{"id":17499,"date":"2018-04-01T00:00:00","date_gmt":"2018-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/04\/protest-gegen-das-akw-tihange\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:02","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:02","slug":"protest-gegen-das-akw-tihange","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/04\/protest-gegen-das-akw-tihange\/","title":{"rendered":"Protest gegen das AKW Tihange"},"content":{"rendered":"<p>2012 wurden tausende bis zu 18 cm gro\u00dfe Risse in den Reaktordruckbeh\u00e4ltern der belgischen Atomreaktoren Doel 3 und Tihange 2 entdeckt.<\/p>\n<p>Viele &#8211; selbst atomkraftfreundliche &#8211; Expert*innen zweifeln die Sicherheit der beiden Reaktoren an. Trotz dieser Kritik h\u00e4lt die belgische Atomaufsicht FANC und der Betreiber Engie unbeirrt an den Reaktoren fest.<\/p>\n<h3>Wie alles anfing<\/h3>\n<p>Der Protest startete 2012 mit Recherchen des Aachener Aktionsb\u00fcndnisses gegen Atomenergie (AAA) zu den Rissfunden. In der Folge organisierte das AAA mehrere Wissenschaftskonferenzen und wies so die Verantwortungslosigkeit des Betriebs nach. Die Reaktoren waren mit kurzer Unterbrechung von 2012 bis Ende 2015 vom Netz genommen worden. Nach dem Wiederanfahren im Dezember 2015 breitete sich der Protest im Raum Aachen aus und geht seitdem durch einen Gro\u00dfteil der Aachener Gesellschaft.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Punkt im Protest gegen das Atomkraftwerk war insbesondere, das Aufzeigen eines de facto nicht organisierten Katastrophenschutzes in der Stadt Aachen. Mit der Verweigerung von Informationen \u00fcber den Katastrophenschutz durch die Stadtverwaltung wurde die Stadt mit einer Welle von Protesten und Anfragen konfrontiert. Das AAA legte der Kommune \u00fcber 60 Fragen zum Katastrophenschutz vor, von denen auch nach einem halben Jahr eine Beantwortung ausblieb. Spannend ist, dass diese Fragen in leicht ge\u00e4nderter Form j\u00fcngst auch dem Stadtrat von L\u00fcttich vorgelegt wurden. Und auch dort zeigte allein das Thematisieren des Katastrophenschutzes eine vergleichbare Wirkung.<\/p>\n<p>Der Stadtrat von L\u00fcttich forderte in der Folge fast einstimmig die Schlie\u00dfung von Tihange 2. Dies w\u00e4re vor einigen Monaten noch undenkbar gewesen und stellt einen Wendepunkt im belgischen Protest dar.<\/p>\n<p>In der gesamten Stadt Aachen haben B\u00fcrger*innen und Einzelh\u00e4ndler*innen gelbe &#8222;Stop Tihange&#8220;-Plakate in ihren Fenstern h\u00e4ngen und auf ihren Autos kleben. Die gr\u00f6\u00dfte Buchhandlung hat seitdem ein Plakat von rund vier Metern Durchmesser in ihrem Gesch\u00e4ft h\u00e4ngen. Eine Spedition lie\u00df seinen neuen 40-Tonnen LKW mit der Aufschrift &#8222;STOP TIHANGE&#8220; bedrucken und der Fu\u00dfballverein Alemannia Aachen organisierte ein Liga-Spiel gegen den 1. FC K\u00f6ln 2 unter dem Slogan &#8222;Stop Tihange&#8220;. Beide Mannschaften trugen anstelle der Werbung auf ihren Trikots diesen Slogan. Gew\u00f6hnlich schauen sich rund 5.000 Zuschauer*innen ein Spiel der Alemannia Aachen an, an diesem Tag trieb es \u00fcber 20.000 zum Fu\u00dfball, um so auch den Protest gegen das AKW Tihange zum Ausdruck zu bringen.<\/p>\n<p>Diese Emp\u00f6rung hat sich auch \u00fcber die Grenzen in Richtung Belgien und die Niederlande entwickelt. Aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden war in beiden Nachbarregionen von Aachen der Anti-AKW-Kampf deutlich schw\u00e4cher entwickelt.<\/p>\n<p>Durch regelm\u00e4\u00dfige Informationskampagnen zusammen mit belgischen und niederl\u00e4ndischen Partner-Gruppen ist es aber gelungen, den Protest auch dort zu verankern. Aktueller H\u00f6hepunkt war im Juni 2017 eine 90 Kilometer lange Menschenkette vom AKW Tihange \u00fcber L\u00fcttich (B) und Maastricht (NL) bis nach Aachen mit rund 50.000 Teilnehmer*innen. Organisiert wurde die Menschenkette von belgischen, niederl\u00e4ndischen und deutschen Anti-Atom-Initiativen.<\/p>\n<p>Sogar die ehemalige Umweltministerin Barbara Hendricks forderte Belgien auf, die beiden Problemreaktoren zumindest bis zur eindeutigen Kl\u00e4rung deren Sicherheit vom Netz zu nehmen. Erstaunlicherweise wurde bekannt, dass das Bundesumweltministerium nachfolgend die Belieferung eben dieser Problemreaktoren mit deutschen Brennelementen aus der Brennelementefabrik in Lingen genehmigte. ((1))<\/p>\n<p>Seitdem wachsen die Forderungen sowohl die Brennelementefabrik in Lingen, als auch die Urananreicherungsanlage in Gronau zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>So einhellig der Protest gegen Tihange in der Region Aachen auch ist, versucht insbesondere die IHK Aachen den Protest rund um das AKW Tihange m\u00f6glichst klein zu halten. So sorgt sich der Pr\u00e4sident der IHK Aachen Wolfgang Mainz mehr \u00fcber die Diskussion um die Sicherheit f\u00fcr den Standort Aachen als um die Gefahr selbst und stellt in einer Pressemitteilung der IHK Aachen klar: &#8222;Die Ansiedlung neuer Betriebe k\u00f6nnte durch die andauernde \u00f6ffentliche Risikodiskussion ebenso erschwert werden wie der Zuzug dringend ben\u00f6tigter Fachkr\u00e4fte.&#8220;<\/p>\n<p>Und nun haben Vertreter*innen aus Politik und Wirtschaft sogar den mittelbar gr\u00f6\u00dften Einzelaktion\u00e4r Emmanuel Macron zum Karlspreistr\u00e4ger 2018 ernannt. Der franz\u00f6sische Staat ist \u00fcber zwei Wege Besitzer der Reaktoren; einmal \u00fcber eine 25%-Beteiligung ((2))\u00a0des franz\u00f6sischen Staates an Engie SA und ebenso \u00fcber eine 50%-Beteiligung der EDF ((3))\u00a0an Tihange 1.<\/p>\n<p>Auf der Website zum Karlspreis steht zu lesen: &#8222;Der Internationale Karlspreis zu Aachen, der 1950 erstmals vergeben wurde, ist der \u00e4lteste und bekannteste Preis, mit dem Pers\u00f6nlichkeiten oder Institutionen ausgezeichnet werden, die sich um Europa und die europ\u00e4ische Einigung verdient gemacht haben.&#8220;<\/p>\n<p>Im Allgemeinen wird dieser Preis an konservative, neoliberale Personen vergeben, unter ihnen beispielsweise Konrad Adenauer, Winston Churchill, Henry Kissinger, Fran\u00e7ois Mitterrand, Helmut Kohl, Bill Clinton, Angela Merkel, Wolfgang Sch\u00e4uble und jetzt eben Emmanuel Macron.<\/p>\n<p>Kurz nach Bekanntwerden der Preisvergabe an Macron kommentierte das Aachener Aktionsb\u00fcndnis gegen Atomenergie in einer Pressemitteilung dies wie folgt: &#8222;Mit dieser Entscheidung hat das Karlspreisdirektorium v\u00f6llig neue Optionen f\u00fcr die Schlie\u00dfung des Atomkraftwerks er\u00f6ffnet!&#8220; ((4))\u00a0Und das B\u00fcndnis hat Wort gehalten, Anfang M\u00e4rz sendete es gemeinsam mit der grenz\u00fcberschreitenden Initiative Stop Tihange einen offenen Brief an Macron ((5)), so hei\u00dft es in dem Brief &#8222;Es kann nicht angehen, dass die Aachener den renommierten Karlspreis Ihnen, Herr Macron, als einer Zentralfigur der europ\u00e4ischen Atompolitik verleihen, w\u00e4hrend ausgerechnet Sie mit Ihrer Beteiligung eben diese Bev\u00f6lkerung einem inakzeptablen Sicherheitsrisiko aussetzen.&#8220; Der Brief endet wie folgt: &#8222;Wir erwarten von Ihnen als franz\u00f6sischem Staatspr\u00e4sidenten und somit Hauptaktion\u00e4r von Engie, dass Sie sich mit all Ihrer Macht f\u00fcr die sofortige Schlie\u00dfung von Tihange einsetzen.&#8220;<\/p>\n<p>Aktuell bereiten die Aachener Anti-AKW-Initiativen den Protest f\u00fcr den 10. Mai 2018, den Tag der Preisverleihung, vor.<\/p>\n<p>W\u00f6chentlich wird samstags auf dem Aachener Markt zwischen 12 und 15 Uhr ein Infostand zum Thema organisiert. Hier werden die Menschen der Region gefragt, welche Form des Protests sie f\u00fcr richtig halten. Die Bandbreite der Antworten geht von &#8222;gar nicht&#8220; bis hin zu &#8222;Aktionen des zivilen Ungehorsams&#8220;. Protest in Aachen im Umfeld des Karlspreises war schon immer schwierig, denn trotz der neoliberalen, konservativen Ausrichtung erfreut sich der Preis gro\u00dfer Beliebtheit in der Aachener Bev\u00f6lkerung. Insofern ist ein sensibles Vorgehen hier eine sinnvolle Entscheidung. Somit stehen die genauen Aktionen f\u00fcr den Tag noch nicht fest. Aber es ist bislang klar, der Protest wird sich an diesem Tag um 10 Uhr am Aachener Welthaus (An der Schanz 1) formieren und dann zum knapp einen Kilometer entfernten Ort des Geschehens ziehen.<\/p>\n<p><b>J\u00f6rg Schellenberg<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2012 wurden tausende bis zu 18 cm gro\u00dfe Risse in den Reaktordruckbeh\u00e4ltern der belgischen Atomreaktoren Doel 3 und Tihange 2 entdeckt. Viele &#8211; selbst atomkraftfreundliche &#8211; Expert*innen zweifeln die Sicherheit der beiden Reaktoren an. Trotz dieser Kritik h\u00e4lt die belgische Atomaufsicht FANC und der Betreiber Engie unbeirrt an den Reaktoren fest. 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