{"id":17527,"date":"2018-05-01T00:00:00","date_gmt":"2018-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/05\/putzen-als-waer-schon-anarchie\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:50","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:50","slug":"putzen-als-waer-schon-anarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/05\/putzen-als-waer-schon-anarchie\/","title":{"rendered":"Putzen, als w\u00e4r&#8216; schon Anarchie"},"content":{"rendered":"<h3>Was ist das Problem?<\/h3>\n<p>Wenn es in WGs, Hausprojekten und anderen selbstverwalteten Projekten um Putzen oder andere ungeliebte, aber notwendige T\u00e4tigkeiten f\u00fcr die Gemeinschaft geht, wird es manchmal schwierig: Einige Leute sind frustriert, weil sie ihrer Wahrnehmung nach deutlich mehr dieser unbeliebten T\u00e4tigkeiten \u00fcbernehmen als andere, manche sind gestresst, weil sie den Eindruck haben, f\u00fcr alles zust\u00e4ndig sein zu m\u00fcssen, andere haben keinen \u00dcberblick und denken, sie machen schon genug, wiederum andere ziehen sich aus Gemeinschaftsbereichen zur\u00fcck mit dem Ziel, unbeliebte Gemeinschaftst\u00e4tigkeiten zu vermeiden. Die einen meinen, es l\u00e4uft doch super, den anderen ist es zu schmutzig.<\/p>\n<p>In der ak stand vor kurzem geschrieben, dass &#8222;Unterschiedliche Sauberkeitsstandards&#8220; nur eine Entschuldigung f\u00fcr nicht gleich verteiltes Reinemachen und die Reproduktion der Rollenmuster sei.\u00a0((1))<\/p>\n<p>Anarchist_innen haben mit einem schlechten Ruf zu k\u00e4mpfen. Deshalb ist es meiner Meinung nach umso wichtiger, konstruktive anarchistische Organisationskonzepte in der Realit\u00e4t zu erproben und so eine Anregung f\u00fcr andere zu sein. Wenn wir Anarchie als weltweites dezentrales Gesellschaftsmodell anvisieren, kann es doch nicht so schwer sein, das Reinemachen zu organisieren, oder?<\/p>\n<p>Sollte dieses Putzschlammassel sich nicht mit anarchistischen Organisationskonzepten l\u00f6sen lassen, sodass wir danach wieder zu scheinbar wichtigeren Themen wie der Transformation in anarchistische Gesellschaften \u00fcbergehen k\u00f6nnen? Oder ist dieses Thema gar nicht so nebens\u00e4chlich, sondern ein Modell, an dem das Funktionieren anarchistischer Organisation ausprobiert und gezeigt werden kann? Das &#8222;Utopische Klo&#8220; von Annette Schlemm sagt: &#8222;Jede Utopie muss sich daran messen lassen, wie in ihr das Problem des Klo-Putzens gel\u00f6st wird&#8220;.\u00a0((2))\u00a0Was also hat die Vielzahl anarchistischer Theorien und Utopien zur L\u00f6sung des Problems zu bieten? Da es viele, sich teilweise widersprechende anarchistische Ans\u00e4tze gibt, ist das Folgende kein Rezept, sondern nur eine Denkanregung.<\/p>\n<h3>Anarchistischer Anspruch<\/h3>\n<p>Anarchistische Gemeinschaften beruhen auf Ideen der Freiheit und Solidarit\u00e4t. &#8222;Freiheit ohne Sozialismus besteht aus Privilegien und Sozialismus ohne Freiheit bedeutet Gewalt und Unterdr\u00fcckung&#8220; (Bakunin).<\/p>\n<p>Es geht also darum, nicht nur der eigenen Freiheit und den eigenen Bed\u00fcrfnissen nachzugehen, sondern auch solidarisch die Freiheit der anderen im Blick zu haben. Die Freiheit des einzelnen h\u00f6rt da auf, wo sie beginnt, die Freiheit eines anderen einzuschr\u00e4nken. Gemeinschaften, in denen Leute mit diesem Anspruch zusammen leben wollen, basieren darauf, dass die Leute sich gegenseitig unterst\u00fctzen, an der Gemeinschaft teilhaben und T\u00e4tigkeiten und Verantwortung \u00fcbernehmen. Dabei kann sich jede Person nach ihren F\u00e4higkeiten und ohne Zwang einbringen. Anderseits wird die Gemeinschaft auch darauf achten, nicht ausgenutzt zu werden, um eine Kultur von Kooperation zu entwickeln.<\/p>\n<p>Diese abstrakten Ideen werden im Folgenden durch das Putzbeispiel mit mehr Realit\u00e4tsbezug gef\u00fcllt.<\/p>\n<h3><b>L\u00f6sungsans\u00e4tze, die nicht taugen<\/b>: Reproduktionsarbeit ist Frauensache<\/h3>\n<p>Nein, wir machen es nicht wie damals Kropotkin und Co., die die Reproduktionsarbeit den Frauen zugewiesen haben. Wer heute Anarchist ist, muss Frauen und alle anderen benachteiligten Gruppen als gleichwertige Menschen behandeln. Meine Freiheit ist auch die Freiheit der anderen.<\/p>\n<h3>Meine Zeit ist wichtiger als deine<\/h3>\n<p>Da Anarchist_innen den Kapitalismus, damit verbundene soziale Ungleichheit und die daraus erwachsende Notwendigkeit, gegen den eigenen Willen stupide und schlecht bezahlte Arbeiten anzunehmen, ablehnen, ist die M\u00f6glichkeit, einen externen Menschen daf\u00fcr zu bezahlen, dass er das &#8222;selbstorganisierte&#8220; Projekt putzt, meiner Meinung nach ausgeschlossen. Einer Putzkraft einen geringeren Stundenlohn zu bezahlen, als mensch selbst durch Berufst\u00e4tigkeit verdienen k\u00f6nnte, bedeutet, die Zeit der Putzkraft als weniger wichtig herabzusetzen. Sich helfen lassen ist eine gute Idee, ausbeuten oder sich als wichtiger zu empfinden als andere nicht.<\/p>\n<h3>Aufrechnen<\/h3>\n<p>Ein Gef\u00fchl von ungerechter Verteilung von unangenehmen Arbeiten, Freizeit oder sonstigen knappen G\u00fctern kann dazu f\u00fchren, dass Leute beginnen, Neid zu entwickeln und sich gegenseitig Dinge aufzurechnen. Eine Person w\u00fcrde mehr von dem teuren K\u00e4se essen, eine andere daf\u00fcr lange warm duschen, wiederum eine andere sich nicht am Putzen beteiligen. Diese aufrechnenden Denkweisen k\u00f6nnen zu einer Negativ-Spirale in freiwilliger Beteiligung f\u00fchren: Wenn sonst keine_r Plena vorbereitet, mache ich das auch nicht mehr. Wenn Plena so schlecht laufen, habe ich auch keine Lust mehr, Gemeinschaftsaktivit\u00e4ten anzusto\u00dfen, usw.<\/p>\n<p>Um die Ursache des aufrechnenden Denkens, die gef\u00fchlte Ungerechtigkeit, anzugehen, kann \u00fcberlegt werden, was f\u00fcr die Gruppe &#8222;Gerechtigkeit&#8220; bedeutet. Vermutlich wird dann schnell klar, dass Gerechtigkeit komplexer ist als das Aufrechnen von verbrauchten G\u00fctern oder eingebrachten Arbeitsstunden. Scheinbar einfache L\u00f6sungen zum Beheben des Ungerechtigkeitsgef\u00fchls, wie Arbeitsstundenregelungen (jede Person soll eine bestimmte Anzahl von Stunden im Reproduktionsbereich arbeiten, sodass die Arbeit gleichm\u00e4\u00dfig verteilt wird) stellen sich dann schnell als weder praxistauglich noch herrschaftsarm heraus: Fixe Regeln f\u00fcr alle gehen nicht auf Bed\u00fcrfnisse ein, f\u00fchren zu Frust und Unlust, werfen weitere Fragen wie &#8222;Was ist eigentlich Arbeit?&#8220; auf, etablieren m\u00f6glicherweise Gemeinschaftst\u00e4tigkeitsstunden als eine neue W\u00e4hrung und stellen Leute an den Pranger, die weniger tun.<\/p>\n<h3>Unsichtbare (Reproduktions-)Arbeit<\/h3>\n<p>Andererseits kann das Nicht-Sichtbarmachen von geleisteter und gemeinschaftlich zu leistender (Reproduktions-)Arbeit dazu f\u00fchren, dass Leute nicht mal wissen, wie viel zu tun ist, und daher auch nicht, dass eine ungleiche Verteilung unbeliebter T\u00e4tigkeiten vorliegt.<\/p>\n<p>Dadurch k\u00f6nnen sich bestehende Herrschaftsmechanismen unentdeckt weiter reproduzieren. Transparenz sollte jedoch nicht in Form von Aufrechnen oder \u00f6ffentlichen Schuldzuweisungen geschehen, sondern dezentral und wertfrei.<\/p>\n<h3>Verursacherprinzip<\/h3>\n<p>Das Verursacherprinzip als ein Grundsatz des Zusammenlebens kann f\u00fcr Entspannung sorgen, wenn z.B. alle ihr benutztes Geschirr selbst in die Sp\u00fclmaschine bringen oder einen Gemeinschaftsraum nach Benutzung wieder aufr\u00e4umen. Es gibt jedoch immer einen Grunddreck, der auch bei noch so umsichtiger Benutzung von Gemeinschaftsr\u00e4umen anf\u00e4llt. Es ist nicht das Ziel, dass Menschen sich aus Gemeinschaftsr\u00e4umen zur\u00fcckziehen, um wenig Schmutz zu machen. Die Anwesenheit in und Nutzung von Gemeinschaftsr\u00e4umen ist ein wichtiger Gemeinschaftsbeitrag.<\/p>\n<p>Wenn das Verursacherprinzip als einzige Handlungsmaxime im Raum steht, \u00e4hnelt dies dem Aufrechnen und kann mit Schuldzuweisungen sowie dem kapitalistischen Isolationsprinzip des &#8222;Jeder ist f\u00fcr sich selbst verantwortlich&#8220; einhergehen, was ein solidarisches Miteinander untergr\u00e4bt. Wenn eine Person viel mehr Schmutz oder Unordnung verursacht als sie wegputzt, wird das vielleicht als ungerecht empfunden werden, jedoch kann in einem Gespr\u00e4ch im kleinen Kreis eine bed\u00fcrfnisorientiertere und als gerechter empfundene L\u00f6sung gefunden werden als durch Aufrechnen oder Verursacherprinzip.<\/p>\n<h3>Nur worauf du wirklich Lust hast<\/h3>\n<p>Eine Idee aus der Bed\u00fcrfnisorientierung sowie Geschenk\u00f6konomie ist es, nur so viel zu tun oder zu geben, wie mensch wirklich will. Das hat den Vorteil, dass Aufrechnen vermieden wird. Nach dieser Logik ist es okay, sich ohne R\u00fccksprache mit der Gemeinschaft von jeglichen T\u00e4tigkeiten f\u00fcr die Gemeinschaft zur\u00fcckzuziehen. Doch was, wenn Knappheit entsteht, wenn es Menschen nicht gut geht, weil die gemeinsamen R\u00e4ume nicht aufger\u00e4umt oder hygienisch genug sind?<\/p>\n<p>Die Personen, die sich um Kinder oder gesundheitlich angeschlagene Menschen k\u00fcmmern, und Personen, die sich durch den unaufger\u00e4umten Zustand der Gemeinschaftsr\u00e4ume in ihrer M\u00f6glichkeit diese zu nutzen eingeschr\u00e4nkt f\u00fchlen, werden dann zuerst und am h\u00e4ufigsten putzen. Einige werden argumentieren, dass das okay sei, da die anderen einen niedrigeren Sauberkeitsstandard h\u00e4tten, doch ist hier wieder das egoistische und unsolidarische Muster der Eigenverantwortung zu erkennen, was zu Frust und mehr unsolidarischem Verhalten f\u00fchren kann. In Gemeinschaften mit emanzipatorischem Anspruch sollten solche Muster daher erkannt und angesprochen werden.<\/p>\n<h3>Es klappt schon so<\/h3>\n<p>Wenn neue Gruppen mit herrschaftsarmem Anspruch zusammen kommen, gibt es h\u00e4ufig die Hoffnung, dass die Regelung von Aufgaben wie Putzen nicht n\u00f6tig sei, da sich das schon von selbst irgendwie zurechtruckeln w\u00fcrde. Jede_r macht, was er_sie mag und dann klappt das schon. Dinge zu erledigen, die kaum eine_r gerne macht, bringt mehr soziale Anerkennung und damit wieder mehr Anreiz, sodass sich das selbst reguliert. Es mag sein, dass das in gut eingespielten und \u00fcberschaubaren Gemeinschaften mit Leuten, die solidarisch agieren, funktioniert. Mit beliebigen im Kapitalismus sozialisierten Menschen oder in gr\u00f6\u00dferen, heterogeneren Gruppen ist das jedoch meiner Erfahrung nach eher nicht der Fall.<\/p>\n<h3>Zentrale Planung<\/h3>\n<p>Wenn es nicht einfach so klappt, ist eine weitere Idee zur L\u00f6sung des Putzproblems die zentrale Planung. Es wurde erkannt, dass unbeliebte Aufgaben gerecht verteilt werden sollten, da sie sonst an wenigen h\u00e4ngen bleiben. Ein L\u00f6sungsansatz dazu ist die feste Zuweisung von Verantwortungsbereichen zu bestimmten Personen oder ein weiterer die Rotation durch diese Verantwortungsbereiche. Durch diese Ans\u00e4tze wird Reproduktions-Arbeit unabh\u00e4ngig vom Geschlecht verteilt. Rotation hat zus\u00e4tzlich den Vorteil, dass jede_r mal mit unbeliebten Arbeiten dran ist und Einblick in unterschiedliche Bereiche und Verantwortungsgef\u00fchl f\u00fcr die Gemeinschaft bekommt. So entstehen bessere Ideen zur Prozessoptimierung, eine bessere Grundlage f\u00fcr Konsensentscheidungen und Vermeidung von Lagerk\u00e4mpfen zwischen Arbeitsbereichen um Ressourcen.<\/p>\n<p>Der Nachteil von zentralen Planungsideen, vor allem f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Gruppen, ist jedoch, dass schwerer auf individuelle Bed\u00fcrfnisse eingegangen werden kann und jede Idee jemand anderem nicht gerecht wird: Wenn jede_r im Plenum eigene Vorlieben \u00e4u\u00dfert wie beispielsweise, dass er_sie lieber einen festen Bereich h\u00e4tte, auf keinen Fall das Klo von anderen Wohnbereichen putzen w\u00fcrde oder h\u00f6chstens zweiw\u00f6chentlich rotieren k\u00f6nnte, kann die Diskussion in erm\u00fcdendem Hin und Her stecken bleiben und eine Entscheidung unm\u00f6glich werden. Zentrale Planung hat zudem das Problem, Details zu \u00fcbersehen und so f\u00fcr die Realit\u00e4t wenig taugliche Konzepte zu entwerfen.<\/p>\n<h3>Anarchistische L\u00f6sungsans\u00e4tze<\/h3>\n<p>Wie k\u00f6nnten anarchistische L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr das Putzproblem aussehen, die die oben genannten Probleme vermeiden?<\/p>\n<p>Lernprozess, Transparenz und Strukturen<\/p>\n<p>Anarchistische Ans\u00e4tze gehen davon aus, dass der Mensch grunds\u00e4tzlich gut und lernf\u00e4hig ist. Es ist m\u00f6glich, dass in kleinen Gruppen nach einiger Zeit des Lernprozesses formale Methoden nicht mehr ben\u00f6tigt werden, da die Leute nun wissen, wie viel Arbeit wo anf\u00e4llt, und sich solidarisch daran beteiligen. Andererseits kann ab einer gewissen Gruppengr\u00f6\u00dfe Strukturlosigkeit zu unausgesprochenen hierarchischen Strukturen und Intransparenz f\u00fchren. Eine zu strikte Organisation kann umgekehrt schwer auf individuelle Bed\u00fcrfnisse eingehen und dynamische Entwicklung einschr\u00e4nken.\u00a0((3))\u00a0Gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge wie Hausprojekte sind komplex, wenn sie als Ganzes betrachtet werden. Jedoch bestehen sie, wenn sie von unten nach oben und dezentral organisiert sind, aus kleineren Einheiten, die mit weit weniger Struktur auskommen und weniger anf\u00e4llig f\u00fcr zentrale Fehlplanungen sind.<\/p>\n<h3>Das Nebeneinander verschiedener Ans\u00e4tze<\/h3>\n<p>Anarchistische Ans\u00e4tze erm\u00f6glichen explizit das Nebeneinander verschiedener Organisationsweisen, Lebensweisen, Weltanschauungen, Vorlieben. In bolo&#8217;bolo\u00a0((4))\u00a0wird beschrieben, wie Menschen mit \u00e4hnlichen Vorlieben sich in Gemeinschaften zusammenfinden.<\/p>\n<p>Es liegt nahe, mit Personen zusammen zu arbeiten, mit denen mensch gut klarkommt, und mit Menschen zusammen zu leben, die \u00e4hnliche Ansichten teilen und mit denen mensch sich gut versteht. So k\u00f6nnte es Hausprojekte geben, in denen die Leute eher schlichte Einrichtung und wenig Staub bevorzugen und andere, in denen eher alle Ecken mit Dingen vollgestellt sind und das Saubermachen weniger gr\u00fcndlich ausf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Doch solange es nicht Hunderte von Hausprojekten in der n\u00e4heren Umgebung gibt und der Umzug in ein passenderes Hausprojekt schwierig ist, finden wir uns vermutlich eher nach politischen Einstellungen, Sympathie und regionalen Vorlieben als nach Putzvorlieben zusammen und sollten deshalb auf dem Gebiet des Reinemachens bereit sein, aufeinander zuzugehen.<\/p>\n<h3>Optimieren, Reduzieren<\/h3>\n<p>Gerade bei unbeliebten T\u00e4tigkeiten macht es Sinn, mit vielen Leuten zusammen zu \u00fcberlegen, wie diese reduziert, die Abl\u00e4ufe optimiert und angenehmer gestaltet werden k\u00f6nnen. Das funktioniert besonders gut, wenn einige Leute mal durch verschiedene Putzaufgaben rotieren, um einen \u00dcberblick zu bekommen.<\/p>\n<p>Vielleicht erh\u00f6ht sich f\u00fcr einige Leute der Spa\u00df am Putzen, wenn sie es gemeinsam tun, vielleicht wenn sie es mit einer Party verbinden. Ist die Bereitschaft zum Putzen besonders gering, dann kann m\u00f6glicherweise ein Vorschlag zur Reduktion der Putzaufgaben auf die notwendigsten f\u00fcr Entspannung sorgen.<\/p>\n<p>Eine weitere Idee zur Optimierung ist der Einsatz von Maschinen. Sp\u00fclmaschinen sind eine gro\u00dfe Erleichterung. Putzroboter sind noch nicht ganz ausgereift, teuer und meist unter unfairen Arbeitsbedingungen hergestellt. In einer (nicht-primitivistischen) anarchistischen Zukunft werden sicherlich mehr Ger\u00e4te zur Arbeitserleichterung unter annehmbaren Bedingungen hergestellt. Also als kleine Aufmunterung beim Wischen f\u00fcr die, die nicht in Natur- oder Subsistenz-bolos leben wollen: Bald hilft der Putzroboter.<\/p>\n<h3>&#8222;Jeder nach seinen F\u00e4higkeiten, jedem nach seinen Bed\u00fcrfnissen&#8220;<\/h3>\n<p>Was bedeutet dieser Grundsatz in Bezug auf das Putzen? Wenn eine Person ein Bed\u00fcrfnis nach t\u00e4glich gewischten Gemeinschaftsbereichen hat, m\u00fcssen sich dann alle danach richten? Nein, wenn nicht genug (Bereitschaft zum Putzen) da ist, m\u00fcssen die Leute gemeinsam eine L\u00f6sung finden, welche Sauberkeitsbed\u00fcrfnisse die dringendsten sind, oder ob es vielleicht noch andere T\u00e4tigkeitsbereiche wie Dachreparatur oder Essensbeschaffung gibt, die noch dringender sind, und\/oder wie mehr Putzbereitschaft entstehen kann.<\/p>\n<p>Bedeutet &#8222;jeder nach seinen F\u00e4higkeiten&#8220;, dass derjenige mehr sp\u00fclt, der es besser kann und der, der es nie ausprobiert hat, es sein lassen kann?<\/p>\n<p>Nein, auch das nicht. Zum Umgang mit Menschen, die sich nicht an unbeliebten, aber notwendigen Aufgaben beteiligen wollen, gibt es weiter unten noch einen Abschnitt. In vielen Bereichen ist es sinnvoll, nicht immer die f\u00e4higsten Personen eine Aufgabe durchf\u00fchren zu lassen, sondern die F\u00e4higkeiten zu verteilen &#8211; insbesondere beim Putzen, da hier keine zeitaufw\u00e4ndigen Spezialausbildungen n\u00f6tig sind.<\/p>\n<h3>Ein konkretes Beispiel m\u00f6glicher anarchistischer Putzorganisation<\/h3>\n<p>Wir k\u00f6nnten den Wunsch nach regelm\u00e4\u00dfig gereinigten R\u00e4umen als ein ben\u00f6tigtes Produkt, die Nutzer_innen der R\u00e4ume als Konsument_innen und die T\u00e4tigkeit des Putzens als Produktion von Sauberkeit verstehen.<\/p>\n<p>Sowohl auf Konsument_innenseite als auch auf Produzent_innenseite gibt es unterschiedliche Vorlieben. Die Benutzer_innen von R\u00e4umen k\u00f6nnen unterschiedliche Reinlichkeitsw\u00fcnsche haben. Die Produzent_innen der Reinlichkeit wiederum k\u00f6nnen unterschiedliche Vorlieben zur Art und Weise, wie das Reinemachen organisiert und ausgef\u00fchrt wird, haben. Dadurch, dass sich Konsument_innen und Produzent_innen in kleinen lokalen Gruppen zusammen tun, k\u00f6nnen sie leichter \u00fcber ihre spezifischen Bed\u00fcrfnisse kommunizieren und darauf eingehen, als dies in einem gro\u00dfen Plenum oder bei zentraler Planung m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das Bed\u00fcrfnis nach sauberem Raum (nicht Hochglanz, aber so, dass die Ausbreitung von Krankheiten, Pilzen oder Schimmel eingeschr\u00e4nkt ist), wird wie Wasser und Ern\u00e4hrung als grundlegend angesehen. F\u00fcr die Erf\u00fcllung dieser grundlegenden Bed\u00fcrfnisse \u00fcbernimmt die Gemeinschaft gemeinsam Verantwortung. Hat jemand einen \u00fcber seine_ihre von anderen nachvollziehbaren notwendigen Bed\u00fcrfnisse hinaus gehenden Sauberkeitswunsch, wird er_sie vermutlich selbst die Arbeit daf\u00fcr \u00fcbernehmen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Leute, die an sauberen R\u00e4umen interessiert sind, treffen sich in lokalen Sauberkeitskonsument_innenr\u00e4ten und legen fest, was in ihrem Haus wie oft geputzt werden sollte. Sie bestimmen auch eine Priorit\u00e4t der Aufgaben, sodass die wichtigsten erledigt werden, falls die meisten Leute wenig Zeit mit Saubermachen verbringen wollen.<\/p>\n<p>Wenn sich zur Abdeckung dieser notwendigen Putzarbeiten nicht gen\u00fcgend Freiwillige finden, beschlie\u00dft die Gemeinschaft im Plenum, dass alle die Verantwortung daf\u00fcr teilen und sich nach ihren F\u00e4higkeiten einbringen sollten. Andernfalls w\u00fcrden einzelne sich trotz Unlust verpflichtet f\u00fchlen und so in ihrer Freiheit eingeschr\u00e4nkt werden. Unter &#8222;alle&#8220; versteht sich hier &#8222;alle&#8220; Erwachsenen, die dazu in der Lage sind.<\/p>\n<p>Jede_r dieser Erwachsenen sollte sich daher in einem kleinen Putzkollektiv mit anderen zusammentun. Das k\u00f6nnen Freundesgruppen sein oder Leute, die Interesse an der gleichen Putzt\u00e4tigkeit haben. Also beispielsweise das &#8222;Party-Putz-Kollektiv&#8220; oder &#8222;Die Fr\u00f6hlichen Fensterputzenden&#8220;.<\/p>\n<p>Es gibt ein z.B. zwei Personen starkes Putzorganisationskomitee. Dieses fragt die W\u00fcnsche und Priorit\u00e4ten der Konsument_innen, also der Sauberkeitsr\u00e4te, und die Bereitschaft zur \u00dcbernahme von Putzt\u00e4tigkeiten (Umfang und Art und Weise) der Putzkollektive ab. Daraus erstellt das Putzorganisationskomitee einen transparenten Vorschlag zur Verteilung der Putzt\u00e4tigkeiten. Die Verteilung der T\u00e4tigkeiten h\u00e4ngt von der Anzahl der Leute im Kollektiv, von dessen ge\u00e4u\u00dferten Vorlieben, F\u00e4higkeiten und M\u00f6glichkeiten und von einem auf dem Selbstverst\u00e4ndnis der Gemeinschaft abh\u00e4ngigen Gerechtigkeitsdenken ab. Dieser Plan besagt m\u00f6glicherweise, dass Putzkollektive mehr T\u00e4tigkeiten \u00fcbernehmen m\u00fcssen als sie gehofft hatten, da sonst die Abdeckung der dringend notwendigen Putzt\u00e4tigkeiten nicht gew\u00e4hrleistet sein w\u00fcrde, oder dass im n\u00e4chsten halben Jahr leider keine Fenster geputzt werden k\u00f6nnen, da wichtigere Aufgaben Vorrang haben. Die Sauberkeitsr\u00e4te und Putzkollektive k\u00f6nnen dann nochmal W\u00fcnsche zur Plan\u00e4nderung an das Putzorganisationskomitee einreichen, welches den Plan daraufhin modifiziert. Dieser zweite Plan ist dann f\u00fcr alle verbindlich.<\/p>\n<p>Die Verantwortlichen des Putzorganisationskomitees werden im Konsens von der Gemeinschaft benannt und k\u00f6nnen, wenn gro\u00dfe Zweifel an ihrer Arbeit bestehen, jederzeit durch andere, im Konsens gefundene Verantwortliche ausgetauscht werden. Die Auslagerung des Planungsprozesses in das Komitee verhindert, dass sich das Plenum der Gesamtgemeinschaft in Details verf\u00e4ngt und zerstreitet. Jede lokale Einheit bestimmter Gr\u00f6\u00dfe (z.B. ein Hausprojekt) hat ihr eigenes unabh\u00e4ngiges Putzorganisationskomitee, sodass dessen Planungsaufgabe \u00fcbersichtlich bleibt.<\/p>\n<p>Durch diese dezentrale Organisation, kann besser auf individuelle Bed\u00fcrfnisse eingegangen werden, es wird schwerer, sich mit unsolidarischem Verhalten in der anonymen Masse zu verstecken.<\/p>\n<h3>Was, wenn jemand nicht putzen will?<\/h3>\n<p>Wie bereits oben erl\u00e4utert, ist das Prinzip, nur das zu tun, worauf mensch Lust hat, nicht mit solidarischem und herrschaftsarmem Zusammenleben vereinbar. Die Freiheit des einzelnen h\u00f6rt da auf, wo sie beginnt, die Freiheit eines anderen einzuschr\u00e4nken. Die Fokussierung auf die eigenen Bed\u00fcrfnisse wird dann problematisch, wenn sie ohne das Gespr\u00e4ch zu suchen die Bed\u00fcrfnisse der anderen negativ betrifft. Die Nicht- oder Gering-Beteiligung an Gemeinschaftsaufgaben betrifft die Gemeinschaft, da sie dazu f\u00fchrt, dass andere mehr machen m\u00fcssen und deshalb weniger Zeit haben. Je nach Gr\u00f6\u00dfe der Gemeinschaft f\u00e4llt das mehr oder weniger stark ins Gewicht.<\/p>\n<p>In dem oben beschriebenen anarchistischen Organisationsmodell w\u00fcrde eine Nicht- oder Gering-Beteiligung vermutlich seltener vorkommen als bei zentraler Planung, da jede Person sich ein Putzkollektiv ausw\u00e4hlt, dessen Putzweise als am wenigsten schlimm empfunden wird. Sollte sich die Person trotzdem nicht oder wenig beteiligen, ist davon das Putzkollektiv betroffen. Wenn es sich dabei um eine freundschaftliche Gruppe handelt, wissen die Leute vermutlich um die Gr\u00fcnde der Nichtbeteiligung und sind m\u00f6glicherweise bereit, dies eine Weile mitzutragen. Sollte das nicht der Fall sein, wird das Putzkollektiv mit dieser Person nach L\u00f6sungen suchen, ohne der Person \u00f6ffentlich Schuld zuzuschieben. Vielleicht ist die Person bereit, im Gegenzug eine andere T\u00e4tigkeit f\u00fcr die Leute im Putzkollektiv zu \u00fcbernehmen, vielleicht kann das Kollektiv mit einer \u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rung ihrer Situation beim Putzorganisationskomitee eine Reduzierung der ihr zugeteilten Arbeiten bewirken oder vielleicht beschlie\u00dft die Person in ein anderes Putzkollektiv zu wechseln, dessen T\u00e4tigkeiten besser zu den eigenen Vorlieben passen.<\/p>\n<p>Es gibt also keinen Zwang, bestimmte T\u00e4tigkeiten zu \u00fcbernehmen, aber eine Erwartung, sich solidarisch an Gemeinschaftsaufgaben zu beteiligen. Innerhalb dieser Erwartung gibt es viele M\u00f6glichkeiten, wie diese Beteiligung aussehen kann. Wichtig ist jedoch, nicht nur die eigenen Bed\u00fcrfnisse, sondern auch die der Gemeinschaft mitzudenken und im Konfliktfall zu Gespr\u00e4chen bereit zu sein. Sollte in Gespr\u00e4chen keine L\u00f6sung gefunden werden, so gibt es umgekehrt auch keinen Zwang der Gemeinschaft zur dauerhaften Solidarit\u00e4t mit der sich nicht beteiligenden Person.<\/p>\n<p>Um in einer kapitalistisch gepr\u00e4gten Gesellschaft eine solidarische und kooperative Kultur zu entwickeln, ist es auch wichtig, dass die Gruppe sich selbst vor Ausbeutung sch\u00fctzt.<\/p>\n<p>So schreibt beispielsweise Darth Korth in &#8222;Die Evolution der Kooperation&#8220; in der GWR 265 \u00fcber die Wichtigkeit von wechselseitiger Kooperation und schl\u00e4gt vor, dass &#8222;Gruppen, die nicht bereit sind, Verantwortung zu \u00fcbernehmen, ausgeschlossen werden.&#8220;\u00a0((5))<\/p>\n<p>Camillo Berneri schreibt: &#8222;Anarchism is based upon no compulsion to work, but no duty towards those who do not want to work.&#8220;<\/p>\n<h3>Zu kompliziert? Nein, sehr flexibel<\/h3>\n<p>Was spricht dagegen, in Gruppen mit mehr als sechs Leuten, die sich wegen vielf\u00e4ltiger individueller Vorlieben schwer auf einen gemeinsamen Putzplan einigen k\u00f6nnen, eine Variante der oben beschriebenen Putzorganisation auszuprobieren?<\/p>\n<p>Es gen\u00fcgt, mit ein paar Freund_innen ein Putzkollektiv zu bilden und Vorlieben an das Orgakomitee weiter zu geben. F\u00fcr mich klingt das entspannter, als in einem gro\u00dfen Plenum wiederholt stundenlang \u00fcber individuelle Putzbed\u00fcrfnisse zu reden, bis ich mir gar nicht mehr merken kann, wer nun eigentlich was will, und Leute beginnen, immer emotionaler und konflikttr\u00e4chtiger ihre Bed\u00fcrfnisse zu betonen.<\/p>\n<p>Dezentrale anarchistische Organisation scheint das Putzproblem zu l\u00f6sen und nicht nur das. Probieren wir es aus?<\/p>\n<p><b>Katja Einsfeld<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist das Problem? Wenn es in WGs, Hausprojekten und anderen selbstverwalteten Projekten um Putzen oder andere ungeliebte, aber notwendige T\u00e4tigkeiten f\u00fcr die Gemeinschaft geht, wird es manchmal schwierig: Einige Leute sind frustriert, weil sie ihrer Wahrnehmung nach deutlich mehr dieser unbeliebten T\u00e4tigkeiten \u00fcbernehmen als andere, manche sind gestresst, weil sie den Eindruck haben, f\u00fcr &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/05\/putzen-als-waer-schon-anarchie\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Putzen, als w\u00e4r' schon Anarchie - graswurzelrevolution","description":"Was ist das Problem? 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