{"id":17544,"date":"2018-06-01T00:00:00","date_gmt":"2018-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/selbstverwaltung-in-nordsyrien\/"},"modified":"2025-02-18T19:53:27","modified_gmt":"2025-02-18T17:53:27","slug":"selbstverwaltung-in-nordsyrien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/selbstverwaltung-in-nordsyrien\/","title":{"rendered":"Selbstverwaltung in Nordsyrien"},"content":{"rendered":"<p>Die 1971 in Istanbul geborene Anarchafeministin lebt heute in Nizza und ist in Frankreich so bekannt wie Deniz Y\u00fccel in der BRD. Sie war lange Jahre in t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen inhaftiert, wurde gefoltert, floh nach ihrer zweiten kurzfristigen Freilassung 2008 nach Berlin, studierte dann ab 2010 in Stra\u00dfbourg und Lyon. Sie lehrt heute Soziologie an der Uni in Nizza mit dem Schwerpunkt soziale Bewegungen in der T\u00fcrkei.<\/p>\n<p>Ihr Prozess in Abwesenheit vor t\u00fcrkischen Gerichten dauert an, ihr droht eine lebensl\u00e4ngliche Haft und sie hat Angst vor Repressalien gegen ihre noch in der T\u00fcrkei befindliche Familie. Das autokratische Erdo\u011fan-Regime schreckt auch nicht vor Sippenhaft zur\u00fcck. P\u0131nar Selek bezeichnet sich explizit als Anarchistin, Feministin und Gewaltfreie. Sie schrieb und engagierte sich seit den Neunzigerjahren f\u00fcr unterdr\u00fcckte Gruppen in der T\u00fcrkei, u.a. f\u00fcr Armenier*innen, Homosexuelle, Prostituierte, Transsexuelle. Sie interviewte Kurd*innen f\u00fcr eine orale Geschichte der kurdischen Diaspora in Kurdistan, der BRD und Frankreich.<\/p>\n<p>1998 wurde sie aufgrund einer gef\u00e4lschten Anklage wegen eines Bombenanschlags auf den Gew\u00fcrzbasar in Istanbul, mit dem sie nichts zu tun hatte, in Haft genommen (die GWR berichtete). Sie wurde gefoltert, haupts\u00e4chlich, um die Namen der Interviewten f\u00fcr ihre kurdische Oralgeschichte zu erfahren. Sie widerstand der Folter und gab keine Namen preis. Trotz einer Reihe von Entlastungsaussagen in endlosen Gerichtsverfahren und insgesamt f\u00fcnf Freilassungen in ihrer An- und Abwesenheit legten h\u00f6here t\u00fcrkische Gerichtsinstanzen, die Polizei und der Staatsanwalt immer wieder Revision ein, noch immer ist das Verfahren nicht abgeschlossen.<\/p>\n<p>Mimmo Pucciarelli hat P\u0131nar Selek hier u.a. zu ihrer Position gegen\u00fcber Rojava befragt.<\/p>\n<p>Guillaume Gamblin ist Redakteur der radikal\u00f6kologischen Zeitschrift &#8222;Silence &#8211; \u00e9cologie, alternatives, non-violence&#8220; in Lyon und Mitherausgeber des Buches &#8222;Im Kampf gegen die Tyrannei. Gewaltfrei-anarchistische Massenbewegungen in arabischen und islamischen Gesellschaften: der zivile Widerstand in Syrien 2011-2013 und die &#8218;Republikanischen Br\u00fcder&#8216; im Sudan 1983-1985&#8220; (Verlag Graswurzelrevolution 2018).<\/p>\n<p>Er hat das Interview in Franz\u00f6sisch in &#8222;Silence&#8220; Nr. 464, Februar 2018, ver\u00f6ffentlicht. Guillaume beteiligt sich an den Solidarit\u00e4tskomitees f\u00fcr P\u0131nar Selek in Frankreich und ist dabei, mit ihr zusammen eine Autobiographie in Interviewform zu verfassen. Dieses Interview wurde zeitgleich ins Italienische \u00fcbersetzt und erschien in der libert\u00e4ren Zeitschrift &#8222;A-Rivista Anachica&#8220; in Mailand\/Italien. Lou Marin hat das Interview f\u00fcr die GWR ins Deutsche \u00fcbersetzt. (GWR-Red.)<\/p>\n<p><b>Mimmo Pucciarelli: P\u0131nar, wie sieht deine Einsch\u00e4tzung zu den Ereignissen in Rojava aus?<\/b><\/p>\n<p>P\u0131nar Selek: Ich habe keine direkten pers\u00f6nlichen Kontakte nach Rojava, aber ich versuche, die Lage so nah wie m\u00f6glich durch unabh\u00e4ngige Berichte und Informationen zu verfolgen, die in der T\u00fcrkei in Umlauf sind. Rojava ist eine Region, in der ein interessanter Prozess abl\u00e4uft. Die fortschrittliche Bewegung, die dort an die Macht gekommen ist, versucht der Bev\u00f6lkerung Ausdrucksm\u00f6glichkeiten zu geben und st\u00e4rker horizontale Organisationsformen umzusetzen. Innerhalb anarchistischer Kreise in Europa ist das jedoch schon zu einer Art Mythos geworden.<\/p>\n<p><b>Mimmo Pucciarelli: Es scheint, dass dort die regionale Regierung versucht, einen demokratischen Konf\u00f6deralismus zu praktizieren, der von den Ideen der sozialen \u00d6kologie Murray Bookchins inspiriert ist?<\/b><\/p>\n<p>P\u0131nar Selek: Ja, das ist zum Teil mit der Entdeckung des \u00f6koanarchistischen Denkens Murray Bookchins durch die F\u00fchrungsperson der PKK, der Kurdischen Arbeiterpartei, Abdullah \u00d6calan, im t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnis w\u00e4hrend des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts verkn\u00fcpft. \u00d6calan sprach zuerst von einem unabh\u00e4ngigen kurdischen Staat, dann machte er im Gef\u00e4ngnis eine Art Selbstkritik und behauptete nun, er stelle sich f\u00fcr die Region eine Art des demokratischen Konf\u00f6deralismus vor. Seit dieser Zeit versuchen die AktivistInnen der PYD, der Partei der Demokratischen Union, dieses Ziel in Rojava umzusetzen.<\/p>\n<p><b>Mimmo Pucciarelli: Wie blickst du auf die Organisation \u00d6calans, die PKK und deren Geschichte zur\u00fcck? Was hat ihr jahrzehntelanger bewaffneter Kampf erreicht?<\/b><\/p>\n<p>P\u0131nar Selek: Die PKK wurde im revolution\u00e4ren Kontext der Sechzigerjahre aufgebaut, in einer Zeit, in der viele Organisationen der revolution\u00e4ren Linken vom bewaffneten Kampf beeinflusst waren. Die kurdischen AktivistInnen waren ein Teil der Organisationen der revolution\u00e4ren Linken. Dann, w\u00e4hrend der Siebzigerjahre, waren sie st\u00e4rker auf ihre Autonomie als speziell kurdische Bewegung bedacht. Nach dem t\u00fcrkischen Milit\u00e4rputsch 1980 war die t\u00fcrkische Linke dezimiert, aber der PKK gelang es, ihren bewaffneten Kampf aufrecht zu erhalten, weil sie grenz\u00fcbergreifende Beziehungen zu den KurdInnen im Irak, in Syrien und im Iran aufgebaut hatte. Die erm\u00f6glichten es ihr, weiter mit Waffen versorgt zu werden. Die Pr\u00e4senz dieser Bewegung des bewaffneten Kampfes hat die Institutionalisierung der Repression auf Seiten des t\u00fcrkischen Staates legitimiert. Seit diesen Jahren war die T\u00fcrkei quasi st\u00e4ndig in eine Art Kriegszustand versetzt, was die Militarisierung des t\u00fcrkischen Staates gef\u00f6rdert hat.<\/p>\n<p><b>Mimmo Pucciarelli: Es ist erstaunlich zu sehen, dass heute in Rojava eine soziale Organisierung aufgebaut wird, die horizontal sein will, aber aus einer Tradition politischer Organisierung stammt, die wenig libert\u00e4r war.<\/b><\/p>\n<p>P\u0131nar Selek: Tats\u00e4chlich ist die PKK im Grunde eine sehr hierarchisch aufgebaute Organisation, mit dem Kult um eine F\u00fchrungsperson, die \u00fcber alles entscheidet. In ihrem internen Aufbau finden sich die Typologien aller Totalitarismen &#8211; mit einer einheitlichen Ideologie und einem einzigen F\u00fchrer.<\/p>\n<p>Aber man muss auch sehen, dass die kurdische Bewegung heute vielerlei Dimensionen aufweist. Sie zieht unterschiedliche Register zur selben Zeit: ein religi\u00f6ses, ein feministisch-egalit\u00e4res &#8211; allerdings nicht feministisch-libert\u00e4res -, ein linksradikales, oder auch das Register des traditionellen, alten kurdischen Denkens, und, um das zu komplettieren, seit rund zehn Jahren auch ein kleines anarchistisches Repertoire. Aber diese unterschiedlichen Einflussquellen setzen sich auf eklektizistische Weise zusammen.<\/p>\n<p><b>Mimmo Pucciarelli: Die Medien wie auch die linken Organisationen, die hier in Europa ihre Solidarit\u00e4t mit der kurdischen Bewegung bekunden, betonen den Feminismus der PYD und besonders deren Selbstverteidigungsmiliz YPG mit ihren Frauenbrigaden. Wie sch\u00e4tzt du das ein?<\/b><\/p>\n<p>P\u0131nar Selek: Aus meiner Sicht ist die PYD eine sehr hierarchische und patriarchale Organisation, absolut nicht libert\u00e4r und nicht feministisch. Ja, die Frauen besitzen eine bestimmte Form der Gleichheit und sie sind ziemlich sichtbar, aber in Rojava haben sie nur einen Platz, wenn sie sich an die Richtlinien der Organisation anpassen. Die Bewegung fordert, dass die Frauen getrennt von den M\u00e4nnern leben, dass sie ihren eigenen Raum einhalten und sich nicht mit ihnen mischen. Klar, wir reden hier von einer Kriegssituation, aber man muss doch daran erinnern, dass innerhalb der Guerilla Sexualit\u00e4t verboten ist. Im Falle von sexuellen Beziehungen gibt es Strafen, die vom Ausschluss bis hin zum Tod reichen k\u00f6nnen. Bei den aktuellen Geschehnissen in Rojava findet man viele progressive Elemente, aber hinsichtlich der Freiheiten stellen sich auch viele Fragen.<\/p>\n<p>Man muss aber auch wahrnehmen, dass die libert\u00e4ren Feministinnen heute die anderen Bewegungen in der T\u00fcrkei stark beeinflussen. In Rojava und allgemeiner innerhalb der kurdischen Bewegung beeinflussen deren Ideen die K\u00e4mpfe und erm\u00f6glichen es, die richtigen Fragen zu stellen. Die PKK wird heute vom Denken der sozialen \u00d6kologie beeinflusst, aber das stand nicht am Ursprung der Ver\u00e4nderung: Das wurde zuerst durch die Feministinnen vermittelt, durch vielerlei kleine Gruppierungen, die intern weder finanzstark noch personell sehr zahlreich waren, die aber eine bedeutende Rolle bei der Erneuerung des Repertoires der Protestformen in der T\u00fcrkei spielten.<\/p>\n<p><b>Mimmo Pucciarelli: Wie beeinflusst der Kontext des Krieges diese Evolution der kurdischen Bewegung in Richtung libert\u00e4res Denken? Ist ein gewaltfreier Widerstand in solch einem Kontext \u00fcberhaupt m\u00f6glich?<\/b><\/p>\n<p>P\u0131nar Selek: Das Leben, das sich in einem solchen Kontext strukturiert, kann nicht wirklich libert\u00e4r sein. Ja, gewaltfreie Widerstandsformen sind auch in einem so repressiven und gewaltt\u00e4tigen Kontext wie dem in Rojava m\u00f6glich. Aber wenn du bereits in einen Krieg verstrickt bist, wenn du dich bereits als Armee organisiert hast, dann, so denke ich, ist das quasi unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Ich werde manchmal gefragt, ob das, was in Rojava passiert, eine Art neuer spanischer B\u00fcrgerkrieg ist. Ich antworte darauf, dass sich die Dinge seit der glorreichen Zeit der spanischen Anarchist*innen ver\u00e4ndert haben. Heute spricht man von Intersektionalit\u00e4t, von mehreren Feminismen usw. und ich pers\u00f6nlich suche nach einem anderen Weg innerhalb dieser unterschiedlichen Str\u00f6mungen.<\/p>\n<p>In der T\u00fcrkei, wo die Repression immer schlimmer wird, kenne ich viele autonome Gruppen, die sich in Netzwerken organisieren und sich Handlungsr\u00e4ume er\u00f6ffnen. Das zeigt, dass man auch in einem autorit\u00e4ren Kontext neue Widerstandsformen entwickeln kann. Aber wenn du in einen Krieg verstrickt bist, ist das anders. Wenn du anf\u00e4ngst, Waffen zu benutzen, musst du dir eine Struktur geben wie eine Armee.<\/p>\n<p>Es geht hier nicht darum, die Personen zu verurteilen, die f\u00fcr ihren Widerstand zu den Waffen greifen.<\/p>\n<p>Der Widerstand gegen die Herrschaft, die Barbarei ist wichtig, aber ich denke, bevor man die Gewalt benutzt, ist es n\u00f6tig, alle anderen m\u00f6glichen Wege auszuloten und andere Widerstandsformen zu entwickeln. Im Mittleren Osten und auch in der T\u00fcrkei ist es zur Gewohnheit geworden, zu den Waffen zu greifen, das ist geradezu eine Tradition. Momentan ist es also schwieriger geworden, andere Widerstandsformen zu finden, aber es ist nicht unm\u00f6glich. Ich glaube, man muss auf dieser Suche beharren. Denn die Gewalt zerst\u00f6rt uns. Ich kenne keine libert\u00e4re Transformation, die sich auf eine Armee st\u00fctzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 1971 in Istanbul geborene Anarchafeministin lebt heute in Nizza und ist in Frankreich so bekannt wie Deniz Y\u00fccel in der BRD. Sie war lange Jahre in t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen inhaftiert, wurde gefoltert, floh nach ihrer zweiten kurzfristigen Freilassung 2008 nach Berlin, studierte dann ab 2010 in Stra\u00dfbourg und Lyon. 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