{"id":17556,"date":"2018-06-01T00:00:00","date_gmt":"2018-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/rojava-nach-der-tuerkischen-invasion-in-afrin\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:01","slug":"rojava-nach-der-tuerkischen-invasion-in-afrin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/rojava-nach-der-tuerkischen-invasion-in-afrin\/","title":{"rendered":"Rojava &#8211; nach der t\u00fcrkischen Invasion in Afrin"},"content":{"rendered":"<h3>Bagdad, Sinjar, M\u00e4rz 2018<\/h3>\n<p>Nach sechsst\u00fcndiger Fahrt von Bagdad \u00fcber zum Teil zerst\u00f6rte Stra\u00dfen und nach dem Passieren unz\u00e4hliger Kontrollpunkte, erreichen wir Mosul. Zerbombte H\u00e4user und Stra\u00dfenz\u00fcge zeichnen die vormalige Millionenstadt. Zwei weitere Stunden bis Khanasur. Fr\u00fcher lebten hier 45.000 Menschen &#8211; bis zum 3. August 2014, als der IS \u00fcber die Jesiden in der Region Schengal\/Sinjar herfiel. Die Peschmerga, f\u00fcr die milit\u00e4rische Verteidigung im kurdischen Teil des Iraks zust\u00e4ndig, flohen und \u00fcberlie\u00dfen die Menschen dem IS, der mordete, vergewaltigte und versklavte. Heute leben in der Stadt nur noch 3.000 Menschen. Der Genozid an den Jesiden forderte abertausende Opfer, die Sch\u00e4tzungen der entf\u00fchrten und versklavten Frauen und Kinder belaufen sich auf \u00fcber 10.000, viele Menschen \u00fcberlebten nur, weil sie sich, ums nackte Leben rennend, in die nahen Berge retteten. Wir sto\u00dfen auf Menschen, deren Erz\u00e4hlungen mit erschreckender Deutlichkeit klarmachen, dass die erlittenen \u00c4ngste und Qualen, nicht mit der Befreiung vom IS endeten. Syrische YPG- und t\u00fcrkische PKK-Einheiten vertrieben im Mai 2017 den IS, aber die seelischen Verletzungen blieben, ebenso wie die grauenhafte Ungewissheit \u00fcber den Verbleib tausender Frauen und Kinder.<\/p>\n<p>Beim Besuch der kleinen Klinik, betrieben von der regionalen Selbstverwaltung der jesidischen Kurden der Region, sprechen wir mit dem anwesenden gyn\u00e4kologischen Kollegen und der Allgemein\u00e4rztin. \u00dcber sechzig Kranke pro Tag suchen um Hilfe nach, die einzige \u00f6ffentliche Anlaufstelle der Region ist mehr schlecht als recht ausgestattet. Es existiert kein R\u00f6ntgenger\u00e4t, ebenso wenig wie ein OP, alle schwerer Erkrankten m\u00fcssen \u00fcber eineinhalb Stunden ins n\u00e4chste Krankenhaus transportiert werden. Eine psychologische Hilfe f\u00fcr die traumatisierten Menschen gibt es nicht, so die \u00c4rztin. Die KollegInnen und die Mitglieder der jesidischen Selbstverwaltung f\u00fchlen sich im Stich gelassen, vergessen von den M\u00e4chtigen der Politik. Bagdad ist weit und toleriert gerade mal so die Selbstverwaltungsstrukturen, die sich an das Gesellschaftsmodell Rojavas in Nordsyrien anlehnen. Um die Ausdehnung der jesidischen-kurdischen Autonomie zu begrenzen, verlegte die Regierung nach dem unr\u00fchmlichen Abzug der Peschmerga, schiitische Milizsoldaten in das Gebiet. Von weiterer materieller Unterst\u00fctzung jedoch keine Spur, Sinjar-Stadt, die ehemals gr\u00f6\u00dfte Ansiedlung der Region, liegt zu gro\u00dfen Teilen in Tr\u00fcmmern. Wir besuchen eine Schule, zerbrochene Fenster durch die der Wind pfeift, w\u00e4hrend sich frisch ausgebildete LehrerInnen um Unterricht bem\u00fchen.<\/p>\n<p>Die Fahrt hinauf ins 1550 Meter hohe Gebirge f\u00fchrt uns vorbei an Gr\u00e4bern der get\u00f6teten K\u00e4mpfer und K\u00e4mpferinnen, die den R\u00fcckzug der vor dem IS fliehenden Menschen deckten und anderen, die vor nicht mal einem Jahr die islamischen Fundamentalisten aus dem Gebiet vertrieben. In den hochgelegenen T\u00e4lern stehen hunderte Zelte, in denen, unter den extremen Witterungsbedingungen leidend, Fl\u00fcchtlinge auf eine ungewisse Zukunft sehen. Die einzige \u00c4rztin hier oben, arbeitet unentgeltlich in der kleinen, aus Containern bestehenden Station. Die Helferinnen und die Kollegin selbst, versuchen die marginale Ausstattung durch Enthusiasmus und Durchhalteverm\u00f6gen wettzumachen. Die Menschen, vor allem Frauen mit kleinen Kindern, stehen geduldig Schlange, bis sie behandelt werden. Auf dem Gipfel des Gebirges ein jesidisches Heiligtum, Zeugnis einer Jahrtausende alten Kultur, die unz\u00e4hligen m\u00f6rderischen Anfeindungen ausgesetzt, um ihr \u00dcberleben k\u00e4mpft. Nach den Attacken des IS, leben von den 600.000 Jesiden, die im Schengal lebten, um die 330.000 in Fl\u00fcchtlingslagern, weitere 200.000 im Ausland, nur 120.000 leben noch vor Ort. Immer wieder fahren wir an D\u00f6rfern vorbei, in denen niemand mehr lebt. Bis zu 14.000 Menschen fielen dem Morden des IS zum Opfer, erz\u00e4hlt uns unser Begleiter Hassan. Viele Orte k\u00f6nnen immer noch nicht betreten werden &#8211; die Minen, eine Hinterlassenschaft des IS, sind immer noch scharf und t\u00f6ten. Wir diskutieren lange dar\u00fcber, wie das Prinzip der Nachhaltigkeit unter den hiesigen Umst\u00e4nden umsetzbar w\u00e4re. Unterst\u00fctzung von Ausbildung und Gesundheitshilfe sind der entscheidende Ansatz. Die Finanzierung eines weiteren Arztes f\u00fcr einen l\u00e4ngeren Zeitraum w\u00e4re sinnvoll, flankiert von einer besseren Ausstattung der Klinik. Ebenso w\u00e4re eine Verbesserung der Schulausstattung hilfreich, auch mit zeitgem\u00e4\u00dfen Materialien. Beides nicht als Einmalhilfe, sondern im begleitenden Austausch von Informationen \u00fcber Fort- oder auch R\u00fcckschritte im Entwicklungsprozess. Erfolgreich Hilfe in dieses Gebiet zu bringen, ist unabdingbar an gute stabile Kontakte zu den Strukturen vor Ort gekn\u00fcpft, soll sie nicht wie Wasser im Sand versickern. Die Menschen, die uns begegnen, ihr Bem\u00fchen um Wiederaufbau, ihre trotz aller Widrigkeiten beeindruckender Durchhaltewillen, sind ein Moment der Hoffnung. Alle Gespr\u00e4che, die wir f\u00fchren, sind jedoch \u00fcberschattet von den Nachrichten aus Afrin. Die t\u00fcrkischen Angriffe seit Januar dieses Jahres belasten die Menschen im Schengal in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur die Verbundenheit zu ihren kurdischen und jesidischen Br\u00fcdern und Schwestern in Afrin ist es, sondern die als ganz konkrete Gefahr empfundene M\u00f6glichkeit, dass die T\u00fcrkei auch ihr Gebiet attackieren k\u00f6nnte. Sei es durch Bombardierungen von milit\u00e4rischen Stellungen der PKK, was nichts Neues w\u00e4re, oder auch durch milit\u00e4rische Interventionen am Boden.<\/p>\n<h3>Quamishlo &#8211; Rojava\/Nordsyrien&#8230;<\/h3>\n<p>Nach der Grenz\u00fcberquerung und mehreren Stunden Weiterfahrt, befinde ich mich im Hauptquartier von Heyva sor a kurd in Quamishlo, der Hauptstadt des Gebietes Rojava. Eigentlich hatte ich hier nur einen Zwischenstopp eingeplant. Die urspr\u00fcngliche Absicht von hier aus bis nach Afrin weiter zu reisen, um die vor Ort befindlichen Kr\u00e4fte vom kurdischen Halbmond zu unterst\u00fctzen, war jedoch unm\u00f6glich geworden. Die t\u00fcrkische Armee und ihre fundamental-islamistischen Hilfstruppen hatten Afrin-Stadt gest\u00fcrmt, hunderttausende Menschen sind auf der Flucht. Mit Beginn der t\u00fcrkischen Offensive am 20. Januar 2018, entsandte Hsak aus Cesire, dem \u00f6stlichen gelegenen Kanton Rojavas, mehrere Rettungswagen mit Besatzung nach Afrin, um die dort t\u00e4tigen Rettungskr\u00e4fte zu verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Cemila Heme, Co-Vorsitzende von Heyva Sor, die bei dieser Mission dabei war, trifft am selben Abend wie ich in Quamishlo ein. Die Ersch\u00f6pfung ist ihr anzusehen, sie berichtet \u00fcber andauernden Beschuss und Bombardierungen durch die t\u00fcrkische Luftwaffe. Sie schildert die Situation der letzten Tage in Afrin-Stadt, kurz bevor die t\u00fcrkische Armee einr\u00fcckte. Nach der Zerst\u00f6rung der umliegenden Ortschaften durch die vorr\u00fcckende t\u00fcrkische Armee und ihre Hilfstruppen, befinden sich mehrere hunderttausend Menschen in der Stadt. Seit Tagen schlagen Bomben im Zentrum der Stadt ein, auch das Krankenhaus der Stadt wurde angegriffen und getroffen, so wurde u.a. die Apotheke der Klinik schwer besch\u00e4digt. Zahlreiche Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, wurden get\u00f6tet. Schon vor dem forcierten Beschuss der Stadt starben um die 300 ZivilistInnen. Die Zahl der Opfer stieg in den letzten Tagen durch den Beschuss der Innenstadt deutlich an, Leichen l\u00e4gen in den Stra\u00dfen. Viele Menschen wurden durch den Beschuss und die Bombardements in den Tr\u00fcmmern der zusammengest\u00fcrzten H\u00e4usern begraben. Auch HelferInnen und Verletzte wurden beschossen, ein verletztes Kind wurde vor den Augen der nahenden Retter von einer Bombe zerrissen. Hunderttausende Menschen sind dabei die Stadt zu verlassen, die kurdischen Selbstverteidigungskr\u00e4fte der YPG haben die BewohnerInnen \u00fcber die Lautsprecher der Moscheen aufgefordert die Stadt zu verlassen. Eine medizinische Versorgung ist nicht mehr gegeben, ebenso ist schon seit geraumer Zeit die Wasserversorgung der Stadt durch gezielte Unterbindung durch t\u00fcrkische Kr\u00e4fte gestoppt.<\/p>\n<p>Auch die Fluchtwege aus der Stadt liegen im Feuerbereich t\u00fcrkischer Waffen, Hilfstransporte wurden in den vergangenen Tagen unter Feuer genommen, auch Rettungswagen von Hsak. Die Menschen fliehen unter schwierigsten Bedingungen, zudem ist es kalt und regnerisch. Cemila Heme f\u00fcrchtet um das Leben Tausender, die unter diesen Umst\u00e4nden Afrin verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. Die meisten fliehen in die an Afrin angrenzende Region Schahba, die noch teilweise unter Kontrolle der kurdischen Selbstverteidigungseinheiten steht. Weiter zu fliehen ist noch schwieriger. Da Afrin getrennt von den \u00f6stlich gelegenen, kurdisch kontrollierten Gebieten um Manbidsch (Minbij) und Kobane liegt, m\u00fcssen Geflohene das Gebiet des Assad-Regimes durchqueren, wenn sie nicht sowieso die Flucht in die im Westen der Stadt gelegenen kurdischen Stadtviertel Aleppos antreten, in denen das Assad-Regime herrscht. Cemila berichtet, dass die fliehenden und ver\u00e4ngstigten Menschen von Assad-Truppen beim Betreten des Gebiets gezwungen werden Geld abzugeben, der Preis f\u00fcr ein Menschenleben betr\u00e4gt ca. 1200 Dollar, ersatzweise auch Schmuck, wenn kein Geld vorhanden ist.<\/p>\n<p>Cemila ist, obwohl sie fix und fertig ist, bereit ihre Erlebnisse vor der Kamera in Form eines Interviews wiederzugeben. Unter Tr\u00e4nen schildert sie ihre Eindr\u00fccke und entschuldigt sich bei den unter den Tr\u00fcmmern begrabenen Opfern daf\u00fcr, sie nicht habe retten zu k\u00f6nnen.\u00a0((1))\u00a0W\u00e4hrend Heyva sor in aller Eile einen Hilfkonvoi zusammenstellte, arbeitete ich verzweifelt daran, Informationen nach Deutschland und an die internationale Presse durchzugeben. Das Interview Cemilas, auf heute.de ver\u00f6ffentlicht, wurde zum Auftakt einer umfangreichen Informationskampagne.<\/p>\n<p>Der Angriff der t\u00fcrkischen Armee auf Afrin am 20. Januar 2018, mit dem zynischen Namen &#8222;Operation Olivenzweig&#8220;, war die zweite gro\u00dfangelegte offene milit\u00e4rische Intervention der Regierung Erdo\u011fan auf syrischem Boden. Bereits im August 2016 r\u00fcckte die t\u00fcrkische Armee in Syriens Norden ein und trieb einen Keil zwischen die kurdischen Kantone Efrin (Afrin) im Westen und Kobane. Der damalige Einmarsch richtete sich offiziell gegen den IS und gegen die YPG, die kurdischen Selbstverteidigungseinheiten. Vor allem jedoch, ging es mit der Euphrat Shield genannten Offensive darum, den Zusammenschluss des westlichen kurdischen Kontons Efrin mit den \u00f6stlichen Gebieten um Kobane und die vom IS zur\u00fcckeroberte Stadt Manbidsch zu verhindern.<\/p>\n<h3>Das Elend erreicht einen neuen H\u00f6hepunkt<\/h3>\n<p>Mit der Besetzung Afrins geht das Morden und Sterben weiter. Rund 21 Millionen EinwohnerInnen lebten in Syrien, ca. 500.000 kamen ums Leben, ca. elf Millionen sind auf der Flucht, f\u00fcnf Millionen davon im Ausland.<\/p>\n<p>Der Angriff auf Afrin traf eine relativ ruhige Region des B\u00fcrgerkriegs. In die von gro\u00dfer Mehrheit kurdisch bewohnte Region hatten sich viele Binnenfl\u00fcchtlinge aus anderen Regionen Syriens gerettet. Zudem lebte in Afrin eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe jesidischer Menschen, die sich hier sicher glaubten, bis der Angriff der T\u00fcrkei mit fundamentalistischen Hilfstruppen erfolgte, die gerade diese Bev\u00f6lkerungsgruppe in Angst und Schrecken versetzte.<\/p>\n<p>Die Meldungen, die uns in Quamishlo aus der Region Afrin erreichten, waren schrecklich. Hunderttausende seien in Bewegung, verfolgt von den Invasionstruppen, viele mit wenig mehr als dem was sie auf dem Leibe tragen. Der in aller Eile zusammengestellte Hilfskonvoi umfasste ca. 40 schwere Lastwagen mit H\u00e4ngern, mehrere Rettungswagen und eine rudiment\u00e4re mobile Klinik. Die Lastwagen kamen aus Quamishlo, Kobane und anderen Orten, Treffpunkt war Manbidsch. Dort mussten wir \u00fcber Nacht bleiben, bis alle eingetroffen waren. Hinter der Stadtgrenze beginnt das Herrschaftsgebiet des Assad-Regimes. Genauer gesagt das Gebiet, das durch Assad-Truppen sowie russische und iranische Einheiten kontrolliert wird.<\/p>\n<p>Es dauerte viele Stunden, bis der Konvoi die Genehmigungen der verschiedenen milit\u00e4rischen Instanzen erhielt, um \u00fcberhaupt losfahren zu k\u00f6nnen, um kurz danach weitere Stunden von syrischem Milit\u00e4r und auch russischen Soldaten kontrolliert zu werden. Erst dann brachte uns eine Eskorte \u00fcber schier endlos erscheinende Pisten und Stra\u00dfen unter Umfahrung des t\u00fcrkisch besetzten Gebiets des Euphrat-Shields, an Aleppo vorbei, in die N\u00e4he der Stadt Tal Rifad, Grenze Afrin-Gebiet, Schahba Region. \u00dcber Nacht bis in den fr\u00fchen Morgen des n\u00e4chsten Tages wurden die Lastwagen entladen, die Rettungswagen brachen zu den Geflohenen auf. Hier best\u00e4tigten sich f\u00fcr uns die Berichte, die wir zuvor geh\u00f6rt und weitergegeben hatten. Tausende kampierten noch unter freiem Himmel, darunter viele Kinder und schwangere Frauen. Es fehlte an allem, Nahrung, medizinischer Versorgung, Trinkwasser und auch an M\u00f6glichkeiten der Hygiene. Viele Menschen hatten H\u00e4user besetzt, die leer standen, weil ihre BewohnerInnen in den Jahren zuvor aus Kriegsgr\u00fcnden geflohen waren. Diese H\u00e4user fanden wir \u00fcberbelegt vor, mehrere Familien teilten sich Wohnungen in bedr\u00fcckender Enge. Andernorts entstanden Zeltlager, die regionale Verwaltung planierte Fl\u00e4chen und baute mit allem, was verf\u00fcgbar war, Unterk\u00fcnfte. In der Jahreszeit regnet es nicht selten und Nacht wird es empfindlich kalt. Die Lage war extrem un\u00fcbersichtlich. Zum Zeitpunkt unseres Eintreffens zeigten sich alle lokalen und regionalen kurdischen Strukturen in voller Aktion und solidarisch mit den eingetroffenen Menschen, aber total \u00fcberlastet. Das kleine Krankenhaus des Ortes Ahras z.B. war v\u00f6llig \u00fcberlaufen, Krankenschwestern, PflegerInnen und \u00c4rztInnen des Afriner Krankenhauses waren hierher gefl\u00fcchtet und bem\u00fchten sich um eine Reorganisierung. Von internationaler Hilfe war zu diesem Zeitpunkt weit und breit nichts zu sehen, von wenigen Kr\u00e4ften des Internationalen Roten Kreuzes, die von Aleppo aus zu den Gefl\u00fcchteten vorgedrungen waren, einmal abgesehen. Erst Tage sp\u00e4ter, am 29. M\u00e4rz, wird OCHA (Coordination of Humanitarian Affairs der vereinten Nationen) eine Z\u00e4hlung ver\u00f6ffentlichen, die eine Anzahl von 137.000 Menschen angibt, die allein in dieser Region auf Hilfe angewiesen sind. Die Anzahl der insgesamt geflohenen, bzw. durch die t\u00fcrkische Invasion vertriebenen Menschen d\u00fcrfte deutlich h\u00f6her liegen.<\/p>\n<h3>Propagandaschlacht<\/h3>\n<p>Die Besetzung Afrins durch die t\u00fcrkische Armee und fundamental islamistische Hilfstruppen, wird durch eine Propagandaschlacht ungeheuren Ausma\u00dfes flankiert. Es wird gelogen, Falschinformationen werden gezielt verbreitet, mit dem Ziel, Erdo\u011fans Krieg als &#8222;sauberen Einsatz gegen Terroristen&#8220; dastehen zu lassen. Unter anderem wird behauptet, die Selbstverteidigungseinheiten der YPG h\u00e4tten Fliehende daran gehindert die Region zu verlassen. Bei der Befragung unterschiedlicher ZeugInnen wurde mir jedoch glaubhaft versichert, das Gegenteil sei der Fall gewesen. Vielmehr seien die Menschen aufgefordert worden, dies zum Teil \u00fcber Lautsprecher der Minarette, die Stadt zu verlassen. Dadurch konnte die Anzahl der Opfer reduziert und die v\u00f6llige Zerst\u00f6rung der Stadt vermieden werden.<\/p>\n<p>Ebenso wird von Seiten der Aggressoren hartn\u00e4ckig behauptet, es h\u00e4tte keine oder kaum zivile Opfer gegeben. Unz\u00e4hlige Dokumente bezeugen das Gegenteil. Die Opfer wurden seit Beginn der Auseinandersetzung am 20. Januar zumeist namentlich erfasst und zum Beispiel durch den Kurdischen Roten Halbmond ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Die Dokumentationen wurden mit der Aufforderung zur Hilfe international verbreitet. Erfolglos. Weder die internationale Staatengemeinschaft, noch die EU, ganz zu schweigen von der Bundesregierung, zeigten nennenswerte Reaktionen. Zeitgleich erfolgten Waffenlieferungen an den Natopartner T\u00fcrkei, wurden an das t\u00fcrkische Regime Unsummen zur Fl\u00fcchtlingshilfe gezahlt.<\/p>\n<p>Eingedenk der Tatsache, dass die milit\u00e4rische Intervention der T\u00fcrkei nun gerade erst eine Fluchtbewegung gro\u00dfen Ausma\u00dfes ausl\u00f6st, eine Perversion. Diese Tatsache wurde jedoch noch an politischer Perfidie \u00fcbertroffen, indem man diejenigen, die in Deutschland gegen den Terror auf die Stra\u00dfe gehen, kriminalisiert und drangsaliert, nur weil sie die Symbole der kurdischen Verb\u00e4nde \u00f6ffentlich zeigen, die im B\u00fcndnis mit u.a. den USA den IS vertrieben (die GWR berichtete).<\/p>\n<h3>Nicht bei Regierungen, sondern bei Menschen&#8230;<\/h3>\n<p>Inzwischen spitzt sich die Lage in Afrin, in ganz Syrien, sowie in ganz Nahost auf allen Ebenen weiter zu.<\/p>\n<p>Es mehren sich nicht nur Berichte und Fotodokumentationen von Pl\u00fcnderung der D\u00f6rfer Afrins durch die dschihadistischen Hilftruppen der T\u00fcrkei, sondern es gibt dar\u00fcber hinaus Berichte von Entf\u00fchrungen durch die Besatzungstruppen. Unter den Verschleppten seien auch sehr junge M\u00e4dchen. Menschen, die nach Afrin zur\u00fcckkehren wollten, h\u00e4tten enorme Schwierigkeiten, w\u00fcrden drangsaliert. Gleichzeitig wachsen die Hinweise auf eine geplante demographische Neuordnung der Region. Die zuvor von kurdischen Menschen bewohnten H\u00e4user, w\u00fcrden an andere, vornehmlich arabische und islamistische Familien vergeben. Offen wird in der T\u00fcrkei Afrin als R\u00fcckkehrraum f\u00fcr syrische Fl\u00fcchtlinge gehandelt. Das dabei nicht dem Regime Erdo\u011fan kritisch gegen\u00fcberstehende kurdische Menschen gemeint sind, liegt auf der Hand. Es geht um die Umstrukturierung und Umerziehung der Region Afrin, Filme zeigen Schulkinder mit t\u00fcrkischen Fahnen beim Appell.<\/p>\n<p>Am 7. April wird ein mutma\u00dflicher Giftgaseinsatz in der Kleinstadt Duma in der Region Ost-Ghuta vermeldet. Die Tatsache ob und in welchem Ausma\u00df Giftgas eingesetzt wurde, war von Anfang an umstritten. Erst mit gro\u00dfer zeitlicher Verz\u00f6gerung wird nun von Spezialkr\u00e4ften der Vereinten Nationen der Tatort untersucht. Luftschl\u00e4ge gegen Assads Giftgas-Lager und Fabriken, so die genannten Ziele, erfolgten jedoch prompt und ohne allerdings besagte genaue Untersuchungen abzuwarten. Trump bezeichnete Assad als Monster, Macron sah die Rote Linie \u00fcberschritten. Die USA, Frankreich und Gro\u00dfbritannien zeigten sich als selbst berufene H\u00fcter der politischen Moral gegen\u00fcber dem Assad-Regime. Das alt-bekannte imperialistische Gebaren. Russland spricht von Inszenierung, das Assad-Regime sah sich als unschuldiges Opfer westlicher Aggression.<\/p>\n<p>Die &#8222;Wahrheiten&#8220; jeder Seite sind schnell erfunden und verbreitet. Sie zu verifizieren ist keine Zeit. So wie die einen von Schuld sprechen und Raketen abschie\u00dfen, sprechen sich andere von jeder Verantwortung frei.<\/p>\n<p>Giftgas einzusetzen ist schlimmer als die Pest. Da ist die \u00dcberlebenschance h\u00f6her.<\/p>\n<p>Giftgas wurde in Syrien und im Irak vielfach mit verheerender Wirkung eingesetzt. Laut UNO Untersuchungen wurde sowohl von Regime-Seite, als auch vom IS Giftgas verwendet. Was diesmal geschah, bleibt zu untersuchen. Aber warum halten wir uns nicht an das, was wir wissen und was bekannt ist, wenn es um die Beurteilung von Regimen und Gro\u00dfm\u00e4chten geht?<\/p>\n<p>Afrin wurde mit Duldung von Russland durch die T\u00fcrkei besetzt. Islamistisch-fundamentale Hilfstruppen r\u00fcckten ein, ohne dass die westliche Welt dem NATO-Partner T\u00fcrkei dies erschwerte. Deutsche Waffenlieferungen wurden fortgesetzt, obwohl es sich offensichtlich um eine v\u00f6lkerrechtswidrige Aktion handelte. Das Wohlwollen Russlands gegen\u00fcber der t\u00fcrkischen Intervention, hat zwei Gr\u00fcnde, die Kooperation mit dem NATO-Staat T\u00fcrkei soll das westliche Milit\u00e4rb\u00fcndnis schw\u00e4chen und gleichzeitig weitere Deals mit der T\u00fcrkei, die Einfluss auf die islamistisch-fundamentalistischen Verb\u00e4nde der sogenannten Freie Syrische Armee hat, erm\u00f6glichen. Die T\u00fcrkei unter Erdo\u011fan jonglierte erfolgreich zwischen Russland und ihren Nato-Verb\u00fcndeten und sicherte sich die Zustimmung beider Seiten. Russland, das zuvor den Luftraum \u00fcber Afrin kontrollierte, erm\u00f6glichte durch seinen R\u00fcckzug Luftangriffe und Bombardements, die westlichen Staaten lieferten dazu die Waffen.<\/p>\n<p>Was die deutsche Bundesregierung von sich gab, waren nicht nur Lippenbekenntnisse und Phrasen &#8211; sondern auch handfeste L\u00fcgen. So gab es nie einen Stopp von milit\u00e4rischer Unterst\u00fctzung. Waffenlieferungen im Wert von 4,4 Millionen seit dem Beginn des Krieges gegen Afrin bedeuten eine Mitschuld an der v\u00f6lkerrechtswidrigen Besetzung Afrins durch t\u00fcrkische und fundamentalistische Aggressoren. Die politischen Vertreter und die Verantwortlichen der Politik wissen von diesen Tatsachen. Sie zeigen jedoch die bekannte Ignoranz, Hemmungs- und Skrupellosigkeit. Die Regierung und f\u00fchrende VertreterInnen der Parteien reden davon, Fluchtursachen bek\u00e4mpfen zu wollen,- ihre reale Politik aber, bek\u00e4mpft Menschen und treibt sie in die Flucht.<\/p>\n<h3>In Syrien werden die Claims abgesteckt<\/h3>\n<p>Russland, Iran und das Assad-Regime, die T\u00fcrkei und der Westen parzellieren das Land. Die t\u00fcrkische Aggression w\u00e4re nicht m\u00f6glich ohne die Duldung und Unterst\u00fctzung durch BRD und EU. Es sind nicht nur Waffengesch\u00e4fte, es geht um Einflusszonen, \u00f6konomische Interessen und milit\u00e4rischen Machterhalt. Der Euphrat wird zur Grenze zwischen russischem\/iranischen Machtbereich s\u00fcdlich des Stroms und nordamerikanisch\/europ\u00e4ischer Einflusszone im Norden. Die T\u00fcrkei h\u00e4lt k\u00fcnftig als Regionalmacht ein betr\u00e4chtliches Gebiet im Nord-Westen Syriens. Die kurdische Bewegung wird dabei hemmungslos funktionalisiert. Die jungen Frauen und M\u00e4nner, die ihr Leben und Gesundheit gegen den IS opferten, haben ihren Zweck erf\u00fcllt. Die Einheiten der kurdischen YPG\/YPJ, die den IS effektiv bek\u00e4mpfen und in diesem Zusammenhang als die wichtigsten Verb\u00fcndeten des Westens gelobt werden, wurden verraten und im Stich gelassen. Die Bev\u00f6lkerung Afrins oder vielmehr ganz Rojavas, die praktizierte Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Ans\u00e4tze von Basisdemokratie und Selbstverwaltung, interessieren auf internationaler Ebene niemand, wenn sie nicht sogar als st\u00f6rend &#8211; aus Sicht der Kapitalgeber &#8211; bei der k\u00fcnftigen Unterst\u00fctzung im Wiederaufbau gesehen werden. Aller politischen Absichtserkl\u00e4rungen &#8222;Fluchtursachen bek\u00e4mpfen zu wollen&#8220; zum Trotz, zivile Aufbauhilfe in nennenswerten Umfang hat es bis heute von internationaler, staatlicher Seite nirgendwo gegeben.<\/p>\n<h3>Trumps Politik versch\u00e4rft die Lage<\/h3>\n<p>Aktuell versch\u00e4rft Trumps einseitige Aufk\u00fcndigung des Atomabkommens mit dem Iran die Lage einmal mehr. Dieser Schritt erfolgte auch unter dem Aspekt wachsenden Einflusses Irans in Syrien, wo iranische Einheiten und die vom Iran unterst\u00fctzte schiitische Hisbollah-Miliz im B\u00fcndnis mit Russland und dem Assad-Regime k\u00e4mpfen. Syrien ist l\u00e4ngst zum Schlachtfeld in einem Szenario geworden, bei dem sich autorit\u00e4re Strukturen in ihrer Bestialit\u00e4t zu \u00fcberbieten suchen. Entsprechend der Pr\u00e4misse, dass sich in der (Au\u00dfen)Politik eines Landes immer auch die eigene innere Struktur offenbart, zeigt sich ein bizarr-d\u00fcsteres Bild der beteiligten Staaten. Das autorit\u00e4re Assad-Regime, Russlands Pseudodemokratie, die Religionsautokratie Irans einerseits, die USA mit ihrer imperialistischen Strategie, und die europ\u00e4ischen Staaten mit ihren eigenen \u00f6konomischen Absichten andererseits, ganz zu schweigen von der faschistoiden fundamental-islamischen Struktur des IS &#8211; es gibt schon lange keine gute und keine b\u00f6se Seite mehr, es hat sie nie gegeben.<\/p>\n<p>Es ging und geht um Herrschaftssicherheit und Machterweiterung. Das ist einfach und schwierig zugleich, da emanzipative Bewegungen unter den gegeben Umst\u00e4nden auf B\u00fcndnisse angewiesen sind. Nichts zeigt die Komplexit\u00e4t und Widerspr\u00fcchlichkeit mehr auf, als die Tatsache, dass die USA de facto die Lufthoheit \u00fcber Rojava hat, und somit eine Garantenstellung gegen\u00fcber den Bedrohungen von t\u00fcrkischer oder auch Assad-Regime-Seite darstellt. Das Beispiel Afrin zeigt wiederum, wie wenig berechenbar und verl\u00e4sslich taktische bzw. strategische B\u00fcndnisse sind. Die Menschen Rojavas sind sich der Schwierigkeiten und der Gefahr von Allianzen bewusst. Angesichts der Bedrohungslagen haben sie jedoch manchmal kaum eine Wahl. Diese Tatsache wird gerne von manchen (Zeit)genossInnen \u00fcbersehen. F\u00fcr uns kann es nur darum gehen, nach emanzipatorischen Momenten und Ans\u00e4tzen zu suchen. Diese findet man nicht bei Regierungen, sondern bei Menschen! Diese gilt es zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><b>Michael Wilk<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bagdad, Sinjar, M\u00e4rz 2018 Nach sechsst\u00fcndiger Fahrt von Bagdad \u00fcber zum Teil zerst\u00f6rte Stra\u00dfen und nach dem Passieren unz\u00e4hliger Kontrollpunkte, erreichen wir Mosul. Zerbombte H\u00e4user und Stra\u00dfenz\u00fcge zeichnen die vormalige Millionenstadt. Zwei weitere Stunden bis Khanasur. Fr\u00fcher lebten hier 45.000 Menschen &#8211; bis zum 3. August 2014, als der IS \u00fcber die Jesiden in der &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/06\/rojava-nach-der-tuerkischen-invasion-in-afrin\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Rojava - nach der t\u00fcrkischen Invasion in Afrin - graswurzelrevolution","description":"Bagdad, Sinjar, M\u00e4rz 2018 Nach sechsst\u00fcndiger Fahrt von Bagdad \u00fcber zum Teil zerst\u00f6rte Stra\u00dfen und nach dem Passieren unz\u00e4hliger Kontrollpunkte, erreichen wir M"},"footnotes":""},"categories":[1006,1027],"tags":[],"class_list":["post-17556","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-430-sommer-2018","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17556","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17556"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17556\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17556"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17556"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17556"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}