{"id":1757,"date":"1998-02-01T00:00:40","date_gmt":"1998-01-31T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1757"},"modified":"2022-07-26T13:56:59","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:59","slug":"die-geteilte-menschenwurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/02\/die-geteilte-menschenwurde\/","title":{"rendered":"Die geteilte Menschenw\u00fcrde"},"content":{"rendered":"<p>Der klassische Schlu\u00dfsatz diesmal gleich vorweg: Diesem Buch sind zahlreiche LeserInnen zu w\u00fcnschen. Es ist im Grunde nichts als eine n\u00fcchterne Bestandsaufnahme, wirkt aber, allein durch die Wucht der Tatsachen, wie ein Schlag vor den Kopf. Und zwingt uns hoffentlich, den tagt\u00e4glich unter unseren Augen, vor unserer Haust\u00fcr sich abspielenden Skandal des staatlichen Umgangs mit Fl\u00fcchtlingen endlich wahrzunehmen. Die detaillierte Darstellung der Fakten in einer konzisen, oft regelrecht d\u00fcrren Sprache ger\u00e4t zum denkbar aufr\u00fcttelndsten Aufruf, ja Aufschrei, etwas zu <em>tun<\/em>, und zwar jetzt, sofort, auf der Stelle, weil die beschriebene Mi\u00dfachtung der Menschenrechte nicht irgendwann geschehen ist oder geschehen wird, sondern jetzt geschieht, jeden Tag, heute, in diesem Augenblick.<\/p>\n<p>Die F\u00fclle des in diesem Buch gesammelten und theoretisch allgemein zug\u00e4nglichen Materials macht ganz deutlich: Wir haben Zugang zu Informationen. Es ist nicht so, da\u00df wir nichts w\u00fc\u00dften. Stellt sich also die Frage: Warum k\u00f6nnen diese Dinge geschehen? Warum k\u00f6nnen Menschen massenhaft und systematisch gezwungen werden, unter krankmachenden Bedingungen zu leben? Wie ist es m\u00f6glich, da\u00df Fl\u00fcchtlinge durch die Repr\u00e4sentantInnen des Staates in B\u00fcrokratie, Polizei und Justiz in einer Art und Weise behandelt werden, die sich weder mit den Menschenrechten noch &#8211; was h\u00e4ufig der Fall ist &#8211; mit den geltenden Gesetzen vereinbaren l\u00e4\u00dft? Warum k\u00f6nnen M\u00e4nner, Frauen und Kinder auf legalem Wege in Staaten abgeschoben werden, in denen sie Verfolgung, Folter und Tod erwartet?<\/p>\n<p>Die Arbeit von Elke Boumans und Arif \u00dcnal gibt mehrere Antworten. Eine davon besteht in der staatlich forcierten r\u00e4umlichen Isolierung von in der BRD ankommenden Fl\u00fcchtlingen in Sammellagern, die die betroffenen Menschen und die &#8222;Lebens&#8220;-Bedingungen, denen sie ausgesetzt werden, der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung entzieht. Die bewu\u00dfte Marginalisierung und der Ausschlu\u00df aus der Gesellschaft durch diese Art der Unterbringung und die mit ihr einhergehende &#8222;soziale Stigmatisierung&#8220; (S.97) lassen es als &#8222;die Absicht der Fl\u00fcchtlingsb\u00fcrokratie (erscheinen), da\u00df Fl\u00fcchtlinge und Abschiebeh\u00e4ftlinge nur noch als statistische Masse und nicht mehr als Menschen dargestellt und wahrgenommen&#8220; werden (S.117). Zugleich erf\u00fcllt die Kasernierung eine ganz unmittelbar gegen die Fl\u00fcchtlinge gerichtete Funktion, denn es ist &#8222;bekannt&#8230;, da\u00df f\u00fcr die Menschen bei l\u00e4ngerem Aufenthalt (in den Lagern) die Gefahr besteht, psychisch zu erkranken und nerven\u00e4rztlicher&#8230; Behandlung zu bed\u00fcrfen. Trotz dieses Wissens wird die Planung und der Bau von Gro\u00dflagern weitergef\u00fchrt. Hier stellt sich uns die Frage, ob diese Vorgehensweise als ein Teil der Abschreckungspolitik bewu\u00dft betrieben wird und die psychische Zerst\u00f6rung der Menschen ebenfalls Teil der Abschreckung sein soll. Das bedeutet jedoch nichts anderes, als da\u00df diese Art der Unterbringung in Verbindung mit Arbeitsverbot eine systematische Heranziehung von tausenden Menschen zu sozialen und psychischen Kr\u00fcppeln (sic!, darstellt)&#8220; (S.66).<\/p>\n<p>Eine weitere Antwort ist aber auch in unserer eigenen Gleichg\u00fcltigkeit zu suchen, in der Passivit\u00e4t oder gar aktiven Zustimmung der deutschen Bev\u00f6lkerung, die dazu f\u00fchrte, &#8222;da\u00df fast keine gesellschaftlich relevante Gruppe in der BRD f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge Partei ergriffen hat. Nur so erkl\u00e4ren wir uns, da\u00df der &#8218;Asylkompromi\u00df&#8216; ohne nennenswerten Widerstand durchgesetzt werden konnte.&#8220; (Einleitung S.I)<\/p>\n<p>Die AutorInnen von &#8222;Die geteilte Menschenw\u00fcrde&#8220;, die als SozialarbeiterInnen selbst jahrelange Erfahrung in der praktischen Arbeit mit Fl\u00fcchtlingen haben, haben sich das Ziel gesetzt, diese Indifferenz durch die Vermittlung von politischem, soziologischem und juristischem Wissen, vor allem aber durch Aufdeckung der staatlichen und medialen Propaganda und Konditionierung und deren Konfrontation mit der Realit\u00e4t, durch aufr\u00fcttelnde Fallbeispiele und eigene Stellungnahmen aufzubrechen. Damit wird die Grundlage f\u00fcr eine Sensibilisierung und f\u00fcr die Schaffung eines Bewu\u00dftseins bei den LeserInnen bereitgestellt, die die Voraussetzung f\u00fcr entschlossenes politisches Engagement bilden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Da das Buch sowohl eine gro\u00dfe Zahl von Beispielen und Einzelf\u00e4llen als auch umfangreiches statistisches und analytisches Material dokumentiert, diese Informationen aber nie als blo\u00dfe Auflistung zusammengetragener Fakten stehenl\u00e4\u00dft, sondern immer um die theoretisch fundierte Einordnung in den politischen und gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang bem\u00fcht ist, mu\u00df es ein riesiges Themengebiet abdecken. Dies gelingt &#8211; angesichts der begrenzten Seitenzahl &#8211; inhaltlich auch in bewundernswerter Weise, allerdings m\u00fcssen daf\u00fcr manche Sachverhalte, die mensch sich n\u00e4her ausgef\u00fchrt w\u00fcnschen w\u00fcrde, nur angerissen bzw. in unvollst\u00e4ndiger Form stehen bleiben; au\u00dferdem leidet stellenweise die Textstruktur darunter, indem n\u00e4mlich neben bemerkenswert klar aufgebauten Abschnitten (darunter die f\u00fcr die Orientierung sehr hilfreiche Einleitung) auch zuf\u00e4llig wirkende Aneinanderreihungen oder Br\u00fcche in der Argumentation und Gedankenf\u00fchrung sowie strukturelle Unstimmigkeiten (als Beispiel sei hier nur die teilweise verwendete, aber nicht durchgehaltene Feminisierung der Sprache genannt) zu finden sind, die allerdings eher auf Zeitdruck beim abschlie\u00dfenden Redigieren als auf Fehler im Konzept oder inhaltliche \u00dcberlast zur\u00fcckzuf\u00fchren sein m\u00f6gen. Sie tun der Wichtigkeit und Qualit\u00e4t der mit diesem Buch geleisteten Arbeit jedenfalls keinen wesentlichen Abbruch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der klassische Schlu\u00dfsatz diesmal gleich vorweg: Diesem Buch sind zahlreiche LeserInnen zu w\u00fcnschen. Es ist im Grunde nichts als eine n\u00fcchterne Bestandsaufnahme, wirkt aber, allein durch die Wucht der Tatsachen, wie ein Schlag vor den Kopf. 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