{"id":17551,"date":"2018-06-01T00:00:00","date_gmt":"2018-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/zeugnisse-aus-den-vietnamkriegen\/"},"modified":"2020-12-12T16:51:02","modified_gmt":"2020-12-12T14:51:02","slug":"zeugnisse-aus-den-vietnamkriegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/zeugnisse-aus-den-vietnamkriegen\/","title":{"rendered":"Zeugnisse aus den Vietnamkriegen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wu Ming, das Pseudonym f\u00fcnf italienischer Schriftsteller mit dem Lebensschwerpunkt Bologna <span lang=\"de-DE\">((1))<\/span>, bedeutet je nach Betonung \u201eohne Namen\u201c oder auch \u201ef\u00fcnf Namen\u201c. Der Gedanke dabei: Jedes literarische Schaffen wird von den Gedanken einer Vielzahl von Menschen getragen, so dass jedes Werk durch viele entsteht. Gemeinsam fischen die Wu Ming Autoren vergessene Geschichten des Widerstandes gegen Ausbeutung und Herrschaft aus dem Meer der Zeit und verleihen ihnen mit literarischem K\u00f6nnen und Leidenschaft Gestalt. Ihr Roman \u201eKriegsbeile\u201c, der erstmals 2000 in Italien erschien, wurde vom kongenialen \u00dcbersetzter Klaus-Peter Arnold 2017 im Verlag Assoziation A ins Deutsche \u00fcbertragen. Hier werden Geschichten der italienischen Partisanen und der antiimperialistischen Vietminh geschildert, die sprachlos zur\u00fccklassen und hoffentlich dazu beitragen werden, sich erneut mit der Geschichte Vietnams zu besch\u00e4ftigen, dessen Befreiungskrieg gegen den franz\u00f6sischen und dann den US-amerikanischen Imperialismus einer der Ausl\u00f6ser f\u00fcr die antiautorit\u00e4ren Revolten in Europa und den USA vor f\u00fcnfzig Jahren war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wu Ming verweigert seinem eigenen Werk die Bezeichnung \u201eRoman\u201c und nennt es \u201eerz\u00e4hlendes Objekt\u201c, denn es beinhaltet drei ineinander verwobene Erz\u00e4hlstr\u00e4nge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst macht sich der fiktive Anwalt Daniele, ein Alter Ego der f\u00fcnf Wu Ming Autoren, in der Gegenwart bzw. j\u00fcngsten Vergangenheit auf die Suche nach noch lebenden Partisanen, die gegen Ende des 2. Weltkrieges, aber noch vor dem Eintreffen alliierter Truppen viele norditalienische D\u00f6rfer und St\u00e4dte von der Herrschaft der Faschisten und deutschen Besatzer befreiten. Doch \u00e4hnlich wie in der Bundesrepublik, wo in den ersten Nachkriegsjahrzehnten kommunistische AntifaschistInnen oft vor Richtern standen, die als Nazis Karriere gemacht hatten, so mussten auch in Italien hunderte PartisanInnen zumindest eine Weile abtauchen, um den Verfolgungen der bald wieder im Staatsapparat t\u00e4tigen Faschisten und ihrer Sympathisanten zu entgehen. Nicht wenige von ihnen gingen in die Ostblockstaaten, vor allem in die Tschechoslowakei oder ins eigenst\u00e4ndige Jugoslawien, einige fanden aber auch den Weg in das damalige Indochina, wo von 1946 bis 1954 Frankreich einen Krieg um sein Kolonialreich f\u00fchrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie der aus armen Verh\u00e4ltnissen stammende Vitaliano Ravagli, der bereits als zehnj\u00e4hriges Kind gegen die Faschisten ums \u00dcberleben k\u00e4mpfen musste, in den Dschungel Indochinas findet, wird von ihm selbst in den Kapiteln \u201eWege des Hasses\u201c geschildert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie Wu Ming in einem in der deutschen Ausgabe enthaltenen Nachwort von 2005 preisgeben, ist dies das Herz ihres Projektes: \u201eDie wahre Stimme in dieser &#8218;Roman- Biographie&#8216; ist die von Vitaliano Ravagli. Jedes Mal, wenn seine Geschichte wiedergelesen oder wiedererz\u00e4hlt wird, steht man ob der Kraft dieser Geschichte mit offenem Mund da. Sie zeugt vom langen Atem einer Odyssee, die von einem Fl\u00fcsschen wie dem Senio bis zum Mekong reicht, vom Widerstand in Italien bis zu den postkolonialen Befreiungsk\u00e4mpfen. Es ist die Geschichte eines Menschen, der hin- und hergerissen zwischen zwei Epochen und zwei Kontinenten kaum in der Lage ist, wieder an das Band eines von unglaublichem Leid gepr\u00e4gten Lebens anzukn\u00fcpfen. Ein Mensch, der eine lupenreine Romanfigur w\u00e4re, w\u00fcrde er nicht lebendig neben uns stehen.\u201c (Seite 438) Wobei \u201eKriegsbeile\u201c nat\u00fcrlich die oft kommunistisch orientierten italienischen Partisanen w\u00fcrdigt, aber letztlich alles andere als Werbung f\u00fcr kommunistische Parteiideologie ist. So stellt Vitaliano Ravagli einer Parteischule in Bologna der KPI in den sp\u00e4ten 40 Jahren folgendes Zeugnis aus: \u201eDann redeten sie nur noch von Marx und Engels. Sie lehrten mich die Geschichte des Marxismus, die Entstehung der Arbeiterklasse und wie man sich gegen die Macht des Kapitals verteidigt. F\u00fcr mich waren sie selbst Kapitalisten. Sie hatten es geschafft, sie waren gut gekleidet, die Jungs mit Jacke und Krawatte.\u201c (Seite 207)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der dritte Teil der \u201eKriegsbeile\u201c sind die Reportagen \u201eDrei Br\u00fcder, Onkel Ho und Uncle Sam Zwangslose Darstellung der Geschichte der Kriege in Indochina. Vietnam\u201c. Es geht um den ersten der beiden Vietnamkriege, jener gegen Frankreich (1946-1954), doch auch der \u00dcbergang zu dem zweiten Krieg gegen die USA nimmt Konturen an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Erg\u00e4nzung hierzu sei der 2017 ver\u00f6ffentlichte Augenzeugenbericht \u201eDamals in Vietnam\u201c (1967-1973) von Irene und Gerhard Feldbauer empfohlen. Denn man mag zur DDR stehen wie man will, im Gegensatz zur BRD, die die Verbrechen gegen die Menschlichkeit der USA unmittelbar unterst\u00fctzte, berichteten die Journalisten aus der DDR unter anderem f\u00fcr das Neue Deutschland aus Nordvietnam und r\u00fcttelten so die \u00d6ffentlichkeit wach. Nur mit Fotoapparat (Irene Feldbauer) bzw. Stift, Papier, Schreibmaschine und Faxger\u00e4t \u201ebewaffnet\u201c erlebten sie das Fl\u00e4chenbombardement von Nordvietnam durch die USA und riskierten jeden Tag ihr Leben. \u201eAmerikanische Journalisten waren in Hanoi nicht vertreten\u2026 So gingen auch hunderte Fotos von Irene vor allem \u00fcber UPI, aber auch Reuter, um die Welt\u201c, so Gerhard Feldbauer, der heute als Autor unter anderem f\u00fcr die \u201ejunge Welt\u201c aktiv ist, wo er u.a. \u00fcber Italien und die dortige antifaschistische Tradition berichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In beiden Publikationen werden die Anf\u00fchrer der vietnamesischen Befreiungsarmee vorgestellt: Vo Nguyen Giap (1911-2013) und Ho Chi Minh (Urspr\u00fcnglich Nguyen Tat Thanh 1890 -1969) der Mann, der als mittelloser Einwanderer ab 1917 in Frankreich kommunistischer Revolution\u00e4r wurde, in seine Heimat zur\u00fcckkehrte, um einen Jahrzentelangen Befreiungskampf zu f\u00fchren und der seinen einfachen Lebensstil beibehaltend auch nach dem Sieg seiner Guerillaarmee in Nordvietnam in einem bescheidenen Holzhaus in Hanoi lebte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei ist zu kritisieren, dass Wu Ming die Art und Weise der ersten Landreform in Nord-vietnam lediglich einen \u201eunerkl\u00e4rlichen Fehler\u201c nennt. Zwar werden hier wenigstens nicht mit den \u00fcblichen Spr\u00fcchen der \u201eNotwenigkeit\u201c Verbrechen besch\u00f6nigt und sicher ist es auch so, dass die Unterst\u00fctzung der Bauern durch die Kommunisten bei der kollektiven Aneignung des Landes die Grundlage bildete, dass sich die Menschen in Nord- und S\u00fcdvietnam gegen die Kolonialherren wehrten. Dennoch: Viele Tausend wurden hier ermordet, (und damit meine ich auch jene wenigen, die wirklich Gro\u00dfgrundbesitzer waren, nicht nur die vielen, die einfach nur das Pech hatten, denunziert zu werden.) Da &#8211; und auf Seiten der Vietnimh nicht nur da -, muss man, wenn man Terror und Gewalt aufarbeiten will, schon etwas tiefer gehen. Hier h\u00e4tte ich mir ein Eintauchen in die Widerspr\u00fcchlichkeit der autorit\u00e4ren Beschaffenheit von (Befreiungs-)Armee und Staat gew\u00fcnscht, der jederzeit bestehenden Gefahr des Machtmissbrauchs und der Willk\u00fcr. Denn es hilft nicht der Hinweis, dass die Unmenschlichkeiten unter dem Marionettenregime der USA in S\u00fcdvietnam ein weit gr\u00f6\u00dferes Ausma\u00df besa\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl der Massenmord durch den Bombenkrieg der USA nicht aus den Augen geraten darf. Der Vietnamkrieg brachte etwa vier Millionen den Tod, die Mehrheit von ihnen ZivilistInnen, abgeworfene Chemikalien vergifteten und ver\u00e4tzten zwei Millionen Vietnamesen und weitere zwei Millionen verloren Gliedma\u00dfen oder wurden anders schwer verletzt, dazu kommen die 58.220 gefallenen US-Soldaten, die H\u00e4lfte von ihnen unter 21 Jahre oder j\u00fcnger <span lang=\"de-DE\">((2))<\/span>. \u00dcber Nordvietnam werden ab 1964 von den USA mehr Bomben abgeworfen als im gesamten 2. Weltkrieg, in der ganzen Region verbrennen 400.000 Tonnen Napalm alles, was lebt. Nachdem bei dem Massaker von My Lai in US-Uniformen gekleidete M\u00f6rder \u00fcber 500 Frauen und Kinder, das ganze Dorf, ausl\u00f6schten, musste keiner der Soldaten ins Gef\u00e4ngnis. (Der angeklagte befehlshabende Offizier William Calley stand lediglich einige Zeit unter Hausarrest.) In den USA wehten am 31. M\u00e4rz 1971 vielerorts die Fahnen auf Halbmast, doch nicht etwa wegen den grauenvollen Morden, sondern weil Leutnant Calley in erster Instanz verurteilt worden war. (Er wurde auf Anweisung von Pr\u00e4sident Nixon aus der Haft entlassen und sp\u00e4ter begnadigt). <span lang=\"de-DE\">((3))<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Skrupellosigkeit und der Zynismus der Verantwortlichen in den USA wurde auch noch Jahre nach ihrer Niederlage gegen den Vietcong 1975 in Saigon und der Wiedervereinigung Vietnams 1976 deutlich: Zu Beginn des Jahres 1979 besiegten vietnamesische Truppen in einem kurzen, nur zwei Wochen w\u00e4hrenden Krieg Pol Pots \u201eKhmer Rouge\u201c in Kambodscha, die sich wie ihre Nachbarn Kommunisten nannten, obwohl sie das eigene Volk auf den \u201ekilling fields\u201c massakrierten. Die Armee Vietnams beendete den Massenmord des Pol Pots Regimes, der ca. 1,7 Millionen Menschen, ein F\u00fcnftel der Bev\u00f6lkerung das Leben gekostet hatte <span lang=\"de-DE\">((4))<\/span>. Die Reaktion der US- Administration und zwar jener USA, die wenige Jahre zuvor Laos, Vietnam und eben auch Kambodscha (50.000 Tote) bombardiert hatte, war die Verurteilung Vietnams mit den Worten \u201eWir k\u00f6nnen milit\u00e4rische Gewalt au\u00dferhalb des eigenen Territoriums weder billigen noch unterst\u00fctzen.\u201c <span lang=\"de-DE\">((5))<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich wurde Massenm\u00f6rder Pol Pot auch nach seiner Flucht in das Grenzgebiet zu Thailand von US-Amerikanern und nicht nur von diesen gef\u00f6rdert. <span lang=\"de-DE\">((6))<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und noch etwas: Ravangli hat in den Urw\u00e4ldern Laos m\u00f6glicherweise auch gegen fr\u00fchere deutsche Besatzer seiner Heimat Italiens gek\u00e4mpft, denn im Jahre 1954 waren die H\u00e4lfte der Franz\u00f6sischen Fremdenlegion ehemalige Angeh\u00f6rige der Waffen-SS und Wehrmachtssoldaten, die nach dem Willen der franz\u00f6sischen Kolonialmacht ihre Erfahrungen im Kampf gegen die antifaschistischen Partisanen Italiens und des Balkans nun gegen die Vietminh anwenden sollten. <span lang=\"de-DE\">((7))<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So bewegend \u201eKriegsbeile\u201c auch geschrieben ist, sollte es nicht von Jugendlichen gelesen werden. Besonders im 2. Teil werden entsetzliche Gr\u00e4uel beschrieben, die sich als albtraumhafte Bilder in das Ged\u00e4chtnis einbrennen k\u00f6nnen. Auch die Erinnerungen der Feldbauers zeigen den Krieg in seiner ganzen Monstrosit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKriegsbeile\u201c kn\u00fcpft von der Wucht der Erz\u00e4hlung her an die Romane \u201eQ\u201c und \u201eAltai\u201c an, sp\u00e4tere Generationen werden die Bedeutung der Romane von Luther Blisset und Wu Ming mit der von Hemingways \u201eWem die Stunde schl\u00e4gt\u201c (1940) oder Victor Hugos \u201eLes Mis\u00e9rables\u201c (1862) vergleichen. Der heutige Literarturbetrieb kann dies nicht erkennen, da er in seiner Mehrheit dem Sog zwanghafter kapitalistischer Verwertung verpflichtet ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Oliver Steinke<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wu Ming, das Pseudonym f\u00fcnf italienischer Schriftsteller mit dem Lebensschwerpunkt Bologna ((1)), bedeutet je nach Betonung \u201eohne Namen\u201c oder auch \u201ef\u00fcnf Namen\u201c. Der Gedanke dabei: Jedes literarische Schaffen wird von den Gedanken einer Vielzahl von Menschen getragen, so dass jedes Werk durch viele entsteht. 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