{"id":17523,"date":"2018-05-01T00:00:00","date_gmt":"2018-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/05\/das-manifest-der-100\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:01","slug":"das-manifest-der-100","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/05\/das-manifest-der-100\/","title":{"rendered":"Das &#8222;Manifest der 100&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Am 9. Januar 2018 druckte die Tageszeitung &#8222;Le Monde&#8220; ein &#8222;Manifest&#8220; von 100 Frauen ab, die verbale und sexuelle Bel\u00e4stigungen als Bestandteil der (franz\u00f6sischen) Verf\u00fchrungsrituale von M\u00e4nnern verteidigten.<\/p>\n<p>Vergewaltigung sei ein Verbrechen, verk\u00fcndete zwar der Text. Aber hartn\u00e4ckige und ungeschickte Anmache sei kein Delikt und Galanterie keine machistische Aggression.<\/p>\n<p>Mit der Weinstein-Aff\u00e4re, so hei\u00dft es dort weiter, h\u00e4tten die Frauen die M\u00f6glichkeit erk\u00e4mpft, erlebtes Unrecht zu denunzieren, doch genau diese Freiheit werde von Puritanern (man schielt in Richtung USA) genutzt, um umgekehrt eine &#8222;politically correct&#8220;-Festung zu errichten, in der man nicht mehr reden d\u00fcrfe wie einem der Schnabel gewachsen ist, und wo Frauen allgemein auf die Rolle der armen Opfer festgelegt w\u00fcrden.<\/p>\n<h3>#balancetonporc als puritanistische Bedrohung<\/h3>\n<p>In Frankreich hei\u00dft #MeToo #balancetonporc: &#8222;Denunzier dein Schwein!&#8220; Laut dem &#8222;Manifest der 100&#8220; habe die #MeToo-Welle in der Presse eine Hetzkampagne ausgel\u00f6st, deren bemitleidenswerte Opfer sich nicht wehren k\u00f6nnten und, ganz gleich welches Vergehen ihnen vorgeworfen wird, auf gleicher Stufe st\u00fcnden wie die \u00e4rgsten Vergewaltiger. Dabei h\u00e4tten sie oft nur ohne Erlaubnis einer Frau die Hand aufs Knie gelegt oder sich einen Kuss &#8222;erstohlen&#8220;, ein paar verbale Schweinereien von sich gegeben, ein paar sexuelle Nachrichten verschickt, ohne sich darum zu scheren, dass die Adressatinnen darauf keine Lust hatten.<\/p>\n<p>Im Manifest geht es um die Angst vor Puritanismus, vor religi\u00f6sem Fanatismus, den Feinden der Freiheit, der sexuellen Freiheit und dem Gefangensein der Frauen in der Opferrolle.<\/p>\n<p>Der Vorwurf lautet, es entwickle sich eine &#8222;Zensur&#8220; von Kunstobjekten und Kunstwerken, wie den Filmen von Roman Polanski. Im Namen der Verf\u00fchrungskunst, so geht der Text weiter, m\u00fcsse die Freiheit zu verletzen, zu kr\u00e4nken, verteidigt werden. Frauen seien schlie\u00dflich keine Weicheier und steckten sowas locker weg.<\/p>\n<p>Eine Frau kann also, so gesehen, am gleichen Tag ein M\u00e4nnerteam rumkommandieren, auf gleichem Gehalt bestehen, in der M\u00e9tro von einem armen Schwein bel\u00e4stigt werden, und sich abends voller Leidenschaft ein bisschen von ihrem Geliebten rumschubsen lassen. Geht alles. Sogar ohne Trauma. Easy.<\/p>\n<p>Es wird im Manifest darauf gepocht, dass man sehr selbst\u00e4ndig und emanzipiert sein kann, ohne die M\u00e4nner zu hassen (wo stand nochmal, dass, wenn frau ihr Schwein denunziert, sie alle M\u00e4nner hasst?). Es wird sogar vorgeschlagen, den T\u00f6chtern beizubringen, ohne eigene Schuld und Scham mit der Freiheit der M\u00e4nner umzugehen. Leider steht dort aber nicht, wie das gehen soll.<\/p>\n<p>Und f\u00fcr die &#8222;Unf\u00e4lle&#8220; (sic!), die unseren Frauenk\u00f6rpern zusto\u00dfen k\u00f6nnen, m\u00fcssten wir uns nicht f\u00fcr ewig in der Opferrolle begraben, denn, ja, unsere innere Freiheit sei grenzenlos und wir liebten sie sehr, mit allem Risiko und der damit verbundenen Verantwortung.<\/p>\n<p>Unterschrieben war dieses Manifest von Schriftstellerinnen wie Catherine Millet, Schauspielerinnen wie Catherine Deneuve, Journalistinnen, Kunstkritikerinnen, Psychoanalytikerinnen etc. &#8211; von lauter Frauen also, die tagt\u00e4glich in der M\u00e9tro mit Eleganz ihren Arsch hinhalten f\u00fcr arme, von sexueller Not gebeutelte Schweine. Die sie nicht denunzieren m\u00f6chten, dann das geh\u00f6re einfach zur Freiheit der M\u00e4nner!<\/p>\n<p>Unter diesen hundert Frauen befindet sich eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit von Intellektuellen und Frauen in gehobenen gesellschaftlichen Positionen, obwohl sie das Gegenteil behaupten. Nicht Opfer sein, nicht dramatisieren, verk\u00fcndet der Text. Gegen ihren Willen angefasst werden, sei ein &#8222;Nicht-Ereignis&#8220;, und die T\u00e4ter dieser &#8222;Nicht-Ereignisse&#8220; arme Schweine, die unter sexueller Not litten. Nat\u00fcrlich wolle man niemandem die traumatischen Erlebnisse aberkennen, aber mal ehrlich: So schlimm sei das doch alles nicht. Ein &#8222;gestohlener&#8220; Kuss, eine Hand am Hintern, daraus m\u00fcsse man kein Drama machen; man k\u00f6nne es doch auch positiv sehen, sozusagen als Kompliment, als festen Bestandteil der franz\u00f6sischen Verf\u00fchrungskunst, die weit zur\u00fcck reicht, bis hin zum Marquis de Sade.<\/p>\n<p>Wie oft f\u00e4hrt Catherine Deneuve mit der M\u00e9tro nach Hause?<\/p>\n<h3>Ein Meilenstein des franz\u00f6sischen Antifeminismus &#8211; oder: Die franz\u00f6sische Kunst der Verf\u00fchrung<\/h3>\n<p>Als Dominique Strauss-Kahn (in Frankreich nur kurz &#8222;DSK&#8220; genannt), ehemaliger Chef des Internationalen W\u00e4hrungsfonds und aussichtsreicher franz\u00f6sischer Pr\u00e4sidentschaftskandidat, 2011 in New York von der Reinigungskraft eines Hotels, Nafissatou Diallo, der Vergewaltigung beschuldigt wurde, erhoben sich zahlreiche Stimmen aus Presse und Prominenz zu seiner Verteidigung.<\/p>\n<p>Der Journalist J.F. Kahn sprach von einem banalen Zwischenfall, wo eine Untergebene von einem H\u00f6hergestellten genotz\u00fcchtigt wurde, wie das fr\u00fcher der Fall war, zu der guten alten Zeit, als M\u00e4nner ihre Dienerinnen und Angestellten nach Lust und Laune zum Sex zwingen konnten.<\/p>\n<p>Die Berichterstattung in den Medien war ein eklatantes Beispiel f\u00fcr Klassismus: So ein gebildeter Mensch sei dieser DSK; und wer wisse schon, was dieses Zimmerm\u00e4dchen im Sinne hatte; wom\u00f6glich sei sie manipuliert gewesen, oder auf Geld aus? Und selbst wenn nichts von alledem stimmt &#8211; wie schade doch, einem so wichtigen Mann die Karriere zu versauen.<\/p>\n<p>Ein Mann, der die Frauen liebt &#8211; so hie\u00df es auch -, und dem ein Ausrutscher passiert sei. Wie sich sp\u00e4ter best\u00e4tigen sollte, liebte er Frauen zwar sehr, verstand aber nicht, wenn sie nein sagten. Die Journalistin Tristane Banon entging 2003 nur knapp einem Vergewaltigungsversuch von DSK, machte das aber erst im Zuge des Diallo-Skandals \u00f6ffentlich.<\/p>\n<p>Wieder andere sahen in diesem &#8222;Vorfall&#8220; eine Attacke auf die Sozialistische Partei im Vorwahlkampf &#8211; aufgrund dieses Frauenhelds, der in eine Falle getappt sei, nichtsahnend aus der Dusche kommend, und der sich nicht habe beherrschen k\u00f6nnen angesichts der inszenierten Versuchung.<\/p>\n<p>Und dann auch hier wieder die Angst vor dem US-amerikanischen Puritanismus: Wenn man nicht mal mehr ein bisschen Spass haben kann! Diese US-Amerikaner*innen haben wirklich keinen Sinn f\u00fcr Humor &#8211; und f\u00fcr raffinierte Sexualpraktiken.<\/p>\n<p>Die betroffene Frau, Nafissatou Diallo, war in all diesen Debatten zum Objekt degradiert. Es ging nicht um sie.<\/p>\n<p>Glaubt man den franz\u00f6sischen Medien, so tobt in den USA ein Geschlechterkrieg, wohingegen in Frankreich, laut der Feministin Ir\u00e8ne Th\u00e9ry in einer Kolumne der Zeitung &#8222;Le Monde&#8220;, ein Feminismus gelebt werde, der nicht nur zerebral sei, der die Sackgassen des &#8222;politically correct&#8220; ablehne und zwar gleiche Rechte, aber asymmetrische Freuden der Verf\u00fchrung anstrebe; zwar den absoluten Respekt der Zustimmung, aber auch die wundervolle \u00dcberraschung gestohlener K\u00fcsse.<\/p>\n<p>Von Machtverh\u00e4ltnissen ist bei Frau Th\u00e9ry nat\u00fcrlich nicht die Rede. Und was sie mit Nafissatou Diallo, der Reinigungskraft, gemeinsam hat, sieht Frau Th\u00e9ry nicht. Zu dieser Kolumne steht Frau Th\u00e9ry \u00fcbrigens immer noch.<\/p>\n<p>In den Neunzigerjahren wurde von der Historikerin Mona Ozouf und der Philosophin Elisabeth Badinter behauptet, eine Umsetzung der Gender-Theorie sei in Frankreich unm\u00f6glich. Das wurde damit begr\u00fcndet, dass es im Gegensatz zu den USA keinen Geschlechterkrieg gebe &#8211; und zwar deshalb, weil Franz\u00f6sinnen keine Prinzipien-reitenden und Machtstrukturen-analysierenden Feministinnen seien und subtilere Umgangsformen mit M\u00e4nnern pflegten.<\/p>\n<p>Diese Gegen\u00fcberstellung von verklemmten Puritaner*innen in den USA und schelmischen Verf\u00fchrer*innen aus Frankreich ist bis heute eines der Hauptargumente von Antifeminist*innen aus Kunst und Kultur. Und dass sich gerade Frauen gegen die Political Correctness erheben, liegt am verbreiteten Klischee der (meist US-amerikanischen oder manchmal auch deutschen) Feministin, die M\u00e4nner hasst (jawohl, alle), die h\u00e4sslich ist, behaarte Beine hat, m\u00f6glicherweise intolerant und lesbisch ist und keinen Humor hat. Frau sollte in Frankreich aber eher elegant, vornehm, hetera, unbehaart und tolerant sein. Ein bisschen wie Catherine Deneuve.<\/p>\n<h3>La Manif pour tous &#8211; &#8222;Die Demo f\u00fcr alle&#8220;<\/h3>\n<p>&#8222;Die Demo f\u00fcr alle&#8220; ist der irref\u00fchrende Titel einer Bewegung, die 2013 von der gleichnamigen Organisation ins Leben gerufen wurde und sich neutral geben wollte. Demonstrieren sollte jede*r, und zwar gegen die &#8222;Ehe f\u00fcr alle&#8220;, die gesetzlich erlaubte Ehe f\u00fcr schwule und lesbische Paare, die der damalige Pr\u00e4sident Hollande (PS) vor seiner Wahl versprochen und dann auch umgesetzt hatte.<\/p>\n<p>Vor allem katholische und neofaschistische Gruppen riefen aktiv zu diesen Demos auf, betonten aber immer wieder, dass es sich nicht um eine politische Bewegung handle, sondern um eine spontane Reaktion des &#8222;Volkes&#8220;, angeblich mit Menschen aus allen Schichten und Richtungen, die vereint gegen die Bedrohung des Landes durch die Ehe f\u00fcr homosexuelle Paare k\u00e4mpfen wollten.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Demonstrationen fanden statt im Namen der Rettung des Abendlandes und gegen die Verrohung der Sitten, wobei es vor allem um die Rolle der Geschlechter und die Fortpflanzung ging. Eine der Hauptparolen der Demos hie\u00df: &#8222;Ein Vater + eine Mutter: Kinder soll man nicht bel\u00fcgen.&#8220; Das traditionelle Familienbild sollte besch\u00fctzt werden, und es sollte verhindert werden, dass homosexuelle Paare Familien gr\u00fcnden und Kinder zeugen oder adoptieren k\u00f6nnten. Die Rolle der Frau als Gef\u00e4hrtin ihres Mannes und Mutter wurde speziell hervorgehoben. Um dies auch visuell zu verdeutlichen, gab es einen Dresscode bei diesen Demos: rosa f\u00fcr die Frauen, blau f\u00fcr die M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Die Massendemos h\u00f6rten auf, nachdem das Gesetz verabschiedet wurde. Die Vereinigung blieb jedoch aktiv und pflegte die N\u00e4he zu rechten Politikern wie Nicolas Sarkozy oder Fran\u00e7ois Fillon, organisierte Aktionen gegen die Abtreibung und vor allem gegen k\u00fcnstliche Befruchtung f\u00fcr Lesbenpaare oder alleinstehende Frauen.<\/p>\n<p>In den Statuten der Organisation geht es vor allem um den Schutz &#8222;des Kindes&#8220; und der Familie. Alleinstehende M\u00fctter zum Beispiel fallen nicht in die Kategorie &#8222;Familie&#8220;. Von gleichgeschlechtlichen Paaren ganz zu schweigen.<\/p>\n<h3>&#8222;Les Antigones&#8220; &#8211; ein neuer Essentialismus<\/h3>\n<p>Im Mai 2013 musste der Pariser Treffpunkt der feministischen Aktionsgruppe &#8222;Femen&#8220; von der Polizei vor einer Gruppe von Frauen besch\u00fctzt werden, die sich zwei Tage sp\u00e4ter in einem Internet-Video vorstellte: &#8222;die Antigonen&#8220;. Es waren in Wei\u00df gekleidete junge Frauen, die &#8222;Femen&#8220; vorwarfen, alle Frauen durch ihre Aktionen zu diskreditieren, sich unweiblich zu verhalten, w\u00fcrdelos und vulg\u00e4r zu sein und durch ihre freiz\u00fcgige Sexualit\u00e4t und ihr provokatives Verhalten zum Untergang der Zivilisation beizutragen.<\/p>\n<p>Es war eine Art Kriegserkl\u00e4rung an &#8222;Femen&#8220;, untermauert durch stockkonservative Ansichten vor Frauen, die sich vor allem als T\u00f6chter ihrer V\u00e4ter, Schwestern ihrer Br\u00fcder, Ehefrauen ihrer Ehem\u00e4nner und M\u00fctter ihrer S\u00f6hne sahen &#8211; innerhalb eines Weltbilds, in dem die Familie, die Nation und die Religion den Rahmen bilden. Bescheidenheit und Eleganz, sexuelle Abstinenz und politische Neutralit\u00e4t &#8211; so in etwa stellt sich eine solche &#8222;Antigone&#8220; die Frau als perfekte Begleiterin und Erg\u00e4nzung des Mannes vor, um Frankreich vor dem Untergang zu retten. Frauen sollten nicht gegen M\u00e4nner um Rechte k\u00e4mpfen, sondern sich komplement\u00e4r zu ihnen verhalten.<\/p>\n<p>Diese jungen Frauen meistern ihre Kommunikation: Facebook, Webseite, YouTube-Videos. In wei\u00dfen, wallenden Gew\u00e4ndern verk\u00fcnden sie, dass sie rein und sch\u00f6n wirken m\u00f6chten. Denn Frauen seien sch\u00f6n, so ihre Erkl\u00e4rung, und Wei\u00df sei auch eine Farbe, die Fruchtbarkeit symbolisiere und allen Frauen stehe.<\/p>\n<p>Nach eigener Aussage seien die &#8222;Antigonen&#8220; unpolitisch, obwohl sie die Manif pour tous guthei\u00dfen. In ihren Reihen gibt es viele praktizierende Katholikinnen, aber auch junge Frauen aus der neofaschistischen Szene.<\/p>\n<p>Am 8. M\u00e4rz 2018 ver\u00f6ffentlichten &#8222;die Antigonen&#8220; auf ihrer Webseite einen Text zum Internationalen Frauentag, in dem sie anprangerten, dass Frauen heutzutage Rechte einfordern, die M\u00e4nner nicht haben: das Recht abzutreiben, oder sich k\u00fcnstlich befruchten zu lassen. Zu #MeToo meinen sie, dass die Debatte zwischen Legalismus und dem daraus folgenden Verbot der Anmache einerseits, versus der Freiheit, Frauen zu bel\u00e4stigen, andererseits dem Staat zuviel Macht einr\u00e4ume und die Komponente der menschlichen Natur au\u00dfer Acht lasse. Als Beispiel f\u00fchrten sie den griechischen Mythos der Antigone an, die ihrer Interpretation nach nicht ein menschliches Recht einfordere, ihren Bruder zu begraben, sondern gem\u00e4\u00df dem &#8222;nat\u00fcrlichen&#8220; Recht einer Schwester, ihren Bruder zu beerdigen, die geltenden Gesetze ignoriert.<\/p>\n<p>So berufen sie sich auf das &#8222;nat\u00fcrliche&#8220; Recht der Familie als wichtigste Instanz, die zugleich das Fundament des bestehenden Staates sein m\u00fcsse.<\/p>\n<h3>Die Maskulinisten<\/h3>\n<p>Die Maskulinisten in Frankreich berufen sich oft auf die kanadischen Maskulinisten. In deren Sichtweise sind die M\u00e4nner die gro\u00dfen Verlierer der Gleichberechtigung und Opfer der Feministinnen.<\/p>\n<p>Durch die Siege der feministischen Bewegung seien Frauen jetzt in allen Bereichen an der Macht und unterdr\u00fcckten die M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Diese erstaunliche Analyse setzte sich in den letzten Jahren in diversen Str\u00f6mungen durch. Am bekanntesten wurde in dieser Hinsicht die Vereinigung &#8222;SOS Papa&#8220;, die 2013 ins Medienlicht r\u00fcckte, als mehrere M\u00e4nner auf Kr\u00e4ne oder D\u00e4cher stiegen, um das Besuchsrecht bei ihren Kindern einzufordern. Besagtes Besuchsrecht war in einigen F\u00e4llen entzogen worden, aufgrund von Gewaltakten, Bedrohungen gegen die Mutter oder Kidnapping.<\/p>\n<p>Das Medienecho war \u00fcberraschenderweise riesig, weitaus gr\u00f6\u00dfer als bei der j\u00e4hrlichen Ver\u00f6ffentlichung der Zahlen zu Mord und Totschlag an Frauen zum Beispiel, wie wir frustrierten Feministinnen uns nicht verkneifen konnten, zur Kenntnis zu nehmen.<\/p>\n<p>&#8222;SOS Papa&#8220; sieht sich einerseits als Vereinigung von Opfern eines Systems, das im Falle einer Scheidung oder Trennung alle Macht den M\u00fcttern einr\u00e4umt, und gleichzeitig als heldenhafte Vereinigung von M\u00e4nnern, die dadurch, dass sie f\u00fcr ihre Vaterrolle k\u00e4mpfen, gleich noch die Zivilisation, die Familie und fast die Welt retten. Besagte Vaterrolle steht dabei durchg\u00e4ngig im Gegensatz zu Frauen, die sich trennen wollen. Hervorgehoben werden hier nur die Rechte der V\u00e4ter. Von ihren Verpflichtungen, zum Beispiel Unterhaltsbeitr\u00e4ge f\u00fcr die Kinder, ist nie die Rede. Von den Rechten der M\u00fctter ganz zu schweigen.<\/p>\n<h3>Die Debatten um die inklusive Sprache<\/h3>\n<p>Ende September 2017 kam es in Frankreich zu einer heftigen Polemik, als ein Verlag das erste Schulbuch in inklusiver Sprache herausbrachte &#8211; ein Geschichts- und Geographiebuch f\u00fcr Neunj\u00e4hrige.<\/p>\n<p>Rapha\u00ebl Eindhoven, ein konservativer Politiker, reagierte erbost in einer Radiosendung von Europe 1, einem der meistgeh\u00f6rten Sender Frankreichs. Er klagte die inklusive Sprache an, die franz\u00f6sische Sprache und somit Denkweise zu verarmen und sprach von tugendhaftem Negationismus. Er verglich die inklusive Sprache mit Orwells &#8222;Neusprech&#8220; im Roman &#8222;1984&#8220; und warnte vor einer Verbl\u00f6dung der Sch\u00fcler*innen. Seine Aussagen l\u00f6sten einen Sturm von Reaktionen aus, leider die meisten in seinem Sinne.<\/p>\n<p>Die &#8222;Acad\u00e9mie fran\u00e7aise&#8220;, eine Gelehrtengesellschaft, deren Aufgabe seit 1634 darin besteht, die franz\u00f6sische Sprache zu pflegen und \u00fcber ihre Vereinheitlichung zu wachen, ver\u00f6ffentlichte eine Warnung, die franz\u00f6sische Sprache schwebe in Todesgefahr. Es sei hier betont, dass erst 1980 die erste Frau in diese Gesellschaft gew\u00e4hlt worden ist und die Zahl der Frauen bis heute acht nicht \u00fcberschritten hat, Verstorbene mit eingerechnet. Die Gesamtzahl der Mitglieder betr\u00e4gt vierzig &#8222;Akademiker&#8220;.<\/p>\n<p>Der gegenw\u00e4rtige Erziehungsminister Pr\u00e4sident Macrons, J.-M. Blanquer, verk\u00fcndete in einem Tweet, es gebe nur &#8222;eine einzige Sprache, eine einzige Grammatik, eine einzige Republik&#8220; und sprach sich gegen die Anwendung der inklusiven Sprache im Schulsystem aus, gefolgt vom Premierminister, der die inklusive Schreibweise f\u00fcr offizielle Dokumente verbieten will.<\/p>\n<p>Konservative Zeitungen wie &#8222;Le Figaro&#8220;, die oben bereits erw\u00e4hnte Bewegung Manif pour tous und alle m\u00f6glichen, mehr oder weniger bekannten Vereinigungen, nicht nur von Rechts, ballerten mit einer Vielfalt von Behauptungen in den Medien drauflos. Wie auch in Deutschland wurde das &#8222;Argument&#8220; des generischen Maskulinums hervorgekramt: Wozu brauche man denn eine inklusive Schreibweise? Das Maskulinum sei doch inklusiv, da es sowohl weiblich wie auch m\u00e4nnlich bezeichnen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In Frankreich gibt es kein Neutrum und die Grammatikregel lautet: &#8222;M\u00e4nnlich \u00fcbertrumpft weiblich&#8220;. Ein beliebtes Beispiel von misogynen Franz\u00f6sischlehrern lautet: Wenn hundert Frauen und ein Hund nass werden, wird das Adjektiv &#8222;nass&#8220; wegen dem Hund (m\u00e4nnlich, wie auf Deutsch) m\u00e4nnlich akkordiert. Durch diese Regel k\u00f6nnen viele absurde Situationen entstehen, weil die Gegenwart einer einzigen (grammatisch) m\u00e4nnlichen Figur die Deklination des Satzes diktiert.<\/p>\n<p>Die Hierarchisierung, die den Feministinnen zur Gen\u00fcge aufgetischt wurde, ist heute wieder en vogue. Man habe doch wichtigere Forderungen zur Gleichheit der Geschlechter, als an der Grammatik zu feilen, schlie\u00dflich seien gleiche Geh\u00e4lter immer noch nicht die Regel. Immer sch\u00f6n eins nach dem anderen.<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Sprache sei schlie\u00dflich schwer genug. Mit der inklusiven Schreibweise schrecke man die Leute ab, Franz\u00f6sisch zu lernen und st\u00fcrze Schulkinder in gr\u00f6\u00dfte Schwierigkeiten. Dieselben P\u00e4dagog*innen, die sich hier zu Wort melden, lehren jedoch extrem unlogische und schwierige Rechtschreibregeln, die sich durch nichts rechtfertigen lassen au\u00dfer einer unhinterfragten &#8222;Tradition&#8220;, und die das Erlernen der franz\u00f6sischen Sprache unn\u00f6tig erschweren.<\/p>\n<p>Die inklusive Sprache sei ineffizient, so hei\u00dft es weiter, sie \u00e4ndere nichts an der Diskriminierung und Benachteiligung. Das sei ja bewiesen dadurch, dass in L\u00e4ndern, in deren Sprache ein Neutrum existiert oder gar die Regel ist, der Platz der Frauen in der Gesellschaft nicht signifikant bedeutender sei als in Frankreich.<\/p>\n<p>Und auf pseudowissenschaftliche Weise wird dem Ganzen die Krone aufgesetzt: Es bestehe kein Zusammenhang zwischen Sprache und Denken; die inklusive Sprache k\u00f6nne gar nicht zu einer \u00c4nderung der bestehenden Verh\u00e4ltnisse beitragen.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Sexismus gibt es \u00fcberall und jedes Land hat seine sexistischen Besonderheiten. Der Antifeminismus sprie\u00dft in Frankreich besonders gut im Bereich der Kunst und Kultur &#8211; und rechts nat\u00fcrlich, sehr rechts und auf der Seite der Neofaschist*innen, immer gen\u00e4hrt mit Nationalstolz, aber nicht nur.<\/p>\n<p>Der S\u00e4nger der links orientierten Kultband &#8222;Noir D\u00e9sir&#8220;, Bertrand Cantat, findet zahlreiche Unterst\u00fctzung in den Medien gegen die Feministinnen, die vor den Konzerthallen demonstrierten, in denen er f\u00fcr sein gefeiertes Comback auftrat. Tatsache ist jedoch, dass er im Sommer 2003 in Vilnius seine Geliebte, die Schauspielerin Marie Trintignant, zu Tode gepr\u00fcgelt hat. Daf\u00fcr sa\u00df er zwar vier Jahre in Haft, wird jetzt aber wieder als gro\u00dfer K\u00fcnstler gefeiert, als wenn nichts gewesen w\u00e4re. Denn, so wird in den Medien argumentiert, den K\u00fcnstler und den Straft\u00e4ter d\u00fcrfe man nicht miteinander verwechseln; und man d\u00fcrfe nicht die Kunst bestrafen f\u00fcr die Taten des Mannes.<\/p>\n<p>Dass aber der Mann von der Kohle profitiert, die der K\u00fcnstler einsackt, und auf der B\u00fchne steht, wo er bejubelt wird, st\u00f6rt doch sehr. Und mal wieder werden Feministinnen als puritanisch dargestellt. Der Mann habe seine Strafe doch abgesessen und solle seine Kreativit\u00e4t ausleben d\u00fcrfen (es geht hier nicht um eine Verteidigung des Gef\u00e4ngnissystems, aber man vergleiche mal vier Jahre mit anderen Strafen f\u00fcr M\u00f6rder!). Singen sei ja schlie\u00dflich sein Beruf, so hei\u00dft es weiter. Man faselt von der Kreativit\u00e4t und der Freiheit des K\u00fcnstlers. Von der Freiheit Marie Trintignants, nicht zu Tode gepr\u00fcgelt werden zu wollen &#8211; kein Wort! Willkommen in Frankreichs antifeministischer Medienlandschaft.<\/p>\n<p><b>Marie-Meier<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 9. Januar 2018 druckte die Tageszeitung &#8222;Le Monde&#8220; ein &#8222;Manifest&#8220; von 100 Frauen ab, die verbale und sexuelle Bel\u00e4stigungen als Bestandteil der (franz\u00f6sischen) Verf\u00fchrungsrituale von M\u00e4nnern verteidigten. Vergewaltigung sei ein Verbrechen, verk\u00fcndete zwar der Text. Aber hartn\u00e4ckige und ungeschickte Anmache sei kein Delikt und Galanterie keine machistische Aggression. Mit der Weinstein-Aff\u00e4re, so hei\u00dft es &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/05\/das-manifest-der-100\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Das \"Manifest der 100\" - graswurzelrevolution","description":"Am 9. 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