{"id":17480,"date":"2018-03-01T00:00:00","date_gmt":"2018-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/bis-zum-morgenlicht-ist-uns-das-leben-sicher\/"},"modified":"2022-01-27T13:28:04","modified_gmt":"2022-01-27T11:28:04","slug":"bis-zum-morgenlicht-ist-uns-das-leben-sicher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/bis-zum-morgenlicht-ist-uns-das-leben-sicher\/","title":{"rendered":"&#8222;Bis zum Morgenlicht ist uns das Leben sicher!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Simha Rotem wuchs als Jude in einem \u00e4rmeren, von Kleinkriminalit\u00e4t gepr\u00e4gten polnischen Stadtteil von Warschau auf. Am 10. Februar 2018 wurde er 94 Jahre alt. Er ist der letzte \u00dcberlebende des Aufstands der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung im Warschauer Ghetto, wo er den Tarnnamen Kazik trug. Sein Bericht \u00fcber den Widerstand gegen den Massenmord hat er noch 1944 in einem Versteck niedergeschrieben, nicht aus freien St\u00fccken, sondern aus Pflichtgef\u00fchl gegen\u00fcber den Ermordeten. Diese Erinnerungen wurden nun von der Assoziation A wieder aufgelegt. Bereits mit 12 Jahren schloss sich Simha Rotem einer j\u00fcdischen Jugendorganisation an, als er 15 war, eroberte Hitlers Wehrmacht Polen. Bereits Ende 1939 begannen die Nazis ein Ghetto f\u00fcr die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung einzuteilen, das im Herbst 1940 abgeriegelt wurde. Nach unterschiedlichen Sch\u00e4tzungen wurden bis zu einer halben Millionen Menschen, 30 % der Warschauer Bev\u00f6lkerung, in 2, 4 % des Stadtgebietes gesperrt. Sie durften es bei Androhung der Todesstrafe nicht verlassen. Unz\u00e4hlige starben durch Hunger und Krankheiten, bevor 1942 ihre Verschleppung in die Gaskammern begann, mehr als eine Viertel Millionen Menschen verloren im Sommer 1942 allein in Treblinka ihr Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl Kazik bei einem Bauern auf dem Land in relativer Sicherheit und gut versorgt war, kehrte er Ende 1942 ins Ghetto zur\u00fcck, um sich der j\u00fcdischen Kampforganisation (ZOB) anzuschlie\u00dfen. Er nahm an den Vorbereitungen zum bewaffneten Kampf teil, die konkret wurden, als die J\u00fcd*innen erfuhren, dass sie in Treblinka systematisch ermordet wurden. Nach einigen Widerstandsaktionen im Vorfeld begann der eigentliche Aufstand am 19. April 1943. Im August 1944 beteiligten sich Kazik und andere \u00dcberlebende der ZOB auch am polnischen Aufstand in Warschau, der nach zwei Monaten erbitterter K\u00e4mpfe mit einer Niederlage und mit der weitgehenden Zerst\u00f6rung der Stadt endete. Es sind aber keine Kampferinnerungen, um die es in erster Linie geht, denn Kazik selbst wendet sich gegen Heldenverehrung: &#8222;Mutig waren auch die Menschen in Treblinka, die ums Leben gekommen sind. Oder diejenigen, die fr\u00fcher im Ghetto verhungert sind. Wir wollten nur die Art des Todes w\u00e4hlen. Eine leichtere als die in einer Gaskammer in Treblinka.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Handeln ist bewundernswert, seine Gef\u00e4hrt*innen und er retteten nicht nur die letzten 40 Aufst\u00e4ndischen, die sie durch das verworrene Abwassersystem aus dem brennenden Ghetto f\u00fchrten. Viele weitere der etwa 20000 J\u00fcdinnen und Juden, die in Warschau und Umgebung Holocaust und Krieg \u00fcberlebten, verdanken dies den Aktivist*innen der ZOB. Ihr Widerstandnetz, ihre angemieteten Wohnungen, in denen meist ein Paar oder einzelne als Polinnen und Polen lebten und sich weitere J\u00fcd*innen verbargen, war entscheidend. Kaziks Bericht widerspricht auch dem Vorurteil, praktisch die gesamte polnische Bev\u00f6lkerung h\u00e4tte teilnahmslos zugesehen wie die deutschen SS-Rassisten und ihre Hilfstruppen mordeten. Es gab zwar tats\u00e4chlich einen weit verbreiteten Antisemitismus in Polen, der immer wieder zu Denunziation, Erpressung und selbst Mord f\u00fchrte, aber es gab auch Tausende, die ihr Leben riskierten und nicht selten auch verloren, um ihre j\u00fcdischen Nachbarinnen und Nachbarn zu sch\u00fctzen. Ohne diese polnischen Antifaschist*innen, die dann ja auch die ZOB in den Warschauer Aufstand von 1944 integrierten, h\u00e4tte es kaum \u00dcberlebende des unfassbaren Massenmordens gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaziks Bericht ist also nicht etwa deswegen einzigartig und besonders, weil er bewaffnet k\u00e4mpfte, sondern weil er, beg\u00fcnstigt durch seine in der Jugend auf der Stra\u00dfe erworbene Abgebr\u00fchtheit und Geistesgegenw\u00e4rtigkeit, die Verbindungen zwischen den j\u00fcdischen Widerstandgruppen in Warschau und Umgebung aufrechterhielt, vor, w\u00e4hrend und nach dem Aufstand im Ghetto. Au\u00dferdem war er der Verbindungsmann der ZOB zum polnischen Widerstand, besonders zu der kommunistischen Volksarmee. Dadurch gewann er eine gro\u00dfe \u00dcbersicht \u00fcber das Geschehen. Kazik erinnert sich an so viel Abscheuliches auf der einen, soviel Mut und Selbstlosigkeit auf der anderen Seite, dass dieser Bericht tief ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie es \u00dcberlebende berichteten, sprach zum Beispiel Kaziks erste gro\u00dfe Liebe Dwora Baran, die w\u00e4hrend der Gefechte gegen die SS von ihm getrennt und sp\u00e4ter erschossen wurde, ihrer ersch\u00f6pften Widerstandsgruppe eines Abends Mut zu: &#8222;Vor uns liegt nach drei Tagen des Kampfes eine ganze Nacht; bis zum Morgenlicht ist uns das Leben sicher; ich wei\u00df nicht, ob die, die am Leben bleiben werden, dies in den kommenden Tagen werden sch\u00e4tzen k\u00f6nnen. Schwere K\u00e4mpfe erwarten uns und jeder Tag, der vorbeigeht, ohne dass wir besiegt werden, ist ein Wunder.&#8220; Es waren fast vier Wochen. Die Nazis brachen den Widerstand erst, indem sie das ganze Ghetto niederbrannten und die Keller sprengten, in denen noch Menschen waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wahrscheinlich werden diejenigen, die meinen, Rassismus heute wieder salonf\u00e4hig machen zu m\u00fcssen, nichts aus diesem Buch lernen, sofern sie es \u00fcberhaupt lesen. Will man aber diesen j\u00fcdischen Freiheitsk\u00e4mpfer*innen gerecht werden, so gilt es, jeder Erniedrigung und Einteilung von Menschen entgegenzutreten. Die Shoa ist ohne die gez\u00fcchtete Herrenmenschenmentalit\u00e4t der deutschen Mordkommandos undenkbar. Und auch die zweite zentrale Botschaft von Kaziks Erinnerung ist ganz klar: Es ist dringend notwendig, sich zu organisieren.<b><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Simha Rotem wuchs als Jude in einem \u00e4rmeren, von Kleinkriminalit\u00e4t gepr\u00e4gten polnischen Stadtteil von Warschau auf. Am 10. Februar 2018 wurde er 94 Jahre alt. 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