{"id":17489,"date":"2018-03-01T00:00:00","date_gmt":"2018-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/die-stadt-gehoert-allen\/"},"modified":"2022-01-28T13:26:46","modified_gmt":"2022-01-28T11:26:46","slug":"die-stadt-gehoert-allen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/03\/die-stadt-gehoert-allen\/","title":{"rendered":"Die Stadt geh\u00f6rt allen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Nach wahrscheinlich eher zur\u00fcckhaltenden Berechnungen der EU leben 33,5% der ungarischen Bev\u00f6lkerung in Armut. Andere Quellen sprechen von \u00fcber 40%. Die marginalisierten B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger k\u00f6nnen von den Beh\u00f6rden nur wenig oder gar nichts erwarten. Die ungarische Regierung hat Sozialhilfen drastisch gek\u00fcrzt und die Obdachlosigkeit kriminalisiert. In einem strengen Winter erfroren 200 Obdachlose.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer Job und Wohnung verliert, landet auf der Stra\u00dfe. In Ungarn geh\u00f6rt es zum Alltag, dass Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Jobs verlieren und in extreme Armut abrutschen Familien werden durch Zwangsr\u00e4umung aus ihren Wohnungen vertrieben, weil sie Mieten oder die Raten der Wohnungskredite nicht mehr bezahlen k\u00f6nnen. In Ungarn lauten 26% aller privaten Kredite auf Schweizer Franken. Nach der Wechselkursfreigabe des Schweizer Franken 2015 und dem dadurch verursachten Kursverfall des Forints erh\u00f6hten sich die Schulden im Verh\u00e4ltnis zu den Einkommen drastisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erwachsene Gl\u00e4ubiger setzt man auf die Stra\u00dfe, ihre Kinder nimmt man in staatliche Obhut. Damit werden Familien zerrissen. Gegenw\u00e4rtig sind 23.000 Kinder in Ungarn durch Wohnungsr\u00e4umungen von ihren Eltern getrennt. An Sozialwohnungen herrscht gro\u00dfer Mangel, und in Obdachlosenasylen herrschen oft grauenhafte Zust\u00e4nde. Immer wieder versuchen Obdachlose, sich an der Peripherie in kleinen H\u00fcttenkolonien eine Bleibe zu schaffen. Aber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter sind sie den Beh\u00f6rden ein Dorn im Auge und werden vertrieben.<\/p>\n<h5 class=\"western\" style=\"text-align: justify;\">Die B\u00fcrgerinitiative AVM k\u00e4mpft f\u00fcr soziale Gerechtigkeit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Offizielle Stellen erkl\u00e4rten auf Anfrage der B\u00fcrgerinitiative &#8222;AVM&#8220; (A V\u00e1ros Mindenki\u00e9 = Die Stadt geh\u00f6rt allen), dass gegenw\u00e4rtig 70.808 Menschen in Ungarn \u00fcber keine &#8222;g\u00fcltige Meldeadresse&#8220; verf\u00fcgen. Zwei Jahre zuvor lag die Zahl bei 63.660 Personen. 41 Prozent von ihnen waren zuvor in Budapest gemeldet. Rechnerisch ergibt das 30.000 Obdachlose in der Hauptstadt. In Frankfurt geht man von 2.700 Menschen aus, die gezwungen sind, auf der Stra\u00dfe zu leben. Noch ein paar Zahlen, um die Dimensionen deutlich zu machen: Ungarn hat 9,8 Millionen Einwohner*innen, davon leben 1,7 Millionen in Budapest. Frankfurt hingegen hat 732.000 Einwohner*innen. Eine Meldekarte ist in Ungarn mehr als eine Formalit\u00e4t, da man ohne sie weder medizinische Versorgung noch Sozialleistungen erh\u00e4lt. Von ihr h\u00e4ngen nicht zuletzt die B\u00fcrgerrechte und auch das Wahlrecht ab. 23.865 Menschen haben von dem Recht Gebrauch gemacht, sich ohne festen Wohnsitz anzumelden, was ihnen zumindest juristisch ihre B\u00fcrgerrechte sichert, de facto jedoch die Gesamtzahl der Obdachlosen auf fast 100.000 erh\u00f6ht. Insgesamt stehen 400.000 Wohnungen leer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Budapest existieren zahlreiche B\u00fcrgerinitiativen, die versuchen, das Los der Menschen auf der Stra\u00dfe zu erleichtern. Ein Beispiel sind die K\u00f6che verschiedener Alternativlokale im &#8222;hippen&#8220; 7. Bezirk, die sonntags f\u00fcr die Obdachlosen kochen und sie gratis in einem Park bewirten. Die n\u00f6tigen Gelder f\u00fcr diese Verk\u00f6stigung erbringen Sammlungen in den Szenekneipen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der 2009 entstandenen Bewegung AMV haben sich 50 Menschen aus Budapest mit und ohne Wohnsitz zusammengeschlossen. Sie wehren sich gemeinsam gegen die Verweigerung von Sozialleistungen und die Kriminalisierung von Obdachlosigkeit. Die Aktivist*innen k\u00e4mpfen f\u00fcr soziale Gerechtigkeit, die Einhaltung der Menschenrechte und \u00fcben ihre demokratischen Rechte aus. Der Name spiegelt wider, was die Mitglieder der Gruppe erstreben: Eine Stadt, mehr noch eine Gesellschaft, basierend auf den Prinzipien von Solidarit\u00e4t und Gerechtigkeit. Sie k\u00e4mpfen f\u00fcr eine Verankerung des Rechts auf Wohnung in der Verfassung, von dem der Artikel 25 der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte der Vereinten Nationen spricht. Sie fordern die Kriminalisierung und Diskriminierung der Obdachlosen zu beenden. Den Aufbau eines effektiven Sozialsystems, das niemanden ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Druck auf die Entscheidungstr\u00e4ger versuchen sie, die Entwicklung einer entsprechenden Wohnungspolitik zu bewirken. Die Forderung lautet, das Recht auf Wohnraum in die Verfassung aufzunehmen. Der Schutz der Rechte und der Interessen der Obdachlosen sowie der Kampf gegen gesellschaftliche Vorurteile ist auch Bestandteil ihrer Arbeit, mit der sie beweisen wollen, dass Obdachlose, wenn sie sich zusammenschlie\u00dfen, f\u00fcr ihre Menschenw\u00fcrde eintreten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der tragische Tod zweier Gr\u00fcndungsmitglieder verst\u00e4rkt das Gef\u00fchl der Gruppe, dass der Kampf gegen die Stigmatisierung und Segregation wichtiger ist denn je. Daher arbeiten sie mit anderen Initiativen zusammen, die f\u00fcr \u00e4hnliche Ziele k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt keine Hierarchie innerhalb der Gruppe, alle Entscheidungen werden im Plenum gefasst und f\u00fcr die Umsetzung werden jeweils Koordinator*innen bestimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gemeinsam bereitet man sich auf den passiven Widerstand vor, \u00fcbt Methoden, feste Menschenketten zu bilden, die von der Polizei nur schwer aufgel\u00f6st werden k\u00f6nnen. Mit gewaltfreiem Protest und zivilem Ungehorsam versucht man, die Zwangsr\u00e4umung von Wohnungen zu verhindern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich setzt man auch auf die klassischen Mittel, Missst\u00e4nde mit Plakaten und Demonstrationen anzuprangern, Wohnraum zu besetzen, versucht dar\u00fcber hinaus in Verhandlungen mit Beh\u00f6rdenvertreter*innen L\u00f6sungen f\u00fcr konkrete F\u00e4lle zu finden. L\u00e1szl\u00f3 Bihari zeigt in seinem Dokumentarfilm <a href=\"#u1\">((1))<\/a> \u00fcber die Gruppe, wie Obdachlose nach Verhandlungen mit der Verwaltung des Stadtbezirks eine leer stehende Wohnung beziehen und die Gruppe sie bewohnbar macht. Es gibt kleine Erfolge zu feiern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tessza Udvarhelyi, eine Mitgr\u00fcnderin der Gruppe, kritisiert in dem Film, dass Menschen mit mehr Einfluss, sich nicht f\u00fcr soziale Belange einsetzen, oder sogar alles daran setzen die gegenw\u00e4rtigen Zust\u00e4nde aufrecht zu erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wem geh\u00f6rt die Stadt? Welchen gesellschaftlichen Gruppen wird Teilhabe gestattet? Und in welchem Ma\u00dfe?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im kapitalistischen System ist keine L\u00f6sung der Wohnungsfrage zu erwarten.<b><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach wahrscheinlich eher zur\u00fcckhaltenden Berechnungen der EU leben 33,5% der ungarischen Bev\u00f6lkerung in Armut. Andere Quellen sprechen von \u00fcber 40%. Die marginalisierten B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger k\u00f6nnen von den Beh\u00f6rden nur wenig oder gar nichts erwarten. Die ungarische Regierung hat Sozialhilfen drastisch gek\u00fcrzt und die Obdachlosigkeit kriminalisiert. In einem strengen Winter erfroren 200 Obdachlose. 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