{"id":17533,"date":"2018-05-01T00:00:00","date_gmt":"2018-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/05\/naechte-mit-johannes-und-die-koffer-voller-briketts\/"},"modified":"2022-07-26T13:05:39","modified_gmt":"2022-07-26T11:05:39","slug":"naechte-mit-johannes-und-die-koffer-voller-briketts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/05\/naechte-mit-johannes-und-die-koffer-voller-briketts\/","title":{"rendered":"N\u00e4chte mit Johannes und die &#8222;Koffer&#8220; voller &#8222;Briketts&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>In den folgenden Jahren der Hochzeit der Friedensbewegung sprossen gewaltfreie Aktions- und Bezugsgruppen wie Pilze aus dem Boden; auf dem H\u00f6hepunkt 1983 waren es 20 in Heidelberg, 40 in Stuttgart. Es gab die Stuttgarter Kontaktstelle f\u00fcr gewaltfreie Aktion und verschiedene Regionaltreffen gewaltfreier Aktionsgruppen in Stuttgart, oft im Forum 3, wo sich auch die GSG 1 traf. In diesem Umfeld lernte ich Johannes als Totalverweigerer kennen. Sp\u00e4ter liefen wir uns \u00f6fter am Rande der Treffen der GWR-Regionalredaktion S\u00fcd in Stuttgart \u00fcber den Weg, die im Forum 3 stattfanden. Die GSG 1 war damals ein Begriff, der &#8222;Schwarze Drachen&#8220; als regionale Beilage zur GWR leuchtendes Vorbild f\u00fcr andere Gruppen.<\/p>\n<p>Schnell verband ich Johannes mit irre guten Plakatkampagnen. Mitte der Achtzigerjahre zum Beispiel produzierte er f\u00fcr die GWR-Werbung eine Hochkant-Plakate-Serie mit Spr\u00fcchen wie &#8222;Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann&#8220; oder &#8222;Alles wird gut, wir wissen den Weg!&#8220; &#8211; der Spruch stand \u00fcber einem Plakat mit auf den Horizont zulaufenden Schienen, vom Lokf\u00fchrerhaus aufgenommen. Es war &#8211; je nach Interpretation &#8211; ein ironisches Auf-den-Arm-Nehmen allzu gro\u00dfer Sicherheit, immer recht zu haben, oder einfach Ausdruck eines gro\u00dfen Selbstbewusstseins, das unseren Ansatz in dieser Zeit begleitete, in der wir das Gef\u00fchl hatten, wir werden immer mehr. F\u00fcr die GWR-Jubil\u00e4umsfeste und -kongresse in Niederkaufungen (1992), K\u00f6ln (1997) und M\u00fcnster (2002) machte er gro\u00dfe Ank\u00fcndigungsplakate. Das Plakat von 2002, &#8222;Trau einer \u00fcber drei\u00dfig&#8220;, eine Anspielung auf das 30j\u00e4hrige Bestehen der GWR (1972 gegr\u00fcndet), ist noch auf der GWR-Website abgebildet. ((1))<\/p>\n<h3>Retter vor der Bleiw\u00fcste und genialer Typograf<\/h3>\n<p>Ganz intensiv wurde aber meine Verbindung mit Johannes, als wir in Heidelberg Mitte 1988 die Redaktion der Zeitung Graswurzelrevolution \u00fcbernommen hatten. Wir produzierten aus dem Stehgreif und die ersten Ausgaben waren layoutm\u00e4\u00dfig &#8211; wie soll ich sagen &#8211; nicht gerade ansprechend gestaltet: Wir liefen Gefahr, optisch in einer endlosen Bleiw\u00fcste zu versinken. Da meldete sich ganz unverhofft Johannes aus Stuttgart Ende 1988, Anfang 1989 wie eine Art Retter in der Not: Er w\u00fcrde gern beim Layout der GWR einsteigen und uns helfen, die Zeitung optisch ansprechend zu machen. Und das f\u00fchrte uns zusammen.<\/p>\n<p>Fortan druckten wir in Heidelberg nur die Satzfahnen der Artikel in Spalten aus, mit denen fuhr ich meist nachmittags zwei Tage vor Druck nach Stuttgart, zun\u00e4chst in Johannes&#8216; Graphische Werkstatt im Hinterhof der Hauptst\u00e4tter Stra\u00dfe, danach, ab 1992 in der Immerhoferstra\u00dfe. Es war meine sch\u00f6nste Zeit mit ihm. Er layoutete die Spalten auf eine Druckvorlage, produzierte die \u00dcberschriften mit riesigen, analogen Satzmaschinen, w\u00e4hrend ich vordem noch \u00dcberschriften mit Letraset geklebt hatte. Wenn er sich da vor die Maschine setzte, sprach ich immer vom Platznehmen im &#8222;Cockpit&#8220;.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt hatte er einen hintergr\u00fcndigen Humor, der mich zu Lachanf\u00e4llen verf\u00fchrte. Er hatte spezielle, ganz eigene, sozusagen Johannessche &#8222;Fachausdr\u00fccke&#8220; f\u00fcr typische Graswurzel-Layoutprobleme. Sehr lange und umfangreiche theoretische Artikel, f\u00fcr die die GWR ber\u00fchmt, aber auch ber\u00fcchtigt wurde, nannte er zum Beispiel &#8222;Koffer&#8220;. Und zu dunkel reproduzierte Fotos &#8211; damals oft der Fall, weil Farbfoto-Vorlagen viel schlechter gedruckt wurden als Schwarz-Wei\u00df-Fotos &#8211; nannte er schelmisch &#8222;Briketts&#8220;.<\/p>\n<p>Er stand also mitunter, sich seine langen Haare raufend, vor der Aufgabe, mal wieder einen Koffer mit mehreren Briketts layouten zu m\u00fcssen. Dann aber lie\u00df er erst seiner Fantasie freien Lauf.<\/p>\n<p>Er lebte seine besondere Liebe f\u00fcr Typografie aus. Die GWR-Ausgaben, in denen riesige Anfangsbuchstaben der Titel die Seiten pr\u00e4gten und in das Schwarz der Buchstaben gar noch Zitate aus dem Artikel gesetzt waren, geh\u00f6ren m.E. optisch zum Sch\u00f6nsten, was die GWR an Layout zu bieten hatte. Ich las dann die gelayouteten Seiten nochmal Korrektur, denn die Satzfahnenschnipsel konnte er schon mal verwechseln und falsch zusammenkleben &#8211; ihm kam es zuerst auf die Gesamtkomposition an. Die fertigen Seiten filmte er und produzierte so die spiegelbildlich verkehrten Druckfolien, die dann in Frankfurt in der Druckerei direkt auf der Druckmaschine befestigt wurden. So verbrachten wir viele N\u00e4chte zusammen.<\/p>\n<p>Maren Witthoeft beteiligte sich im Laufe der Jahre immer st\u00e4rker im Atelier. Erw\u00e4hnen m\u00f6chte ich hier die redaktionellen und grafischen Arbeiten von Johannes und Maren f\u00fcr die Reihe der j\u00e4hrlichen Graswurzelkalender, sowohl inhaltlich wie optisch wahre Kleinode. Johannes hatte sich daf\u00fcr auch um den Vertrieb gek\u00fcmmert. Sie erschienen durchg\u00e4ngig von 1986 (mitunter auch bei Weber-Zucht) bis 1999. Und als beide zusammen Kunstwerke vollbrachten wie etwa das Layout des offiziellen Kataloges des neuen Paul-Klee-Museums in Bern, wurde mir erst klar, dass ich es hier mit zwei GrafikerInnen zu tun hatte, deren Arbeiten bis weit in die internationale Kunstszene hinein gesch\u00e4tzt wurden.<\/p>\n<h3>Von der Zeitungs- zur Buchgestaltung<\/h3>\n<p>Langsam zog er sich aus dem Gesamtlayout jeder Ausgabe zur\u00fcck und ermutigte uns, es selbst zu machen. Ende der Neunzigerjahre versuchten wir dann einfach, sein Layoutkonzept im Grunde zu kopieren, mit st\u00e4ndig erweiterten Abweichungen nat\u00fcrlich. Und Bernd Dr\u00fccke in der M\u00fcnsteraner Graswurzelrevolution-Redaktion erinnert sich heute: &#8222;Die geklebten GWR-Ausgaben plus Fotos habe ich in den sp\u00e4ten Neunzigern und fr\u00fchen Nuller-Jahren immer mit Overnight nach Stuttgart geschickt, wo Johannes die Vorlagen bearbeitet und danach an Caro-Druck (Frankfurt\/M.) weitergeschickt hat.&#8220;<\/p>\n<p>Das direkte Bildschirmlayout setzte dann dieser Beteiligung Johannes&#8216; am Layout der GWR ein Ende. Daf\u00fcr begannen wir im Kollektiv des Buchverlags Graswurzelrevolution auf seine K\u00fcnste zur\u00fcckzugreifen und er entwickelte Layoutvorlagen f\u00fcr die Titelbilder unserer B\u00fccher. Und immer wieder gestaltete er selbst noch Buchtitel f\u00fcr uns, zuletzt noch das Titellayout des 2017 erschienenen Buches von Sebastian Kalicha: &#8222;Gewaltfreier Anarchismus &amp; anarchistischer Pazifismus&#8220;.<\/p>\n<p>Unser Gestalter innerhalb des Buchverlags schreibt \u00fcber Johannes: &#8222;Ich habe viel von ihm \u00fcber das Buchlayout gelernt und mir so manches von ihm &#8218;abgeguckt&#8216;. Vor vielen Jahren war ich mal im Atelier und er hat mir gezeigt, wie er Bilder f\u00fcr den Druck vorbereitet und bearbeitet. Meine ersten Layoutversuche habe ich mir von ihm &#8218;absegnen&#8216; lassen, sein Urteil und seine Ratschl\u00e4ge waren mir sehr wichtig. Ohne ihn w\u00fcrden unsere B\u00fccher nicht so ansprechend aussehen. In den letzten Jahren haben wir immer mal wieder telefoniert und uns \u00fcber die Arbeit und auch ein bisschen \u00fcber das Leben ausgetauscht. Das war immer angenehm. In Erinnerung wird mir bleiben, dass es so schien, dass ihn so schnell nichts aus der Ruhe bringen konnte.&#8220;<\/p>\n<p>In der Tat, Johannes war die Ruhe selbst. Daf\u00fcr habe ich ihn bewundert, w\u00e4hrend ich doch selbst \u00e4u\u00dferst stressanf\u00e4llig war. Ich bin sehr froh, dass wir ungef\u00e4hr denselben Musikgeschmack hatten, denn noch 2015, kurz bevor 2016 sein Gehirntumor diagnostiziert wurde, haben wir es geschafft, uns trotz des gro\u00dfen r\u00e4umlichen Abstands anl\u00e4sslich einiger Art-Rock-Konzerte zu treffen.<\/p>\n<p>Ich bin heute so dankbar, dass ich ihm da noch ein paar Mal lebensfreudig begegnet bin.<\/p>\n<p>Johannes Sternstein starb am 11. M\u00e4rz 2018 im Alter von nur 51 Jahren.<\/p>\n<p><b>Lou Marin<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den folgenden Jahren der Hochzeit der Friedensbewegung sprossen gewaltfreie Aktions- und Bezugsgruppen wie Pilze aus dem Boden; auf dem H\u00f6hepunkt 1983 waren es 20 in Heidelberg, 40 in Stuttgart. 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