{"id":17481,"date":"2018-03-01T00:00:00","date_gmt":"2018-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/gruendlich-versaut\/"},"modified":"2022-01-28T12:06:02","modified_gmt":"2022-01-28T10:06:02","slug":"gruendlich-versaut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/gruendlich-versaut\/","title":{"rendered":"Gr\u00fcndlich versaut"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Langsam scheint sich diese neue Zeitschrift mit dem f\u00fcr mich unaussprechlichen Namen (&#8222;Ne znam&#8220; = kroatisch: Ich wei\u00df es nicht. Aber irgendwann merke ich mir den Namen) zu etablieren. Und das ist gut so. Hier steht die Anarchismusforschung im Vordergrund und weil das akademische Interesse am Anarchismus stetig und international zu steigen scheint, sollten wir dem Herausgeber Philippe Kellermann und dem Verlag Edition AV f\u00fcr deren Engagement in dieser Sache dankbar sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Aufbau der Halbjahres-Zeitschrift Ne znam ist mit sch\u00f6ner Gleichm\u00e4\u00dfigkeit \u00fcbersichtlich: Im Allgemeinen zwischen drei und sechs Aufs\u00e4tze &#8211; diesmal sind es vier -, jeweils ein historisches Dokument und einige Buchrezensionen von neuen, z.T. internationalen Publikationen. So weit so gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die aktuelle Ausgabe 6 ist dem Jahr 1917 mit zwei ausf\u00fchrlichen Beitr\u00e4gen verpflichtet, so etwa mit der Biographie des in Deutschland recht unbekannten russischen Theoretikers des Anarcho-Syndikalismus Lew Fischelew (aka Maxim Rajewskij, 1880-1931) von Dmitri Rublew und dem zweiten Teil von Philippe Kellermanns &#8222;Die Zeitschrift Der Syndikalist im Jahr 1919 und die russische Revolution&#8220;. Dazwischen die Beitr\u00e4ge von Andreas Gautsch \u00fcber eine Kombination von Anarchismus und Christentum bei Eugen H. Schmitt (1851-1916) und Jonathan Eibisch \u00fcber den Inhalt und Nutzen postanarchistischer politischer Theorien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als historisches Dokument gibt es diesmal einen Text von Federico Urales mit dem Titel: &#8222;Die Kunst, die Liebe und die Frau im Ateneo von Madrid&#8220; von 1903 in einer erstmaligen \u00dcbersetzung mit einer \u00fcber 18seitigen Einleitung des Hispanisten Martin Baxmeyer. Und dann folgen noch vier Buchrezensionen.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Besserwisserei<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf knapp 14 Buchseiten bespricht Michael Halfbrodt das Buch: &#8222;Lou Marin, Rirette Ma\u00eetrejean &#8211; Attentatskritikerin &#8211; Anarchafeministin &#8211; Individualanarchistin&#8220; (Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2016, 262 Seiten, 16,90 Euro). Auf vier Seiten zeichnet er das Leben und Wirken von Rirette Ma\u00eetrejean nach, mit Lob, kleinen Quengeleien, dem Aufz\u00e4hlen von Vers\u00e4umnissen und der Unterstellung, dass sich Lou Marin eine &#8222;Wunsch-Rirette&#8220; konstruiert h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es folgt eine Attacke auf die andere, was dar\u00fcber hinaus gehende Fehleinsch\u00e4tzungen, Pauschalisierungen sowie ungen\u00fcgende Erkl\u00e4rungen usw. angeht. Halfbrodt unterzieht die Bezeichnungen im Untertitel &#8211; Anarchafeministin, Individualanarchistin und Attentatskritikerin (in dieser Reihenfolge) &#8211; des Marin-Buches einer Kritik, die schon an Besserwisserei erinnert. Bis hin zur Kritik an der \u00dcbersetzung von Begriffen und an &#8222;sprachlicher Schlampigkeit&#8220;. Halfbrodt unterstellt Marin st\u00e4ndig aus seinem Blickwinkel einer &#8222;gewaltfreien Idelogie&#8220; zu schreiben. Dabei d\u00fcrfte die Tatsache, dass niemand ein Buch &#8222;neutral&#8220; schreibt, doch jedem klar sein. JedeR bringt seinen\/ihren Blickwinkel und Gewichtungen in ein Thema ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Michael Halfbrodt wie Lou Marin z\u00e4hlen zu den wichtigsten \u00dcbersetzern und Kennern Frankreichs und der anarchistischen Geschichte. Beide kennen sich. Warum also eine derartige \u00f6ffentliche Demontage?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich als Leser des Buches, der der franz\u00f6sischen Sprache nicht m\u00e4chtig ist, bringt diese Rezension wenig. Sie ist eher die Auseinandersetzung eines Spezialisten mit seinem Kollegen. Ich habe das Gef\u00fchl, dass mir die Lekt\u00fcre im Nachhinein gr\u00fcndlich versaut werden soll, obwohl ich es zuvor mit Interesse und Genuss zu meiner Zufriedenheit gelesen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Umgang innerhalb der Szene macht mich ziemlich sauer. Das hat nur noch wenig mit &#8222;Kritik&#8220; (schon gar nicht mit solidarischer) zu tun, sondern nur mit intellektuellem Fingerhakeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier stellt sich wieder die Frage nach einer Ethik von Rezensionen innerhalb der anarchistischen Szene. Wenn mir B\u00fccher nicht gefallen, lege ich sie beiseite, aber wenn mich etwas brennend interessiert und trotzdem \u00e4rgert, w\u00e4re es sinnvoller, den Autor oder die Autorin direkt zu kontaktieren. Schlie\u00dflich kennt man sich. Da brauche ich mich mit Fachwissen nicht zu profilieren, da es in dem Marin-Buch ja keine grunds\u00e4tzlichen Fehler oder L\u00fcgen gibt.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Einf\u00fchrung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ne znam schlie\u00dft mit Repliken von Gabriel Kuhn auf Kritik an seiner lobenden Rezension im Internet (www.alpineanarchist.org) zu dem Buch von &#8222;Daniel Loick, Anarchismus zur Einf\u00fchrung&#8220; (Junius Verlag Hamburg 2017, 256 S. 15,90 Euro).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was dem Loick-Buch zugestanden werden kann, ist seine Aktualit\u00e4t. O.k., es ist ja auch gerade erschienen. Dass aber Kuhn Platz in der Ne znam f\u00fcr seine Antworten auf die Kritik seiner Rezension erh\u00e4lt, finde ich schon etwas eigenartig. Warum wurde nicht die Rezension selbst hier publiziert und Kritik daran in der n\u00e4chsten Ausgabe?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier geht es dann u.a. um faktische Fehler wie falsche Jahresangaben etc. Das Ganze macht mich kuselig. Aber beim Thema &#8222;Einf\u00fchrungen&#8220; w\u00fcrden mich, der ja auch an solchen mitgearbeitet hat, ganz andere Dinge interessieren: Lesen nur AnarchistInnen solche &#8222;Einf\u00fchrungen&#8220;?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat es an sich schon einen Wert, ob der oder die AutorIn aus der Szene kommt oder nicht? Taugt eine Einf\u00fchrung in den Anarchismus, wenn sie in einem trotzkistischen Verlag erscheint?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00fcrde ich als Anarchist nicht eher eine Einf\u00fchrung aus einem libert\u00e4ren Verlag empfehlen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls geht Loick mit anderen Einf\u00fchrungen &#8211; subjektiv gesehen &#8211; hart um, und schon das Lesen des Inhaltsverzeichnisses g\u00e4be mir Anlass, eine ganze Liste von Unterlassungen anzumerken. Aber interessiert das jetzt jemanden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Prinzip k\u00f6nnte gesagt werden, wenn jemand diese Einf\u00fchrung liest und dadurch neugierig wird und sich mit dem Thema weiter besch\u00e4ftigt, w\u00e4re es doch ein Gewinn, oder?<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Forschung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Diskussion \u00fcber den Umgang mit unserer Literatur sollte gef\u00fchrt werden, denn er ist auch ein Teil der Frage, wie wir generell miteinander umgehen wollen. Es geht nicht darum, sich nur gegenseitig zu best\u00e4tigen, aber ein solidarischer Umgang mit Kritik sollte auch unseren generellen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da m\u00f6chte man fast fragen: Womit besch\u00e4ftigen wir uns eigentlich? Die Verstimmung, die diese Ausgabe der Ne znam auf den letzten Metern bei mir hinterlassen hat, soll nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass dieses Periodikum wichtig und empfehlenswert ist. Ne znam sind viele AbonnentInnen zu w\u00fcnschen. Denn neben der x-ten Einf\u00fchrung bedarf es auch der Forschung, wof\u00fcr die Ne znam (langsam gew\u00f6hne ich mich an den Titel) gute Arbeit leistet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Langsam scheint sich diese neue Zeitschrift mit dem f\u00fcr mich unaussprechlichen Namen (&#8222;Ne znam&#8220; = kroatisch: Ich wei\u00df es nicht. Aber irgendwann merke ich mir den Namen) zu etablieren. Und das ist gut so. 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