{"id":17540,"date":"2018-05-01T00:00:00","date_gmt":"2018-04-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/05\/die-libertaere-seite-martin-luther-kings\/"},"modified":"2022-07-26T13:05:39","modified_gmt":"2022-07-26T11:05:39","slug":"die-libertaere-seite-martin-luther-kings","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/05\/die-libertaere-seite-martin-luther-kings\/","title":{"rendered":"Die libert\u00e4re Seite Martin Luther Kings"},"content":{"rendered":"<h4>Buchbesprechung<\/h4>\n<p><b>Martin Luther King: &#8222;Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen.&#8220; Reden, Edition Nautilus, Hamburg 2016, 106 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-96054-021-2.<\/b><\/p>\n<p>In diesen Wochen, in denen vielfach an die Ermordung Martin Luther Kings durch einen wei\u00dfen Rassisten in Memphis am 4. April 1968, vor f\u00fcnfzig Jahren, erinnert wird, steht die Radikalisierung des sp\u00e4ten Martin Luther King w\u00e4hrend seines letzten Lebensjahres allzu selten im Mittelpunkt. Mit &#8222;Radikalisierung&#8220; ist dabei eine deutliche Hinwendung zu libert\u00e4ren Inhalten gemeint, auch wenn sie noch immer in die zuweilen pathetisch-religi\u00f6se Sprache des Baptisten-Pastors geh\u00fcllt war. Davon zeugt ein Band der Edition Nautilus aus dem Jahre 2016 mit einem Vorwort des Anarchisten Ilija Trojanow, der f\u00fcnf der letzten Reden und Predigten Kings wieder gibt, vom August 1967 bis hin zu einem Tag vor seiner Ermordung, als er am 3. April 1968 in der Mason Temple Church in Memphis zur Intensivierung des laufenden M\u00fcllarbeiterstreiks der Schwarzen in der Stadt aufrief.<\/p>\n<p>Wer sich hier an gelegentlich schw\u00e4rmerischen Beschw\u00f6rungen der Utopie des amerikanischen Traums oder symbolischen Gleichnissen aus der Bibel nicht st\u00f6rt und den realen Gehalt der Reden Kings wahrnehmen kann, wird \u00fcber deren Radikalit\u00e4t \u00fcberrascht sein. King hatte seit einiger Zeit entschieden den Vietnamkrieg der USA verurteilt und versuchte, die Armut vor allem der schwarzen Bev\u00f6lkerung in den Slums der n\u00f6rdlichen St\u00e4dte durch Streik- und Boykottkampagnen sowie eine erneuerte Form des zivilen Ungehorsams zu bek\u00e4mpfen. Seine Reden zeugen bereits \u00fcber den M\u00fcllarbeiterstreik in Memphis hinaus von den Aufrufen und Vorbereitungen zur geplanten &#8222;Poor People&#8217;s Campaign&#8220;, die mit einer Demo von 50.000 Menschen sowie einem dauerhaften Zeltcamp von 3000 verarmten Schwarzen in Washington D.C. im Sommer 1968 enden sollte. Die Ermordung Kings brach dieser Strategie das mobilisierende R\u00fcckgrat; in den Schwarzenvierteln von Washington und anderen St\u00e4dten kam es unmittelbar zu Riots. Die Zeltstadt in Washington fand danach trotzdem statt, geleitet von Ralph Abernathy und Coretta King, vom 12. Mai bis zur gewaltsam-polizeilichen R\u00e4umung am 24. Juni 1968. WRI-Aktivist Bayard Rustin hatte eine &#8222;Economic Bill of Rights&#8220; verfasst, die aber im Gegensatz zu den Gesetzen 1964 gegen die Segregation und 1965 f\u00fcr das Wahlrecht f\u00fcr Schwarze nicht verabschiedet wurde; aber der Ablauf des Zeltcamps war von internen Streitereien, Fraktionierungen und einer Stimmung der Demoralisierung gepr\u00e4gt, so dass bei der R\u00e4umung Ende Juni nur noch 500 Aktive pr\u00e4sent waren. ((1))<\/p>\n<p>Die Riots Schwarzer in den n\u00f6rdlichen St\u00e4dten der USA waren in Watts\/Los Angeles 1965 ausgebrochen, direkt nachdem die US-B\u00fcrgerrechtsbewegung mit ihren gewaltfreien Aktionen im S\u00fcden der USA entscheidende Siege und Durchbr\u00fcche erzielt hatte. King sch\u00e4tzte die Riots wie folgt ein: &#8222;Die Unruhen stellen keinen Aufstand dar, denn Aufst\u00e4nde sind organisierter und l\u00e4nger als nur f\u00fcr ein paar Tage durchzuhalten. Unruhen hingegen brechen aus, wenn Bitterkeit sich entl\u00e4dt; sie sind deshalb auch schnell wieder vorbei&#8220; (S. 20).<\/p>\n<h3>Martin Luther Kings Strategie: massenhafter Ziviler Ungehorsam gegen Armut<\/h3>\n<p>Martin Luther King ist es hoch anzurechnen, dass er sich in seinen letzten Lebensjahren nicht nur mit dem Vietnamkrieg, sondern auch mit den elenden \u00f6konomischen Lebensbedingungen der Schwarzen in den Slums der n\u00f6rdlichen St\u00e4dte konfrontierte und versuchte, angemessene Strategien des zivilen Ungehorsams zu entwickeln, die eine Alternative zu den perspektivlosen Riots darstellen konnten. Dazu geh\u00f6rte eine klare Verurteilung der Regierungspolitik sowohl nach innen (Armut, Rassismus) wie nach au\u00dfen (Vietnam):<\/p>\n<p>&#8222;Gleichzeitig gegen die eigene Bev\u00f6lkerung und eine andere Nation Krieg zu f\u00fchren, das ist der Gipfel an politischem und gesellschaftlichem Bankrott&#8220; (S. 18).<\/p>\n<p>Nach dieser klaren Verurteilung des Systems stieg King in seinen letzten Reden tief in die Ursachenanalyse der Armutsprobleme ein und er fand im konkreten Kontext der USA zu heute noch weithin g\u00fcltigen Aussagen \u00fcber Riots allgemein. Ausl\u00f6ser waren f\u00fcr ihn eindeutig der institutionalisierte staatliche Rassismus, der Kapitalismus und die brutale Polizeigewalt. So nimmt er die schwarzen Riot-Jugendlichen zun\u00e4chst verst\u00e4ndnisvoll in Schutz:<\/p>\n<p>&#8222;Es steht fest, dass die Ausschreitungen durch Polizeiaktionen verschlimmert wurden, die darauf angelegt waren, Menschen zu verletzen oder gar zu t\u00f6ten.&#8220; Doch nur eine &#8222;Handvoll Schwarzer benutzte Schusswaffen, und zwar haupts\u00e4chlich zum Einsch\u00fcchtern, nicht zum T\u00f6ten, alle anderen aber hatten eine andere Zielscheibe: den Besitz&#8220; (S. 51). Die Riots seien gegen das Eigentum gef\u00fchrt worden, &#8222;weil Eigentum die wei\u00dfe Machtstruktur verk\u00f6rpert, gegen die sie vorgehen und die sie zerst\u00f6ren wollen.&#8220; Es sei zu Pl\u00fcnderungen gekommen, aber die Polizei habe Hunderte von Anrufen von Schwarzen bekommen, &#8222;die die entwendeten Waren zur\u00fcckgeben wollten. Jene Leute suchten das Erlebnis des Nehmens, der Wiederherstellung des gest\u00f6rten Gleichgewichts der Macht, dargestellt durch das Eigentum. Im Nachhinein war der Besitz nicht mehr wichtig&#8220; (S. 51). Davon unterscheidet King die Brandstiftungen, &#8222;die viel gef\u00e4hrlicher waren als die Pl\u00fcnderungen&#8220; (S. 51).<\/p>\n<p>Wenn aber die schwarzen Jugendlichen, so King weiter, selbst bei den Riots eher Eigentum als Menschen angriffen, &#8222;so hei\u00dft das, dass die Gewaltlosigkeit als eine Macht im Leben der Schwarzen f\u00fcr die Zukunft nicht abgeschrieben werden sollte. (&#8230;) Tatsache ist, dass bei allen M\u00e4rschen, die wir organisiert haben, einige Elemente mit ausgesprochen gewaltt\u00e4tigen Tendenzen dabei waren. Es war f\u00fcr uns eine Routine, in unseren eigenen Reihen, jeweils vor den M\u00e4rschen Hunderte von Messern einzusammeln, f\u00fcr alle F\u00e4lle. Und in Chicago erlebten wir letztes Jahr [1966], wie ein paar \u00e4u\u00dferst gewaltt\u00e4tige Individuen sich der gewaltlosen Disziplin willig unterwarfen. (&#8230;) Ich bin \u00fcberzeugt, dass sogar \u00e4u\u00dferst gewaltt\u00e4tige Naturen durch gewaltlose Disziplin gelenkt werden k\u00f6nnen, wenn die Bewegung sich wirklich bewegt, wenn die Leute konstruktiv handeln und \u00fcber einen wirkungsvollen Kanal ihrem sehr berechtigten Zorn Luft machen k\u00f6nnen&#8220; (S. 54). Und: &#8222;Ziviler Ungehorsam kann sich die Militanz zunutze machen, die andernfalls bei Ausschreitungen vergeudet wird. (&#8230;) Ziviler Ungehorsam wurde im Norden noch nie auf breiter Basis praktiziert. Der massive Schulboykott der Schwarzen im Norden war die Ausnahme. Er ersch\u00fctterte das Bildungswesen in seinen Grundfesten, dauerte aber nur Tage&#8220; (S. 24). Und King empfiehlt, dass &#8222;so etwas allw\u00f6chentlich stattf\u00e4nde und gleichzeitig in Fabriken und an den Fabriktoren in gro\u00dfem Stil Sitzblockaden organisiert w\u00fcrden&#8220; (S. 25), gleichzeitig forderte er den Verbraucherboykott von Coca-Cola und von Firmen der Wei\u00dfen, deren &#8222;Einstellungspraktiken diskriminierend&#8220; (S. 95) sind sowie das Umleiten der Einkommen Schwarzer auf eigene Banken der Schwarzen, das er &#8222;eine Bank-in-Bewegung&#8220; (S. 95) nennt.<\/p>\n<h3>Gewaltlosigkeit oder Nicht-Existenz<\/h3>\n<p>Viel von dieser Strategie erinnert an die \u00dcbernahme von Strategien des zivilen Ungehorsams, etwa in der heutigen \u00d6kologie- und Klimabewegung, auch durch fr\u00fchere Autonome, die sich darauf nicht als \u00fcberzeugte Gewaltfreie, aber aus sinnvollen taktischen Gr\u00fcnden einlassen konnten. Insofern hat King hier schon viel an einer strategischen Ausweitung zu einer Massenbewegung des zivilen Ungehorsams vorweggenommen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig lie\u00df er keinen Zweifel aufkommen \u00fcber die problematische Mischung, die ein Riot hervorbrachte:<\/p>\n<p>&#8222;Die Slums sind f\u00fcr das organisierte Verbrechen ein sicheres R\u00fcckzugsgebiet &#8211; mit stillschweigender Duldung, wenn nicht gar Verstrickung der Polizei. Es geh\u00f6rt einfach zum Alltag dazu, es vergiftet die Jugend. (&#8230;) Es f\u00fchrt dazu, dass sich eine bedeutende Anzahl von Berufsverbrechern an den Unruhen beteiligt, was die Lage nur weiter versch\u00e4rft. Wenn sich diese Kriminellen mit denen zusammentun, die in die Armut abgerutscht sind bzw. alles verloren haben &#8211; und auch sie gibt es in den Slums zuhauf &#8211; dann entsteht daraus eine gro\u00dfe unsoziale Kraft&#8220; (S. 18f.).<\/p>\n<p>Das galt nicht nur f\u00fcr die damaligen (und gegenw\u00e4rtigen) Schwarzenviertel in den US-Gro\u00dfst\u00e4dten, es kann auch als soziale Zustandsbeschreibung f\u00fcr die franz\u00f6sischen Banlieues von heute gelten oder auch als Kommentar zum G-20-Riot in Hamburg letzten Sommer.<\/p>\n<p>King forderte wirksame Strategien f\u00fcr massenhaften zivilen Ungehorsam, um eine Aktionsalternative zum Riot zu entwickeln, die auch f\u00fcr Militante attraktiv sein kann. Bei allem Verst\u00e4ndnis blieb f\u00fcr King aber ebenso klar, und das vor allem aufgrund der \u00fcber allem schwebenden Bedrohung durch die Atomr\u00fcstung und den Vietnamkrieg:<\/p>\n<p>&#8222;Es gibt in dieser Welt keine Wahl mehr zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit. Es gilt: Gewaltlosigkeit oder Nicht-Existenz. Genau an diesem Punkt stehen wir heute. So auch in der Revolution, in der es um die Menschenrechte geht. Wenn nichts getan wird &#8211; und zwar schnell &#8211; um die farbigen V\u00f6lker der Welt aus ihrem seit langem bestehenden Zustand der Armut, der Kr\u00e4nkung und der Vernachl\u00e4ssigung herauszubringen, dann ist die ganze Welt zum Untergang verurteilt&#8220; (S. 89).<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte heute genauso als Kommentar zu Syrien gelten.<\/p>\n<p>Unter explizitem Bezug auf den Anarchisten Paul Goodman und dessen 1960 in den USA erschienenes Buch &#8222;Aufwachsen im Widerspruch. \u00dcber die Entfremdung der Jugend in der verwalteten Welt&#8220; (dt. \u00dcbers.: Darmst\u00e4dter Bl\u00e4tter, Darmstadt 1960) (S. 29) kommt King zu einem libert\u00e4ren Fazit in der Frage der Kampfstrategien:<\/p>\n<p>&#8222;Wir m\u00fcssen den bewaffneten Aufstand ablehnen, ganz gleich, ob er allein seiner Schockwirkung wegen oder mit Eroberungsabsichten propagiert wird. Genauso m\u00fcssen wir es aber ablehnen, unterw\u00fcrfig an eine Regierung heranzutreten, die f\u00fcr unsere Appelle ohnehin unempf\u00e4nglich ist.&#8220; (S. 22).<\/p>\n<p><b>N.O. Fear<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchbesprechung Martin Luther King: &#8222;Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen.&#8220; Reden, Edition Nautilus, Hamburg 2016, 106 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-96054-021-2. In diesen Wochen, in denen vielfach an die Ermordung Martin Luther Kings durch einen wei\u00dfen Rassisten in Memphis am 4. 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