{"id":1755,"date":"1998-02-01T00:00:48","date_gmt":"1998-01-31T22:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1755"},"modified":"2022-07-26T13:34:12","modified_gmt":"2022-07-26T11:34:12","slug":"wiederbelebungsversuch-einer-mumie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/02\/wiederbelebungsversuch-einer-mumie\/","title":{"rendered":"Wiederbelebungsversuch einer Mumie"},"content":{"rendered":"<p>Der Titel des Buches ist Programmatik, doch auch nach dem Buch bleibt f\u00fcr mich die Friedensbewegung, die oft totgesagt wurde, aber nach Buro l\u00e4nger leben soll, ein Phantom. Damit will ich negieren &#8211; und darauf st\u00fctzt Buro seine These von der lebendigen Friedensbewegung &#8211; da\u00df an vielen Orten im wesentlichen unbemerkt von der \u00d6ffentlichkeit Friedensarbeit geleistet wird. Nur: macht das schon eine Bewegung aus?<\/p>\n<p>Buro zeichnet zun\u00e4chst die Entwicklung vom Ende der Ost-West-Konfrontation 1990 bis zur Etablierung der &#8222;neuen Weltordnung&#8220;, die er als unipolare Welt mit der hegemonialen Milit\u00e4rmacht USA analysiert, nach. Bereits bei der Beschreibung der Positionen der Friedensbewegung der 80er Jahre legt Buro das Schwergewicht auf reformistische Konzepte des &#8222;Gemeinsamen Haus Europas&#8220;. Doch auch durch Wiederholung werden diese Konzepte, die sich im wesentlichen auf eine geb\u00e4ndigte Staatsordnung und die &#8222;friedliche Koexistenz unterschiedlicher Systeme&#8220; st\u00fctzen, nicht realistischer. Buro bleibt in seiner Auseinandersetzung mit Staatlichkeit an sich stets oberfl\u00e4chlich, analysiert Krieg im wesentlichen unter milit\u00e4rischen und \u00f6konomischen Gesichtspunkten. Die Frage, ob Staat an sich nicht mit Frieden inkompatibel ist, klammert Buro systematisch aus, und dies ist auch notwendig, damit er sp\u00e4ter seine Alternative der zivilen Konfliktbearbeitung entwickeln kann.<\/p>\n<p>Buros Wiederbelegungsversuch der Friedensbewegung st\u00fctzt sich im wesentlichen auf vier Bereiche, in denen sich seiner Ansicht nach das Phantom materialisiert: die Kampagne Bundesrepublik ohne Armee (B.o.A.), das Engagement in Ex-Jugoslawien und in der T\u00fcrkei, die Zivile Konfliktbearbeitung.<\/p>\n<p>Mir ist wirklich schleierhaft, womit Buro S\u00e4tze wie &#8222;Seit dem Fr\u00fchjahr 1990 sind die W\u00fcrfel gefallen. Die Kampagne &#8218;Bundesrepublik ohne Armee&#8216; wird zum Fokus f\u00fcr die gemeinsamen Anstrengungen aus ganz unterschiedlichen Positionen und Anstrengungen heraus&#8220; begr\u00fcnden will. Auch wenn ich sicherlich nicht alles mitbekomme, was im friedenspolitischen Bereich passiert, so ist mir zwar die B.o.A.-Kampagne durchaus bekannt, doch irgendeinen Fokus auf diese Kampagne konnte ich beim besten Willen nicht feststellen.<\/p>\n<p>Beim Thema Ex-Jugoslawien kann ich Buro noch am ehesten zustimmen, da\u00df hier ein Schwerpunkt friedenspolitischer Arbeit lag, wobei ich hier kritisch die absolute Niederlage der Friedensbewegung hinsichtlich der Abwehr von &#8218;out-of-area&#8216; kritisieren w\u00fcrde. Und diese Niederlage ist zumindest teilweise hausgemacht: die \u00fcberwiegende &#8218;Auswanderung&#8216; der Friedensbewegung nach Ex-Jugoslawien hat innerhalb der BRD den Milit\u00e4rs das Feld \u00fcberlassen. Das sich auf die &#8222;Interventionismus-Diskussion&#8220; \u00fcberhaupt einzulassen, war wahrscheinlich der gr\u00f6\u00dfte strategische Fehler der Bewegung, der sie in die Defensive gedr\u00e4ngt hat und es erm\u00f6glichte, da\u00df Politik und Milit\u00e4r nicht nur die Themen, sondern auch die Erfolgsma\u00dfst\u00e4be vorgeben konnten &#8211; und somit alle gewaltfreien Alternativen automatisch zum Scheitern verurteilt waren.<\/p>\n<p>Damit will ich das Engagement in Ex-Jugoslawien selbst \u00fcberhaupt nicht schm\u00e4lern, doch hilft es einer Bewegung nicht, wenn Mi\u00dferfolge und Fehler zugekleistert werden. Nur eine offene und schonungslose Analyse solcher Fehler hilft, diese in Zukunft zu vermeiden.<\/p>\n<p>Buros derzeitiges Steckenpferd ist die Zivile Konfliktbearbeitung, die er u.a. durch einen &#8222;Zivilen Friedensdienst&#8220; eingef\u00fchrt sehen will. Hier r\u00e4cht sich seine Nichtbeachtung der Frage nach der Staatlichkeit. Auch wenn Buro anerkennt, da\u00df Staaten eigene milit\u00e4rische und \u00f6konomische Interessen haben k\u00f6nnen, die einer Zivilen Konfliktbearbeitung entgegenstehen, so fordert er doch gerade den Aufbau staatlicher oder \u00fcberstaatlicher Strukturen zur Zivilen Konfliktbearbeitung: UNO, Organisation f\u00fcr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Organisation f\u00fcr afrikanische Einheit (OAU) usw. Mir ist unverst\u00e4ndlich, woher Buro sein Vertrauen in diese Strukturen nimmt, trotz der Rolle, die diese Organisationen in der Vergangenheit bei milit\u00e4rischen Interventionen gespielt haben.<\/p>\n<p>F\u00fcr die gesellschaftliche Komponente Ziviler Konfliktbearbeitung sieht Buro einen Zivilen Friedensdienst (ZFD) vor, der allerdings wiederum staatlich finantiert werden soll. Auch wenn Buro weit entfernt ist von jeglichen Zwangsdienstmodellen eines Zivilen Friedensdienstes, wie sie im &#8222;Forum Ziviler Friedensdienst&#8220; ja auch schon diskutiert wurden, so bleibt sein Konzept des ZFD doch sehr undeutlich &#8211; was vielleicht auch am Charakter des Buches liegen mag, das doch so eine Art Rundumschlag ist.<\/p>\n<p>Totgesagte leben l\u00e4nger, so Buro. Doch vielleicht leben sie nur als Mythos, fern jeder Realit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Titel des Buches ist Programmatik, doch auch nach dem Buch bleibt f\u00fcr mich die Friedensbewegung, die oft totgesagt wurde, aber nach Buro l\u00e4nger leben soll, ein Phantom. 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