{"id":17517,"date":"2018-04-01T00:00:00","date_gmt":"2018-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/04\/in-memoriam-ekkehart-krippendorff\/"},"modified":"2022-07-26T13:30:53","modified_gmt":"2022-07-26T11:30:53","slug":"in-memoriam-ekkehart-krippendorff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/04\/in-memoriam-ekkehart-krippendorff\/","title":{"rendered":"In memoriam Ekkehart Krippendorff"},"content":{"rendered":"<p>Als Junge war er durchg\u00e4ngig systemkonform, in seinem jugendlichen Erleben gab es nur den Krieg und etwas anderes als der Endsieg war unvorstellbar. 1944 war er im NS-Jungvolk und trug Uniform, bei Ausfl\u00fcgen sang er die brutalsten und h\u00e4sslichsten Nazi-Lieder mit &#8211; sp\u00e4ter, als ihm der Wortlaut bewusst wurde, den er da gr\u00f6lte, hatte er vor Scham stundenlange Weinkr\u00e4mpfe. Anfang 1945 wurde er gar noch zum &#8222;Volkssturm&#8220; eingezogen. Eine Panzerfaust durfte er zwar nicht selbst bedienen, war aber bei \u00dcbungen dabei und &#8222;phantasierte&#8220; sich lebhaft in die Situation hinein. Kritikf\u00e4higkeit entwickelte Ekkehart erst nach der Befreiung. Er und seine Jugendfreunde waren ideologisch verblendet; Hitler hatte die Jugend gewonnen, bis zum bitteren Ende:<\/p>\n<p>&#8222;1959 kam Bernhard Wickis Film &#8218;Die Br\u00fccke&#8216; in die Kinos, und obwohl die Jungs dort um die f\u00fcnf Jahre \u00e4lter sind als ich es damals war, hat dieser Film die damalige Situation in allen atmosph\u00e4rischen Einzelheiten und Einstellungen mit unheimlicher Genauigkeit getroffen: Genauso waren wir, genauso war ich, genauso war es.&#8220; (LF, 39)<\/p>\n<p>Die erste Infragestellung der verinnerlichten NS-Ideologie kam unmittelbar mit dem Einmarsch der US-Armee im Dorf Schwanebeck, nahe des ausgebombten Halberstadt: &#8222;Wann immer der endlos scheinende Zug ins Stocken geriet, warfen uns die Soldaten l\u00e4ssig Kaugummis und auch wohl schon mal ein St\u00fcck Schokolade zu. (&#8230;) Da schmolz mein Feindbild wie Butter an der Sonne. Ich muss unbewusst gesp\u00fcrt haben: Das waren unsere Befreier und keine triumphierenden Sieger.&#8220; (LF, 42f.).<\/p>\n<h3>Von den Anf\u00e4ngen der &#8222;Friedensforschung&#8220; bis zu &#8222;Staat und Krieg&#8220; (1985)<\/h3>\n<p>Erst in seinen Amerika-Jahren wurde Ekkehart Krippendorff erneut mit dem Krieg konfrontiert, diesmal in Form des Vietnamkrieges der US-Armee, deren urspr\u00fcngliches Bild ihm doch in so freundlicher Erinnerung blieb. Direkt nach seiner R\u00fcckkehr nach Europa, im Oktober 1963, nahm Krippendorff in Wien an einer noch von der New Yorker &#8222;Peace Research Society&#8220; organisierten Tagung teil und lernte dort den norwegischen Friedensforscher Johan Galtung kennen.<\/p>\n<p>&#8222;Als er [Galtung] im Herbst 1964 durch Berlin kam, lud ich einige Studierende zu mir nach Hause ein und lie\u00df ihn seine Vorstellungen zu dieser aufregend und faszinierend klingenden neuartigen Disziplin &#8218;Friedensforschung&#8216; entwickeln; er hat uns alle angesteckt &#8211; und damit wurde, das d\u00fcrfte kaum zu hoch gegriffen sein, die Friedensforschung in Deutschland begr\u00fcndet.&#8220; (LF, 54)<\/p>\n<p>1968, mitten in der Revolte, publizierte der Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch eine neue wissenschaftliche &#8222;Gelbe Reihe&#8220; &#8211; in dem Rahmen war J\u00fcrgen Habermas f\u00fcr die Sammelb\u00e4nde der &#8222;Abteilung Soziologie&#8220; zust\u00e4ndig (LF, 54). Dort gab Krippendorff einen ersten Sammelband &#8222;Friedensforschung&#8220; heraus. ((1))\u00a0Die &#8222;Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Friedens- und Konfliktforschung&#8220; (DGFK) wurde gegr\u00fcndet, Galtung entwickelte seinen Begriff der &#8222;strukturellen Gewalt&#8220;. Die Friedensforschung wurde zwar nie zu einem universit\u00e4r eigenst\u00e4ndigen Fach, aber es entstand, so Krippendorff, &#8222;ein gro\u00dfes moralisch-politisches Potential&#8220;, das dann bei der Auseinandersetzung um die Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen in Westeuropa Anfang der Achtzigerjahre und bei der dagegen entstehenden massenhaften Friedensbewegung zum Tragen kam:<\/p>\n<p>&#8222;Jetzt zahlte es sich aus, dass es eine Friedensforschung gab. Die kleine Gemeinde ihrer akademischen Pioniere war pl\u00f6tzlich gefragt und wir hatten auch etwas zu sagen&#8220; (LF, 57). Der baden-w\u00fcrttembergische Ministerpr\u00e4sident Sp\u00e4th setzte das Buch &#8222;Friedensforschung&#8220; 1983 auf den Index, von Bayern aus (Kultusminister Hans Maier) wurde erfolgreich die Aufl\u00f6sung der DGFK betrieben.<\/p>\n<p>Krippendorff aber gingen die Erkl\u00e4rungen f\u00fcr den R\u00fcstungswettlauf, die sich auf den Kalten Krieg und die Blockkonfrontation bezogen nicht weit genug Sie hielten sich an Symptomen auf und stellten das &#8222;institutionalisierte Milit\u00e4r-Gewalt-Regiment&#8220; (LF, 59) nicht in Frage. Nach Seminaren und Vorlesungen zur Untersuchung der Rolle des Milit\u00e4rs bei der historischen Herausbildung des modernen Staates ver\u00f6ffentlichte Krippendorff 1985 bei Suhrkamp sein Buch &#8222;Staat und Krieg&#8220; ((2)), in vielerlei Hinsicht sein libert\u00e4rstes Werk. In sein Erkenntnisinteresse mischten sich nun auch literarische Bez\u00fcge:<\/p>\n<p>&#8222;1983\/84 arbeitete ich an &#8218;Staat und Krieg&#8216; \u00fcber die pathologischen Konsequenzen, die die Macht \u00fcber Menschen f\u00fcr die M\u00e4chtigen selbst haben. Mitten in dieser Arbeit sah ich im Fernsehen einen kurzen Ausschnitt des &#8218;K\u00f6nig Lear&#8216;. (&#8230;) Da hatte ich blitzartig meine eigentliche wissenschaftliche Hypothese in einer der Politologie unerreichbaren Tiefendimension verstanden &#8211; &#8218;Macht macht dumm&#8216; &#8211; und Shakespeare hatte mir dazu verholfen.&#8220; (LF, 102)<\/p>\n<p>Im Epilog des Buches zitierte Krippendorff seitenlang aus den libert\u00e4ren Schriften Tolstois:<\/p>\n<p>&#8222;Ein jeder Staatsbeamte kommt in seiner Karriere umso besser fort, je mehr Patriot er ist; ebenso macht auch das Milit\u00e4r seine beste Karriere im Kriege, der wiederum durch den Patriotismus hervorgerufen wird&#8220; (Tolstoi zit. nach Krippendorff: Staat und Krieg. Die historische Logik politischer Unvernunft, S. 409).<\/p>\n<p>Staats-, Milit\u00e4r- und Herrschaftskritik geh\u00f6rten von nun an zu Krippendorffs st\u00e4ndig verwendetem Begriffsinstrumentarium, das er mit literarischen Belegen, seien sie von Erasmus, Shakespeare, Jean Paul, Jonathan Swift oder eben Tolstoi bereicherte.<\/p>\n<p>Doch die akademische Friedensforschung zog bei dieser Radikalisierung ihrer Disziplin nicht mit:<\/p>\n<p>&#8222;W\u00e4hrend &#8218;Staat und Krieg&#8216; &#8211; PazifistInnen und nicht zuletzt AnarchistInnen entdeckten es bald als wichtige wissenschaftliche Untermauerung ihres politischen Engagements &#8211; mit gro\u00dfer Zustimmung aufgenommen wurde, fanden meine Argumente in der akademischen Friedensforschung kaum Resonanz.&#8220; Dort war &#8222;von allem M\u00f6glichen in szientifistischer Terminologie die Rede (&#8218;Schwierigkeiten bei der Realisierung des begonnenen Abr\u00fcstungsprozesses&#8216;, &#8218;Technikentwicklung und R\u00fcstungsdynamik&#8216;, &#8218;Regionale Konfliktkonfigurationen&#8216; etc.), nicht aber von einer gerade in Brand gesteckten Welt.&#8220; (LF, 60)<\/p>\n<p>Was uns in der &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; anbetraf, so hatten wir den strukturellen Zusammenhang von Staat, milit\u00e4risch-industriellem Komplex und Krieg l\u00e4ngst und immer wieder thematisiert ((2)), doch Krippendorffs Buch brachte diesen theoretisch-praktischen Ansatz in breite, b\u00fcrgerlich-friedensbewegte Kreise hinein und daf\u00fcr waren wir dankbar. Die Gr\u00fcnen als Partei f\u00fchrten gerade ihre parlamentarische Integrationsdiskussion um die Anerkennung des staatlichen Gewaltmonopols, da kamen f\u00fcr sie solche Inhalte denkbar ungelegen und sorgten daf\u00fcr, dass wenigstens die restlichen Achtzigerjahre bis noch einige Zeit nach dem Mauerfall eine Beteiligung der Bundeswehr an Auslandskriegen aus R\u00fccksicht auf die friedensbewegte Stimmung in gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung undenkbar schien, bis dann die auch von Linken mit betriebene Diskussion um deutsche Milit\u00e4reins\u00e4tze gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien (&#8222;Kosovo-Krieg&#8220;) 1999 und in Afghanistan 2001 alle D\u00e4mme brach.<\/p>\n<h2>Karrierismus als Ursache des Niedergangs der Friedensforschung<\/h2>\n<p>Auch nach &#8222;Staat und Krieg&#8220; war ihm wissenschaftlich fundierte Milit\u00e4rkritik wichtig. Davon zeugen ein Uniprojekt &#8222;Milit\u00e4rrituale&#8220; oder die B\u00e4nde &#8222;Milit\u00e4rkritik&#8220; (1993) und &#8222;100 Tage Milit\u00e4r&#8220; (2000). ((3))\u00a0Er suchte auch das strategische Gespr\u00e4ch mit antimilitaristisch Bewegten, unterst\u00fctzte etwa die Initiative &#8222;F\u00fcr eine Bundesrepublik ohne Armee&#8220; (BoA) in den Neunzigerjahren. Dabei kam es mitunter auch zu Konflikten, wenn b\u00fcndnistheoretische Erw\u00e4gungen des Radikaldemokraten Krippendorff, die auf Legitimation in die Gesellschaft hinein setzten, auf anders geartete, aktivistisch-antimilitaristische Ausrichtungen trafen, wie etwa auf einer Konferenz der War Resisters&#8216; International 2002 in Dublin, wo er sich mit seiner Forderung, Kriegsdienstverweigerer sollten sich freiwillig dem Zivildienst anbieten, den \u00c4rger von GegnerInnen des Kriegsdienstzwangs und Bef\u00fcrworterInnen der Totalen Kriegsdienstverweigerung zuzog, weil sie meinten, trotz Freiwilligkeit spiele das Regierungskonzepten f\u00fcr soziale Zwangsdienste in die H\u00e4nde. ((4))<\/p>\n<p>Ekkehart Krippendorff zeichnete eine ausgepr\u00e4gte F\u00e4higkeit zur Selbstkritik aus, wenn ihn historische Erfahrungen und Argumente \u00fcberzeugten. So kritisierte er im R\u00fcckblick, er habe in der Einleitung zu seiner &#8222;Friedensforschung&#8220; von 1968 im Hinblick auf bewaffnete Befreiungsbewegungen von der &#8222;unter bestimmten Bedingungen gegebenen progressiven Funktion von Gewalt&#8220; (LF, 66) gesprochen. Davon kurierten ihn erstens &#8222;meine sp\u00e4te Besch\u00e4ftigung mit der gro\u00dfen Figur Mahatma Gandhis und seiner Lehre von der Gewaltfreiheit&#8220; und zweitens:<\/p>\n<p>&#8222;Die Erfahrung mit fast allen erfolgreichen Befreiungsbewegungen hat mich eines Besseren belehrt, das ich inzwischen auch systematisch zu begr\u00fcnden gelernt habe: Kein guter Zweck wird durch die schlechten Mittel (Gewalt, Krieg) geheiligt, er wird vielmehr deren erstes Opfer&#8220; (LF, 66).<\/p>\n<p>Den Niedergang der akademischen Friedensforschung, die Spaltungen besonders nach Nine-Eleven 2001, die &#8222;selbst Freundschaften irreparabel besch\u00e4digt&#8220; hatten, &#8222;indem die Einen nun einer menschenrechtlich-moralischen Rechtfertigung milit\u00e4rischer Interventionen, und zwar eben auch mit deutschen Soldaten, das Wort redeten&#8220; (LF, 63) und die anderen, wie Krippendorff, ihrer Ablehnung milit\u00e4rischer Gewalt treu blieben, f\u00fchrte er u.a. auf akademisches Karrieredenken zur\u00fcck: Gerade den j\u00fcngeren FriedensforscherInnen dieser Zeit sei es &#8222;unausgesprochen und vielleicht auch unbewusst um ihre wissenschaftliche Zukunft&#8220; (LF, 64) gegangen. Es gebe in der BRD nun mal keinen expliziten Lehrstuhl f\u00fcr &#8222;Friedensforschung&#8220; und:<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcr bekennende PazifistInnen war eine Universit\u00e4tskarriere, sofern einige Wenige nicht in den optimistischen siebziger Expansionsjahren eine feste Stelle bekommen hatten, so gut wie ausgeschlossen.&#8220; Die j\u00fcngeren FriedensforscherInnen entfernten sich in den Neunzigerjahren und im 1. Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts daher nicht zu weit vom realpolitischen Konsens, &#8222;und der wollte deutsche milit\u00e4rische Beteiligung am Spiel der internationalen Politik&#8220;. (LF, 64)<\/p>\n<p>Die deutsche Friedensforschung im Sinne Krippendorffs ist daher heute kaum noch existent, das zeigte sich nicht zuletzt an ihrer Irrelevanz bei den Fragen der internationalen Milit\u00e4rinterventionen 2011 in Libyen oder in Syrien.<\/p>\n<p><b>Lou Marin<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Junge war er durchg\u00e4ngig systemkonform, in seinem jugendlichen Erleben gab es nur den Krieg und etwas anderes als der Endsieg war unvorstellbar. 1944 war er im NS-Jungvolk und trug Uniform, bei Ausfl\u00fcgen sang er die brutalsten und h\u00e4sslichsten Nazi-Lieder mit &#8211; sp\u00e4ter, als ihm der Wortlaut bewusst wurde, den er da gr\u00f6lte, hatte er &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/04\/in-memoriam-ekkehart-krippendorff\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"In memoriam Ekkehart Krippendorff - graswurzelrevolution","description":"Als Junge war er durchg\u00e4ngig systemkonform, in seinem jugendlichen Erleben gab es nur den Krieg und etwas anderes als der Endsieg war unvorstellbar. 1944 war er"},"footnotes":""},"categories":[1004,1025,1030],"tags":[],"class_list":["post-17517","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-428-april-2018","category-die-waffen-nieder","category-es-wird-ein-laecheln-sein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17517","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17517"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17517\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17517"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}