{"id":17593,"date":"2018-09-01T00:00:00","date_gmt":"2018-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/der-gewaltfreie-aufstand-in-armenien\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:01","slug":"der-gewaltfreie-aufstand-in-armenien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/der-gewaltfreie-aufstand-in-armenien\/","title":{"rendered":"Der gewaltfreie Aufstand in Armenien"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution: In welchem Zusammenhang warst du in Armenien? Wusstest du schon vorher, dass es dort eine regierungskritische Bewegung gab?<\/b><\/p>\n<p><i>Leonhard Bonaventura:\u00a0<\/i>Ich war im Rahmen meines Studiums in Armenien, um zu meiner Abschlussarbeit zu forschen, in Geographie und Biologie, finanziert vom Erasmus-Programm. Ich schreibe meine Arbeit \u00fcber einen Waldbrand in einem Nationalpark, der dort 2017 w\u00fctete. Damals gab es Proteste aus der Umweltbewegung. Sogenannte Oligarchen wollten f\u00fcr Privatg\u00e4rten einen Gro\u00dfteil des Wassers eines Flusses abzapfen, um ihre G\u00e4rten zu bew\u00e4ssern und zudem wollten sie sich Villen auf dem Gebiet des Nationalparks bauen lassen. Es ist sehr sch\u00f6n dort. Die damaligen Proteste konnten das verhindern. Einige spekulieren heute, dass der Brand aus Rache gelegt wurde. In der Zeit, in der ich da war, haben sich darauf die Hinweise verdichtet. All das wurde immer mehr mein Thema.<\/p>\n<p>Vorher wusste ich von einer kleinen Bewegung, die jeden Abend Kundgebungen durchf\u00fchrte, aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht zum Platz der Republik mobilisierte, dem gr\u00f6\u00dften Platz Jerewans. Zwischendurch dachten da einige noch, die Bewegung l\u00f6st sich wieder auf. Als ich am 19. April dann vor Ort war, war der Platz der Republik entscheidender Versammlungsort. Anfangs trafen sich hier nur wenige tausend Menschen.<\/p>\n<p><b>GWR: Der damalige Pr\u00e4sident \u00fcber zwei Amtsperioden hinweg, Sersch Sargsjan, wollte die Verfassung, die nur zwei Amtsperioden zul\u00e4sst, umgehen, sich jetzt zum Ministerpr\u00e4sidenten w\u00e4hlen lassen und so seine Macht erhalten. Davor hatte er selbst das Amt des Ministerpr\u00e4sidenten mit gr\u00f6\u00dferen Befugnissen ausgestattet. War das der Ausl\u00f6ser des Massenaufstands?<\/b><\/p>\n<p><i>Leonhard Bonaventura:<\/i>\u00a0Ja. Als Sargsjan den Posten des Ministerpr\u00e4sidenten aufgewertet hat, sagte er noch \u00f6ffentlich, er w\u00fcrde nicht Ministerpr\u00e4sident werden wollen. Es wurde als Frechheit erlebt, als er das dann doch vorhatte. Aber auch das h\u00e4tten die meisten einfach hingenommen. Damals hatte noch niemand daran geglaubt, dass aus den anfangs winzigen Protesten, die nur m\u00fcde bel\u00e4chelt wurden, eine Massenbewegung werden k\u00f6nnte. Begonnen haben die Proteste mit Nikol Paschinjans Protestmarsch &#8222;Qayl Ara &#8211; Mach einen Schritt&#8220; von der zweitgr\u00f6\u00dften Stadt Gjumri nach Jerewan. Das Vorbild des lang dauernden Salzmarsches Gandhis ist un\u00fcbersehbar. Immer mehr Leute haben sich angeschlossen und in Jerewan kam es dann jeden Abend zu Kundgebungen, zu denen immer mehr Menschen kamen.<\/p>\n<p><b>GWR: Der Nachfolger Sargsjans, Interims-Ministerpr\u00e4sident Karen Karapetjan, wollte dann die Herrschaft der Republikanischen Partei retten. Warum konnte auch er sich nicht halten?<\/b><\/p>\n<p><i>Leonhard Bonaventura:\u00a0<\/i>Als sich eine Massenbewegung gegen Sargsjan entwickelt hatte, hatten sich die M\u00e4chtigen sicher gedacht, dass eine Abl\u00f6sung und gleichzeitige Fortsetzung der Herrschaft der Republikanischen Partei der Bewegung den Wind aus den Segeln nehmen w\u00fcrde. Es war eine Zeit der Ger\u00fcchte, f\u00fcr den Abtritt von Sargsjan wurde auch gemutma\u00dft, das liege am Tod seiner Mutter. Vor dem Abtritt gab es auch ein Treffen zwischen Putin und Sargsjan, da wusste auch niemand genau, was besprochen wurde. Es kann sein, dass Putin ihm nahe gelegt hat: &#8222;Tritt zur\u00fcck, du bist nicht mehr tragbar.&#8220; Selbst mitzuerleben, wie gro\u00df die Freude beim R\u00fccktritt Sargsjans war und wie der Erfolg gefeiert wurde, war unglaublich ber\u00fchrend und ansteckend. Als dann Karapetjan an die Macht kam, wurde den Leuten klar: Wenn wir schon soweit gekommen sind, ist noch mehr m\u00f6glich. Die Massenbewegung ging also weiter, jetzt wurde zum Generalstreik aufgerufen. Nach zwei, drei Tagen wurde dann der Bewegung Neuwahlen im Parlament zugestanden, wodurch klar war, dass die Republikanische Partei nicht mehr an der Macht bleiben w\u00fcrde. Karapetjan hat sich nur solange halten k\u00f6nnen, wie das Prozedere mit den parlamentarischen Neuwahlen ablief und Paschinjan am 8. Mai im zweiten Wahldurchgang zum neuen Ministerpr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p><b>Die Bandbreite direkter gewaltfreier Massenaktionen und die Spaltung des Milit\u00e4rs<\/b><\/p>\n<p><b>GWR: Welche gewaltfreien Aktionen gab es in dieser Zeit, welche hast du erlebt?<\/b><\/p>\n<p><i>Leonhard Bonaventura:\u00a0<\/i>An gewaltfreien Aktionen gab es Blockaden und Streiks der Arbeiter*innen. Die Belegschaften der Superm\u00e4rkte haben zu arbeiten aufgeh\u00f6rt, denn die gro\u00dfen Superm\u00e4rkte geh\u00f6ren den sogenannten Oligarchen. Sie wurden bestreikt und von Konsument*innen blockiert. Sch\u00fcler*innen und Studierende waren tags und nachts auf den Stra\u00dfen. Alle haben Stra\u00dfen gesperrt. Wir haben in einem gro\u00dfen Wohnblock im zehnten Stock gewohnt und unten im selben Haus haben Leute f\u00fcnf Autos \u00fcber eine sechsspurige Ringstra\u00dfe gestellt und dann den ganzen Tag Musik laufen lassen und die Stra\u00dfe blockiert. Anwohner*innen brachten Essen. Die Stimmung war unglaublich. So lief das die ganze Zeit. Krankenwagen wurden erst durchgelassen. Aber im Laufe der Tage wurde klar, dass Verhaftungen nur noch durch Zivilpolizisten in Fahrzeugen durchgef\u00fchrt wurden. Deshalb wurden von den BlockiererInnen alle Autos kontrolliert, und die Krankenwagen auch. Abends gegen 9 Uhr wurden in anderen Stadtteilen massenhaft die Fenster ge\u00f6ffnet und auf Kocht\u00f6pfe getrommelt.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie wurden die gewaltfreien Massenaktionen vorbereitet. Anders gefragt: Waren sie spontan oder Ergebnis einer l\u00e4nger entwickelten B\u00fcrger*innenbewegung?<\/b><\/p>\n<p><i>Leonhard Bonaventura:\u00a0<\/i>Es gab zum einen die parlamentarische Opposition von Paschinjan und dann so eine Art au\u00dferparlamentarische, aktivistische Bewegung, die ziemlich fr\u00fch schon Plena gemacht hat und gut organisiert war. Die waren am Anfang bedeutend. Dann kamen immer mehr Sch\u00fcler*innen und Studierende hinzu, die sich auch selbst organisierten und die Uni bestreikten oder nicht mehr zur Schule gingen. Die Streiks an der Uni habe ich direkt miterlebt. Diese waren f\u00fcr die Bewegung sehr bedeutend, waren die Student*innen doch nicht so desillusioniert hinsichtlich der M\u00f6glichkeiten gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen, wie das fast alle \u00c4lteren waren, die sich lange nicht beteiligen wollten beziehungsweise darin keinen Sinn sehen konnten. Es gab einen gewaltfreien Aktionskonsens, den alle \u00fcbernommen haben. Urspr\u00fcnglich wurde dieser von Paschinjan vorgegeben, aus Gr\u00fcnden der Erfahrungen w\u00e4hrend der niedergeschlagenen Proteste von 2008, als es zehn Tote gab. Auch hatte es zwischendurch andere gro\u00dfe Proteste und auch bewaffnete Aktionen gegen die Regierung gegeben. Die Erfahrung war, die Regierung l\u00e4sst auf uns schie\u00dfen. Genau damit hatte Sargsjan in diesen Tagen auch gedroht. Wir k\u00f6nnen nur eine Massenbewegung werden, wenn wir gewaltfreie Aktionen durchf\u00fchren, schien die \u00dcberzeugung aller zu sein. Um sich vor gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen zu sch\u00fctzen, wurde bei den jetzigen Protesten \u00fcbrigens davon abgesehen, zentrale Orte \u00fcber Nacht besetzt zu halten. Das Risiko eines n\u00e4chtlichen \u00dcberfalls durch Polizeikr\u00e4fte, ohne dass \u00d6ffentlichkeit und Presse dabei sind, wollte man bei diesen Protesten nicht noch einmal eingehen.<\/p>\n<p><b>GWR: Warum griff das Milit\u00e4r nicht auf Seiten der Herrschenden ein?<\/b><\/p>\n<p><i>Leonhard Bonaventura:\u00a0<\/i>Es wurde bef\u00fcrchtet, dass das armenische Milit\u00e4r eingreift. Oder sogar das russische Milit\u00e4r, weil es um B\u00fcndnisfragen ging. Am Tag des R\u00fccktritts von Sargsjan gab es die Information, dass er Milit\u00e4r, Polizei und Geheimdienst, die ja alle gleichgeschaltet waren, angewiesen h\u00e4tte, alle Mittel gegen die Bewegung zu ergreifen, dass sich diese Institutionen aber verweigert und f\u00fcr eine politische L\u00f6sung pl\u00e4diert h\u00e4tten, eben auch weil die Bewegung gewaltfrei war. Ab dem Morgen des 23. April haben sich auch immer mehr Milit\u00e4rs in Uniform der Bewegung angeschlossen. Offiziere aus dem Karabach-Krieg haben dazu aufgerufen, sich an den Protesten zu beteiligen.<\/p>\n<p><b>Die Rolle Paschinjans und die Taktik der laufenden Fernsehkameras beim Kampf gegen Korruption<\/b><\/p>\n<p><b>GWR: Wie sch\u00e4tzt du Nikol Paschinjan ein, der am 8. Mai vom Parlament zum Ministerpr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wurde? Er war ja nach den Protesten von 2008 drei Jahre im Knast. Von ihm stammt auch die Benennung &#8222;samtene Revolution&#8220;. Er hat nach seiner Wahl gleich den Kampf gegen die Korruption begonnen.<\/b><\/p>\n<p><i>Leonhard Bonaventura:\u00a0<\/i>Die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung findet Paschinjan glaubw\u00fcrdig. Im Parlament war er einer der Wenigen, der bisher als nicht korrumpierbar galt. Viele vertrauen ihm auch, weil er immer die Bedingung stellte, wenn er in Verhandlungen mit der Republikanischen Partei trat, dass das \u00f6ffentlich und vor der Presse stattfindet. Bisher war das so, dass wenn sich aus Protestbewegungen jemand hervortat, diese Person von der Republikanischen Partei immer hinter verschlossene T\u00fcren geladen und ein Deal gemacht wurde. Er hat diese Praxis beendet und deshalb einen gro\u00dfen Vertrauensvorschuss, wie mir vielfach erz\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p>Die erweiterten Befugnisse, die Paschinjan jetzt in seinem neuen Amt hat, nutzte er zun\u00e4chst, um die Posten, die Parteikader der Republikaner innehatten, durch neue Leute zu besetzen. Der Kampf gegen die Korruption wurde medienwirksam aufgenommen. Es gab zahlreiche Hausdurchsuchungen, beispielsweise bei Ex-General Grigorjan, der f\u00fcr den Soldatensold vorgesehene Gelder entwendete und sich damit einen Privatzoo finanzierte. Die Raubtiere in seinem Privatzoo wurden mit Konservenfleisch gef\u00fcttert, das eigentlich f\u00fcr die Versorgung der Soldaten gespendet worden war. Dessen Anwesen wurde vor laufenden Fernsehkameras gest\u00fcrmt, die Leute konnten sofort Grigorians Luxusautopark sehen und zuschauen, wie er verhaftet wurde. Die Bev\u00f6lkerung war schockiert. Die Wut auf die Oligarchen, die Republikanische Partei, die nur ein Mafiaclan ist, ist unermesslich.<\/p>\n<p>Derlei Vorgehen kann aber auch nach hinten losgehen. In Georgien hatte Saakaschwili direkt nach seiner Macht\u00fcbernahme 2004 im Kampf gegen die Korruption vor laufenden Kameras Leute in Unterhosen verhaften lassen. Das wurde von der Bev\u00f6lkerung irgendwann dann als entw\u00fcrdigend und unanst\u00e4ndig erlebt. Der Kampf gegen Korruption geriet in Verruf, der F\u00fchrungsstil der neuen Regierung in Georgien wurde immer autorit\u00e4rer. Armenien kann f\u00fcr einen eigenen tiefgreifenden Wandel viel aus den Erfahrungen und Fehlern, die der Nachbar im Norden seit der &#8222;Rosenrevolution&#8220; Ende 2003 gemacht hat, lernen. All das wurde auf einer Veranstaltung, die ich besucht habe, diskutiert. Es hie\u00df dort, wichtig sei, dass eine Zivilgesellschaft aufgebaut werde und alle wach hinschauen, wie sich die neue Regierung verh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Die Neuwahlen, die wahrscheinlich erst 2019 stattfinden, werden zeigen, wie der Kampf gegen Korruption weiter gehen wird. Eine gro\u00dfe Herausforderung wird es sein, faire Wahlen zu organisieren. Bislang haben die Oligarchen und die Republikanische Partei bei Wahlen \u00fcblicherweise Stimmen gekauft, und dies zu verhindern bleibt schwierig. Da sich beispielsweise f\u00fcr gro\u00dfe Teile der Landbev\u00f6lkerung bisher durch Wahlen nichts ver\u00e4ndert hat, ist das Interesse entsprechend gering. Was bisher in Jerewan passierte, hat f\u00fcr sie keine Bedeutung gehabt. F\u00fcr wenig Geld konnten sich die Republikaner ihrer Stimmen sicher sein.<\/p>\n<p><b>GWR: Ist die soziale Bewegung denn von Paschinjan abh\u00e4ngig oder agiert sie unabh\u00e4ngig?<\/b><\/p>\n<p><i>Leonhard Bonaventura:\u00a0<\/i>Sie kann sich potentiell auch gegen Paschinjan richten. Paschinjan hat jetzt diesen Vertrauensvorschuss. Aber die Proteste gingen auch weiter, zum Beispiel gegen ein Bauvorhaben in der Jerewaner Innenstadt und gegen den B\u00fcrgermeister der Stadt, der dann auch zur\u00fccktreten musste und gegen den ermittelt wird. Gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung haben eine positive Erfahrung gemacht, dies ist erst mal ermutigend. Darauf aufbauend wird es auch wieder Proteste geben, wenn Paschinjan seine Ank\u00fcndigungen nicht umsetzt. Diese Erm\u00e4chtigung kann in der Bedeutung f\u00fcr den Gro\u00dfteil der armenischen Bev\u00f6lkerung gar nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden. In der gesamten Gesellschaft tut sich jetzt etwas. Es gab nach der sogenannten &#8222;samtenen Revolution&#8220; etwa auch Demos von Leuten, denen es um Reformen innerhalb der orthodoxen Kirche ging, leider auch Demos von Rechten, wenngleich diese sehr klein waren.<\/p>\n<p><b>GWR: Gibt es \u00fcber das Bestreben hinaus, die Korruption abstellen zu wollen, ein weiter gehendes \u00f6konomisches Programm f\u00fcr die verarmten Schichten?<\/b><\/p>\n<p><i>Leonhard Bonaventura:\u00a0<\/i>Allgemein wei\u00df man noch nicht so recht, wof\u00fcr Paschinjan steht und wie er sich politisch machen wird. Dass es nur besser werden kann, dar\u00fcber sind sich fast alle einig. Die Erwartungen sind gro\u00df, aber er muss jetzt auch liefern. Als Wirtschaftsberater hat er einen Wirtschaftsprofessor aus der US-amerikanischen, armenischen Diaspora berufen, dessen Profil auf einen neoliberalen Kurs hindeutet.<\/p>\n<p>Aber das neue Kabinett kommt aus der Bewegung, da sind viele junge Leute drin, bisher war das Kabinett eine Ansammlung Korrupter. Aber die Hauptauseinandersetzung geht nicht um den globalen Wirtschaftskurs des Landes, sondern um die Abschaffung der unglaublichen Korruption, des Einkaufens von Karrieren, Bildung und Berufen. Eine gro\u00dfe Herausforderung, um die er nicht herumkommt, wird aber sein, was gegen die gro\u00dfe Armut im Land zu tun. Paschinjan ist auch innerhalb k\u00fcrzester Zeit, wahrscheinlich selber \u00fcberrascht, \u00fcber die Dynamik der Stra\u00dfe in diese Position reingewachsen. Ich denke, viele dieser Fragen hat er sich selbst kaum in aller Ausf\u00fchrlichkeit und mit allen Konsequenzen gestellt. Auch muss er erst mal zusehen, seinen Kurs transparent zu machen und demokratische Mehrheiten f\u00fcr sich und seine Reformvorhaben zu gewinnen. Die Stra\u00dfe hat ihn ja legitimiert und vielen Forderungen muss er jetzt Geh\u00f6r verschaffen.<\/p>\n<p><b>Grenzen der gewaltfrei-nationalistischen Bewegung: Der Krieg gegen Aserbeidschan wird nicht infrage gestellt<\/b><\/p>\n<p><b>GWR: Wie ist nunmehr die Haltung zum Krieg Armeniens um Berg-Karabach? Bleibt Aserbeidschan ungebrochen der Feind?<\/b><\/p>\n<p><i>Leonhard Bonaventura:\u00a0<\/i>Aserbaidschan ist nach wie vor der ungebrochene Feind. Man muss wissen, dass schon die Republikanische Partei haupts\u00e4chlich aus Karabach-Leuten bestand. Ilcham Alijew, der aserbaidschanische Autokrat, hat die immer als &#8222;Karabach-Clan&#8220; bezeichnet. Und Aserbaidschan hat vielleicht gehofft, dass es mit Paschinjan etwas Neues gibt. Aber Paschinjan zeigte sich bereits vor den Protesten durchaus noch nationalistischer und gegen\u00fcber Aserbaidschan unvers\u00f6hnlicher als die Republikaner es waren. Die Republikanische Partei hat immer gehofft, dass es da mit Aserbaidschan zu einer Ann\u00e4herung kommt, aber die Gr\u00e4ben haben sich eher noch vergr\u00f6\u00dfert. Paschinjan hielt wohl eine friedliche L\u00f6sung mit Aserbaidschan noch weniger f\u00fcr m\u00f6glich als die Republikaner.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Proteste gab es aserbaidschanische Truppenaufm\u00e4rsche an der Grenze zu Armenien. W\u00e4re die Situation in Armenien unsicher geworden und w\u00e4re ein politisches Vakuum entstanden, so war die Bef\u00fcrchtung, k\u00f6nnte das aserbaidschanische Milit\u00e4r einen Milit\u00e4rschlag durchf\u00fchren. An der Grenze wird ohnehin immer wieder geschossen.<\/p>\n<p>Es scheint, dass Paschinjan, auch wenn er Gandhi als gro\u00dfes Vorbild benennt, \u00fcberhaupt keinen Gedanken auch nur an die M\u00f6glichkeit verschwendet, dass die Erfahrung, innenpolitisch einen Diktator mittels einer gewaltfreien Massenbewegung gest\u00fcrzt zu haben, auch au\u00dfenpolitische, d.h. antimilitaristische oder auch nur friedenspolitische Konsequenzen haben sollte. Da geht es ihm in erster Linie um die Sicherheit Armeniens und Karabachs. Da scheint bei ihm kein Zusammenhang zu bestehen. Sondern die armenische Erfahrung des Genozids [an 1,5 Millionen Armenien 1915 im Osmanischen Reich] lehrt ihn: &#8222;Nie wieder Opfer sein&#8220;.<\/p>\n<p>Hinzukommend werden die Aserbaidschaner*innen aus armenischer Perspektive einfach mehrheitlich als &#8222;Osmanen&#8220; wahrgenommen. Eine gewaltfreie Massenbewegung gegen die Diktatur in Aserbaidschan w\u00e4re f\u00fcr Frieden nicht nur hilfreich, sondern n\u00f6tig. Aber die gibt es derzeit nicht.<\/p>\n<p><b>GWR: Bleibt Russland vorerst die vertraglich eingebundene Schutzmacht wie bisher? Die Schutzmacht besonders auch gegen\u00fcber der T\u00fcrkei, vor dem historischen Hintergrund des Genozids an den Armenier*innen?<\/b><\/p>\n<p><i>Leonhard Bonaventura:\u00a0<\/i>Da wird sich meines Erachtens und nach den Bekundungen Paschinjans nichts \u00e4ndern. In Armenien sind bis zu 5.000 russische Soldaten stationiert und Armenien ist wirtschaftlich sehr stark auf Russland angewiesen. Paschinjan hat sich schon fr\u00fch mit russischen Diplomaten getroffen, um den Kreml zu beruhigen und kein Eingreifen Russlands zu provozieren. Paschinjan scheint es geschafft zu haben, geopolitische Problematiken geschickt zu umschiffen und zurzeit als Partner akzeptiert zu werden. Auch in Zukunft wird die neue Regierung weiterhin versuchen, in Verbindung mit Russland zu bleiben, aber die Absicht ist auch erkennbar, st\u00e4rkere Beziehungen mit der EU einzugehen. Paschinjan hat \u00fcbrigens das gesamte au\u00dfenpolitische Personal von der Vorg\u00e4ngerregierung \u00fcbernommen. Im Verh\u00e4ltnis zu Russland wird sich aus meiner Sicht in absehbarer Zeit also nichts \u00e4ndern. Das ist in den deutschen Medien \u00fcberbewertet worden. Diese geostrategischen Fragen, die in der Maidan-Bewegung 2013\/14 in der Ukraine so wichtig waren, haben hier quasi keine Rolle gespielt.<\/p>\n<p><b>So etwas habe ich noch nicht erlebt!<\/b><\/p>\n<p><b>GWR: Welche eigenen Erlebnisse waren f\u00fcr dich pr\u00e4gend? Was hat dich pers\u00f6nlich am meisten beeindruckt?<\/b><\/p>\n<p><i>Leonhard Bonaventura:\u00a0<\/i>Eine solch riesige Protestbewegung habe ich vorher nie gesehen. Beeindruckend war, dass oft die Polizei und Protestierende sich bei den Demos k\u00f6rperlich nah standen und die Polizei \u00fcberhaupt keine Angst hatte, auch wenn sie gleichzeitig Leute festnahm. Die Leute haben sich gegen ihre Festnahmen nicht gewehrt. Es wurde auf deren Seite schon fast als Ehre erlebt, f\u00fcr kurze Zeit ins Gef\u00e4ngnis zu gehen, auch wenn gerade kurz vor dem R\u00fccktritt Sargsjans auch h\u00e4rtere Repression bef\u00fcrchtet wurde und die Angst sp\u00fcrbar war. Die Gef\u00e4ngnisse waren aber \u00fcberf\u00fcllt &#8211; schon vorher waren ja die Gef\u00e4ngnisse in Armenien \u00fcberbelegt. Alle Festgenommenen kamen auch schnell wieder frei. Sie d\u00fcrfen rechtlich nicht \u00fcber eine bestimmte Zeit hinaus festgehalten werden und daran hielt sich auch die Polizei.<\/p>\n<p>In Jerewan nahmen an den Protesten jeden Tag immer mehr Menschen teil. Es war unglaublich lebendig. Es gab auch die ganze Zeit Autokorsos. Die Leute haben anfangs massenhaft die Nummernschilder von den Autos entfernt, um dar\u00fcber nicht verfolgt werden zu k\u00f6nnen. Viele fuhren in diesen Tagen viel zu schnell. Das zweij\u00e4hrige Kind eines Bekannten wurde dadurch in einen Unfall verwickelt und ist gestorben. Daraufhin hat Paschinjan dazu aufgerufen, die Nummernschilder wieder anzubringen und langsam zu fahren. Die Protestierenden bef\u00fcrchteten, angesichts von Autorasern mit solchen Folgen, diskreditiert zu werden. Das wurde unmittelbar umgesetzt und pl\u00f6tzlich fingen die Blockierer*innen bei Stra\u00dfensperren Autos ab, die noch ohne Nummernschilder umherfuhren. Die Insassen einiger Autos mit get\u00f6nten Scheiben, die keine Nummernschilder angebracht hatten und zu schnell fuhren, entpuppten sich durch Kontrollen manchmal sogar als uniformierte Polizisten, wie ich h\u00f6rte. Sie w\u00e4hlten wohl diese Strategie, um so Verhaftungen durchzuf\u00fchren, aber auch, um die Bewegung in Verruf zu bringen.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie wichtig waren das Internet oder andere strategische Einfl\u00fcsse von au\u00dfen?<\/b><\/p>\n<p><i>Leonhard Bonaventura:\u00a0<\/i>Das Internet hat eine wichtige Mobilisierungsrolle gespielt. Vieles lief direkt \u00fcber Paschinjans Facebook-Account, den andere weiter gemacht haben, als er trotz parlamentarischer Immunit\u00e4t w\u00e4hrend der Proteste f\u00fcr zwei Tage im Gef\u00e4ngnis war. Vieles im Internet wurde aber auch dezentral und in geschlossenen Gruppen organisiert. Auch haben einige Landesteile in Armenien gar keinen Internetzugang. Nach dem Autounfall, bei dem ein Kind get\u00f6tet wurde, flaute die Bewegung in Jerewan etwas ab. Die Bewegung verlagerte die Proteste dann in die Provinzst\u00e4dte. Viele AktivistInnen fuhren in langen Korsos hupend durchs Land. Das war f\u00fcr mich sehr beeindruckend.<\/p>\n<p>Das war im Timing durchdacht und gut organisiert. Wie \u00fcber zwei Wochen hinweg der Druck immer weiter aufgebaut wurde und sich zuletzt aus dem ganzen Land unglaubliche Meldungen \u00fcberschlugen, war beeindruckend. Schon zu Beginn meines Aufenthalts in Armenien habe ich erfahren, dass die Organisationsgruppe von Paschinjan 2017 in Belgrad war und da ein Protesttraining der &#8222;Open Society Foundation&#8220; von Georges Soros besucht hat. Das hat sich offenbar rentiert.<\/p>\n<p>Eventuelle Spekulationen \u00fcber westliche Interessen und in die Protestbewegung flie\u00dfende Gelder habe ich weder auf der Stra\u00dfe noch auf Veranstaltungen als Thema wahrgenommen.<\/p>\n<p>Die armenische Demokratiebewegung war f\u00fcr alle eine \u00dcberraschung, nicht zuletzt auch f\u00fcr sie selbst. Unterst\u00fctzt wurde sie durch strategische Organisationskenntnisse einiger Aktivist*Innen, die sie sich im Vorfeld angeeignet haben. Sicher gab es da auch interessengeleitete B\u00fcndnisse. Vor allem aber die Erfahrungen der unmittelbaren Proteste waren entscheidend.<\/p>\n<p><b>GWR: K\u00f6nnte gesagt werden, durch diesen gewaltfreien Massenaufstand sei eine Entwicklung hin zu einem festgezurrten autorit\u00e4ren Regime wie bei Putin oder Erdo?an verhindert worden?<\/b><\/p>\n<p><i>Leonhard Bonaventura:\u00a0<\/i>Weit mehr: Da war ja schon ein festgezurrtes autorit\u00e4res Regime. Das national-konservative Sargsjan-Regime bestand aus B\u00fcrokraten, die noch in der Sowjetunion sozialisiert wurden. Sowohl Sargsjan als auch sein Pr\u00e4sidenten-Vorg\u00e4nger Robert Kotscharian, Pr\u00e4sident Armeniens von 1998 bis 2008, waren Sowjet-Funktion\u00e4re gewesen. Das hatte schon eine Struktur und Machtbasis, die man von Putin oder Erdo?an heute kennt. Und genau das wurde gebrochen, das war der Erfolg der Bewegung.<\/p>\n<p><b>Interview: Lou Marin<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: In welchem Zusammenhang warst du in Armenien? Wusstest du schon vorher, dass es dort eine regierungskritische Bewegung gab? Leonhard Bonaventura:\u00a0Ich war im Rahmen meines Studiums in Armenien, um zu meiner Abschlussarbeit zu forschen, in Geographie und Biologie, finanziert vom Erasmus-Programm. 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