{"id":17514,"date":"2018-04-01T00:00:00","date_gmt":"2018-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/04\/welche-welt-wollen-wir-schaffen\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:02","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:02","slug":"welche-welt-wollen-wir-schaffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/04\/welche-welt-wollen-wir-schaffen\/","title":{"rendered":"&#8222;Welche Welt wollen wir schaffen?&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution (GWR): Wie siehst du die allgemeine Situation in den USA nach der Wahl von Donald Trump?<\/b><\/p>\n<p>Scott Crow: Es ist sehr chaotisch. Es ist ein politisches Desaster. Nicht nur wegen seiner Wahl, sondern auch aufgrund der Dinge, die drumherum geschehen sind. Seine Amts\u00fcbernahme hat die traditionelle Pr\u00e4sidentschaft und die gewohnte Art, Politik zu machen, in einer Weise zerst\u00f6rt, wie Anarchist*innen es nie gekonnt h\u00e4tten. Das ist erfreulich und interessant. Anderseits unterst\u00fctzt seine Pr\u00e4sidentschaft die wei\u00dfe Vorherrschaft sehr offen. In den Vereinigten Staaten sagen Pr\u00e4sidenten an der Oberfl\u00e4che \u00fcblicherweise &#8222;nette Dinge&#8220;, aber seine Pr\u00e4sidentschaft hat die wei\u00dfe Vorherrschaft auf eine Art zum Florieren gebracht, die es in den USA lang nicht mehr gab. Es gibt reale Auswirkungen auf Arbeiter*innen ohne Papiere, Migrant*innen und Frauen und alle, die marginalisiert werden. Marginalisierte Gemeinschaften werden heute noch mehr marginalisiert.<\/p>\n<p><b>GWR: Was h\u00e4ltst du von Anarchist*innen, die sich mit Wahlpolitik besch\u00e4ftigen?<\/b><\/p>\n<p>Scott Crow: Falls du nichts anderes machst, ist W\u00e4hlen in den USA wie Recycling. Wenn du nichts anderes f\u00fcr deine Gemeinschaft tust oder f\u00fcr die Umwelt, f\u00fcr menschliche oder nicht-menschliche Tiere, dann solltest du wenigstens w\u00e4hlen und recyceln. Beide Handlungen sind aber beschr\u00e4nkt. Zu denken, sie w\u00fcrden die Welt retten und Ver\u00e4nderung bringen, ist ein Wunschtraum. Aber in den USA gibt es einen tiefen Graben zwischen W\u00e4hler*innen und Nichtw\u00e4hler*innen: Es gibt Menschen, die w\u00e4hlen, und wenn du nicht w\u00e4hlst, denken sie, du w\u00e4rst schei\u00dfe: &#8222;Du bist nicht gut. Du bist ein schlechter Mensch.&#8220; Was sie sich nicht klar machen, ist: Sie schaffen keine wirkliche Ver\u00e4nderung, sie erhalten nur den Status Quo. Sie verschlie\u00dfen zugleich eine ganze Welt, die sich f\u00fcr uns \u00f6ffnen und Ver\u00e4nderungen bringen k\u00f6nnte, weil sie im Prinzip weitermachen wollen wie bisher, auch wenn ihnen die Richtung selbst nicht gef\u00e4llt. Wie viele Leute sehen wir mit ger\u00fcmpfter Nase w\u00e4hlen. Sie halten sich die Nase zu, machen ihr Kreuz und beschweren sich dann. Deshalb frage ich: Was, wenn wir uns als mehr s\u00e4hen als nur W\u00e4hler*innen, mehr als nur Konsument*innen, die versuchen, die richtigen Produkte zu kaufen, und mehr als nur Aktivist*innen, die protestieren k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Was, wenn wir beginnen w\u00fcrden, Politik und unseren Einsatz anders zu sehen: Als Wege ins Unbekannte, wo wir noch keine Antworten haben. Diese Wege ins Offene m\u00fcssen nicht abstrakt sein, wir sehen sie in unserem allt\u00e4glichen Leben. Aber sie sind etwas anderes als zu sagen, ich stimme f\u00fcr dies oder jenes.<\/p>\n<p>Es ist schwerer, sich ein alternatives politisches System vorzustellen als ein alternatives Wirtschaftssystem. Menschen, die w\u00e4hlen gehen, tun sich schwer, dar\u00fcber hinaus zu denken, weil ihnen das Andere Angst macht. Es ist etwas Unbekanntes, wir wissen noch nicht, wie es aussehen k\u00f6nnte. Ich sage nicht, dass es immer besser w\u00e4re, aber es w\u00e4re anders. Wenn der bisherige Ansatz nicht funktioniert, sollten wir nicht immerfort gegen die Wand laufen. Stattdessen sollten wir etwas Neues probieren. Damit gehen wir hinaus \u00fcber die Frage, ob wir w\u00e4hlen sollen oder nicht. Pl\u00f6tzlich erweitern sich unsere M\u00f6glichkeiten, und wir haben viel mehr Optionen.<\/p>\n<p><b>GWR: Sprechen wir \u00fcber den Klimawandel. Donald Trump hat ja behauptet, der Klimawandel sei eine Erfindung Chinas, er hat auch andere Erkl\u00e4rungen ge\u00e4u\u00dfert, er \u00e4ndert seine Meinung jede Woche. Viele Amerikaner*innen stimmen ihm zu: Sie glauben nicht an den Klimawandel oder sagen, er w\u00e4re nicht von Menschen gemacht. Glaubst du, die j\u00fcngsten Klimakatastrophen, wie die Hurrikans, haben etwas daran ge\u00e4ndert?<\/b><\/p>\n<p>Scott Crow: Nein. Alles, was du sagst, trifft zu. Es hat sich nichts ge\u00e4ndert. Es ist mehr als nur ein Leugnen. Es gibt eine ganze Industrie, die den Klimawandel bis heute leugnet, und eine ganze politische Sph\u00e4re auf dem rechten Fl\u00fcgel der US-Politik, die mit diesem Ansatz Geld macht. Da ist viel Geld im Spiel. Es werden bewusst unwissenschaftliche Konferenzen veranstaltet. Wissenschaft basiert entweder auf Fakten, oder sie ist keine Wissenschaft. Viele Menschen, die den Klimawandel leugnen, es sei denn sie haben ein \u00f6konomisches Interesse, glauben an Gott. Ich meine, wenn man an das eine M\u00e4rchen glaubt, warum sollte man nicht auch an das andere glauben.<\/p>\n<p>Das Problem ist, es spielt keine Rolle, was die Menschen glauben, der Klimawandel geschieht trotzdem. Man kann ihm nicht entkommen. Es ist wie beim Vogel Strau\u00df, der seinen Kopf in den Sand steckt. Das \u00e4ndert nichts an dem, was passiert.<\/p>\n<p>Allerdings habe ich eine spannende Beobachtung gemacht: Wenn es tats\u00e4chlich zu einer Naturkatastrophe kommt, tauchen pl\u00f6tzlich Menschen auf, die meine ideologischen Feind*innen sind, und retten andere Menschen aus den Fluten, weil sie in dieser Situation die Politik beiseitelassen. Das ist eine wunderbare Sache.<\/p>\n<p><b>GWR: Du warst nach Hurrikan Harvey in Houston aktiv. Was war die Hilfe, die du geleistet hast?<\/b><\/p>\n<p>Scott Crow: Ich habe bei der Koordinierung und vor allem Kommunikation geholfen. Ich habe Medienarbeit gemacht und \u00fcber dezentrale Katastrophenhilfe gesprochen. Nebenbei konnten wir so das mediale Bild der Antifa-Aktivist*innen beeinflussen. Es hatte eine ausgepr\u00e4gte mediale D\u00e4monisierung von antifaschistisch aktiven Menschen gegeben. In den Medien habe ich aufgezeigt, dass oft diejenigen, die in den Medien d\u00e4monisiert wurden, jetzt in der Katastrophe als Ersthelfer*innen vor Ort waren, in Houston, Texas, Florida und Mexiko.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem koordinierte ich verschiedene Gruppen. Sie machten die eigentliche Arbeit, ich verst\u00e4rkte nur, was sie taten, beriet und koordinierte sie. Es waren ja nicht nur die gro\u00dfen St\u00e4dte betroffen, sondern viele kleine Ortschaften, \u00fcber die niemand spricht.<\/p>\n<p>Sie waren gef\u00fcllt mit Menschen ohne Papiere, mit Migrant*innen, Armen und Menschen vom Land. Das sind Menschen, die von der offiziellen Katastrophenhilfe oft &#8222;vergessen&#8220; werden. Deshalb ist dezentrale Katastrophenhilfe so wichtig.<\/p>\n<p><b>GWR: Ja, zum Beispiel k\u00f6nnen marginalisierte Menschen keine Hochwasserversicherung abschlie\u00dfen.<\/b><\/p>\n<p>Scott Crow: Stimmt. Wie ich bereits gesagt habe, fand ich es interessant, dass auch Menschen, die unsere ideologischen Feind*innen sind, Miliz-Mitglieder, Ersthelfer*innen waren. Sie halfen nicht nur wei\u00dfen Menschen, sie halfen Chicanos und Schwarzen. Vielleicht hatten sie sie kurz zuvor noch rassistisch beschimpft, und jetzt streckten sie die Hand aus, um ihnen aus dem Wasser in ihr Boot zu helfen.<\/p>\n<p>Katastrophen zeigen das Versagen des Kapitalismus und des Staates deutlicher als jedes andere Problem. Sie zeigen auch die \u00d6ffnungen, wo Menschen wie du und ich Schritte machen k\u00f6nnen, um Menschen zu helfen, ihr Leben wieder aufzubauen, nicht nur auf kurze Sicht, sondern auf andere, auf befreiende Weise.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie kann eine solche andere Art des Wiederaufbaus aussehen?<\/b><\/p>\n<p>Scott Crow: Es gibt zwei Positionen, die ich sehr unterst\u00fctze. Die eine ist, autonome, widerst\u00e4ndige Gemeinschaften aufzubauen. Katastrophen k\u00f6nnen \u00f6kologisch sein, \u00f6konomisch, politisch oder eine Form von Krieg. Wenn wir beginnen, kleine autonome, resiliente Gemeinschaften zu bauen, haben wir bereits St\u00e4rke in ihnen eingebaut. Wenn die Katastrophe sie trifft, k\u00f6nnen wir damit umgehen. Das ist ein Teil. Aber der Hauptteil ist es, dies in einem Rahmen eines dualen Machtkonzepts zu tun. Damit meine ich nicht den alten, toten, kommunistischen dualen Ansatz, der sich auf den Aufbau von Gegenmacht beschr\u00e4nkt. Sondern duale Macht, wo wir widerstehen und rebellieren auf der einen Seite, aber aufbauen und erschaffen auf der anderen. Wir m\u00fcssen beides gleichzeitig tun, und ich appelliere an alle Anarchist*innen, duale Macht in allem zu nutzen, was wir tun.<\/p>\n<p>Wenn wir das n\u00e4mlich nicht tun, werden Gemeinschaften und L\u00e4nder weiterhin untergehen, wegen der langsamen Katastrophe, die wir nicht sehen. Vielleicht hat Deutschland gerade keine gigantische Krise, aber die USA schon. So ein gro\u00dfes Land ist immer in der Krise, und international sind viele Orte in der Krise. Es passieren immer Katastrophen irgendeiner Art. Was w\u00e4re, wenn Gemeinschaften in der Lage w\u00e4ren, sich autonom resilient aufzubauen, und sie dann Solidarit\u00e4tsnetzwerke haben, die in der Lage sind, ihnen Ressourcen bereitzustellen, durch unterschiedliche Kan\u00e4le, die aufgrund des kapitalistischen Modells vorher nicht existierten?<\/p>\n<p><b>GWR: Mir gef\u00e4llt diese Verbindung von Wiederaufbau und Widerstand. Wenn wir uns Deutschland ansehen, ist es schwer, hier aktiv zu werden in solchen Freir\u00e4umen. Der Staat hat solch eine Kontrolle auf jedem Gebiet. Um Katastrophen &#8222;k\u00fcmmern&#8220; sich meist staatliche Organisationen oder liberale Nichtregierungsorganisationen wie das Rote Kreuz.<\/b><\/p>\n<p>Scott Crow: Das ist hier genauso. Es ist sogar schwierig, \u00fcberhaupt R\u00e4ume zu bekommen. Beim Aufbau-Teil dualer Macht, also beim Aufbau von Gesundheitsvorsorge, Bildung, Nahrungsmittelversorgung, Sicherheit und Kinderf\u00fcrsorge m\u00fcssen wir uns fragen: Wie k\u00fcmmern wir uns um die \u00e4lteren, wie um k\u00f6rperlich eingeschr\u00e4nkte Menschen, wie setzten wir Regeln durch? All die Kommunikation, wie machen wir das? Wir m\u00fcssen anfangen, diese Strukturen kleinteiliger zu machen, weil sie dann belastbarer sind.<\/p>\n<p><b>GWR: Du sprachst dar\u00fcber, wie schwierig es ist, R\u00e4ume zu bekommen.<\/b><\/p>\n<p>Scott Crow: Ja, das ist sehr schwierig. Vielleicht ist es bei euch die Regierung, f\u00fcr uns sind es die Regierung und der Kapitalismus. Ich lebe in Austin, Texas, da bekommst du keine R\u00e4ume. Ein Raum kostet tausende Dollar jeden Monat. Deshalb m\u00fcssen wir kreativ sein und dar\u00fcber nachdenken wie wir R\u00e4ume nicht nur durch Besetzungen \u00fcbernehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir Besetzungen durchf\u00fchren, das ist Direkte Aktion, aber f\u00fcr die langfristige Schaffung von R\u00e4umen brauchen wir au\u00dferdem Formen \u00f6konomischer Autonomie. Ich habe noch viele andere Ideen dazu. Ich w\u00fcrde sagen, eines der Probleme beim Aufbau von Infrastruktur ist, dass sie oft liberal wird. Sie verliert ihren befreienden Teil. Somit ist die Frage, die ich stellen w\u00fcrde: K\u00f6nnen wir R\u00e4ume schaffen, die ihr befreiendes Potential erhalten, und wenn ja, wie sieht das aus? Das ist etwas, das jenseits meiner Erfahrungen liegt, weil bisher jedes Projekt, das ich aufgebaut habe, liberalisiert wurde, sofern es von Dauer war.<\/p>\n<p>Aber es gibt eine paar Projekte wie &#8222;Treasure City Thrift&#8220;, ein von Anarchist*innen betriebener Secondhandladen, der eine gewisse Balance h\u00e4lt zwischen liberalen Notwendigkeiten und befreiendem Potential.<\/p>\n<p>Wenn die Polizei eine Gruppe von Anarchist*innen angreift und wir brauchen eine Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rung oder Geld f\u00fcr Rechtshilfe, unterst\u00fctzen sie uns \u00f6ffentlich.<\/p>\n<p>Das ist freiheitlich, aber gleichzeitig unterst\u00fctzen sie liberale Organisationen.<\/p>\n<p>Ich denke, jede*r, der so aktiv ist, wird diese Erfahrung machen: In den USA will niemand Dinge aufbauen. Alle wollen auf der Stra\u00dfe k\u00e4mpfen und protestieren. Das ist ein Problem.<\/p>\n<p><b>GWR: In Deutschland ist es \u00e4hnlich, nicht so sehr bei Anarchist*innen, aber z.B. bei anderen Antifaschist*innen. Sie folgen dieser antifaschistischen Idee, die auf ihre Weise durchaus in den Staat integrierbar ist.<\/b><\/p>\n<p>Scott Crow: Lass uns \u00fcber Antifaschismus reden. Er ist eine sehr reaktive Art von Politik. Seine reagierenden Taktiken sind notwendig, aber beschr\u00e4nkt. Das sollten wir uns bewusst machen. Jemand fragte mich neulich, ob wir politische Bewegungen au\u00dferhalb des Antifaschismus aufbauen k\u00f6nnen. Ich sagte, das m\u00fcssen wir. Weil wir in den USA ein Problem haben, wir versuchen ein ganzes Netzwerk auf Basis von Antifaschismus zu bauen, das Antiracist Action Network. Aber es war in den letzten 30 Jahren immer dysfunktional, nicht sehr effektiv, au\u00dfer f\u00fcr direkte Konfrontationen.<\/p>\n<p><b>GWR: Hast du Ideen, wie die Entradikalisierung von Bewegungen vermieden werden k\u00f6nnte?<\/b><\/p>\n<p>Scott Crow: Eine M\u00f6glichkeit ist, politische und soziale Bewegungen aus Ethik, nicht Moral, zu bauen.<\/p>\n<p>Die andere ist, dass wir aufh\u00f6ren m\u00fcssen, uns darauf zu konzentrieren, was der Staat tut, und uns zu fragen, was wir selbst wollen. Welche Welt wollen wir schaffen? Und nicht nur wei\u00dfe Anarchist*innen oder europ\u00e4ische Anarchist*innen oder amerikanische Anarchist*innen, sondern was Menschen in allen Ecken der Welt wollen und wie wir das erreichen. Das ist etwas anderes als zu sagen: &#8222;Ich muss das bek\u00e4mpfen und stoppen.&#8220; Es ist wichtig diese Sachen zu stoppen, aber alles was wir tun ist: &#8222;Stoppen, stoppen, stoppen&#8220;.<\/p>\n<p>Wenn wir das tun, setzen wir Zeit, Geld und Menschen ein, welche wir nur begrenzt haben. Wir halten nicht an, um durchzuatmen und uns zu fragen, was wollen wir und wie kommen wir dahin. Darum ermutige ich eine Politik der Auseinandersetzung mit M\u00f6glichkeiten, statt einer Politik der Reaktion und nur der Rebellion. Wir brauchen beides, aber wir brauchen gerade mehr M\u00f6glichkeiten, und f\u00fcr mich sind Katastrophen der Ort geworden, welcher das am deutlichsten zeigt. Deshalb schreibe ich \u00fcber Katastrophen, weil ich nicht nur Hurrikan Katrina erlebt habe, sondern ich war auch in Washington D.C. am 11. September 2001. Das war das erste Mal, dass ich den Staat die Kontrolle \u00fcber alles verlieren sah. Damals fragten wir uns, was wir tun k\u00f6nnen. Wir hatten keine Ahnung, weil wir noch nie dar\u00fcber nachgedacht hatten.<\/p>\n<p>Vier Jahre sp\u00e4ter kam Hurrikan Katrina und ich stellte mir die gleiche Frage.<\/p>\n<p>Als dieser Sturm w\u00fctete, sagte ich: &#8222;Lasst uns das machen, lasst uns die zivile Gesellschaft wieder aufbauen. Was w\u00fcrden die Zaptistas tun? Was h\u00e4tte die Black Panther Party getan? Was w\u00fcrden wir als Anarchist*innen tun?&#8220; Es muss nicht immer gro\u00df sein, aber wir m\u00fcssen aufh\u00f6ren, nur \u00fcber einen Infoladen, eine K\u00fcche f\u00fcr Alle, ein Soziales Zentrum nachzudenken. Wir brauchen viele davon, \u00fcberall, zu jeder Zeit. Der andere Punkt ist, dass wir in den USA ein Problem mit politischer Reife haben. Es liegt nicht daran, dass die Menschen dumm sind. Diese Leute, egal, ob sie sich Aktivist*innen, Anarchist*innen oder was auch immer nennen, sie versuchen immer noch herauszubekommen, wer sie sind und was ihre ethischen Grundlagen und Werte sind, und wer sie im Identit\u00e4tsspektrum sind. Wenn du Zeit damit verbringst, ist es schwer, in gr\u00f6\u00dferen Ma\u00dfst\u00e4ben zu denken. In drei\u00dfig Jahren habe ich zehntausende Menschen in politische Bewegungen kommen und sie auch wieder verlassen sehen. Sie nehmen so viele wertvolle Ressourcen mit sich, besonders in den USA. Ich habe es auch an anderen Orten gesehen, in Kanada. Das passiert, weil wir nichts anzubieten haben f\u00fcr Menschen, die nicht mehr ganz jung sind oder nicht alles aufgeben wollen.<\/p>\n<p>Es gibt keinen Ort der F\u00fcrsorge f\u00fcr Kinder, keinen Ort f\u00fcr \u00e4ltere Menschen, keinen Ort f\u00fcr Familien, keinen Ort, wo wir uns bilden und wachsen k\u00f6nnen. Es gibt keine Jobs, es gibt keine Infrastruktur.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen die Frage stellen, wie anarchistische Gemeinschaften aussehen. Wir m\u00fcssen diese Dinge aufbauen, weil wir sie brauchen. Solange wir das nicht ernst nehmen, wei\u00df ich nicht, ob wir uns vorw\u00e4rts bewegen. Katastrophen k\u00f6nnen uns helfen, hier voranzukommen.<\/p>\n<p>Wenn du alles verlierst, bist du viel eher bereit, Neues auszuprobieren: &#8222;Lasst uns etwas versuchen, weil es nichts anderes mehr gibt. Alles ist weg.&#8220;<\/p>\n<p>Aber wie machen wir das au\u00dferhalb von Katastrophen? Darauf habe ich keine Antwort.<\/p>\n<p><b>GWR: Vielleicht k\u00f6nnen wir \u00fcber Common Ground reden. Wann wurde es gegr\u00fcndet und was passierte danach?<\/b><\/p>\n<p>Scott Crow: Common Ground formierte sich 2005, in der Zeit nach Hurrikan Katrina, im S\u00fcden der Vereinigten Staaten. Es basierte auf Ideen, die ich schon einige Jahre in mir getragen hatte. Erst war es nur eine Such- und Rettungsaktion, um einen Freund von uns zu finden, der ein fr\u00fcheres Mitglied der Black Panther war. Dann wurde es zu einem Projekt bewaffneter Selbstverteidigung der Menschen dieser Gemeinschaft, schwarzer Mitglieder der Gemeinschaft gegen wei\u00dfe Menschen, die Schwarze t\u00f6teten. So nahmen ich, ein anderer wei\u00dfer Mann und drei schwarze M\u00e4nner Waffen in die Hand. Gegen andere wei\u00dfe M\u00e4nner. Das war antifaschistische Arbeit. Danach begannen wir zwei Dinge zu tun. Wir begannen Infrastruktur zu schaffen, die vorher nie in der Gemeinschaft existiert hatte, und Infrastruktur wieder aufzubauen, die schon lange zerfallen war: Gesundheitsversorgung, Bildung, Ern\u00e4hrung, Sicherheit. So haben wir Kliniken gebaut oder Gemeinschaftsg\u00e4rten. Wir k\u00e4mpften gegen die Polizei. Wir organisierten Proteste. Wir arbeiteten mit indigenen Gemeinschaften, aber die Pr\u00e4misse war: Nicht wir haben die Antwort. Wir kamen in die Gemeinschaften und unterschiedlichen Siedlungen und fragten stattdessen, was die Menschen wollten.<\/p>\n<p>Das Rote Kreuz kam und gab allen die gleichen Sachen. Common Ground hingegen fragte: &#8222;Was braucht ihr?&#8220; Das war keine Akuthilfe, sondern ein jahrelanger Prozess.<\/p>\n<p>Wir begannen eine Klinik zu bauen und \u00fcberlie\u00dfen sie den Menschen so, dass sie sie selbst f\u00fchren konnten. Das war das Ideal, es lief nicht immer sch\u00f6n, und intern arbeiteten wir auch an befreienden Prinzipien und Ideen. Wir hatten keine Regeln f\u00fcr die Organisation, wir hatten Richtlinien. Die 36.000 Menschen, die kamen, mussten keine Anarchist*innen sein, aber wir versuchten ihnen anarchistische Ideen n\u00e4herzubringen: Direkte Aktion, Gegenseitige Hilfe, Kooperation und Autonomie &#8211; und wir sprachen auch \u00fcber den tief verwurzelten Rassismus in den USA.<\/p>\n<p>All das taten wir. Wir weigerten uns, mit dem Staat zusammenzuarbeiten. Das machte uns zu Feinden des Staates. Das war der Anfang des Kollektivs Common Ground.<\/p>\n<p><b>GWR: M\u00f6chtest du noch etwas hinzuf\u00fcgen?<\/b><\/p>\n<p>Scott Crow: Jeder Tag er\u00f6ffnet uns Freir\u00e4ume, etwas zu tun. Die Geschichte ist noch nicht geschrieben. Wir sind es, die sie mit jeder Minute weiterschreiben, und das sollten wir uns bewusst machen. Wenn wir denken, dass alles schon gelaufen ist, dann versuchen wir nichts mehr. Hoffnung: Sie ist der Grund, warum ich jeden Tag aufstehe, obwohl ich Nihilist bin. Wir sollten die Welt nicht nur als das Gewordene, sondern als einen Ort der M\u00f6glichkeiten sehen.<\/p>\n<p><b>Interview: Emil Nordswan<br \/>\n<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Wie siehst du die allgemeine Situation in den USA nach der Wahl von Donald Trump? Scott Crow: Es ist sehr chaotisch. Es ist ein politisches Desaster. 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