{"id":1749,"date":"1998-02-01T00:00:34","date_gmt":"1998-01-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1749"},"modified":"2022-07-26T13:57:00","modified_gmt":"2022-07-26T11:57:00","slug":"niemand-wird-schuldig-geboren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/02\/niemand-wird-schuldig-geboren\/","title":{"rendered":"Niemand wird schuldig geboren!"},"content":{"rendered":"<p>Wie verhielt es sich eigentlich mit S\u00f6hnen und T\u00f6chtern von Mitt\u00e4terInnen und VollstreckerInnen, insbesondere aus Nazi-Familien? Wie haben sie sich mit der Schuldfrage auseinandergesetzt? In welcher Situation befanden sie sich? Wie gingen sie mit dem Erbe ihrer Eltern um? Und: wie gestalteten sie ihre weiteren Lebenswege?<\/p>\n<p>Die bundesdeutsche \u00d6ffentlichkeit interessierte sich in den Nachkriegsjahren allenfalls f\u00fcr die vermarktbare Popularit\u00e4t prominenter Familiengeschichten &#8211; haupts\u00e4chlich aus dem f\u00fchrenden Nazi-Milieu. ((1)) Dabei stand die Frage nach der schwierigen Lebenslage der betroffenen Kinder aus diesen Familien keineswegs im Mittelpunkt des Interesses. Die S\u00f6hne und T\u00f6chter aus diesem Milieu waren weitestgehend mit ihrem Schicksal alleingelassen worden. ((2)) Sie, die vor 1939 geboren wurden, hatten mit besonderen H\u00e4rten fertigzuwerden. Ihnen wurde zum Beispiel der weitere Schulbesuch verweigert. Insbesondere das Stigma, &#8222;schuldig geboren zu sein&#8220;, verlagerte ihre spezielle Lebenssituation in eine extreme Au\u00dfenseiterInnenposition. Hinzu kam die zumeist schwer zu verarbeitende Erkenntnis und Tatsache, da\u00df der eigene Vater ein Massenm\u00f6rder gewesen ist. Dabei hatten sie ihn nicht selten im h\u00e4uslichen Milieu als eher liebevollen Elternteil kennengelernt. Die abrupte und unmittelbare Konfrontation mit der Tatsache der Nazi-T\u00e4terInnenschaft der Eltern f\u00fchrte oft zu Krisen und seelischen Ersch\u00fctterungen. Es war zugleich der erfahrene Bruch des Schweigens, der Bruch mit der Sph\u00e4re einer zuvor k\u00fcnstlich aufgebauten, heilen Familienwelt. ((3))<\/p>\n<h3>Die Entlarvung des Klischeebildes<\/h3>\n<p>Erst seit Ende der 80er Jahre begann im deutschsprachigen Raum eine aufmerksamere, tiefgr\u00fcndigere Forschung \u00fcber die Situation der Nachfahren von Nazi-T\u00e4terInnen. In der BRD war es insbesondere die Journalistin D\u00f6rte von Westernhagen, die sich &#8211; selbst betroffen als Tochter eines SS-Offiziers &#8211; den Identit\u00e4ten und Lebenswelten dieser Menschen zuwandte. ((4)) In ihren Sozialreportagen, den Ergebnissen ihrer Begegnungen und intensiv gef\u00fchrten Gespr\u00e4che mit Gleichaltrigen und j\u00fcngeren Mitbetroffenen, zeigt sie ein Spiegelbild dieser spezifischen Lebenswelten auf. Es handelt sich dabei um ein breites Spektrum verschiedener Schicksale auch nicht-prominenter Herkunft.<\/p>\n<p>Im schroffen Gegensatz zu ihren Nazi-Eltern und -Gro\u00dfeltern setzten sich die Kinder zumeist bis ins reife Erwachsenenalter hinein sehr intensiv mit der Schuld ihrer Eltern sowie deren Verhaltensweisen und Taten auseinander. Die politisch und moralisch gestellte Schuldfrage entwickelte sich geradezu zu ihrer inneren Lebensleitlinie. Das konnte sich im Verborgenen abspielen, sozusagen rein privat. Es vollzog sich jedoch ebenso im \u00e4u\u00dferen, \u00f6ffentlichen Rahmen, zum Beispiel bei der Berufswahl oder in verschiedenen politischen, sozialen oder auch religi\u00f6sen Engagements. ((5))<\/p>\n<p>Die besondere Situation dieser Menschen m\u00f6chte ich anhand zweier typischer Fallbeispiele verdeutlichen:<\/p>\n<h3>1. Ger\u00e4uschvolle Verschw\u00f6rung des Schweigens.<\/h3>\n<p>Almut H. wurde 1943 geboren. Nach dem Studium der Geschichte gr\u00fcndete sie ihre eigene Familie. Gleichzeitig ging sie einer beruflichen T\u00e4tigkeit nach. Seit ihrem 30. Lebensjahr entwickelte sich bei ihr das starke Bed\u00fcrfnis, nach der Lebenssituation und Mitbeteiligung ihrer Eltern im Nationalsozialismus zu forschen &#8211; ein Thema, das innerhalb der Familie v\u00f6llig tabuisiert wurde. Ihr aufrichtiger Versuch, dar\u00fcber vor allem mit dem Vater ins Gespr\u00e4ch zu kommen, scheiterte jedoch grundlegend. Insbesondere das Thema der Pogrome gegen j\u00fcdische Menschen sowie die Massenvernichtung l\u00f6ste eine eiskalte Mauer des Schweigens aus. \u00dcber die berufliche Position des Vaters &#8211; er war offensichtlich ein reicher Fabrikant gewesen &#8211; erhielt sie nur vage Ausk\u00fcnfte. Das Abblocken n\u00e4herer Ausk\u00fcnfte \u00fcber vergangene T\u00e4tigkeiten der Eltern waren ihr ein eindeutiger Hinweis darauf, &#8222;da\u00df da was nicht stimmt&#8220;.<\/p>\n<p>Auch die \u00fcbrige Verwandtschaft schwieg sich aus. Ersch\u00fcttert kam sie schlie\u00dflich zu dem Ergebnis, da\u00df ihre Familie kein eigenes geschichtliches Bewu\u00dftsein entwickeln will. Die Verhinderung des innerfamili\u00e4ren Dialogs aufgrund der Verleugnung der Vergangenheit der Eltern trieb Almut letztendlich zum Kommunikationsabbruch mit der Familie.<\/p>\n<p>Seit diesem Zeitpunkt ver\u00e4nderte sie sich, wie sie selbst sagt, radikal. Es kam zu einem Zusammenbruch ihrer bisherigen Lebensformen. &#8222;Dann kam die anti-autorit\u00e4re Bewegung, in die ich mich eingebunden hab; der Angriff auf die Kleinfamilie, politische Bildungsarbeit, Arbeit mit Randgruppen, Trennung von meinem Mann, Leben in einer Kommune, Kinderladen&#8230;&#8220; ((6)) Diese Umorientierung war f\u00fcr sie zun\u00e4chst eine Alternative zur kapitalistisch ausgerichteten Nachkriegsgesellschaft des &#8222;kollektiven Schweigens&#8220; \u00fcber den Holocaust. Trotzdem f\u00fchrten sie diese neuen Umst\u00e4nde nahezu in den Ruin. Sie wurde damals in einen Zustand des abgrundtiefen Hasses getrieben, der dann teilweise auch in kollektiven Formen, etwa bei Massendemonstrationen innerhalb der Bewegung, zum Ausdruck kam. Sie wurde damals nicht nur selbst an den Rand der Verzweiflung getrieben, sondern auch, wie sie \u00fcber sich selbst sagt, an den Rand des Terrorismus. Aus dieser verzweifelten Lage fand sie nur \u00fcber den Weg einer f\u00fcr sie geeigneten Psychotherapie wieder heraus. Dort konnte sie endlich sprechen: \u00fcber das Schweigen der Eltern, aber auch \u00fcber das selbst Erlittene, \u00fcber die Schuld an den vergangenen Verbrechen im Nationalsozialismus, \u00fcber Perspektiven der Ver\u00e4nderung. Die B\u00fcrde der jahrelang getragenen Last des Schweigens konnte ihr um ein gro\u00dfes St\u00fcck erleichtert werden. Entscheidend war f\u00fcr sie dabei, da\u00df der Therapeut Ausl\u00e4nder war, also keine deutsch-faschistische Vergangenheit haben konnte.<\/p>\n<p>Almut konnte nun f\u00fcr sich in den folgenden Jahren Perspektiven sozialer Ver\u00e4nderung entwickeln. Sie suchte Kontakte zu Gruppen und Einzelpersonen, die sich ebenfalls mit der T\u00e4terInnen-Problematik und der sozial vererbten Schuld an den Verbrechen auseinandersetzten. Insbesondere suchte sie dabei auch die Begegnung mit j\u00fcdischen Menschen, um mit ihnen gezielt in einen intensiven Austausch zu kommen. Sie beteiligte sich au\u00dferdem aktiv am Aufbau von sogenannten Encounter-Gruppen, in denen sich speziell &#8222;Kinder&#8220; von \u00dcberlebenden (Opfer) des Holocaust sowie von T\u00e4terInnen gemischt zusammengew\u00fcrfelt trafen. Im Mittelpunkt stand dabei, in einem gemeinsamen Proze\u00df verschiedenartige sprachliche Ausdrucksformen zu entfalten, um an das kollektiv verdr\u00e4ngte Holocaust-Symptom heranzukommen. Zu Beginn standen <em>beide <\/em>Gruppen von Betroffenen relativ hilflos vor dem Problem, den jeweils eigenen Stammbaum aufzuzeigen &#8211; als <em>eine <\/em>Form der gestalttherapeutischen Auseinandersetzung. Es handelte sich dabei nicht nur um ausschlie\u00dflich psychotherapeutische Intentionen, sondern diese sozio-biographische Arbeit wurde in den politisch-historischen Kontext gestellt. ((7))<\/p>\n<p>Dieser gemeinsam erfahrene Background verhalf wiederum dazu, Kommunikationsabbr\u00fcche mit den jeweils eigenen Eltern zu verarbeiten. Dar\u00fcber hinaus verhalf er durchaus auch dazu, den verstummten Dialog mit der Elterngeneration &#8211; vom Standort eines wesentlich st\u00e4rker gefestigten Selbstbewu\u00dftseins aus &#8211; wieder aufzunehmen, ohne dabei die mittlerweile erfahrene Unabh\u00e4ngigkeit und Distanz aufzugeben. ((8))<\/p>\n<h3>2. In die Fu\u00dfstapfen des Vaters treten&#8230;?<\/h3>\n<p>Thilo S. wurde 1949 geboren. Er war j\u00fcngster von drei S\u00f6hnen einer recht angesehenen Arztfamilie. Seine Kindheit beschreibt er als \u00e4u\u00dferst wohlbeh\u00fctet und geborgen. Der Vater legte Wert auf eine erfolgreiche akademische Laufbahn der S\u00f6hne. Gerade aufgrund der fr\u00fchkindlich-positiven Erfahrungen fiel es sp\u00e4ter den S\u00f6hnen schwer, sich der Tatsache der Mitt\u00e4terschaft des Vaters an Menschenversuchen mit dem Giftgas Phosgen an KZ-H\u00e4ftlingen bewu\u00dft zu stellen. &#8222;Wir konnten unsere Eltern deshalb gar nicht kritisieren.&#8220; ((9)) Erst im Winter 1956 erfuhr die Familie von dem Faktum der T\u00e4terschaft des Vaters. Und zwar unvermittelt aufgrund einer Radio\u00fcbertragung. F\u00fcr die Kinder war es damals ein Schock. Es begann f\u00fcr sie ein Proze\u00df der inneren Zerrissenheit. War der Vater nun ein mitbeteiligter M\u00f6rder? Oder stimmte das doch nicht? Das bisher solide Vertrauensverh\u00e4ltnis zu den Eltern geriet aus dem Gleichgewicht. Thilos \u00e4lterer Bruder wurde zum Beispiel depressiv, er war ernsthaft selbstmordgef\u00e4hrdet. Thilo hingegen versuchte das Problem eher zu rationalisieren. Trotzdem war er ebenfalls hin und hergerissen: einerseits glaubte er an die Unschuld des Vaters, andererseits fand er immer wieder Hinweise und Fakten f\u00fcr eine bewu\u00dfte Mitt\u00e4terschaft. Er recherchierte in alten Familiendokumenten und befragte gezielt seinen Vater. Ein gewisses Ma\u00df an innerfamili\u00e4rem Dialog war m\u00f6glich, jedoch: eindeutige und klare Ausk\u00fcnfte bekam er nicht. Insbesondere \u00fcber die eigene Verantwortung sowie Schuld sprach der Vater nicht. Das blieb tabu.<\/p>\n<p>Dem Versuchsleiter des Giftgasexperiments war nach 1945 im Ausland der Proze\u00df gemacht worden. Seine Assistenten, unter ihnen Thilos Vater, waren mitangeklagt worden. Daher tauchte Thilos Vater nach 1945 zun\u00e4chst unter. L\u00e4ngere Zeit pendelte er zwischen den Besatzungszonen hin und her, wurde auch von den Alliierten zeitweise interniert. Sie hatten jedoch an einer Auslieferung kein Interesse &#8211; eine Tatsache, die bei dem Sohn das Bild erzeugte, da\u00df die Mitbeteiligung an dem Giftgasmord &#8222;doch nicht so gravierend gewesen sein konnte&#8220;. Die Zweifel des Sohnes an der vermeintlichen Unschuld erhielten weiter Nahrung dadurch, da\u00df in den 50er Jahren ein deutsches Ermittlungsverfahren gegen seinen Vater eingestellt wurde.<\/p>\n<p>Seit dieser legitimierten &#8222;Entlastung&#8220; erhielt sein Vater eine gutsituierte Stelle als Stadtarzt. Ein weiterer Karriereaufstieg wurde ihm erm\u00f6glicht: zus\u00e4tzlich wurde er zum Leiter des kommunalen Gesundheitsamtes bef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Im Erwachsenenalter, nachdem Thilo bereits mit einem Medizinstudium begonnen hatte, meldeten sich erneut Zweifel gegen\u00fcber der vermeintlichen Unschuld des Vaters. Dieser h\u00e4tte doch damals merken m\u00fcssen, da\u00df die Leute an den Giftgasversuchen gestorben sind. Wiederum wich sein Vater aus, er distanzierte sich jedoch auch nicht von den Versuchen.<\/p>\n<p>Thilos Identifikation mit dem Vater blieb trotzdem recht stark. Er war bestrebt, ein guter Mediziner zu werden. Der Konfrontation mit den Fragen und Problemen der 68er-StudentInnenbewegung ging er zun\u00e4chst aus dem Weg. Allerdings geriet er nach einiger Zeit in kommunistisch-maoistische Kreise und begann sich neben dem Studium politisch zu bet\u00e4tigen. Er trat den &#8222;Roten Zellen&#8220; bei und bekannte sich zum Maoismus: &#8222;Mir war klar, als Wissenschaftler mu\u00dft du dem Volke dienen&#8220;. ((10)) Er identifizierte sich dabei mit dem Konzept der &#8222;Kulturrevolution&#8220;.<\/p>\n<p>Dieser \u00dcbertritt war, wie er selbst sagt, ein Versuch, das Dilemma des Vaters, in der NS-Zeit politisch mi\u00dfbraucht worden zu sein, produktiv zu l\u00f6sen. Eine leichte Wunde der Entt\u00e4uschung, weil sein Vater sich ihm nicht ehrlich ge\u00f6ffnet hatte, blieb bestehen. Thilo kommt letztendlich zu dem Ergebnis: &#8222;Mein Vater ist eigentlich kalt, er f\u00fchrt exakt Tagebuch, wo er heute gucken kann&#8230;, was er vor zwanzig Jahren gemacht hat&#8230;&#8220; ((11))<\/p>\n<p>Seine Mutter h\u00e4lt er f\u00fcr sensibler; sie mu\u00dfte sich jedoch dem Vater in allem unterordnen. Die Eltern lebten h\u00e4uslich sehr isoliert, sie unterhielten kaum private Kontaktbeziehungen nach au\u00dfen. Die Mutter und ein Bruder galten als psychisch krank. Beide mu\u00dften sich wegen Depressionen mehrmals in psychiatrische Behandlung begeben. Das Ph\u00e4nomen der offenen oder versteckten Depression innerhalb der Familie f\u00fchrte Thilo letztendlich auf die unterdr\u00fcckten Konflikte zur\u00fcck, n\u00e4mlich darauf, da\u00df die Eltern nicht bereit waren, offen \u00fcber ihre Mitbeteiligung im Nationalsozialismus zu sprechen. Thilo selbst hatte mit ihnen inzwischen eine ziemliche Auss\u00f6hnung erreicht. Seine politische Konzeption, &#8222;als Wissenschaftler dem Volke dienen&#8220;, gefiel dem Vater sehr. Als Thilo 1976 zusammen mit seinen Gef\u00e4hrten ein Proze\u00df drohte, spendete der Vater freim\u00fctig Geld f\u00fcr einen Rechtshilfefonds.<\/p>\n<h3>Folgerungen aus den Fallbeispielen<\/h3>\n<p>Obwohl sich Thilo inzwischen ein f\u00fcr sich \u00fcberzeugendes Eigenleben aufgebaut hatte und ihm eine gewisse Distanz zu der Vergangenheit der Eltern gelungen war, kam es doch noch zu einer offenen Krise bei ihm. Sie ereignete sich 1983. \u00dcberraschend wurde das gerichtliche Verfahren gegen den Vater wieder aufgenommen. Bei dem Sohn verursachte das einen Zustand von Manie und Depression. F\u00fcr den Vater war der Sohn nun die einzige Bezugsperson, bei der er in dieser Situation Anlehnung und Hilfe suchte. Hierbei entwickelte es sich nun so weit, da\u00df Thilo den Vater beschwichtigte und ihm beteuerte, er glaube gewisserma\u00dfen an seine Unschuld, und da\u00df er das sp\u00e4t wiederaufgenommene Verfahren ebenfalls f\u00fcr unangemessen halte. Aus seiner Krise mu\u00dfte Thilo hingegen &#8211; v\u00f6llig alleingelassen &#8211; selbst herausfinden. Damals befand er sich in den letzten Z\u00fcgen seines Studiums. Er hatte gehofft, f\u00fcr seine Forschungsarbeiten einen Nobelpreis zu erhalten. Dieses sehr hoch gesteckte Idealbild hatte er jedoch nicht erreicht und so mu\u00dfte er seine Lebenspl\u00e4ne umstrukturieren.<\/p>\n<p>Thilos Fallbeispiel zeigt deutlich, welches emotionale Vakuum Kinder in einer Familie ausf\u00fcllen m\u00fcssen, in denen die Eltern unf\u00e4hig sind, \u00fcber eigene Verwicklungen und Mitt\u00e4terschaften im Nationalsozialismus zu sprechen und daf\u00fcr gerade zu stehen. Thilos Geschichte ist kein Einzelfalls, sondern durchaus repr\u00e4sentativ. Als Nachfahre dieser Eltern kann er nicht einfach die famili\u00e4ren Bande \u00fcberspringen, sondern er mu\u00df sich gezwungenerma\u00dfen den vergangenen Verbrechen des Vaters stellen. Im Grunde hat er aufrichtige Zweifel an der Verharmlosung der Mitt\u00e4terschaft des Vaters und diese Erkenntnis erfordert ein \u00fcberdurchschnittliches Ausma\u00df an seelischer Eigenleistung, besonders auch die Tatsache, damit alleine fertig werden zu m\u00fcssen. Menschlich allzu verst\u00e4ndlich ist es, da\u00df er als Sohn dem Vater letztendlich vergibt und ihm in der Not beisteht. Andererseits wird er dadurch endg\u00fcltig zum Opfer seiner T\u00e4terInnen-Eltern. Er &#8211; an ihrer Stelle &#8211; soll das auss\u00f6hnen und ausgleichen, was sie nicht bewu\u00dft aufarbeiten und eingestehen konnten.<\/p>\n<p>Auf dieser Ebene treffen sich die Kinder von T\u00e4terInnen <em>und <\/em>Holocaust-\u00dcberlebenden. Beide Gruppierungen erleben in der Regel die Belastung der &#8222;ger\u00e4uschvollen Last des Schweigens&#8220;, die Gewalt und die Blockade, die daraus entsteht. Wenn sie das bewu\u00dft aufarbeiten k\u00f6nnen und wollen, hei\u00dft das zun\u00e4chst: sich individuell den traumatischen Erlebnissen innerhalb der jeweils eigenen Familienbiographie zu stellen. Die Fall-Geschichte von Almut zeigt die M\u00f6glichkeit einer sozialen und politischen Dimension als konsequente Folgerung der vorausgegangenen subjektiven Auseinandersetzung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie verhielt es sich eigentlich mit S\u00f6hnen und T\u00f6chtern von Mitt\u00e4terInnen und VollstreckerInnen, insbesondere aus Nazi-Familien? Wie haben sie sich mit der Schuldfrage auseinandergesetzt? In welcher Situation befanden sie sich? Wie gingen sie mit dem Erbe ihrer Eltern um? Und: wie gestalteten sie ihre weiteren Lebenswege? Die bundesdeutsche \u00d6ffentlichkeit interessierte sich in den Nachkriegsjahren allenfalls &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/02\/niemand-wird-schuldig-geboren\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Niemand wird schuldig geboren! - graswurzelrevolution","description":"Wie verhielt es sich eigentlich mit S\u00f6hnen und T\u00f6chtern von Mitt\u00e4terInnen und VollstreckerInnen, insbesondere aus Nazi-Familien? Wie haben sie sich mit der Schu"},"footnotes":""},"categories":[116,1033],"tags":[],"class_list":["post-1749","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-226-februar-1998","category-so-viele-farben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1749","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1749"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1749\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1749"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1749"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1749"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}