{"id":17518,"date":"2018-04-01T00:00:00","date_gmt":"2018-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/04\/dario-fo-erleben\/"},"modified":"2022-07-26T13:45:05","modified_gmt":"2022-07-26T11:45:05","slug":"dario-fo-erleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/04\/dario-fo-erleben\/","title":{"rendered":"Dario Fo erleben!"},"content":{"rendered":"<p>Das hat sicher auch einen bildungsb\u00fcrgerlichen Hintergrund, er begriff das Theater aber vor allem emanzipatorisch. Zun\u00e4chst war er gewissenhafter Theaterbesucher nicht nur im Nachkriegs-Westdeutschland, besonders in D\u00fcsseldorf und Berlin, sondern auch in New York, London oder Italien &#8211; gewissenhaft deshalb, weil f\u00fcr ihn zu jedem Theaterbesuch das vorherige Lesen des St\u00fcckes und das Nachbereiten des Gesehenen mittels des Programmheftes geh\u00f6rte. Ab 1997 und nach seiner Emeritierung war er ebenso gewissenhafter wie leidenschaftlicher Theaterkritiker und ver\u00f6ffentlichte seine Kritiken im &#8222;Freitag&#8220;, im &#8222;Neuen Deutschland&#8220; oder in der &#8222;S\u00fcddeutschen Zeitung&#8220;. Im Gegensatz zur herk\u00f6mmlichen Theaterkritik galt ihm dabei der Grundsatz: &#8222;Erst das St\u00fcck, dann seine B\u00fchnen-Verwirklichung.&#8220; (LF, 109)<\/p>\n<p>Mehr als 1000 Seiten Theaterkritiken, aufbewahrt in zehn Ordnern, haben sich bei ihm angesammelt, die ich in den letzten Jahren auf eine Ver\u00f6ffentlichung hin sichten durfte. Im Buchverlag Graswurzelrevolution werden wir &#8211; nun leider erst nach seinem Tod &#8211; einen Band mit ausgew\u00e4hlten Theaterkritiken von Ekkehart Krippendorff ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Er liebte die St\u00fccke von &#8222;Gr\u00f6\u00dfen&#8220; wie Brecht, Shakespeare, Goethe, Moli\u00e8re, Tschechow, \u00d6d\u00f6n von Horv\u00e1th, Heiner M\u00fcller, aber auch die vielen kleinen und gro\u00dfen Off-Theatergruppen wie etwa das Living Theatre mit Judith Malina, das er in New York besuchte, oder etwa auch die Berliner Compagnie, die 1981 aus der Friedensbewegung hervorging. Es ist schwer, aus seinen oft mit Begeisterung vorgetragenen Theatererlebnissen eines beispielhaft herauszuheben. Ich habe mich hier f\u00fcr sein Erleben von Dario Fo, der sich zugleich als Clown und Anarchist begriff, f\u00fcr uns vielleicht am ehesten bekannt durch seine St\u00fccke &#8222;Zuf\u00e4lliger Tod eines Anarchisten&#8220; oder &#8222;Bezahlt wird nicht!&#8220;, und dessen Zusammenarbeit mit Franca Rame entschieden. Es folgen also nun ein Auszug aus Krippendorffs Autobiographie (LF, 100f.) zu Fo\/Rame, danach eine Theaterkritik zu einem Auftritt von Dario Fo 2010 in Berlin als Vorabdruck aus Krippendorffs voraussichtlich im Fr\u00fchsommer 2018 im Verlag Graswurzelrevolution erscheinendem Band mit Theaterkritiken. (Lou Marin)<\/p>\n<h3>Ekkehart Krippendorff \u00fcber Dario Fo und Franca Rame in Italien<\/h3>\n<p>Ein strahlender Doppel-Stern aber leuchtete in diesen Jahren [seines Aufenthalts in Bologna und Urbino in Italien 1969-1978] an unserem Theaterhimmel, der erst jetzt langsam aber noch immer leuchtend am Horizont versinkt: Dario Fo mit Franca Rame. Ihm verdanken wir [E. Krippendorff und Eve Slatner] das sch\u00f6nste und faszinierendste Theater \u00fcberhaupt. Was Brechts viel zitierter &#8222;Verfremdungseffekt&#8220; ist, das wurde auch in der Spielweise des Berliner Ensembles nie so schlagend deutlich, wie ihn Dario Fo geradezu nat\u00fcrlich auf der B\u00fchne lebte. Er kommentierte, st\u00e4ndig aus der Rolle fallend, sich selbst und das St\u00fcck und konnte, wenn etwa im Saal Unruhe entstand &#8211; und die gab es in den unruhigen Zeiten der Siebzigerjahre st\u00e4ndig &#8211; sich unterbrechen, um Ruhe bitten, um dann dieselbe Szene noch einmal zu spielen, sodass von Illusionstheater und &#8222;Identifikation&#8220;, der von Brecht so leidenschaftlich bek\u00e4mpften traditionellen Zuschauerhaltung, auch nicht im Entferntesten die Rede sein konnte. Bei Dario war man sich zu jeder Sekunde bewusst, dass er Theater, dass er eine Rolle, oder auch mehrere gleichzeitig, spielte und vorf\u00fchrte. Besonders dramatisch sein St\u00fcck \u00fcber den Milit\u00e4rputsch in Chile (&#8222;Guerra del popolo in Cile&#8220;), September 1973, mit dem seine Truppe &#8222;La Comune&#8220; schon im Dezember auf Tournee ging &#8211; und das &#8222;rote Bologna&#8220; war nat\u00fcrlich einer der wichtigsten Spielorte:<\/p>\n<p>Wir befinden uns in einem gro\u00dfen Saal an der Peripherie. Pl\u00f6tzlich, mitten im St\u00fcck, geht das Licht aus, Unruhe im Saal, Dario ruft nach einer Taschenlampe, jemand wird ans Telefon geschickt &#8211; so k\u00f6nne man doch nicht weiterspielen, unerh\u00f6rt sei das &#8211; Unruhe &#8211; der Mann kommt zur\u00fcck: Alle Telefonleitungen sind tot. F\u00fcr einen kurzen Augenblick sind alle davon \u00fcberzeugt: Das ist er, der seit Monaten auch in Italien bef\u00fcrchtete Staatsstreich (eine Furcht, die 1972\/73 alles andere als unbegr\u00fcndet war). Dann aber geht das Licht wieder an und Dario erkl\u00e4rt alles &#8211; das Spiel, das fast ernst geworden w\u00e4re und dessen Ernst nun erst recht deutlich geworden war, wird zu Ende gebracht.<\/p>\n<p>Dario Fo und Franca Rame waren damals au\u00dferhalb Italiens so gut wie unbekannt (nur die amerikanischen Geheimdienste kannten Fo nat\u00fcrlich als Kommunisten und Revolutions-Theatermacher bestens und erteilten ihm noch Mitte der Siebzigerjahre f\u00fcr lange Zeit Einreiseverbot). Lebendigeres, publikumsn\u00e4heres und zugleich kritisch engagierteres Theater als dieses ist schwer vorstellbar.<\/p>\n<h3>Ekkehart Krippendorff: Der Clown<\/h3>\n<h4>Dario Fo: &#8222;Die Welt, wie ich sie sehe&#8220;. Inszenierung: Dario Fo; im Berliner Ensemble (Februar 2010) ((1))<\/h4>\n<p>Die schlechte Nachricht vorweg: Franca Rame war erkrankt und musste ihrem Lebenspartner die B\u00fchne allein \u00fcberlassen. Aber was f\u00fcr eine B\u00fchne der daraus machte! Der Abend war gedacht als eine Art Vorspiel zu dem am Berliner Ensemble geplanten aktuellen St\u00fcck Dario Fos zur Finanzkrise &#8211; und es wurde daraus ein Lehrst\u00fcck des Vollblut-Theaters, des Kom\u00f6diantentums aus dem Geiste rebellisch-witziger Volkskultur, wie es auf den \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen, zu Markttagen und Messen der Shakespeare-Zeit gezeigt wurde.<\/p>\n<p>Hausherr Claus Peymann hatte sich ein sch\u00f6nes, ein ordentliches Programm mit Lesung \u00fcbersetzter biographischer Texte und Gespr\u00e4chen mit den beiden ber\u00fchmten italienischen G\u00e4sten vorgenommen. Er hatte vermutlich nicht den kurzen Abschnitt aus der Nobelpreis-Rede Fos gelesen: &#8222;Ich bin nicht mit der Idee zum Theater gegangen, Hamlet zu spielen, sondern mit der Absicht, ein Clown zu sein, ein Hanswurst.&#8220; Denn was geschah, war, dass der geniale, quicklebendige vierundachtzigj\u00e4hrige Theatermann wie selbstverst\u00e4ndlich die B\u00fchne \u00fcbernahm und sie sich auch nicht mehr aus der Hand nehmen lie\u00df, als Peymann gegen den Protest des Publikums kl\u00e4glich bei dem Versuch scheiterte, sein Programm durchzusetzen &#8211; Dario Fo machte einfach weiter.<\/p>\n<p>Welch ein Vulkan an Energie! Wie selbstverst\u00e4ndlich er aus der Rolle des autobiographischen Erz\u00e4hlers in die des Kom\u00f6dianten schl\u00fcpfte und dann wieder zur\u00fcck: Brecht, in dessen Theater sich dieses kleine, nein gro\u00dfe Theaterwunder abspielte, h\u00e4tte seine Freude daran gehabt, wie hier ein Schauspieler ohne den ganzen intellektuellen Theorie-Aufwand des Verfremdungs-Theaters ganz nat\u00fcrlich seine Rollen ohne jede Identifikation zeigte und damit unserem vergleichsweise ausgebluteten deutschen Theater eine Lektion \u00fcber Schauspielkunst erteilte. Fo und Rame sind die m\u00f6glicherweise letzten DNA-echten Erben der europ\u00e4ischen Kom\u00f6diantentradition.<\/p>\n<p>Gewisserma\u00dfen nebenbei erz\u00e4hlte Fo seine Geschichte des Theaters, die mit der italienischen Gegenreformation beginnt, als die Kirche systematisch nicht nur die besten Philosophen, Intellektuellen und Wissenschaftler vertrieb, sondern auch ihre Schauspielertruppen: \u00dcber einhundert soll es in dem damals Zw\u00f6lfmillionenvolk gegeben haben &#8211; das heutige Sechzigmillionen-Italien hat nicht einmal einen Bruchteil davon. Und wohin gingen die exilierten Kom\u00f6dianten? Nach Frankreich vor allem, aber auch nach Spanien, England, Deutschland. Und sie spielten dort notgedrungen nicht nur Texte, sondern mit ihren K\u00f6rpern, mit Rhythmus, Musik, Tanz und Akrobatik, sie erfanden eine Sprache aus Gestik und Worten jenseits der Schrift, wie sonst konnten sie kommunizieren! Und nicht zuletzt brachten sie Frauen auf die B\u00fchne &#8211; eine wahre Kulturrevolution!<\/p>\n<p>Wie Dario Fo diese Theatergeschichte erz\u00e4hlt, wird sie selbst zum Theater &#8211; so seine anschauliche Ein-Mann-Schilderung der Turbulenzen einer gew\u00f6hnlichen Theatervorstellung oder die Geschichte eines extrem reichen Mannes am Hofe Ludwigs XIV., Besitzer von zwei Dritteln aller Zeitungen, der sich, aufgeplustert wie ein barocker Pfau, entschlie\u00dft, in die Politik zu gehen (eine solche Figur w\u00e4re in Italien nat\u00fcrlich v\u00f6llig undenkbar und l\u00e4cherlich&#8230;) und der sich dann, von seinem riesigen Mantel getragen, in die L\u00fcfte erhebt &#8211; um tief abzust\u00fcrzen. Und dann die Volte: \u00dcberall im Ausland werde er gefragt: &#8222;Und Berlusconi?&#8220; Die Antwort: &#8222;Ich habe ihn gew\u00e4hlt, ich bin f\u00fcr ihn verantwortlich, weil niemand sonst den Mut hat, es zuzugeben.&#8220; Donnernder Applaus &#8211; wie \u00fcberhaupt jede Szene das ausverkaufte Haus zu Beifallsst\u00fcrmen hinrei\u00dft.<\/p>\n<p>Ein unvergesslicher, einzigartiger Abend im Theater &#8211; so alle begeisternd, dass Claus Peymann gar nicht anders konnte, als zu versprechen: Dario Fo &#8211; und dann mit Franca Rame &#8211; werden baldm\u00f6glichst wieder eingeladen. Man wird ihn daran erinnern!<\/p>\n<p><b>Ekkehart Krippendorff<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das hat sicher auch einen bildungsb\u00fcrgerlichen Hintergrund, er begriff das Theater aber vor allem emanzipatorisch. 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