{"id":17545,"date":"2018-06-01T00:00:00","date_gmt":"2018-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/kaempfe-fuer-freies-leben\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:01","slug":"kaempfe-fuer-freies-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/kaempfe-fuer-freies-leben\/","title":{"rendered":"K\u00e4mpfe f\u00fcr freies Leben"},"content":{"rendered":"<p>Bei einem Besuch des Hambacher Forsts lernte ich im Fr\u00fchjahr 2017 Bewohner*innen der ZAD kennen und beschloss, dort hin zu fahren. Im Juni 2017 war ich erstmals eine Woche vor Ort und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Mikrokosmos an unterschiedlichem Wissen und an Aktivit\u00e4ten, der hier geschaffen wurde, kombiniert mit politischen Diskussionen, einem respektvollen Umgang der Menschen untereinander und der herzliche Empfang best\u00e4tigten mir, dass ich hier nochmal vorbeikommen wollte. Im August 2017 kam ich erneut, angesichts der dortigen &#8222;intergalaktischen Woche&#8220;. Seit September 2017 hatte ich dann meinen Lebensmittelpunkt in Nantes und in der ZAD. Meine Motivation, immer wieder herzukommen, bestand darin, mir die alternativen Lebensweisen anzusehen. Ein Widerstand gegen ein staatliches Bauprojekt, der seit \u00fcber 45 Jahren immer wieder aufflammt, bringt nicht nur eine Vielfalt an unterschiedlichen Formen der Gegenwehr gegen die immer weiter vorangetriebene Kapitalisierung unserer Welt hervor, sondern auch eine Vielzahl an Gestaltungsformen des Alltags. Die Organisation und Umsetzung der rechtsfreien Zone weckten meine Neugier. Gleichzeitig war ich davon \u00fcberzeugt, sich gegen die Umsetzung staatlicher Projekte aktiv und kollektiv wehren zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Damit meine ich Bauprojekte und alle staatlichen \u00dcbergriffe, die individuelle Rechte verletzen und Gro\u00dfkonzernen und anderen neoliberalen Akteur*innen zu Gute kommen &#8211; was Widerst\u00e4nde gegen Privatunternehmen einschlie\u00dft. Das Symbol einer Zone, in der die herrschende Ordnung nur eingeschr\u00e4nkt greift, stellt \u00fcber die Grenzen der ZAD hinaus eine Utopie dar, die versucht, das Versprechen einzul\u00f6sen, dass es anders m\u00f6glich ist.<\/p>\n<h3>Einbindung in kollektive Zusammenh\u00e4nge<\/h3>\n<p>Die Bekanntschaften, die ich im Hambacher Forst gemacht hatte, brachten mich unter. Sie stellten meine ersten Kontakte vor Ort dar.<\/p>\n<p>Es hat etwas gedauert, bis ich einen \u00dcberblick \u00fcber die Kollektive, Wohnorte, Gruppen und Aktivit\u00e4ten bekam. Ich stellte auch fest, dass es Konflikte um politische Gruppierungen, z.B. die sogenannten &#8222;Appellist*innen&#8220; gibt, die ich erst nach einiger Zeit verstand. Dadurch, dass die Organisation \u00fcberall selbstverwaltet abl\u00e4uft, findet man jedoch relativ schnell einen Platz. Jede Woche gab und gibt es eine &#8222;ZAD-News&#8220;, in der alle Aktivit\u00e4ten aufgelistet sind. Ich konnte also bald in verschiedenen Gruppen aktiv werden &#8211; z.B. in einer Anti-Sexismus-Gruppe, bei der verschiedene Aktivit\u00e4ten zu Sensibilisierung und einer kollektiven Positionierung zu diesem Thema ausgearbeitet wurden; oder in einer Gruppe, die jede Woche freitags f\u00fcr den &#8222;non-march\u00e9&#8220; (Nicht-Markt) bretonische Galettes zubereitete, oder auch einen Garten-Tag im medizinischen Pflanzengarten durchf\u00fchrte usw.<\/p>\n<p>Die Bewohner*innen der ZAD sind es gewohnt, neu Ankommende aufzufangen, die ersten Schritte der Einbindung in kollektive Zusammenh\u00e4nge muss allerdings jede*r selbst leisten &#8211; mit Unterst\u00fctzung der Anderen. Besonders spannend sind der Austausch der Kollektive untereinander und der Versuch, diese Beziehungen nicht-hierarchisch zu organisieren, ebenso die Konflikte und deren Austragung. Die ZAD beansprucht, eine &#8222;andere Welt&#8220; schaffen zu wollen &#8211; ein Riesenthema, \u00fcber das sich ein ganz eigener Artikel schreiben lie\u00dfe. Zusammenfassend kann ich hier sagen, dass alle Beziehungen &#8211; Konflikte wie Freundschaften &#8211; sehr wichtig sind, um die Auseinandersetzungen mit eben jenen Fragen voranzutreiben, die da lauten: Welche Welt wollen wir? Wie gehen wir mit den unterschiedlichen sozialen und kulturellen Kontexten vor Ort um? Wie k\u00f6nnen wir es schaffen, f\u00fcr jede*n einen Platz zu schaffen &#8211; trotz bestehender Unstimmigkeiten hinsichtlich bestimmter Positionen.<\/p>\n<h3>R\u00e4umungen als Kaschieren der staatlichen Niederlage<\/h3>\n<p>Der Staat hat ein wichtiges Bauprojekt, das seit \u00fcber 45 Jahren im Raum stand, abgesagt. Das bedeutete auch &#8211; vor allem medial -, sich dem Druck des Widerstands gebeugt zu haben. Das l\u00e4sst gerade in anderen Widerstands-Kontexten eine starke Hoffnung aufkommen, dass es immer noch m\u00f6glich ist, sich durch Widerstand gegen Projekte und Reformen erfolgreich aufzulehnen. Das ist m.E. einer der wichtigsten Gr\u00fcnde, warum der Staat \u00fcberhaupt die Zerst\u00f6rung der Zone in Angriff nahm. ZADs gibt es mehrere in Frankreich und es werden auch in anderen St\u00e4dten und D\u00f6rfern Widerspr\u00fcche gegen Bauprojekte lauter. Das Wecken von Hoffnungen und Motivationen f\u00fcr erfolgreichen Widerstand kommt dem Staat gerade sehr ungelegen, angesichts der Reformen Macrons und seiner elit\u00e4ren, den Neoliberalismus voran treibenden Agenda.<\/p>\n<p>In den politischen Parteien, den Medien und der Gesellschaft wurden nach der offiziellen Absage des Projekts die Stimmen lauter, die den Weiterbestand der ZAD kritisierten. Der Flughafen werde doch nicht mehr gebaut, wieso sollten also Besetzer*innen weiter auf dem Gebiet leben? Das Handeln des Staates wurde also auch auf der Grundlage eines rechtlich nicht-legitimierten Fortbestands dieses Gebiets als ZAD eingefordert.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite gab es seit dem Entscheid vom 17. Januar 2018 und der offiziellen Verlautbarung, dass ein \u00f6ffentlicher Nutzen des Gebiets ab dem 8. Februar nicht mehr vorhanden sei, auch viele positive Berichte in den Medien \u00fcber die Projekte der ZAD. Daher ist meine Vermutung, dass der Staat durch eine relativ z\u00fcgige R\u00e4umung und Aktivierung seinerseits vor allem auch eine potentiell aufkommende unkalkulierbare Solidarit\u00e4t innerhalb der Gesellschaft unterbinden wollte.<\/p>\n<p>Die Formen kollektiver Organisation, der landwirtschaftlichen Experimente in der ZAD, die au\u00dferhalb der staatlichen Normen stattfinden, stellen letztlich bestehende Regulierungen und die derzeitige sowie k\u00fcnftig geplante staatliche Organisation in Frage und sind daher f\u00fcr den Staat eine Bedrohung. Eine rechtsfreie Zone, die die kapitalistische Grundordnung des Staates kritisiert, sollte auf keinen Fall weiter toleriert werden.<\/p>\n<p>Es ging hier darum, ein Exempel zu statuieren. Der Ablauf der sogenannten &#8222;tr\u00e8ve hivernale&#8220; (bis 31. M\u00e4rz; eine sogenannte Winterpause f\u00fcr Wohnungsr\u00e4umungen, die aus der Regierung Jospin in den Neunzigerjahren stammt) musste noch abgewartet werden, danach war jedoch eine schnelle Reaktion des Staates zu erwarten.<\/p>\n<p>Zudem ist die ZAD international mit unterschiedlichen Widerstandsgruppen vernetzt, was sicherlich ein weiterer Grund daf\u00fcr war, die Zerst\u00f6rung des politischen Aktivismus in diesem Projekt anzustreben.<\/p>\n<h3>Die staatliche Forderung nach individueller Projektregistrierung<\/h3>\n<p>Die Forderung des Staates, die bisher offiziell als illegal gef\u00fchrten Besetzer*innen zu zwingen, ihre Projekte individuell bei der Pr\u00e4fektur zur Genehmigung einzureichen, bedeutet eine unglaublich gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr die Organisation des kollektiven Widerstands der Menschen in der rechtsfreien Zone. Seitdem das minimalste gemeinsame Ziel &#8211; das Bauprojekt &#8211; weggefallen ist, werden allen die starken Differenzen unter den Bewohner*innen der ZAD bewusst. Eine neue Einigung zur Organisation des Zusammenlebens in der Zone muss ausgehandelt werden, was viel Anstrengung und Zeit br\u00e4uchte.<\/p>\n<p>Es kam fast t\u00e4glich zu Versammlungen und zu Streitigkeiten zwischen unterschiedlichen politischen Positionen in der ZAD. Zun\u00e4chst gab es bis zu den anstehenden R\u00e4umungen Anfang April noch klare gemeinsame Forderungen und Positionen, z.B. die Notwendigkeit f\u00fcr die enteigneten B\u00e4uer*innen und Bewohner*innen, ihre Rechte so schnell wie m\u00f6glich vollst\u00e4ndig wiedererlangen zu k\u00f6nnen; die Ablehnung jeglicher Vertreibung derjenigen, die in den letzten Jahren in den Wald gezogen sind (was inzwischen durch die R\u00e4umung ihrer Wohnorte geschehen ist); ein Wille, das Land in der ZAD langfristig durch die Bewegung zu \u00fcbernehmen, d.h. von B\u00e4uer*innen, Natursch\u00fctzer*innen, Anwohner*innen, Vereinen, alten und neuen Bewohner*innen.<\/p>\n<p>Die Besetzer*innen und die einzelnen Komponenten des Widerstands waren sich dar\u00fcber einig, dass eine &#8222;COC Collective&#8220; (Code des obligations et des contracts; Kollektiver Verpflichtungs- und Vertragskodex) das gemeinsame Ziel aller war, um das Gebiet weiterhin kollektiv zu nutzen. Als nach einigen Treffen mit der Pr\u00e4fektur klar wurde, dass eine solche kollektive Konvention nicht akzeptiert werden w\u00fcrde sowie andere Formen der kollektiven Projektweiterf\u00fchrung ebenfalls abgelehnt w\u00fcrden, wurde beschlossen &#8211; allerdings nicht in geschlossener \u00dcbereinstimmung -, dass ein Maximum an Projektformularen eingereicht w\u00fcrde, die auch nicht-landwirtschaftliche Projekte mit einschlie\u00dfen sollten, um die Vielfalt in der Zone zu betonen. Eine umfassende Aufzeichnung der Funktionsweisen der Projekte wurde auf den Formularen festgehalten, um die kollektive Dimension der Projekte zu unterstreichen und den eingeschr\u00e4nkten Rahmen der Individualprojekte auf diese Weise ein wenig zu sprengen. Es wurden Kollektivbegriffe benutzt, z.B. die Form der Association (Verein) mit dem Namen der Pr\u00e4sident*in (rein auf dem Papier), um diese Formulare dann so einzureichen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich waren die Meinungen zum Einreichen der Formulare geteilt und einige Menschen in der ZAD wollten weder ein Projekt einreichen noch aus der bisher m\u00f6glichen Anonymit\u00e4t gegen\u00fcber dem Staat heraustreten. Der immense politische Druck und die milit\u00e4rische Intervention auf dem Gebiet f\u00fchrten zu vielen, emotional gef\u00fchrten Diskussionen. Einige Bewohner*innen, die sich nicht mehr repr\u00e4sentiert f\u00fchlten, haben die ZAD inzwischen verlassen. Eine Spaltung der Bewegung ist m.E. schon irgendwie Wirklichkeit geworden.<\/p>\n<p>Bewohner*innen, die keine Forderungen stellen und sich die Freir\u00e4ume nehmen, ohne auf den Staat zuzugehen, sind vergleichsweise isolierter. Es stellt sich die Frage, inwiefern die Einreichung der Formulare zu einer Art &#8222;Z\u00e4hmung&#8220; der Menschen durch den Staat f\u00fchrt und wie sich diese langfristig auf den bisher geschaffenen Freiraum auswirken wird.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte dennoch nicht von einer kompletten Zersplitterung der Bewegung sprechen. Die Bewegung muss sich neu definieren und sich neue gemeinsame Ziele stecken sowie \u00fcber die kollektive Weiterf\u00fchrung und das Weiterleben der sozialen und kulturellen Vielfalt diskutieren. Das ist ein Prozess, der nicht erst jetzt beginnt, aber in Anbetracht der Umst\u00e4nde etwas schneller vorangetrieben wird.<\/p>\n<h3>Traumatisierende Erfahrungen bei den R\u00e4umungen<\/h3>\n<p>Die ersten drei Tage der R\u00e4umungen habe ich pers\u00f6nlich als traumatisierend erfahren. Die milit\u00e4rische Pr\u00e4senz war extrem angsteinfl\u00f6\u00dfend und destabilisierend. Bereits die Pr\u00e4senz von 2500 Gendarmen im Verh\u00e4ltnis zu den 200 Bewohner*innen unterstrich den Willen des Staates, auf gewaltsame Weise die rechtsfreie Zone zur\u00fcckerobern zu wollen. Die meisten Unterst\u00fctzer*innen kamen erst ab dem zweiten Tag der R\u00e4umungen (10. April) in die Zone, da es uns unm\u00f6glich war, klare Daten der R\u00e4umungen nach au\u00dfen zu kommunizieren. Aus meiner Perspektive begann besonders der 3. Tag der R\u00e4umungen friedlich und unter gewaltfreien Gedanken: ein Picknick, zu dem auch Nachbar*innen aus den umliegenden D\u00f6rfern, B\u00e4uer*innen und andere Unterst\u00fctzer*innen gekommen waren. Dieser Tag sowie die anderen Tage endeten f\u00fcr mich pers\u00f6nlich extrem gewaltvoll &#8211; hier kann ich nur f\u00fcr mich sprechen, da andere sicherlich den Verlust ihres Wohnortes als extrem traumatisierend erlebt haben und dies vielleicht an einem anderen Tag passierte. Einzelerlebnisse von Genoss*innen, die vom PSIG (Peloton de surveillance et d&#8217;intervention de la Gendarmerie; \u00dcberwachungs- und Interventionskommando der Gendarmerie) nachts entf\u00fchrt und ausgesetzt wurden, bezeugen nur einen Teil der Mittel, die eingesetzt wurden, damit die Bewohner*innen das Gebiet endlich eingesch\u00fcchtert verlassen sollten.<\/p>\n<p>Es herrschte absoluter Ausnahmezustand. Ab 7 Uhr morgens flogen die Granaten, und zwar nicht nur Blendgranaten, sondern auch sogenannte &#8222;Grenades de desencerclement&#8220; (engl.: sting-ball-grenades; dt.: Granaten zur Zerstreuung von Demonstrant*innen), R\u00e4umpanzer fuhren, Gummigeschosse flogen, Schlagst\u00f6cke und andere Granaten mit gelben und rosafarbenen Gasen, zu deren Bestandteilen wir bisher lediglich bedingt Informationen haben &#8211; in jedem Fall waren &#8222;Grenades incapacitantes&#8220; (bewegungsunf\u00e4hig machende Granaten) dabei. Best\u00e4tigt sind bisher Chlorr\u00fcckst\u00e4nde in Tr\u00e4nengaskartuschen. Andere Granatenteile wurden zur Untersuchung eingereicht.<\/p>\n<p>Sogar die Presse berichtete, dass Granaten, Gummigeschosse und Tr\u00e4nengasgranaten direkt auf K\u00f6pfe und K\u00f6rper der Leute abgefeuert wurden. Am dritten Tag der R\u00e4umungen hatten wir insgesamt zu wenige Streetmedics und \u00c4rzt*innen vor Ort, so dass wir an einen strategisch wichtigen Punkt komplett vom Rest der ZAD abgeschnitten und eingekesselt waren. So waren wir unter weiterem Granatbeschuss gezwungen, als Lai*innen Granatsplitter aus den F\u00fc\u00dfen von Menschen zu ziehen, diese zu verarzten und uns auch um alle anderen zu k\u00fcmmern, die durch Blendgranaten gel\u00e4hmte oder brennende Gesichter und tr\u00e4nende Augen von den Tr\u00e4nengasen (teilweise trotz Masken!) oder Angstzust\u00e4nde hatten.<\/p>\n<p>Laut dem Bericht der Streetmedics vom 14. April 2018 wurden in dieser ersten Woche der R\u00e4umungen 148 Personen von ihnen verarztet. 23 Personen wurden durch Granatenexplosionen verletzt (Gesicht, Thorax, Nacken, Beine, Finger), durch Splitter, die teilweise bis zu drei Zentimeter tief in den K\u00f6rper eingedrungen waren. Einige Personen litten durch die Verletzungen an Infektionen, acht Personen kamen mit H\u00e4matomen an gef\u00e4hrlichen K\u00f6rperstellen zu den Medics, nachdem sie Gummigeschosse abbekommen hatten. F\u00fcnf Personen kamen mit Geh\u00f6rst\u00fcrzen, Gehirnersch\u00fctterungen oder Schwindel nach Granatenbeschuss in die Medic-Zelte. Die \u00c4rzt*innen best\u00e4tigten Sch\u00fcsse auf Brust- und Kopfh\u00f6he durch Granaten und Tr\u00e4nengaskartuschen, den Gebrauch von toxischen Gasen, die u.a. zu Verbrennungen und Schwindel sowie zu Bewusstseinsverlust f\u00fchrten; den Gebrauch von bewegungsunf\u00e4hig machenden Gasgranaten, die zu sofortiger Deshydratation, Schwindel, Durchfall, Erbrechen und Verwirrung f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Der Transport von einigen Verletzten ins Krankenhaus wurde uns zuerst von der Gendarmerie untersagt, bis sie nach Telefonaten und massivem Druck die Blockade aufhoben und die Krankentransporte durchlie\u00df.<\/p>\n<p>An einem R\u00e4umungstag wurden auch drei Journalist*innen verletzt, deren Zutritt auf das Gel\u00e4nde vom Staat zun\u00e4chst am Montagmorgen untersagt worden war &#8211; sie h\u00e4tten sich mit Fotos und Berichten der Gendarmerie begn\u00fcgen sollen. Aufgrund dieser Vorf\u00e4lle wurden die &#8222;D\u00e9fenseurs des Droits&#8220; (Verteidiger*innen der Rechte) eingeschaltet, eine unabh\u00e4ngige Institution, welche die Einhaltung der Gesetze einfordert.<\/p>\n<h3>Die Bedeutung der Unterst\u00fctzer*innen von au\u00dferhalb<\/h3>\n<p>Am ersten Tag der R\u00e4umungen gab es frankreichweit Aufrufe, sich vor Rath\u00e4usern, Pr\u00e4fekturen und an sonstigen Pl\u00e4tzen zu versammeln. In Quimper (Bretagne) wurde an diesem Abend nach einer Demo der Bahnhof besetzt; diverse Rath\u00e4user in der Region um Toulouse wurden besetzt; Demonstrationen fanden an vielen Orten statt; das Rauthaus von Forcalquier wurde besetzt. Letzteres war ein symbolisch wichtiges Zeichen, da diese Stadt derzeit von Christophe Castaner regiert wird, dem Staatssekret\u00e4r des Premierministers Frankreichs und dessen Partei LREM (La R\u00e9publique En Marche; Die sich bewegende Republik). Wir erhielten Solidarit\u00e4tsbekundungen von Gaza bis Minneapolis.<\/p>\n<p>Viele Unterst\u00fctzer*innen kamen in die ZAD, so dass wir ab dem 10. April durchgehend ca. 1000 Menschen auf dem Gebiet waren. Mit der R\u00e4umung des etablierten Projekts &#8222;100 Noms&#8220; (100 Namen) am 1. Tag schnitt sich der Staat ins eigene Fleisch. Der Ort war eines der landwirtschaftlichen Projekte in der Zone, die eigentlich nicht h\u00e4tten ger\u00e4umt werden sollen, da der Staat garantiert hatte, keine landwirtschaftlichen Projekte zu r\u00e4umen. Ich m\u00f6chte damit nicht sagen, dass diese R\u00e4umung mehr gewichtet werden sollte als alle anderen. Aber die Bilder und Presseberichte der R\u00e4umung der &#8222;100 Noms&#8220;, deren Bewohner*innen und Unterst\u00fctzer*innen sich gewaltfrei zur Wehr setzten, l\u00f6sten eine Solidarit\u00e4tswelle innerhalb der Organisationen (Bauernverb\u00e4nde) und derjenigen Bev\u00f6lkerungsteile aus, die vielleicht nicht in solch gro\u00dfem Ausma\u00df ausgel\u00f6st worden w\u00e4re, h\u00e4tte der Staat dieses Projekt nicht ger\u00e4umt. Dies hat gezeigt, dass letztlich keines der Projekte &#8222;sicher&#8220; war und auf jeden Fall die Solidarit\u00e4t auch untereinander in der Zone gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Es gab am Mittwoch der ersten R\u00e4umungswoche (11. 4.) ein gro\u00dfes Picknick, das von den &#8222;Cheveux Blancs&#8220; (Die wei\u00dfen Haare), einer Gruppe von \u00c4lteren und Rentner*innen, organisiert worden war, zu dem frankreichweit und international viele Unterst\u00fctzer*innen anreisten. Landwirt*innen aus verschiedenen umliegenden Regionen mit ihren Traktoren wurden von der Polizei auf ihrem Weg zur ZAD blockiert; Busse aus Paris und Deutschland wurden auf den Autobahnen blockiert und durften nicht weiter fahren.<\/p>\n<p>Trotzdem waren viele Menschen gekommen und wurden durch die Intervention der Gendarmerie mit Tr\u00e4nengas auf die Stra\u00dfe zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, woraufhin es zum Schlagabtausch der Molotow-Cocktails mit den Polizei-Granaten kam. An dieser Stelle sei betont, dass alle Formen des Widerstands auf der ZAD ihren Platz fanden und voneinander abhingen und wir uns weigerten, in die Binarit\u00e4t von gewaltfrei-militant zu verfallen und den staatlich angestrebten Diskurs zur Legitimierung der Polizeigewalt gegen gewaltvollen Widerstand zu unterst\u00fctzen. Alle Formen des Widerstands fanden ihren Platz und wir sprechen uns gegen die Unterscheidung militanter und nicht-militanter ZADist*innen aus.<\/p>\n<p>Am 14. April gab es eine gro\u00dfe Demo in Nantes zur Unterst\u00fctzung der ZAD, die ca. 8.000 (Polizeiangaben) bis 12.000 (Gewerkschaftsangaben) Menschen z\u00e4hlte, und die sehr gewaltvoll endete. Demonstrant*innen mit Plakaten, die den Erhalt der kleinen Utopie der &#8222;m\u00f6glichen anderen Welt&#8220; forderten, wurden durch den Aufbau von sogenannten &#8222;grillages anti-\u00e9meutes&#8220; (Anti-Aufstandsgitter), dem Einsatz von Wasserwerfern, einer hohen Menge an Tr\u00e4nengas, Gummigeschossen und der gewaltsamen Teilung der Demonstration durch Einkesselung an ihrer Meinungs\u00e4u\u00dferung auf der Stra\u00dfe gehindert.<\/p>\n<p>Sonntags gab es dann einen Aufruf zum Wiederaufbau der ZAD, zu dem ebenfalls einige tausend Menschen kamen. Eines der nicht ger\u00e4umten Projekte hatte ein Balkenwerk gebaut, als Antwort auf den zerst\u00f6rten Ort &#8222;le Gourbi&#8220; einige Tage vorher.<\/p>\n<p>&#8222;Le Gourbi&#8220; war ein gemeinschaftlicher Begegnungsort, an dem sich die Bewohner*innen zum &#8222;Non-March\u00e9&#8220; (w\u00f6rtlich: Nicht-Markt; einem alternativen Markt mit eigens hergestelltem Brot, Gem\u00fcse, Sonnenblumen\u00f6l, Tees, Seifen usw., auf der Basis des Prinzips &#8222;Zahl, was du kannst&#8220;) w\u00f6chentlich trafen. Im Gourbi fanden auch regelm\u00e4\u00dfige Vollversammlungen statt und der Ort wurde bei den staatlichen Interventionen der vergangenen Jahre jedes Mal zerst\u00f6rt. Das Balkenwerk sollte von ca. 130 Menschen in Begleitung der gesamten Menschenmenge gewaltfrei zum wichtigen Ort des Gourbi getragen und dort auf ein anderes Balkenwerk aufgesetzt werden, als symbolischer Ausdruck des Wiederaufbaus der ZAD. Die Gendarmerie begann, die Menschenmenge zu spalten, einzukesseln und trotz gewaltfreiem Widerstand mit Tr\u00e4nengas und anderen Gasen auf die Menschenmenge loszugehen.<\/p>\n<h3>Aufgetretene Risse unter den Zadist*innen<\/h3>\n<p>Bereits bei der Freigabe der Stra\u00dfe D 281, der &#8222;Route des Chicanes&#8220; (Stra\u00dfe der Schikanen), die mitten durch die ZAD verl\u00e4uft und daher besetzt wurde, taten sich im Anschluss an die Aufgabe des Flughafenbaus gro\u00dfe Risse auf. Die historischen Bewohner*innen unterst\u00fctzten die Forderung des Staates, die Stra\u00dfe freizugeben, um ihrerseits nach jahrelangen Umwegen wieder direkten Zugang zu ihren Feldern bzw. Wohnorten zu haben.<\/p>\n<p>An dieser Stelle gab es sowohl unterst\u00fctzende Stimmen in der ZAD als auch Gegner*innen. Die Argumente der Bef\u00fcrworter*innen waren u.a., die unterst\u00fctzenden Landwirt*innen nicht zu verlieren und ihnen die Hand zu reichen, sowie einen Schritt auf den Staat zuzugehen, um eine bessere Position f\u00fcr weitere Verhandlungen zu haben &#8211; dem Staat, besonders aber dem Rest der Gesellschaft gegen\u00fcber, deren Solidarit\u00e4t eine sehr wichtige Rolle spielt. Die Gegner*innen sahen in der Freigabe der Stra\u00dfe eine besonders hohe Bedrohung f\u00fcr denjenigen Teil der ZAD, der im Wald hinter dieser Stra\u00dfe lebte (alle dortigen H\u00fctten wurden inzwischen ger\u00e4umt), da sie im Falle der R\u00e4umungen vom Rest der ZAD abgeschnitten w\u00e4ren (was dann auch der Fall war). Au\u00dferdem spielte in der Argumentation der Gegner*innen die unterdr\u00fcckende Pr\u00e4senz der Gendarmerie bei der Freigabe und der Ausbesserung der D 281 eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war bereits w\u00e4hrend der Freigabe der Stra\u00dfe und der dortigen Bauarbeiten eine relativ hohe Pr\u00e4senz der Gendarmerie zu verzeichnen: t\u00e4glich ca. 40 Busse. In diesem Zusammenhang kam es leider sogar zu k\u00f6rperlichen Auseinandersetzungen unter ZADist*innen selbst, als es dann zur Zerst\u00f6rung des kollektiven Ortes &#8222;Lama fach\u00e9e&#8220; (Das unvers\u00f6hnliche Lama) kam, nachdem dieser zun\u00e4chst von der Pr\u00e4fektur akzeptiert worden war, dann aber die Genehmigung wieder zur\u00fcckgezogen wurde. Zus\u00e4tzlich gab es hier auch die rigorosen Meinungen mittels des Arguments, die Message der ZAD sei wichtiger (eine rechtsfreie Zone) und der Staat solle kein Entgegenkommen der ZADist*innen erhalten.<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf der Zeit bis zu den R\u00e4umungen und der eindeutigen staatlichen Ablehnung einer kollektiven Weiterf\u00fchrung des Gebiets verst\u00e4rkten sich einige Positionen und Konflikte. Es wurde dabei vom Ausbau hierarchischer Machtpositionen einiger Kollektive \u00fcber andere gesprochen. Die staatlich gew\u00fcnschte Spaltung der ZAD ist besonders aufgrund des hohen zeitlichen Drucks weit vorangeschritten. Dieses Timing verhinderte einen Wiedervereinigungsprozess, der aufgrund der hohen soziokulturellen und politischen Diversit\u00e4t innerhalb der ZAD einen l\u00e4ngeren Zeitraum ben\u00f6tigt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die staatlichen Forderungen an die ZADist*innen hatten bisher jedoch zumindest die Auswirkung, auf die Unterschiede untereinander aufmerksam zu machen. Sie lie\u00dfen keine Zeit, um sich auf neue Gemeinsamkeiten zu konzentrieren. Doch eines der Ziele f\u00fcr alle ist es, diese Heterogenit\u00e4t zu erhalten, auch wenn es sicherlich einige Zeit in Anspruch nehmen wird, die entstandenen Konflikte zu l\u00f6sen.<\/p>\n<h3>Medienpropaganda und mehrheitlich gewaltfreie Aktionen<\/h3>\n<p>Bereits Monate vor der offiziellen Aufgabe des Flughafenbaus und den angek\u00fcndigten R\u00e4umungen gab es Berichte, wonach die ZADist*innen selbst gebaute Waffen (Eisenkugeln mit angebrachten Rasierklingen, Steinwurfkatapulte, Bomben) hergestellt h\u00e4tten, die sie verwenden w\u00fcrden. Tats\u00e4chlich kann ich keines dieser medialen Ger\u00fcchte best\u00e4tigen. Es gibt verschiedene Formen des Widerstands, die sich hier wiederfinden. Es werden sowohl Molotow-Cocktails im Gefecht mit der Gendarmerie von einigen Gruppen genutzt als auch Barrikaden errichtet und gewaltfreie Aktionen gegen die Polizeigewalt eingesetzt.<\/p>\n<p>Es gab Musiker*innen, die vor der Gendarmerie sangen; Rap-Songs, die im ZAD-Rap-Social-Atelier produziert wurden. Eine Gruppe sammelte alle Tr\u00e4nengaskartuschen und transportierte diese vor die T\u00fcr der Pr\u00e4fektur in Nantes. Dabei ging es um das Sichtbarmachen der staatlichen Ausgaben f\u00fcr unn\u00f6tig eingesetzte Waffen gegen die Zivilbev\u00f6lkerung. Es gab Ch\u00f6re, eine Reclaim-the-Streets-Musikgruppe, kollektive Pflanz- und Wiederaufbauaktionen; Rollenspiele, die in den umliegenden W\u00e4ldern organisiert wurden, um die Gendarmerie zu besch\u00e4ftigen; Picknicks, Konzerte &#8211; von Punk \u00fcber Techno, alles dabei; Siebdruck-Workshops zum Plakatdruck f\u00fcr Demos, Workshops zum Jurtenbau. Es gab Bewohner*innen, die am R\u00e4umungstag auf die D\u00e4cher der zu r\u00e4umenden Projekte stiegen, um durch gewaltfreie Art und Weise gegen die Zerst\u00f6rung der Wohnorte Widerstand zu leisten. Einige kletterten auch wieder auf B\u00e4ume und blieben dort einige Stunden.<\/p>\n<p>Die Berichterstattung der Presse war haupts\u00e4chlich an den gewaltbereiten Gruppen interessiert, die sich den direkten Schlagabtausch mit der Gendarmerie lieferten. Diese Inszenierung der Zadist*innen als gewaltbereite Masse f\u00fchrte in Anbetracht der laufenden \u00f6ffentlichen Debatte \u00fcber militant-gewaltfrei zur Legitimierung der Polizeigewalt und zur Schwierigkeit, die breite Masse f\u00fcr eine Skandalisierung der Polizeigewalt zu gewinnen. Meiner pers\u00f6nlichen Einsch\u00e4tzung nach war der Anteil gewaltfreier Aktionen bei weitem h\u00f6her als der Anteil gewaltvoller. Doch jede Aktionsform findet hier ihren Ausdruck und sie spielten auch bei der neuerlichen R\u00e4umungswelle ab dem 17. Mai ihre jeweilige Rolle.<\/p>\n<h3>Weitere Perspektiven<\/h3>\n<p>Die ZAD wird im Sommer sicherlich viele Wiederaufbau-Aufrufe machen, doch inwiefern eine erneute Besetzung gelingen wird, ist noch offen. Es wird angestrebt, einen ZAD-Fond zu gr\u00fcnden, um bestimmte Grundst\u00fccke zu kaufen und diese zu bewirtschaften oder Projekte darauf zu installieren.<\/p>\n<p>Der Staat hat es vorl\u00e4ufig geschafft, die Zadist*innen in die Enge zu treiben, indem durch dessen Forderungen eine Spaltung erzeugt wurde und kein staatliches Entgegenkommen f\u00fcr einen zeitlichen Aufschub zu verzeichnen war. Wir wurden zu einem Infragestellen unserer gemeinsamen Ziele gezwungen und mussten mit der Pistole auf der Brust schnelle Entscheidungen f\u00e4llen und schnell reagieren. Bei einer solch wundervollen Heterogenit\u00e4t, wie sie auf der ZAD besteht, nehmen die kollektiven Entscheidungsfindungsprozesse jedoch mehr Zeit in Anspruch als in hierarchisch organisierten Strukturen.<\/p>\n<p>Auf die administrativen Forderungen der Projekteinreichungen kann nur von denjenigen eingegangen werden, die eine Antwort darauf besitzen. Das f\u00fchrt automatisch zur Marginalisierung derer, die eine solche Antwortm\u00f6glichkeit nicht haben, aber dennoch jede moralische Legitimation besitzen, weiterhin in der ZAD zu bleiben. Eine Exklusion ist unsererseits keinesfalls angestrebt, trotzdem f\u00fchlen sich Einzelne aus den Prozessen und aus der Gemeinschaft ausgegrenzt.<\/p>\n<p><b>Camille<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei einem Besuch des Hambacher Forsts lernte ich im Fr\u00fchjahr 2017 Bewohner*innen der ZAD kennen und beschloss, dort hin zu fahren. Im Juni 2017 war ich erstmals eine Woche vor Ort und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. 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