{"id":17524,"date":"2018-05-01T00:00:00","date_gmt":"2018-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/05\/der-jemen-wird-auseinandergerissen\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:01","slug":"der-jemen-wird-auseinandergerissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/05\/der-jemen-wird-auseinandergerissen\/","title":{"rendered":"Der Jemen wird auseinandergerissen"},"content":{"rendered":"<p>Alle zehn Minuten stirbt im Jemen ein Kind an problemlos vermeidbaren Krankheiten &#8211; 1.000 jede Woche. Ursache dieses Elends ist der Krieg, in dem eine von Saudi-Arabien gef\u00fchrte Koalition zur Bek\u00e4mpfung der Houthi-Rebellen seit mehr als drei Jahren Bomben auf Krankenh\u00e4user, Wasserwerke und Schulen niederregnen l\u00e4sst. Auf Marktpl\u00e4tze, Wohnviertel, H\u00e4fen und Br\u00fccken. Auf Beerdigungen, Hochzeitsfeiern und ein Fl\u00fcchtlingsboot. Hinzu kommt die von den Saudis verh\u00e4ngte See- und Luftblockade, die den Import von Nahrung, Hilfsg\u00fctern und Medikamenten nahezu unterbindet.<\/p>\n<p>Die UN spricht von der &#8222;gr\u00f6\u00dften humanit\u00e4ren Katastrophe der Welt&#8220; und doch k\u00f6nnte der Krieg im Jemen in der Berichterstattung kaum abwesender sein. Wird er doch berichtet, kommen in aller Regel Narrative eines Stellvertreterkriegs: Die Houthi-Rebellen k\u00e4mpften als Marionette des Iran gegen den regionalen Erzfeind Saudi-Arabien. Desweilen ginge es um einen herbeigeschriebenen Jahrtausende w\u00e4hrenden Kampf zwischen Sunniten und Schiiten. In einer George-Bush-Reminiszenz redet der saudi-arabische Au\u00dfenminister Adel al-Jubeir vom Kampf &#8222;zwischen Gut und B\u00f6se&#8220; &#8211; h\u00f6chst epische Kategorien scheinen auf dem Spiel zu stehen. Derartige Dichotomien sollen komplexe Zusammenh\u00e4nge auf vertraute Narrative eindampfen &#8211; doch um zum Kern eines Krieges vorzusto\u00dfen, taugen sie nicht.<\/p>\n<h3>Die Houthis und das Haus Saud<\/h3>\n<p>Seit der Gr\u00fcndung Saudi-Arabiens 1932 ist der Grenzkonflikt zum Jemen zentral f\u00fcr die Sicherheitspolitik des Hauses Saud. Bereits der erste Krieg des jungen saudischen Staates wurde 1934 im Konflikt um die Grenzen gegen das K\u00f6nigreich Jemen gef\u00fchrt, in dessen Zuge die Saudis drei jemenitische Provinzen annektierten, die zusammen fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig der H\u00e4lfte des heutigen Jemen entsprechen und in denen ein Gro\u00dfteil der schiitischen Minderheit in Saudi-Arabien lebt &#8211; mehr als die H\u00e4lfte davon wie die Houthis Zaiditen. Sp\u00e4testens seit den 1970ern intervenierte Saudi-Arabien aggressiv in innerjemenitische Angelegenheiten, indem Clanf\u00fchrer, Politiker*innen und Medienpers\u00f6nlichkeiten nach Belieben finanziert oder diskreditiert wurden. Nicht umsonst gelten die Saudis im Jemen als &#8222;K\u00f6nigsmacher&#8220; &#8211; so spielten sie in den 1970ern auch bei der Machtergreifung des Diktators Ali Abdullah Saleh eine zentrale Rolle, \u00fcber den Riad in den Jahrzehnten der Diktatur Einfluss geltend machte.<\/p>\n<p>Im Zuge der Wiedervereinigung von Nord- und S\u00fcdjemen 1990 entwickelten sich aus den tribalistischen Strukturen im von der Zentralregierung in Sana&#8217;a marginalisierten Norden verschiedene Aufstandsbewegungen gegen die Herrschaft des korrupten Diktators Saleh &#8211; um die Jahrtausendwende auch eine rund um den einflussreichen Houthi-Clan. Nach der Ermordung deren Anf\u00fchrers Hussein gingen die Houthis verst\u00e4rkt zum bewaffneten Kampf \u00fcber, der sich in den n\u00e4chsten sieben Jahren sporadisch in blutigen Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen den Truppen des Diktators Saleh und den \u00fcber 100.000 Houthi-K\u00e4mpfern entlud. 2011 schlossen sie sich den Protesten des Arabischen Fr\u00fchlings an, in dessen Zuge Saleh gest\u00fcrzt wurde und dessen Vize Abed Rabbo Mansur Hadi &#8211; der gemeinhin als saudische Marionette gilt &#8211; die Macht \u00fcbertragen wurde.<\/p>\n<p>2014 starteten die Houthis ausgehend von ihrer Hochburg Sa&#8217;da an der Grenze zu Saudi-Arabien ihren Feldzug gen S\u00fcden, in dessen Verlauf sie den Gro\u00dfteil der bev\u00f6lkerten Territorien des Jemen erobern sollten &#8211; die urbanen Zentren im Norden und Westen des Landes. In einem Akt gr\u00f6\u00dfter Heuchelei beider Seiten verb\u00fcndeten sie sich mit ihrer einstigen Nemesis: dem gest\u00fcrzten Diktator Saleh. Zusammen mit Saleh-treuen Truppen \u00fcbernahmen sie \u00fcberwiegend unblutig die Hauptstadt Sana&#8217;a und marschierten erfolgreich auf Aden. Pr\u00e4sident Hadi wurde unter Hausarrest gestellt, konnte jedoch unter dem Schutz einer Burka seinen Wachen entkommen und ins saudi-arabische Exil fliehen, wo er sich mit minimalem Einfluss auf das Geschehen im Jemen bis heute aufh\u00e4lt. Trunken vom milit\u00e4rischen Erfolg forderten die Houthis gar die R\u00fcckgabe der drei 80 Jahre zuvor von Saudi-Arabien annektierten Provinzen.<\/p>\n<p>Der Siegeszug der Houthis war der Alptraum des Haus Saud, nicht nur weil die Rebellen an der saudischen S\u00fcdgrenze r\u00fcttelten, sondern vor allem, weil sie unabh\u00e4ngig von der Korruption und dem elit\u00e4ren Kl\u00fcngel in Sana&#8217;a waren &#8211; und somit unzug\u00e4nglich f\u00fcr Riads \u00fcber Jahrzehnte etablierte Unterwanderung des jemenitischen Politbusiness. Denn seit jeher war es saudische Politik, im Jemen f\u00fcr instabile Verh\u00e4ltnisse sowie f\u00fcr eine schwache, gr\u00f6\u00dftm\u00f6glich von saudischen Petrodollar abh\u00e4ngige Regierung zu sorgen, die keinerlei Gefahr f\u00fcr das saudische Territorium darstellen w\u00fcrde. Jemenitische Volksbewegungen oder ambitionierte politische Bewegungen in Sana&#8217;a wurden stets unterwandert oder offen milit\u00e4risch bek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Als die Houthis schlie\u00dflich Sana&#8217;a einnahmen, waren Jahrzehnte der Einflussnahme der Saudis in ihrem &#8222;privaten Hinterhof&#8220; Geschichte. Als Exilpr\u00e4sident Hadi im M\u00e4rz 2015 um Unterst\u00fctzung bat, kam Riad dieser Bitte nur allzu gern nach, hatte es doch nun die Rechtfertigung, um in einer gro\u00df angelegten Kampagne gegen die Houthis vorzugehen. Der erbarmungslose Krieg der Saudi-Koalition begann und die Houthis verloren in z\u00e4hen K\u00e4mpfen signifikante Teile ihrer eroberten Gebiete &#8211; das endg\u00fcltige Zur\u00fcckdr\u00e4ngen in ihre Kernregion im Norden scheint nur eine Frage der Zeit zu sein.<\/p>\n<p>Es geht im Krieg der Saudis gegen die Houthis also um schn\u00f6de Machtpolitik: Sicherung der Grenzen der drei riesigen 1934 annektierten jemenitischen Provinzen sowie die Wiedererlangung von Kontrolle \u00fcber die Politik des Jemen. Um der Welt\u00f6ffentlichkeit das erbarmungslose Bombardement jedoch zu verkaufen, bem\u00fcht Riad unabl\u00e4ssig das Feindbild Iran, indem es versichert, die Houthis seien ein iranischer Proxy, mit dessen Hilfe Teheran einen Fu\u00df auf die Arabische Halbinsel zu setzen versucht.<\/p>\n<h3>Die Houthi-Iran-Connection<\/h3>\n<p>An Paranoia grenzend beschw\u00f6rt Saudi-Arabien das Schreckgespenst eines &#8222;vom Iran dominierten Jemen&#8220; herauf, der saudische Angriffskrieg gegen die Houthis wird so zur Selbstverteidigung gegen den Erzfeind Iran umgem\u00fcnzt. Und westliche Politiker*innen wie Medien \u00fcbernehmen dieses Narrativ, ohne es zu hinterfragen oder gar zu \u00fcberpr\u00fcfen. Ist der &#8222;Schurkenstaat&#8220; Iran das eigentliche Ziel, so ist das bittere Elend der jemenitischen Bev\u00f6lkerung offensichtlich hinnehmbarer.<\/p>\n<p>Sowohl die Houthis als auch der Iran streiten jegliche Zusammenarbeit kategorisch ab. Ohne jeden Zweifel gab es vor dem Krieg jedoch gewisse Verbindungen, die auch weiterhin bestehen. Etwa in Form begrenzter finanzieller Zuwendungen oder indirekter Kooperation bei milit\u00e4rischer Ausbildung &#8211; in Gestalt der vom Iran unterst\u00fctzten libanesischen Hisbollah, die seit 2011 gelegentlich Ausbilder zu \u00dcbungen in den Jemen schickt. Diese Unterst\u00fctzung wird zumeist jedoch \u00fcbertrieben dargestellt. Sie verblasst gegen\u00fcber jenem Support, den Teheran anderen Gruppierungen im Nahen Osten zukommen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Im Sommer 2014 wollte Teheran die Houthis aus strategischen Gr\u00fcnden explizit davon abhalten, die Hauptstadt Sana&#8217;a einzunehmen und Hadi zu st\u00fcrzen, die Houthis widersetzten sich jedoch. Auch f\u00fcgten im Juni 2015 tats\u00e4chlich vom Iran ausgebildete Truppen im Dhale-Gouvernement den Houthi-Rebellen empfindliche Niederlagen zu. Beide Vorf\u00e4lle dekonstruieren offensichtlich die These der Houthis als milit\u00e4rische Marionetten des Iran.<\/p>\n<p>Insbesondere l\u00e4sst sich jedoch der Vorwurf, die Houthis w\u00e4ren massiv vom Iran hochger\u00fcstet, kaum aufrechterhalten &#8211; w\u00e4re dies nicht zuletzt wegen der umfassenden Seeblockade der Saudis gegen den Jemen praktisch kaum umsetzbar. Es gibt gelegentliche Berichte \u00fcber Waffenschmuggel etwa \u00fcber Oman oder Somalia, die an dieser Stelle keineswegs infrage gestellt werden sollen, einzig soll deren tats\u00e4chlicher Umfang relativiert werden, da sich konkrete F\u00e4lle bei genauer Untersuchung oft nur schwer verifizieren lassen.<\/p>\n<p>Ende Februar 2018 gaben die Regierungen der USA, Gro\u00dfbritanniens, Frankreichs und Deutschlands am UN-Sicherheitsrat vorbei eine Erkl\u00e4rung ab, in der sie den Iran wegen einer nicht zweifelsfrei nachgewiesenen Lieferung von Kurzstreckenraketen an die Houthis scharf verurteilten. Eben diese vier Staaten sind seit dem Jahr 2000 jedoch verantwortlich f\u00fcr 86 Prozent der Waffenimporte der treibenden Kr\u00e4fte der Saudi-Koalition, einer Koalition also, die die UN wegen des systematischen T\u00f6tens jemenitischer Kinder auf ihre Schwarzliste der Kinderrechtsverletzer gesetzt hat &#8211; ein Paradebeispiel westlicher Heuchelei.<\/p>\n<p>Zu einem Teil gewiss vom Iran, stammen die Waffen der Houthis in erster Linie aus zwei anderen Quellen: Erstens aus dem waffen\u00fcberschwemmten Land selbst &#8211; weltweit haben nur die USA mehr Schusswaffen pro Einwohner. Zweitens von \u00fcbergelaufenen Truppenverb\u00e4nden des gest\u00fcrzten Diktators Saleh, mit denen die Houthis 2015 eine Allianz schmiedeten &#8211; regul\u00e4re Waffen des jemenitischen Milit\u00e4rs also und damit auch Kriegsger\u00e4t der US-Regierung, da Washington im &#8222;War on Terror&#8220; allein seit 2006 Waffen im Wert von \u00fcber 500 Millionen Dollar an Saleh lieferte.<\/p>\n<p>Das strategische Interesse Teherans an den weiten W\u00fcsten der Arabischen Halbinsel ist begrenzt. Die Einsch\u00e4tzung einer Reihe ehemaliger hochrangiger US-Diplomaten legt nahe, die Houthi-Iran-Connection w\u00e4re vielmehr eine Folge des Krieges der Saudis als dessen Ursache. &#8222;Die Houthis waren nicht im iranischen Lager, bis sie durch Notwendigkeit dort hineingetrieben wurden&#8220;, meint Chas Freeman, der ehemalige US-Botschafter in Riad. Die Houthi-Iran-Connection &#8222;h\u00e4tte so wahrscheinlich \u00fcberhaupt nicht existiert&#8220;, erst das Bombardement der Saudis hat &#8222;ironischerweise die Beziehung gefestigt&#8220; &#8211; der Krieg im Jemen als selbsterf\u00fcllende Prophezeiung.<\/p>\n<p>Mit der &#8222;Iranisierung&#8220; des Jemen-Krieges spielt Saudi-Arabien ein geschicktes PR-Spiel. Stie\u00df dies bereits in der Obama-Regierung auf offene Ohren, so ist die von iranophoben Kriegsfalken durchsetzte Trump-Administration nun der engste Verb\u00fcndete der Saudis. Indem der iranische Teufel in \u00dcbergr\u00f6\u00dfe an die Wand gemalt wird, konnte die westliche Welt \u00fcberzeugt werden, es handle sich keineswegs um einen lokalen Konflikt, sondern um einen, der mit der indirekten Bek\u00e4mpfung eines vermeintlich feindseligen Iran gar globale Kreise zieht.<\/p>\n<h3>Abu Dhabi und das &#8222;Achte Emirat S\u00fcdjemen&#8220;<\/h3>\n<p>Sechs Staaten der Saudi-Koalition &#8211; \u00c4gypten, Bahrain, Jordanien, Kuwait, Marokko, Sudan &#8211; stehen treu an der Seite der Saudis. Eine Partei schert jedoch zunehmend aus und verfolgt im Jemen eine ganz eigene Agenda: die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Riad bei der Entsendung von Bodentruppen z\u00f6gerlich ist, hat Abu Dhabi seit geraumer Zeit im gro\u00dfen Stile Truppen im Jemen. So spielen die Emirate seit gut zwei Jahren die F\u00fchrungsrolle im Kampf gegen Al-Qaida im S\u00fcdjemen, ebenso bei der R\u00fcckeroberung von Aden von den Houthis im Juli 2015, und verantworten zus\u00e4tzlich die Ausbildung Zehntausender jemenitischer Truppen. Dar\u00fcber hinaus importierten die VAE Hunderte bestens ausgebildeter S\u00f6ldner aus S\u00fcdamerika, um im Jemen f\u00fcr sie zu k\u00e4mpfen &#8211; \u00fcber ein Programm, das von Erik Prince ins Leben gerufen wurde, dem Kopf der verrufenen US-S\u00f6ldnerfirma Blackwater. Die VAE betreiben im S\u00fcdjemen au\u00dferdem ein Netzwerk aus Dutzenden Foltergef\u00e4ngnissen, in denen Tausende Terrorverd\u00e4chtige &#8222;verschwinden&#8220; und dort in Arbeitsteilung von den &#8222;VAE gefoltert und von den USA verh\u00f6rt&#8220; werden, wie die Associated Press in einem herausragenden Investigativbericht j\u00fcngst aufdeckte. Die Emirate haben im S\u00fcdjemen regelrecht eine parallele Sicherheitsstruktur etabliert.<\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr diesen Alleingang liegt in den Ambitionen der Emirate, zu einer globalen Energiesupermacht aufzusteigen. Hierzu verfolgen die VAE \u00fcber die Kontrolle strategisch wichtiger Knotenpunkte auf energierelevanten Handelsrouten den Aufbau \u00fcberregionaler Strukturen im Nahen Osten und dar\u00fcber hinaus, um so ihren Handel mit fossilen Rohstoffen nach Europa und Nordamerika zu konsolidieren und weiter auszubauen.<\/p>\n<p>Abu Dhabi dr\u00e4ngt sich im Eiltempo in die Energie- und Sicherheitsinfrastruktur der Region hinein; von Eritrea und Somaliland bis nach Zypern und Libyens Bengasi. Im Jemen manifestieren sich diese Ambitionen an drei Fronten. Erstens bei der R\u00fcckeroberung der Perim-Inseln von den Houthis, einem Nadel\u00f6hr am s\u00fcdlichen Ende des Roten Meers. Zweitens bei der im Golf von Aden liegenden Insel Sokotra, die die VAE mehr und mehr in ihre ureigene Tourismus- und Milit\u00e4rkolonie verwandeln. Und drittens bei den erfolgreichen Bem\u00fchungen der Emirate, die Kontrolle \u00fcber ein Netz strategisch wichtiger H\u00e4fen im Jemen zu erlangen: einzig der gr\u00f6\u00dfte Industriehafen des Landes in Hode\u00efda steht noch nicht unter der Kontrolle der Emirate. Doch auch Hode\u00efda wird seit letztem Dezember von den Kampfjets der VAE heftig umk\u00e4mpft. Die Eroberung scheint nur eine Frage der Zeit zu sein.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend alle wesentlichen Konfliktparteien zumindest offiziell stets an der territorialen Unversehrtheit des Jemen festhielten, gewinnen die sezessionistischen Kr\u00e4fte zur Abspaltung des S\u00fcdjemen mehr und mehr an Einfluss &#8211; mit massiver Unterst\u00fctzung der Emirate, die zu diesem Zweck aktiv mit s\u00fcdjemenitischen Provinzeliten und deren bewaffneten Arm, den Separatisten des Southern Transitional Council, kollaborieren. Dieser Bruch der VAE zu den Saudis und ihrem Proteg\u00e9 Hadi zeigte sich Ende August 2017 in seiner ganzen Absurdit\u00e4t, als die Emirate dem international anerkannten Pr\u00e4sidenten des Jemen die Einreise nach Aden verweigerten, Hadis Heimatstadt &#8211; ein denkw\u00fcrdiges Symbol f\u00fcr die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse im Land.<\/p>\n<p>Abu Dhabi schert sich nicht um den Konflikt mit den Houthis. Der Kampf gegen die Rebellen war von Anfang an nur der Vorwand, um milit\u00e4risch einen Fu\u00df in den S\u00fcdjemen zu bekommen. Nicht das Kernland im Norden, sondern die Kontrolle \u00fcber die rund 2.000 Kilometer jemenitischer K\u00fcste im S\u00fcden des Landes &#8211; allen voran deren H\u00e4fen &#8211; sind f\u00fcr die VAE von Interesse. Nach Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur und die Bewaffnung separatistischer Milizen im S\u00fcdjemen holen die VAE nun die sezessionistische Ernte ein. Den Emiraten schwebt mittelfristig eine Vasallenprovinz vor &#8211; eine Art &#8222;Achtes Emirat S\u00fcdjemen&#8220; &#8211; welche den Aufstieg der VAE zur globalen Energiesupermacht erm\u00f6glichen soll.<\/p>\n<h3>Die Blutspur der USA<\/h3>\n<p>Den USA kommt im Jemen eine Doppelrolle zu: Einerseits steht und f\u00e4llt der Krieg der Saudi-Koalition buchst\u00e4blich mit dem US-Support, andererseits k\u00e4mpft Washington unter dem Schirm des &#8222;War on Terror&#8220; im Jemen seit Langem seinen ganz eigenen Krieg.<\/p>\n<p>Barack Obama verkaufte den Saudis w\u00e4hrend seiner acht Jahre im Oval Office R\u00fcstungsg\u00fcter in H\u00f6he von 115 Milliarden Dollar &#8211; so viel wie kein anderer der 13 US-Pr\u00e4sidenten in den 85 Jahren diplomatischer Saudi-US-Beziehungen zuvor. Allein 20 Milliarden davon wurden 2015 genehmigt, dem Jahr in dem der Jemen-Krieg ausbrach. Donald Trump zog nach nur wenigen Wochen im Amt mit seinem Vorg\u00e4nger gleich, als er im Mai 2017 R\u00fcstungsdeals im Wert von 110 Milliarden Dollar mit den Saudis vereinbarte, die in der n\u00e4chsten Dekade gar auf bis zu 380 Milliarden anwachsen k\u00f6nnen. Die US-Regierung gibt den Saudis die Mittel f\u00fcr schwerste Kriegsverbrechen in die Hand. Neben Waffenlieferungen sind die Luftbetankungen durch die USA von entscheidender Bedeutung, ohne die es den saudischen Kampfjets unm\u00f6glich w\u00e4re, quer \u00fcber die riesigen W\u00fcstengebiete hinweg ihren Bombenkrieg zu f\u00fchren. Hinzu kommt US-Support auf vielen weiteren Ebenen, etwa logistische Unterst\u00fctzung, Geheimdienstinformationen, Truppenausbildung, Entsendung von Milit\u00e4rberatern und mit am wichtigsten: die politische und diplomatische R\u00fcckendeckung. Ohne den Freifahrtschein aus dem Wei\u00dfen Haus h\u00e4tte die Saudi-Koalition die drei Jahre andauernde Vernichtung des \u00e4rmsten Lands der Arabischen Welt politisch nicht \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>Um diese umfassende Unterst\u00fctzung zu verstehen, muss allen voran ein Punkt ber\u00fccksichtigt werden, um den sich f\u00fcr die Saudis im Nahen Osten letztendlich alles dreht: der Iran; insbesondere der so wichtige Iran-Nukleardeal von 2015, den die Saudis um jeden Preis verhindern wollten und am Ende wutentbrannt \u00fcber dessen Zustandekommen waren. Obamas Entscheidung, den Krieg der Saudis \u00fcberhaupt erst zu erm\u00f6glichen, ist als Geste der Wiedergutmachung zu verstehen, als Beschwichtigung eines aufgebrachten Hauses Saud. Die Bev\u00f6lkerung des Jemen war der Bauer auf Obamas Schachbrett, der f\u00fcr den Abschluss des Iran-Deals geopfert wurde. Komplizenschaft in Kriegsverbrechen als Geste der Wiedergutmachung &#8211; so zynisch wie nur Geopolitik sein kann.<\/p>\n<p>Seit gut zwei Jahrzehnten sind die USA auch selbst im Jemen aktiv, der nach den Anschl\u00e4gen vom 11. September 2001 zu einem der Kerngebiete des &#8222;War on Terror&#8220; erkl\u00e4rt wurde. 2002 begann Washington sein Drohnenprogramm im Jemen, wobei nach konservativen Sch\u00e4tzungen in mindestens 302 Angriffen bis zu 1.341 Menschen get\u00f6tet wurden. Nur ein Drohnenschlag wurde hiervon unter George Bush autorisiert, alle anderen unter Friedensnobelpreistr\u00e4ger Obama und schlie\u00dflich unter Trump.<\/p>\n<p>Im September 2011 t\u00f6tete eine US-Drohne den in New Mexico, USA, geborenen Anwar al-Awlaki. Barack Obama, Professor f\u00fcr Verfassungsrecht, agiert in Personalunion als Ankl\u00e4ger, Richter und Henker eines US-B\u00fcrgers. Wenige Tage sp\u00e4ter t\u00f6tete eine Hellfire-Rakete aus einer von Obamas Drohnen eine Gruppe Jugendlicher in der Shabwa-Provinz, die sich zum Barbecue versammelt hatten. Unter den Toten des Blutbads: Anwar al-Awlakis Sohn, der US-Amerikaner Abdulrahman al-Awlaki. Erbs\u00fcnde im 21. Jahrhundert. Ende Januar 2017 befehligte schlie\u00dflich Trump den ersten &#8222;Anti-Terroreinsatz&#8220; seiner Amtszeit: 30 US Navy SEALs st\u00fcrmten unterst\u00fctzt von mehreren Kampfhubschraubern das Dorf Yakla im Jemen und t\u00f6teten 31 Menschen, darunter mindestens zehn Kinder. Unter den get\u00f6teten Kindern befand sich ein achtj\u00e4hriges M\u00e4dchen, das nach einem Schuss in den Hals elendig verblutete. Ihr Name: Nawar al-Awlaki, US-Amerikanerin, Schwester von Abdulrahman, wie ihr Bruder f\u00fcnf Jahre zuvor von den USA ermordet. Der Mord an den unschuldigen Kindern der Awlaki-Familie ist die Blutlinie, die Trumps Pr\u00e4sidentschaft mit der seines verhassten Vorg\u00e4ngers Obama verbindet.<\/p>\n<p>Sch\u00e4rfte der Pr\u00e4sidentschaftskandidat Trump in vermeintlicher Opposition zur Kriegstreiberin Hillary Clinton noch sein Profil als Nicht-Interventionist, der sich aus den Abenteuern der USA in Middle East zur\u00fcckziehen wolle, eskaliert Pr\u00e4sident Trump nun jeden einzelnen Krieg, den er von seinem Vorg\u00e4nger geerbt hat. Insbesondere im Jemen verfolgt er eine Politik der verbrannten Erde und beordert Drohnenschl\u00e4ge wie im Blutrausch: in den ersten zw\u00f6lf Monaten autorisierte Trump im Jemen fast ebenso viele Angriffe (129) wie &#8222;Drohnenk\u00f6nig&#8220; Obama in den gesamten acht Jahren seiner Pr\u00e4sidentschaft (162) und t\u00f6tete dabei bis zu 235 Menschen. Die renommierte Anwaltsvereinigung Reprieve UK spricht von &#8222;Exekutionen im industriellen Ma\u00dfstab&#8220;. Auf der anderen Seite eskaliert Trump den Krieg der Saudis im Jemen, indem er gewisse Beschr\u00e4nkungen und zaghafte Strafma\u00dfnahmen der Obama-\u00c4ra r\u00fcckg\u00e4ngig macht. Trump ist der engste Verb\u00fcndete, den das Haus Saud seit Jahrzehnten im Wei\u00dfen Haus hatte. Die Leidtragenden dieser unheilvollen Allianz sind die Kinder, Frauen und M\u00e4nner im Jemen.<\/p>\n<h3>Der Jemen rei\u00dft auseinander<\/h3>\n<p>Die Aussichten f\u00fcr den Jemen k\u00f6nnten kaum d\u00fcsterer sein. Verschiedenste m\u00e4chtige Akteure rei\u00dfen aus eigenen machtpolitischen Interessen an diesem so wundersch\u00f6nen Land und sind kurz davor, es in G\u00e4nze auseinanderzurei\u00dfen. Zu den hier genannten Playern kommen weitere: Gro\u00dfbritannien ist eng in Logistik und Geheimdienstt\u00e4tigkeiten der Saudi-Koalition eingewoben. Frankreich, Italien, Spanien, Kanada, Australien und die Schweiz haben wie Deutschland vor allem monet\u00e4re Interessen am Fortbestand des Krieges. Der Sudan hat Tausende Truppen im Land. Auch Russland ist dabei, sein Gewicht in die jemenitische Waagschale zu werfen, um seinen Anspruch als Gro\u00dfmacht im Nahen Osten weiter zu untermauern. Nicht zu vergessen Al-Qaida, dessen Jemen-Ableger als gef\u00e4hrlichste Filiale des globalen Terror-Franchise gilt und die mit dem &#8222;Al-Qaida Emirat Jemen&#8220; 2015\/16 f\u00fcr \u00fcber ein Jahr ein Gebiet der Gr\u00f6\u00dfe Syriens unter Kontrolle hielt. Auch der Islamische Staat ist mit t\u00f6dlichsten Anschl\u00e4gen im Jemen aktiv.<\/p>\n<p>Der Jemen mit seinem Netzwerk aus ineinandergreifenden Konflikten ist der Inbegriff der inflation\u00e4r gebrauchten Floskel, es k\u00f6nne keine milit\u00e4rische L\u00f6sung geben. Das Land braucht Friedensverhandlungen unter dem Schirm der UN &#8211; unter Einbeziehung aller relevanten Akteure. Diese Prozesse ben\u00f6tigen Geduld und Zeit. Doch die Bev\u00f6lkerung des Jemen hat keine Zeit. Angesichts der historischen Cholera- und Hungerkatastrophe l\u00e4uft ihr die Zeit buchst\u00e4blich ab. Auf internationalen Druck hin muss das absurde Bombardieren des Jemen durch die Saudi-Koalition umgehend beendet und die zerm\u00fcrbende See- und Luftblockade mit sofortiger Wirkung vollst\u00e4ndig aufgehoben werden. Schwerkranke m\u00fcssen aus dem Land heraus- und Nahrungsmittel und Medikamente im gro\u00dfen Stile hineingelassen werden.<\/p>\n<p><b>Jakob Reimann<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle zehn Minuten stirbt im Jemen ein Kind an problemlos vermeidbaren Krankheiten &#8211; 1.000 jede Woche. Ursache dieses Elends ist der Krieg, in dem eine von Saudi-Arabien gef\u00fchrte Koalition zur Bek\u00e4mpfung der Houthi-Rebellen seit mehr als drei Jahren Bomben auf Krankenh\u00e4user, Wasserwerke und Schulen niederregnen l\u00e4sst. Auf Marktpl\u00e4tze, Wohnviertel, H\u00e4fen und Br\u00fccken. 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