{"id":17548,"date":"2018-06-01T00:00:00","date_gmt":"2018-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/1968-war-die-zuendung\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:49","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:49","slug":"1968-war-die-zuendung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/1968-war-die-zuendung\/","title":{"rendered":"1968 war die Z\u00fcndung"},"content":{"rendered":"<p>In der Schule ver\u00e4nderte sich das Klima. Die Sch\u00fcler diskutierten untereinander und provozierten die Lehrer im Unterricht. Ich h\u00f6rte zu. Dann bekamen wir einen neuen Sch\u00fcler, der von seinem Gymnasium geflogen war, weil er bei einem Sit-in auf dem Schulhof einen Lehrer am Hosenbein festgehalten hatte. Unsere Schule war die einzige in Hamburg, die ihn aufnahm. Er wurde neben mich gesetzt und begann umgehend, mich zu agitieren &#8230; ich h\u00f6rte auch ihm zu. Er erz\u00e4hlte von Anarchisten, am liebsten von russischen, von Bakunin, von Abenteurern wie Netschajew, er verbreitete eine anarchistisch-nihilistisch-romantische Stimmung. Er war f\u00fcr mich gleichzeitig anziehend wie verr\u00fcckt, ich wusste nicht, was ich davon halten soll &#8230; Die anderen Sch\u00fcler, eher die Jungs, diskutierten anders, offensiver, klarer, geschichtlicher, politischer. Er war irgendwie so versponnen, unklar &#8230; Ich h\u00f6rte \u00fcberall zu. Ich hatte kein Elternhaus, das mich mit Autorit\u00e4tskonflikten umstellt hatte. Meine Mutter arbeitete, nachdem mein Vater gestorben war, in seiner Nachfolge als eine der ganz wenigen Frauen in einer &#8211; bescheidenen &#8211; Funktion mit voller Entscheidungskompetenz in der Branche f\u00fcr Pr\u00e4zisionswerkzeuge aus Hartmetall und Hochleistungsschnellstahl. Sie lie\u00df meinem Bruder und mir einen recht gro\u00dfen Freiraum. Mein Vater war schon nicht mehr anwesend, bevor ein gr\u00f6\u00dferer Autorit\u00e4tskonflikt entstehen konnte. Meine Schule war ein recht liberales Reformgymnasium am Stadtrand von Hamburg &#8230; Ich musste eigentlich nur meinen eigenen Weg finden. Ich brauchte mich nicht durch lange Tunnel durchzuqu\u00e4len.<\/p>\n<p>Ich landete dann doch bei den Anarchisten. Sie waren so ein Antipol zu meiner Rumpffamilie, dem Reformgymnasium, den anderen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern auf meiner Schule, die vern\u00fcnftigere Wege einschlugen. Ich wollte etwas Unvern\u00fcnftiges. Ich wollte etwas Abenteuerliches, Irrationales, stark Emotionales. Das fand ich bei den Anarchisten. 1968 war die Z\u00fcndung, der Pariser Mai insbesondere. Das war ein Outburst, das war wild, das waren begeisternde Bilder. Nicht gerade die brennenden Barrikaden, die waren f\u00fcr ein M\u00e4dchen wie mich nat\u00fcrlich geradezu unglaublich. Aber die Wandparolen, die leidenschaftlichen jungen Frauen, das ungew\u00f6hnliche Design der Plakate, die Menge von Menschen, die sich gemeinsam auf der Stra\u00dfe bewegten, die unbescheidenen Forderungen. Ich wollte auch gern eine von diesen stolzen Frauen werden, selbstbewusst, sch\u00f6n, ungest\u00fcm.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wurde es aber erstmal dunkel: im Versammlungslokal der Anarchisten in einem Keller des Hamburger Karolinenviertels. Nur wenige Frauen waren da. Viele junge M\u00e4nner, schwarz gekleidet, unfertig, suchend, bekifft, auch schon mal bewaffnet (die wenigsten), aber bereit f\u00fcr alles M\u00f6gliche. Verweigernd. Herausfordernd. Das war nicht meine Welt, aber ich war neugierig. Ich h\u00f6rte zu. Da waren viele verpeilte Jungs, aber auch Menschen, denen man begeistert zuh\u00f6ren konnte, die Welten er\u00f6ffneten. Ein indischer Anarchist kochte hin und wieder in seiner bescheidenen Sozialwohnung gro\u00dfe Mengen Reis mit Gem\u00fcse und erz\u00e4hlte den jungen Genossinnen und Genossen von anarchistischen Traditionen in Indien. Leider ging der Kontakt zu ihm bald verloren, vielleicht war ihm die Art von Radikalisierung der Menschen aus dem Anarchokeller zu fremd. Und dann war da der kleine Franzose, Pierre Gallissaires, der kurze Zeit sp\u00e4ter der Mentor des im Entstehen begriffenen Verlags Edition Nautilus (damals noch MAD-Verlag, Materialien, Analysen, Dokumente) wurde. Pierre war zwanzig Jahre \u00e4lter als die Mehrzahl der Anarchos (die waren 15 bis 25 Jahre alt), und er erz\u00e4hlte gern alles, was ihn 1968 begeistert hatte. Er war unser &#8222;Pariser Mai&#8220;, denn er war dabei gewesen und mochte nach der Niederschlagung der gro\u00dfen Streiks, Besetzungen und Aufst\u00e4nde nicht mehr in Paris bleiben. Er war auch unser &#8222;Bindeglied&#8220;, unser Scharnier und Katalysator f\u00fcr die \u00dcberwindung des gro\u00dfen Bruchs mit den freiheitlichen Traditionslinien durch den Faschismus und die Enge der Vorstellungen in der Restauration der Nachkriegszeit. Mit ihm kn\u00fcpften wir wieder an die R\u00e4terevolutionen an, an die anarchistischen Vorstellungen der Selbstverwaltung, an die soziale Revolution in Spanien 1936, an die deutschen Revolutionsimpulse 1918-1919-1920, an die Machnowtschina in der Ukraine und die R\u00e4te von Kronstadt, die von der bolschewistischen Machtergreifung hinweggefegt worden waren. Es gab so viel zu entdecken. Und diese Entdeckung war nicht nur f\u00fcr uns neu und aufregend, weil wir so jung waren, diese Ideen, dieses Wissen war seit den Verw\u00fcstungen des Faschismus aus dem Diskurs verschwunden. Es wurde seit 1968 wieder hineingebracht, und es stie\u00df bei uns auf brennendes Interesse.<\/p>\n<p>Relativ schnell bildete sich in diesem Anarchokeller eine Gruppe, die sich um die Geschichte und Theorie der sozialen Bewegungen k\u00fcmmern wollte, und zwar durch Ver\u00f6ffentlichung von Texten. Das war die Keimzelle des Verlags, in dem ich dann mehr als vierzig Jahre beteiligt war: eine Zeitschrift war immer im Zentrum (zun\u00e4chst MAD, dann Revolte, zum Schluss Die Aktion). Die Zeitschrift stand au\u00dferhalb der \u00d6konomie, d.h. sie wurde durch andere Buchprojekte finanziert. Sie war beweglich, konnte auf aktuelle Fragen reagieren, konnte viele unterschiedliche Leute zusammen bringen. Der leidenschaftlichste Zeitungsmacher unter uns war Lutz Schulenburg. Pierre machte mit, einige andere auch, und, nachdem Lutz und ich ein Paar geworden waren, war ich nat\u00fcrlich auch dabei. Jeder steuerte bei, was er oder sie konnte. Alle lernten. Alles war in Bewegung.<\/p>\n<p>Pierre hatte die Situationisten im Gep\u00e4ck. Die kannte in Hamburg 1971-72 niemand von denen, die wir kannten. Sie waren \u00fcberhaupt in Deutschland kaum bekannt. Im Pariser Mai waren sie eine der radikalsten Gruppierungen, sch\u00e4rfsten Analytiker und innovativsten Aktivisten. Wir st\u00fcrzten uns in unserer begeisterten Entdeckerfreude auf die \u00dcbersetzung der kompletten Ausgaben der Zeitschrift Internationale Situationniste (1958-1969) und ver\u00f6ffentlichten sie auf deutsch mit unseren sehr bescheidenen Produktionsmitteln. Wir brauchten daf\u00fcr zwei Jahre, und lernten eine neue Welt kennen. Gleichzeitig versuchten wir, in unserer aktuellen Situation ihre Ideen praktisch anzuwenden. Das sollte nicht nur eine verlegerische Arbeit sein (wir sahen uns auch gar nicht als Verleger, sondern als Bereitsteller von Texten f\u00fcr eine neu zu schaffende Welt), wir wollten die Trennung zwischen Theorie und Praxis aufheben und selbst aktiv werden. So bildeten wir eine Gruppe, die Zusammenleben, Diskussionen, Aktionen, Phantasie etc. kollektiv und individuell zu praktizieren versuchte. Subrealisten nannten wir uns, unsere Zeitschrift war die Revolte, und unsere Aktionen wurden in der Zeitschrift dokumentiert. Wir waren stark von den Situationisten beeinflusst und irgendwo am Rand der anarchistischen Bewegung angesiedelt.<\/p>\n<p>Niemandem von uns ging es darum, eine Hegemonie zu konstruieren: Wir bauten uns kein Reich, weder ein intellektuelles noch ein berufliches. Wir blieben &#8222;in Bewegung&#8220;. Wir waren allen Institutionen gegen\u00fcber skeptisch, auch unseren eigenen. So m\u00f6chte ich es gern als Verm\u00e4chtnis formulieren. Der Weg dahin mag durch tempor\u00e4re Scharm\u00fctzel und Rechthabereien gegangen sein, schlie\u00dflich waren wir jung und unerfahren, als wir anfingen.<\/p>\n<p>Aber wenn &#8222;68&#8220; f\u00fcr mich auch heute noch etwas bedeutet, dann dass das unsere Maxime wurde: keine Institution bilden, wohl aber R\u00e4ume gestalten; keine Hegemonie anstreben, wohl aber Analyse und Kritik sch\u00e4rfen; Selbsterm\u00e4chtigung f\u00fcr alle, Toleranz gegen\u00fcber der Selbsterm\u00e4chtigung der anderen &#8211; letzteres sicher die schwierigste Aufgabe einer Vereinigung freier und gleicher Menschen.<\/p>\n<p>Gemeinschaft bilden, keine Herrschaft zulassen. Frei werden f\u00fcr die Freiheit. Die Verwurzelung in der langen Geschichte der Befreiungen sp\u00fcren. Keine Trennungen zwischen &#8222;Politik&#8220; und &#8222;Alltagsleben&#8220;, zwischen Theorie und Praxis, zwischen &#8222;Mann&#8220; und &#8222;Frau&#8220;, zwischen Emotion und Vernunft. Alles sollte sich durchdringen, erg\u00e4nzen, ansto\u00dfen, erweitern.<\/p>\n<p>Das ist mein &#8222;68&#8220;, als gro\u00dfer tiefgreifender Impuls. Dass der Verlag Edition Nautilus es geschafft hat, mehr als vierzig Jahre zu \u00fcberdauern, hat ebenso mit diesem Verst\u00e4ndnis zu tun wie meine Entscheidung, ihn jetzt zu verlassen und in aller Freiheit an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu \u00fcbergeben. Und auch dass ich es geschafft habe, mich in gewisser Hinsicht bis heute als diese selbstbewusste, ungest\u00fcme Frau zu verstehen, die durch all die mitunter sehr schwierigen Versuche, es zu werden, nicht entmutigt wurde, ist eine Folge jenes Impulses. Dass ich stolz sein kann auf diese Traditionslinie, die ich auf meine Art fortf\u00fchren konnte und bis heute voll Begeisterung fortf\u00fchre, daf\u00fcr bin ich der energetischen Explosion von 1968 und all den vielen, die auf ihre Weise gek\u00e4mpft und sich befreit haben, dankbar.<\/p>\n<p><b>Hanna Mittelst\u00e4dt<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Schule ver\u00e4nderte sich das Klima. Die Sch\u00fcler diskutierten untereinander und provozierten die Lehrer im Unterricht. Ich h\u00f6rte zu. Dann bekamen wir einen neuen Sch\u00fcler, der von seinem Gymnasium geflogen war, weil er bei einem Sit-in auf dem Schulhof einen Lehrer am Hosenbein festgehalten hatte. 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