{"id":17547,"date":"2018-06-01T00:00:00","date_gmt":"2018-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/50-jahre-68-und-die-neuen-frauenbewegungen\/"},"modified":"2022-07-26T12:58:50","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:50","slug":"50-jahre-68-und-die-neuen-frauenbewegungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/50-jahre-68-und-die-neuen-frauenbewegungen\/","title":{"rendered":"50 Jahre 68 und die neuen Frauenbewegungen"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution: Du bist seit zehn Jahren Redakteurin der linken Zeitschrift &#8222;lunapark21&#8220;. Au\u00dferdem bist Du aktiv beim Institut f\u00fcr Protest- und Bewegungsforschung und im B\u00fcndnis f\u00fcr sexuelle Selbstbestimmung. Du schreibst feministische B\u00fccher und oft Artikel u.a. f\u00fcr die Graswurzelrevolution, die &#8222;junge Welt&#8220;, taz und &#8222;Frankfurter Rundschau&#8220;. Wie bist Du aufgewachsen? Wie fing Dein pers\u00f6nliches, politisches Engagement an? Was hat Dich gepr\u00e4gt und stand am Anfang Deiner Politisierung?<\/b><\/p>\n<p>Gisela Notz: Das wei\u00df ich nicht mehr. Mein Gro\u00dfvater hat mich schon als Kind zu den Demonstrationen zum Ersten Mai mitgenommen. Er war ein klassenbewu\u00dfter Industriearbeiter. Nachdem sich die USPD aufgel\u00f6st hatte, war er Anarcho-Syndikalist geworden. Wir wohnten in einer Arbeitersiedlung, die er mit gegr\u00fcndet hatte und die im letzten Jahr ihr 100j\u00e4hriges Bestehen feiern konnte. Von ihm hab ich vieles gelernt. Unter anderem, dass man den R\u00fccken nie vor einer vermeintlichen Autorit\u00e4t beugen soll. Und dass es zwar schwer ist aber nicht unm\u00f6glich, gegen den Strom zu schwimmen. Auch, dass eine aufrechte Person ihr M\u00e4ntelchen nicht nach dem gerade wehenden Wind h\u00e4ngen kann. Das scheinen heute alte Spr\u00fcche zu sein, aber mich haben sie gepr\u00e4gt. Ich h\u00e4tte sie ja auch vergessen k\u00f6nnen, denn nicht selten hatte ich es schwer damit.<\/p>\n<p><b>GWR: Im Mai 1968 warst Du 26 Jahre alt. Wie hast Du &#8222;68&#8220; pers\u00f6nlich erlebt?<\/b><\/p>\n<p>Gisela Notz: Eigentlich war ich ja schon zu alt f\u00fcr die StudentInnenbewegung. Zudem habe ich erst 1972, nachdem ich in eine Wohngemeinschaft gezogen war, ein Studium begonnen. 1968 lebte ich in einer &#8222;planlos aus dem Boden gestampften Neubausiedlung&#8220; (Zitat von damals) am Stadtrand von Berlin. Das hei\u00dft, es fehlte die notwendige Infrastruktur, was wir damals kollektiv beklagten. Ich gr\u00fcndete mit anderen Unzufriedenen jungen Menschen eine B\u00fcrgerinitiative: Selbsthilfe Falkenhagener Feld (SFF). B\u00fcrgerinitiativen schossen seit 1968 wie Pilze aus dem Boden. Sie trugen die Revolte vom Universit\u00e4tscampus in die Stadt und an die Stadtr\u00e4nder. Das war eine politische Gemeinwesenarbeit, au\u00dferinstitutionell und au\u00dferparlamentarisch, die mit dem heute propagierten B\u00fcrgerschaftlichen Engagement, durch das L\u00f6cher im sozialen Netz gestopft werden sollen, wenig gemeinsam hatte. Wir belie\u00dfen es nicht beim Jammern oder bei der caritativen Hilfe, sondern wurden aktiv: Wir k\u00e4mpften unter anderem f\u00fcr einen Kindergarten und gr\u00fcndeten eine Eltern-Kind-Initiative, wir wollten einen Spielplatz f\u00fcr unsere Kinder, bekamen ihn nicht und bauten selber einen, wir besetzten ein Clubheim, das geschlossen werden sollte, wollten es in Selbstverwaltung \u00fcbernehmen und kamen das erste Mal mit einem ungeheuren Polizeiaufgebot in Kontakt. Wir gr\u00fcndeten mit einer durch die Eltern gew\u00e4hlten Lehrerin eine Schulinitiative mit antiautorit\u00e4rem Konzept und mischten uns au\u00dferparlamentarisch nicht nur in die Bezirkspolitik ein, sondern k\u00e4mpften auch f\u00fcr kleinere Schulklassen f\u00fcr alle Kinder, Eltern und Lehrer. Da wir in meinem gro\u00dfen Mietshaus abwechselnd kochten und die Kinder betreuten, konnte ich mit anderen Frauen zu Uni-Vorlesungen gehen und war auch bei den wichtigsten Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg, gegen die Notstandsgesetze, bei den Protesten gegen den Springer-Konzern und anl\u00e4sslich des Attentats auf Rudi Dutschke dabei. In den meisten B\u00fcrgerinitiativen spielten Frauen in diesen Jahren eine gro\u00dfe Rolle, so auch in meiner. Als das Bezirksamt uns zum Gespr\u00e4ch &#8222;eingeladen&#8220; hatte, und uns vorschlug, wir sollten doch Ruhe geben und endlich praktisch was f\u00fcr die B\u00fcrgerInnen tun und &#8222;Banken&#8220; aufstellen &#8211; sie meinten Parkb\u00e4nke &#8211; stellten wir eine auf und schrieben in gro\u00dfen Lettern darauf: &#8222;Unruhe ist die erste B\u00fcrgerpflicht&#8220;. Daraufhin organisierten wir eine Demo, bei der es um den Bau einer Schule ging. Es war die gr\u00f6\u00dfte Demo, die das Falkenhagener Feld je erlebt hatte.<\/p>\n<p><b>GWR: Im Mai 2008 erschien in der GWR 329 ein feministischer R\u00fcckblick von Dir auf die 68er Frauenbewegung und Studentenbewegung. Warum flogen die Tomaten?<\/b><\/p>\n<p>Gisela Notz: Weil den Frauen die Hutschnur riss. Die Tomaten waren schon lange reif. Der Beginn der Neuen Frauenbewegungen kann zurecht &#8211; auch wenn Wolfgang Kraushaar anderer Meinung ist &#8211; mit der Rede der Filmemacherin Helke Sander gleichgesetzt werden, die sie am 13. September 1968 als Delegierte des Westberliner Aktionsrates zur Befreiung der Frau auf der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Frankfurt\/Main gehalten hat. In dieser Rede warf sie den m\u00e4nnlichen SDS-Mitgliedern vor, die spezifische Ausbeutung der Frauen im privaten Bereich zu tabuisieren. Sie bezeichnete den SDS als &#8222;ein Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse&#8220;, als eine Organisation, die bestimmte Bereiche des Lebens vom gesellschaftlichen abtrenne und tabuisiere, indem sie ihnen das Etikett &#8222;Privatleben&#8220; gebe. Ihre Rede schloss sie mit den Worten: &#8222;Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich gef\u00fchrt werden muss, nicht bereit seid, dann m\u00fcssen wir allerdings feststellen, dass der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener, konterrevolution\u00e4rer Hefeteig. Die Genossinnen werden dann ihre Konsequenzen zu ziehen wissen.&#8220;<\/p>\n<p>Da die m\u00e4nnlichen Delegierten nicht bereit waren, ihre Thesen zu diskutieren, und weder der n\u00e4chste Redner, Hans-J\u00fcrgen Krahl, mit einem einzigen Wort auf ihren provokanten Beitrag einging, noch der ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlich besetzte SDS-Vorstand sich einmischte, bewarf die Berliner Soziologiestudentin Sigrid R\u00fcger die bekannte SDS-F\u00fchrungsfigur und Mitglied des SDS-Bundesvorstandes Hans-J\u00fcrgen Krahl, mit Tomaten, von denen auch die am \u00fcbrigen SDS-Vorstandstisch Sitzenden etwas abbekamen.<\/p>\n<p>Die heftig umstrittene, bis heute anhaltende Diskussion um den Frankfurter Tomatenwurf l\u00e4sst sich als Anzeichen f\u00fcr die au\u00dferordentliche Bedeutung lesen, die diesem Gr\u00fcndungsereignis der Neuen Frauenbewegungen sp\u00e4ter beigemessen wurde. Schlie\u00dflich l\u00f6sten weniger die Tomaten den Tumult aus, als vielmehr die Tatsache, dass diese Form des Protests nicht gegen das so genannte Establishments gerichtet war, sondern gegen den Kopf eines bewunderten Theoretikers der Bewegung. Die Rede Helke Sanders und der durchaus nicht von allen &#8211; auch nicht von allen SDS-Frauen &#8211; gebilligte Tomatenwurf f\u00fchrten noch am gleichen Tag zur Gr\u00fcndung von &#8222;Weiberr\u00e4ten&#8220; durch Frauen der verschiedenen SDS-Landesverb\u00e4nde. Sie verfassten Resolutionen, die am n\u00e4chsten Vormittag verlesen wurden. Diesen Aktionen folgte die Gr\u00fcndung von Frauengruppen in vielen deutschen Universit\u00e4tsst\u00e4dten und sp\u00e4ter auch in anderen gr\u00f6\u00dferen und kleineren Orten der Bundesrepublik. Das war nicht erst 1971, wie Wolfgang Kraushaar und auch Alice Schwarzer behaupten, weil damals die au\u00dferordentlich wichtige Kampagne &#8222;Wir haben abgetrieben&#8220; losgetreten wurde, deren Bedeutung freilich nicht kleingeredet werden darf.<\/p>\n<p><b>GWR: Was sind f\u00fcr Dich die wichtigsten Errungenschaften der &#8222;68er-Bewegung&#8220; und der Neuen Frauenbewegungen seit 1968?<\/b><\/p>\n<p>Gisela Notz: Die Revolten von 1968 haben ihre Spuren hinterlassen, auch wenn die Versprechen nicht alle eingel\u00f6st wurden. Das waren vor allem die Proteste gegen den Vietnamkrieg, gegen die drohende Verabschiedung der Notstandsgesetze und die Anti-Springer-Kampagne. Die Neuen Frauenbewegungen in der BRD werden oft als &#8222;Revolte in der Revolte&#8220; bezeichnet. Sie k\u00f6nnen mit einer gewissen Berechtigung als Folge der Studentenbewegung von 1967\/68 beschrieben werden, schlie\u00dflich waren die zun\u00e4chst beteiligten Frauen Teil der Studentenbewegung. Der Weiberrat appellierte mit dem Tomatenwurf und einigen folgenden Aktionen allerdings bereits an einen Verband, der seine Forderungen gar nicht mehr umsetzen konnte. Nachdem der SDS sich 1970 aufgel\u00f6st hatte und in zahlreiche, zum Teil einander bek\u00e4mpfende ideologische Str\u00f6mungen und Kleinparteien zerfallen war, ging die Frauenbewegung endg\u00fcltig getrennte Wege. Es kam zur Verwirklichung eigener frauenspezifischer Projekte und zur Gr\u00fcndung von sich rasch ausbreitenden selbstst\u00e4ndigen Organisationsformen, die Hierarchien als patriarchal ablehnten. Auf diese beziehe ich mich.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist es vor allem der radikale Einspruch gegen die wenigen, engen, f\u00fcr Frauen damals vorgesehenen Lebenswege. Ich bin ja in den 1950er Jahren &#8222;gro\u00df&#8220; geworden und habe die restriktive Frauen- und Familienpolitik der Adenauer-Regierung erlebt. Mit dem Anspruch &#8222;Das Private ist politisch&#8220; wurde ein neues Selbstverst\u00e4ndnis des Politischen eingeklagt, das bis heute wirkt, aber leider noch lange nicht \u00fcberall wirksam wird. Der traditionell m\u00e4nnliche Politikbegriff sollte um die politische Dimension und die Ver\u00e4nderbarkeit scheinbar privater Beziehungsstrukturen erweitert werden. Es ging um eine zentrale Kritik der patriarchalen Abh\u00e4ngigkeit und Unterdr\u00fcckung und damit um eine grundlegende Ver\u00e4nderung des linken Politikverst\u00e4ndnisses. Auch verbl\u00fcfft &#8211; wenn man sich heute als Historikerin mit dem Thema besch\u00e4ftigt &#8211; die internationale Gleichzeitigkeit des feministischen Aufbruchs. In vielen L\u00e4ndern gingen die Menschen auf die Stra\u00dfe. Besonders Frauen wehrten sich gegen Rollenzuschreibungen und die Macht von Staat und Kirche \u00fcber ihre Geb\u00e4rf\u00e4higkeit und das Absprechen ihrer reproduktiven Selbstbestimmung und die Zwangsheterosexualit\u00e4t. Und sie gingen gegen Gewalt gegen\u00fcber Frauen und Kindern auf die Stra\u00dfe; bis dahin ein Tabuthema.<\/p>\n<p>Konkret waren es die Kinderl\u00e4den und Wohngemeinschaften, die auch Auswirkungen auf Verhaltens- und Umgangsformen in den \u00f6ffentlichen Einrichtungen, in den Familien und Zusammenlebensformen und auf die Gesetzgebung hatten. Die Aktionsformen und der Politikstil in Form von personenzentrierten, egalit\u00e4ren, offenen Gruppen und regionalen und internationalen Netzwerken f\u00f6rderte nicht nur die Kompetenzbildung innerhalb der eigenen Reihen, sondern beeinflusste die Mitte der 1970er Jahre entstandenen sozialen Bewegungen, Projekte der alternativen \u00d6konomie und Kollektive. Sie zu verteidigen und weiter zu entwickeln, ist das Gebot der Stunde. Auch haben sich nicht nur die Universit\u00e4ten ge\u00e4ndert. Die Bildungsreform der 1970er Jahre &#8211; eine Errungenschaft der 68er &#8211; hat es f\u00fcr viele Frauen erm\u00f6glicht, dass Bildung auch f\u00fcr sie zug\u00e4nglich wurde. Schade, dass sie irgendwann stecken blieb und heute wieder zur\u00fcckgedreht wird.<\/p>\n<p><b>GWR: In den Talkshows und Massenmedien wird derzeit ein Anti-68er-Zerrbild gezeichnet, vor allem auch durch AfD- und CSU-Politiker*innen, aber auch durch mittlerweile nach rechts abgedriftete oder wirre Ex-68er wie Rainer Langhans und Co. Wie k\u00f6nnen wir dieser reaktion\u00e4ren Geschichtsverdrehung entgegenwirken?<\/b><\/p>\n<p>Gisela Notz: Ja, wie macht man eine neue Revolte? Das ist doch die Frage? Es sind ja nicht nur die Rechten in AFD, CSU und CDU &#8211; zum Teil auch in anderen Parteien, wie Du schon sagst, sind es viele Ex-68er, die sich distanzieren, oder gar nicht mehr wahr haben wollen, dass sie dabei waren. Manche &#8222;begradigen&#8220; ihren Lebenslauf oder versinken in Schweigen. Andere schw\u00e4rmen von den &#8222;alten Tagen&#8220; und r\u00fchmen sich ihrer Taten. Am schlimmsten finde ich die 68er, die scheinbar vergessen haben, was sie einmal wollten, warum sie die Welt ver\u00e4ndern wollten und dass es auch heute noch Grund daf\u00fcr gibt.<\/p>\n<p>1968 ist zu einem Mythos geworden, zu einer Chiffre f\u00fcr eine Revolte, die so viel in Gang gesetzt und so viel angesto\u00dfen hat, dass sie gerade mit diesem &#8222;runden&#8220; Jubil\u00e4um zum Buhmann f\u00fcr alles M\u00f6gliche taugt. Bereits in den 1990er Jahren bin ich gebeten worden, einen Artikel \u00fcber die &#8222;Mitschuld&#8220; der Linken bei der zunehmenden Gewaltbereitschaft, besonders unter den Jugendlichen, zu schreiben.<\/p>\n<p>&#8222;Falsch erzogen&#8220; &#8211; war die am weitesten verbreitete Antwort. Verantwortlich gemacht wurden Eltern und Lehrer, vor allem aber M\u00fctter f\u00fcr die antiautorit\u00e4re Erziehung, die an allem schuld war. &#8222;Linke Lehrer &#8211; rechte Sch\u00fcler&#8220;, titelte der Spiegel. Heute ist es ja sogar Hartz IV, die Herausbildung der gesamten Rechten und Antisemiten, aber auch die Gr\u00fcndung der Partei die Linke, wof\u00fcr die 68er verantwortlich gemacht werden.<\/p>\n<p>Neue M\u00fctterlichkeit und Familienideologie werden auch von vielen jungen Menschen wieder gro\u00df geschrieben. Beklagt werden die &#8222;Doppelbelastung&#8220; und das &#8222;Vereinbarkeitsproblem&#8220; von jeder Frauengeneration aufs Neue. Dass es die &#8222;alte Ordnung&#8220; der einzigen richtigen Lebensform von Vater-Mutter-Kind ist, die gerade Konservative wieder herstellen wollen, die Probleme verursacht und den Blick auf kollektive Lebensformen verstellt, ger\u00e4t dabei aus dem Blick. Gut, dass sich seit etlichen Jahren wieder feministischer Widerstand regt. Einige politische Aktionen, z.B. zum wieder entdeckten Internationalen Frauentag, B\u00fcndnisse gegen selbsternannte &#8222;Lebenssch\u00fctzer&#8220;, zu denen tausende von vorwiegend jungen Frauen den Protest wieder auf die Stra\u00dfe tragen, lassen hoffen.<\/p>\n<p><b>GWR: Der \u00a7 219a StGB stellt \u00e4rztliche Aufkl\u00e4rung \u00fcber Abtreibung noch immer unter Strafe, fundamentalistische Christ*innen bedrohen \u00c4rzt*innen, die Abtreibungen vornehmen. Das f\u00fchrt dazu, dass es in katholisch dominierten St\u00e4dten [wie z.B. in M\u00fcnster] oft gar keine \u00c4rzt*innen gibt, die einen solchen Eingriff anbieten. Du engagierst Dich auch gegen die &#8222;1000-Kreuze-M\u00e4rsche&#8220; militanter Abtreibungsgegner*innen. Wie sch\u00e4tzt Du die Gefahren des sozialen Rollbacks ein? Und wie die Chancen durch Druck von unten etwa die Paragraphen 218 und 219a abzuschaffen?<\/b><\/p>\n<p>Gisela Notz: Der \u00a7 218 steht seit 1871 und der \u00a7 219a seit der Zeit des Nazifaschismus (obwohl es schon vorher Bestrebungen gab, ist er damals erst eingef\u00fchrt worden) im deutschen Strafgesetzbuch. Seitdem haben sie sich kaum ver\u00e4ndert. Es war der Neuen Frauenbewegung zu verdanken, die in Westdeutschland den Protest gegen das geltende Strafrecht auf die Stra\u00dfe trug und die ersatzlose Streichung des \u00a7 218 (damit w\u00e4ren auch 219a und b \u00fcberfl\u00fcssig geworden), umfassende sexuelle Aufkl\u00e4rung f\u00fcr alle, selbstbestimmte Sexualit\u00e4t und freien Zugang zu Verh\u00fctungsmitteln forderte, dass sich in den 1970er Jahren etwas bewegte. Auf der anderen Seite war es konservativen PolitikerInnen und den christlichen Kirchen (nicht nur den Evangelikalen) zu verdanken, dass sie sich nicht durchsetzen konnten. (In der DDR war 1972 eine Fristenl\u00f6sung ohne Zwangsberatung und ohne Informationsverbot eingef\u00fchrt worden, die mit der &#8222;Wiedervereinigung&#8220; &#8211; trotz heftiger Proteste von Ost- und Westfeministinnen &#8211; wieder zur\u00fcckgenommen werden mu\u00dfte.)<\/p>\n<p>Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland gem\u00e4\u00df \u00a7 218 Strafgesetzbuch (StGB) grunds\u00e4tzlich f\u00fcr alle Beteiligten verboten und strafbar und kann mit Haftstrafen geahndet werden. Es gelten aber Ausnahmen, die durch die Paragrafen 218a, 218b, 218c und 219a und b geregelt sind. Liegen diese Voraussetzungen vor, kann keiner der am Schwangerschaftsabbruch Beteiligten bestraft werden. Also kann ein Arzt oder eine \u00c4rztin, wenn das Gesetz (die bestimmten Bedingungen) eingehalten wird, Schwangerschaftsabbr\u00fcche vornehmen. Wieso darf sie\/er dann nicht darauf hinweisen oder dar\u00fcber informieren, dass sie diese Dienstleistung auch anbietet?<\/p>\n<p>Weil nach \u00a7 219a StGB bestraft werden kann, wenn jemand a) wegen des eigenen Verm\u00f6gensvorteils willen oder b) in grob anst\u00f6\u00dfiger Weise &#8222;\u00f6ffentlich eigene oder fremde Dienste zur Vornahme oder F\u00f6rderung eines Schwangerschaftsabbruchs anbietet, ank\u00fcndigt, anpreist oder Erkl\u00e4rungen solchen Inhalts bekannt gibt&#8220;. Diesen Straftatbestand erf\u00fcllen im Prinzip alle \u00c4rzte, die in irgendeiner Form bekannt geben, dass sie Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch beabsichtigen, unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Es gilt also die alte Forderung der 70er Jahre Frauenbewegung: Ersatzlose Streichung der \u00a7\u00a7 218 und 219 aus dem Strafgesetzbuch. Daf\u00fcr tritt das B\u00fcndnis f\u00fcr sexuelle Selbstbestimmung ein und das ist auch Beschlusslage des Pro-Familia-Bundesverbandes. Wir k\u00e4mpfen also weiter.<\/p>\n<p><b>GWR: Vor drei Jahren erschien Dein Buch &#8222;Kritik des Familismus. Theorie und soziale Realit\u00e4t eines ideologischen Gem\u00e4ldes&#8220; im Schmetterling-Verlag. Was ist unter &#8222;Familismus&#8220; zu verstehen? Was ist die Quintessenz des Familismus und was die Hauptthese Deines Buches?<\/b><\/p>\n<p>Gisela Notz: Ich kritisiere, wie der Titel schon sagt, das ideologische Gem\u00e4lde, das die Ideologie DER wei\u00dfen heterosexuellen Vater-Mutter-Kind-Familie als &#8222;Normalfamilie&#8220;, als einzige g\u00fcltige Lebensform in den Mittelpunkt stellt. Diese Ideologie nenne ich Familismus. Nach dem W\u00f6rterbuch der Soziologie ist Familismus die &#8222;Herrschaft der Familie&#8220; und eine &#8222;soziologische Bezeichnung f\u00fcr eine Sozialstruktur, in der (\u0085) die Familie die f\u00fcr die soziale Existenz des einzelnen Menschen wie f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt zentrale soziale Instanz darstellt&#8220;. Damit werden alle anderen Lebensformen ausgegrenzt und diskriminiert.<\/p>\n<p>Meine Wunsch- oder Zielvorstellung w\u00e4re die Gleichstellung aller Lebensformen, mit und ohne (eigene) Kinder. Die w\u00e4re erst dann erreicht, wenn keine Lebensform bevorzugt und keine benachteiligt wird. Voraussetzung ist, dass niemand ausgebeutet, unterdr\u00fcckt oder seinen eigenen Interessen widersprechend behandelt wird. Es sollte keine Rolle spielen, ob Menschen alleine, zu zweit oder in Gemeinschaften und Kommunen mit oder ohne (eigene) Kinder, monogam oder polygam, homo, hetero, bisexuell oder in anderen (nicht-)sexuellen Beziehungen friedlich zusammenleben, und auch nicht, aus welchem Land sie kommen, wo sie hingehen, welche Hautfarbe sie haben und welchem Geschlecht sie sich zugeh\u00f6rig f\u00fchlen wollen. Es geht um die M\u00f6glichkeit von freien Zusammenschl\u00fcssen unter freien Menschen ohne Unterdr\u00fcckung und Gewalt.<\/p>\n<p><b>GWR: Der in den letzten Jahren entstandene Netzfeminismus ist einerseits eine kritisch-feministische Perspektive auf netzpolitische Themen, anderseits sind darunter die Aktivist*innen zu verstehen, die sich im Internet f\u00fcr feministische Themen engagieren. Der Satiriker Jan B\u00f6hmermann witzelte, das Gute am modernen Feminismus sei, dass au\u00dferhalb des Netzes niemand etwas davon mitbekomme. Was sagst Du dazu?<\/b><\/p>\n<p>Gisela Notz: Ich bin ja noch old school. Ich bin nicht sehr aktiv im Netz, weil mir die Informationen \u00fcber die Printmedien noch wichtiger sind. Und warum &#8211; im Ernst &#8211; sollte es gut sein, wenn au\u00dferhalb des Netzes niemand etwas davon mitbekommt. Der (Queer)Feminismus ist heute bunt, das gilt innerhalb und au\u00dferhalb des Netzes\u0085<\/p>\n<p>Das Netz ist dazu da, dass viele davon erfahren.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie sch\u00e4tzt Du die #MeToo-Kampagne ein?<\/b><\/p>\n<p>Gisela Notz: Wie die 68er Frauenbewegung die Gewalt innerhalb von Familie und &#8222;privaten&#8220; Beziehungen von dem Tabu befreit hat, tut es auch die MeToo-Bewegung mit der sexuellen Gewalt und sexistischen Anmache.<\/p>\n<p>Das muss allerdings weiter gehen. Es muss nach den Ursachen gefragt, warum sich M\u00e4nner in dieser patriarchalen Gesellschaft so viel herausnehmen k\u00f6nnen. Es m\u00fcssen Strategien zur Ver\u00e4nderung entwickelt werden.<\/p>\n<p><b>GWR: Im Feminismus gibt es auch problematische Str\u00f6mungen. So bezeichnet sich die Kriegsministerin Ursula von der Leyen (CDU) als &#8222;konservative Feministin&#8220;. W\u00e4hrend unter anderem die Graswurzelrevolution seit 1972 f\u00fcr die Abschaffung aller Armeen k\u00e4mpft, hat Alice Schwarzer mit ihrer erfolgreichen und aus antimilitaristischer Sicht absurden &#8222;Frauen zum Bund&#8220;-Kampagne gezeigt, dass Feminismus nicht automatisch emanzipatorisch ist, sondern auch zur Modernisierung von Armeen f\u00fchren kann. Wie siehst Du das?<\/b><\/p>\n<p>Gisela Notz: &#8222;Wir&#8220; von den &#8222;beitr\u00e4gen zur feministischen theorie und praxis&#8220; wollten immer die gesamte Armee abschaffen und konnten daher keine emanzipatorischen Gehalte in der Einbeziehung von Frauen sehen. Dazu stehe ich auch heute noch. Zudem kann Feminismus f\u00fcr mich nie konservativ sein. Dann ist es kein Feminismus.<\/p>\n<p>Ich vertrete einen kritischen-emanzipatorischen Feminismus, der die kapitalistisch-patriarchalisch gepr\u00e4gte Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft in den Mittelpunkt der Kritik stellt und Vorstellungen sowie Handlungsstrategien, Aktionen und Kampagnen entwickelt zur gesellschaftspolitischen Ver\u00e4nderung, hin zu einem gleichwertigen Miteinander verschiedener Geschlechter und zu einem anderen, besseren Leben &#8211; weltweit und f\u00fcr alle.<\/p>\n<p><b>GWR: F\u00fcr mich sind emanzipatorischer Feminismus und Anarchismus zwei Bewegungen, die zu Ende gedacht ein gemeinsames Ziel haben, eine freiheitlich-sozialistische, klassenlose, herrschafts- und gewaltfreie Gesellschaft. Was verstehst Du unter Feminismus? Was unter Anarchismus? Wie siehst Du das Verh\u00e4ltnis von Feminismus und Anarchismus zueinander?<\/b><\/p>\n<p>Gisela Notz: Was ich unter Feminismus verstehe, hab ich schon gesagt. Die Gruppe &#8222;Brot und Rosen&#8220; der Neuen Frauenbewegungen formulierte damals: &#8222;So viel ist heute sicher, dass es keinen Feminismus ohne Sozialismus geben kann und keinen Sozialismus ohne Feminismus&#8220;.<\/p>\n<p>Das war durchaus nicht Konsens, aber ich sehe das immer noch so. Damit vertrete ich auch &#8222;Deinen Feminismus&#8220; &#8211; den Du anarchistisch nennst. Oder?<\/p>\n<p>Ich will gar nicht in Schubladen. Wichtig ist angesichts des nicht mehr zu \u00fcbersehenden Rechtsruck, dass wir an einem Strang ziehen und uns nicht in Fl\u00fcgelk\u00e4mpfen verausgaben.<\/p>\n<p>Wir sollten den Begriff &#8222;Feminismus&#8220; benutzen und feministische Theorie wieder mit der feministischen Praxis verbinden. Wir brauchen breite B\u00fcndnisse zur Organisierung von Protest und Widerstand gegen Privatisierung, Ausgrenzung, Gewalt und Unterdr\u00fcckung, auch von Menschen aus anderen L\u00e4ndern und f\u00fcr Emanzipation, mehr Demokratie, Selbstverwaltung und Selbstbestimmung &#8211; gegen die &#8222;neuen Rechten&#8220; in Parteien, in Institutionen und in der &#8222;Zivilgesellschaft&#8220;, f\u00fcr Frieden und f\u00fcr den Erhalt der Mit- und Umwelt.<\/p>\n<p><b>GWR: Du bist heute mit 76 Jahren immer noch sehr aktiv in den feministischen und anderen emanzipatorischen, sozialen Bewegungen. Was macht Dir Hoffnung? Was gibt Dir die Kraft f\u00fcr Dein Engagement?<\/b><\/p>\n<p>Gisela Notz: Was uns allen Mut macht, ist, dass heute wieder K\u00e4mpfe gef\u00fchrt werden. 50 Jahre nach dem Aufbruch von 1968 wird deutlich, dass sich Feminismus als solidarisches Projekt noch lange nicht erledigt hat. Die Themen der alten und neuen Frauenbewegung haben sich keineswegs ersch\u00f6pft. Sie werden von j\u00fcngeren FeministInnen aufgenommen und erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p>Die Zeiten sind heute anders, aber nicht besser und wahrscheinlich auch nicht schlechter, als zu Zeiten von Milly Witkop und Clara Zetkin, die haben auch nicht aufgegeben.<\/p>\n<p>Angesichts des nicht mehr zu \u00fcbersehenden Rechtsrucks gilt noch immer der Spruch, den wir auf die Parkbank schrieben: Unruhe ist die erste B\u00fcrgerpflicht.<\/p>\n<p><b>Interview: Bernd Dr\u00fccke<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Du bist seit zehn Jahren Redakteurin der linken Zeitschrift &#8222;lunapark21&#8220;. Au\u00dferdem bist Du aktiv beim Institut f\u00fcr Protest- und Bewegungsforschung und im B\u00fcndnis f\u00fcr sexuelle Selbstbestimmung. Du schreibst feministische B\u00fccher und oft Artikel u.a. f\u00fcr die Graswurzelrevolution, die &#8222;junge Welt&#8220;, taz und &#8222;Frankfurter Rundschau&#8220;. Wie bist Du aufgewachsen? 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