","title":{"rendered":"So mittel&#8230;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als mein Jahrgang im Jahr 1994 in einer &#8222;Satire auf das kommerzielle Fernsehen&#8220; einen Politiker einer neuen Partei &#8222;Extreme Mitte Deutschlands&#8220; in der Schulaula auftreten lie\u00df, war das als Scherz gemeint. Nur kurz darauf f\u00fchrte der Soziologe Wilhelm Heitmeyer den bereits aus dem Jahr 1959 stammenden Begriff &#8222;Extremismus der Mitte&#8220; wieder in die politische Diskussion ein. Mit dem &#8222;Extremismus der Mitte&#8220; hatte 1959 Seymor Martin Lipset die These untermalt, dass vor allem die Mittelschicht f\u00fcr den historischen Faschismus zug\u00e4nglich war. Etwa ein Jahrzehnt sp\u00e4ter sang der libert\u00e4re Liedermacher Baxi (vgl. Interview in GWR 426) entsprechend &#8222;Und wir r\u00fccken langsam in die Mitte und die Mitte die marschiert nach rechts&#8220; (leider immer noch unver\u00f6ffentlicht, obwohl brandaktuell).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden kulturellen Thematisierungen fokussieren die politische &#8222;Mitte&#8220;, wobei der soziologische Sprachgebrauch schon darauf hinweist: Es geht um einen Rechtsextremismus, der sich in einer vermeintlich sozialen &#8222;Mitte&#8220; entwickelt. Was eine politische &#8222;Mitte&#8220; ist, liegt immer auch im Auge der Betrachtenden &#8211; Mitte, das klingt so sch\u00f6n diplomatisch, nicht-extrem oder auch nicht-radikal und ist nicht nur eine Frage der Selbstwahrnehmung, sondern auch, wie der oder die Einzelne die Gesellschaft wahrnimmt: Wenn ich davon ausgehe, dass die breite Mehrheit so denkt wie ich, dann fasse ich das als normal, also &#8222;so Mittel&#8220; auf. Und so kommt es auch, dass sich von Bankmanager*innen bis hin zu prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten alle auch sozial in der Mitte w\u00e4hnen &#8211; man ist nicht nur politisch &#8222;nicht extrem&#8220;, man m\u00f6chte sich auch sozial in der Mitte der Gesellschaft verorten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soweit, so vielleicht noch nachvollziehbar. Problematisch wird es, wenn die Soziologie diesem Mitte-Begriff des Alltagsverstands folgt (vgl. S.62). Und das tut sie, selbst in kritischen Ver\u00f6ffentlichungen, andauernd. Das ist problematisch, weil dieser Mitte-Diskurs tats\u00e4chliche soziale Klassenzugeh\u00f6rigkeiten vergessen l\u00e4sst und zu einer &#8222;eilfertige[n] Vermischung von sozialstruktureller und politischer Mitte&#8220; (S.52) f\u00fchrt. Schauen wir uns beispielhaft die immer wieder gerne gestellte Frage nach der W\u00e4hlerschaft der AfD an: Soweit nicht fernab von Statistiken behauptet wird, die Prek\u00e4ren w\u00fcrden diese w\u00e4hlen (tats\u00e4chlich w\u00e4hlen diese zunehmend \u00fcberhaupt nicht), finden wir Verwirrung dar\u00fcber, dass eine soziale &#8222;Mitte&#8220; politisch extrem werden kann &#8211; dabei ist das, wie historische Analysen zur W\u00e4hlerschaft der NSDAP zeigen, gar nichts Neues. Deshalb hat das auch schon die Soziologen der Weimarer Republik interessiert &#8211; und sie waren dabei weiter als es die Soziologie heute ist. Ulf Kraditzke macht dies in seinem B\u00fcchlein deutlich anhand der Untersuchungen der zeitgen\u00f6ssischen Soziologen Theodor Geiger, Carl Dreyfuss, Hans Speier sowie Siegfried Kracauer. Allesamt gelten die genannten als Koryph\u00e4en einer &#8222;Angestelltensoziologie&#8220;. Und damit ist ein wesentlicher Kurzschluss in der &#8222;Mitte&#8220;-Debatte, wie sie auch heute gef\u00fchrt wird, benannt: Die vermeintliche &#8222;Mitte&#8220; sind die lohnabh\u00e4ngigen Kopfarbeiter*innen. Die Weimarer Soziologie zeigt deutlich auf, dass das eine rein ideologische Konstruktion ist &#8211; sie basiert auf einem schon damals \u00fcberkommenen Begriff eines selbstst\u00e4ndigen Mittelstands, der heute erst recht keinen realen Hintergrund mehr hat. So betont etwa Carl Dreyfuss 1933, die Angestellten w\u00fcrden &#8222;vor der Klassenzugeh\u00f6rigkeit unter das Obdach dieser fiktiven sozialen Schicht&#8220; fliehen (S.30), Hans Speier verweist im gleichen Jahr (ver\u00f6ffentlicht erst 1977) &#8222;die These vom neuen Mittelstand ins Reich der Ideologie&#8220; (S.33) und mit Siegfried Kracauer versteht Kraditzke die Sehnsucht der Angestellten danach, &#8222;Mitte&#8220; zu sein, als eine &#8222;in der Hierarchie der betrieblichen Funktionen wurzelende Fremdheit gegen\u00fcber dem [&#8230;] Proletariat&#8220; (S.39). Kurz: Die &#8222;Mitte&#8220;, und das wussten die Weimarer Soziologen besser als die heutigen, ist eine mentale Identit\u00e4t, keine Klasse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn heutige Forschungen diesen \u0082feinen Unterschied&#8216; nicht mehr machen, so wiederholen sie einen Fehler, den man auch marxistischen Sozialwissenschaftler*innen machen kann: &#8222;Man soll nicht Bev\u00f6lkerungsmassen als eine Schicht, Klasse oder Stand bezeichnen, weil man ihnen eine geschichtskonstruktiv geforderte Funktion im gesellschaftlichen Lebensproze\u00df zuschreiben m\u00f6chte&#8220; (Geiger, zit. n. S.43). Kurz: weil man von Angestellten andere politische Reaktionen als von &#8222;Handarbeitern&#8220; erwartet, forscht man eine &#8222;Mentalit\u00e4tskluft&#8220; herbei (S.80) und \u00fcbersieht dabei, Bourdieu herbeirufend und Marx vergessend, dass &#8222;Auspr\u00e4gungen der konkreten Klassenverh\u00e4ltnisse und [&#8230;] Milieus [&#8230;] sich zum Teil dramatisch unterscheiden&#8220; (S.81).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die kritische Soziologie hat tendenziell die sozialen Differenzen in der Produktion und Reproduktion vergessen und jagt nun Phantome, so Kraditzke, die &#8222;einem Denken in Kategorien der kulturellen Differenz&#8220; (S.58) entspringen &#8211; &#8222;auf der Suche nach [diesen, T.B.] Differenzierungen&#8220; geraten die &#8222;\u00fcbergreifenden Klassenverh\u00e4ltnisse aus dem Blick&#8220; (S.59).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fazit, und das sei allen Modernisierungsans\u00e4tzen von Klassendiskussionen (etwa der Klassismus-Theorie) ins Stammbuch geschrieben: &#8222;Die [&#8230;] Klassenstruktur [&#8230;] erschlie\u00dft sich nach wie vor nur \u00fcber die kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse&#8220; (S.72) &#8211; und die, so scheint es, lassen leider nach wie vor sowohl die Soziologie als auch die aktivistische Linke immer noch ziemlich kalt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als mein Jahrgang im Jahr 1994 in einer &#8222;Satire auf das kommerzielle Fernsehen&#8220; einen Politiker einer neuen Partei &#8222;Extreme Mitte Deutschlands&#8220; in der Schulaula auftreten lie\u00df, war das als Scherz gemeint. 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