{"id":17596,"date":"2018-09-01T00:00:00","date_gmt":"2018-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/body-count\/"},"modified":"2022-07-26T13:56:29","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:29","slug":"body-count","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/body-count\/","title":{"rendered":"Body Count"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution: Ihr dokumentiert seit einem Vierteljahrhundert Geschichten von gestorbenen und verletzten Fl\u00fcchtlingen. Was war der Grund, dieses Projekt zu starten &#8211; damals in den 90er Jahren?<\/b><\/p>\n<p>Antirassistische Initiative: Einen Start gab es nat\u00fcrlich, aber ein Projekt war nicht geplant. Ein Herr Kanthasamy meldete sich im September 1994 bei uns im B\u00fcro, weil er seinen Neffen suchte. Dieser hatte sich auf der Flucht nach Deutschland zuletzt aus Polen gemeldet. Einige Leute von uns fuhren daraufhin an die Grenze und begannen die Recherche zun\u00e4chst auf deutscher, dann auf polnischer Seite. Es stellte sich heraus, dass im August 22 tamilische Fl\u00fcchtlinge von ihren Fluchthelfern in die Nei\u00dfe gef\u00fchrt und dann von der Str\u00f6mung weggerissen worden waren. Neun Personen ertranken, ihre K\u00f6rper wurden erst Wochen sp\u00e4ter gefunden. Einer der Toten war der Neffe von Herrn Kanthasamy. Diese Geschehnisse wurden dann mit Hilfe zweier Journalistinnen zu einem Dokumentarfilm verarbeitet, der von der ARD unter dem Titel &#8222;Tod in der Nei\u00dfe&#8220; ausgestrahlt wurde.<\/p>\n<p>Mit dieser Recherche konnten wir erreichen, dass der Bundesgrenzschutz erstmals \u00f6ffentlich zugeben musste, dass es wieder Tote an den deutschen Grenzen gab &#8211; einige Jahre nach dem Mauerfall.<\/p>\n<p>Mit Erschrecken erfuhren wir von weiteren Ertrunkenen an der polnisch-deutschen Grenze, die damals noch die Au\u00dfengrenze der EU darstellte. Dort schien es kein besonderes Ph\u00e4nomen zu sein, wenn tote Menschen an die Ufer trieben oder sich in Wehren verfingen. Besonders makaber war dann die Meldung, dass einige Gemeinden die Toten mit langen Holzstangen ins Wasser zur\u00fcckschoben, weil sie sich die Beerdigungskosten sparen wollten.<\/p>\n<p>Wir beschlossen, weiter an der Thematik zu bleiben, das Spektrum zu erweitern und eine Dokumentation auch anderer Todesf\u00e4lle und Verletzungen im Kontext zur bundesdeutschen Fl\u00fcchtlingspolitik zu machen. Themen wie Suizide, Selbstverletzungen, Abschiebungen, Polizeigewalt u.a. kamen dazu, auch Angriffe auf der Stra\u00dfe und auf die Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte, die Anfang der 90er nicht weniger heftig waren als heute.<\/p>\n<p>Wir begannen schlie\u00dflich mit der Einzelfall-Dokumentation und recherchierten r\u00fcckwirkend bis ins Jahr 1993, dem Jahr der Abschaffung des Grundrechts auf Asyl. Die Recherche war m\u00fchsam, es gab noch kein gut funktionierendes Internet, und wir mussten in den Bibliotheken oder sonstigen Archiven alte Zeitungen durchw\u00fchlen.<\/p>\n<p>Die erste Ausgabe der Chronologie erschien im M\u00e4rz 1996 und umfasste 9 Seiten. Heute hat sie \u00fcber 1000 Seiten, verteilt auf drei B\u00e4nde.<\/p>\n<p><b>GWR: Ist Eure Dokumentation auf Deutschland beschr\u00e4nkt?<\/b><\/p>\n<p>Antirassistische Initiative: Ja, auf die Grenzen der BRD einerseits. Wir nehmen aber auch Todesf\u00e4lle oder Verletzungen von den Fl\u00fcchtlingen auf, von denen wir erfahren, dass sie gezielt nach Deutschland wollten und z.B. an europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen zu Schaden kamen. Das sind relativ wenige Geschehnisse in der Doku angesichts der ungeheuer hohen Zahlen von Todesopfern an See- und Landgrenzen der EU. Zeigen sie aber am konkreten Einzelfall, was die europ\u00e4ische Abschottung mit den Menschen macht und wie brutal sie durchgesetzt wird.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie kommt Ihr an F\u00e4lle heran und wie arbeitet Ihr?<\/b><\/p>\n<p>Antirassistische Initiative: Naja, fr\u00fcher waren es meist Zeitungsschnipsel, die wir bekamen oder selber suchten, heute gibt es das Internet, aus dem wir die t\u00e4glichen Meldungen zu unseren Themen herausfischen.<\/p>\n<p>Damit haben wir erstmal die eine oder andere Meldung zu einem Geschehnis, und dann beginnt die gezielte Recherche, meist weiter via Internet in Pressesuchmaschinen, Zeitungsarchiven, Mailinglisten und Homepages von Fl\u00fcchtlings- und antirassistischen Organisationen oder per Telefon und Post &#8211; wie es m\u00f6glich und machbar ist.<\/p>\n<p>Von Gewalt betroffene Fl\u00fcchtlinge melden sich gelegentlich von sich aus, weil sie unbedingt wollen, dass das, was ihnen geschah, auch \u00f6ffentlich wird.<\/p>\n<p>Unter jedem Textblock der Chronologie, also unter jedem kleinen Artikel zu einem Geschehnis, sind die Quellen genannt, aus denen wir unsere Infos bezogen haben. Das k\u00f6nnen Fl\u00fcchtlingsr\u00e4te, Abschiebehaftgruppen, Opferberatungsstellen, Rechtsanw\u00e4lt*innen, Trauma-Zentren, politische Gruppen, Unterst\u00fctzer*innen und auch Polzei oder Staatsanwaltschaft sein.<\/p>\n<p>Eine andere M\u00f6glichkeit an offizielle Informationen der Beh\u00f6rden heranzukommen, hat sich als sehr hilfreich erwiesen. Es sind die sogenannten Kleinen oder Gro\u00dfen Anfragen oppositioneller Parteien im Bundestag und in den Landesparlamenten. Diese Anfragen m\u00fcssen die Innenministerien beantworten. Wie detailliert sie dies allerdings tun, das h\u00e4ngt nicht nur vom politischen Willen ab, sondern auch von den Formulierungen der Fragen. Bei letzteren mischen wir uns dann manchmal korrigierend ein und bitten die Fraktionen mitunter selbst um Anfragen zu Einzelthemen, um offizielle Informationen zu bestimmten Geschehnissen zu bekommen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel aus den Anfangsjahren der Doku: Die allererste Anfrage dieser Art vor vielen Jahren, in der die PDS-Fraktion, die heutige Linke, nach der Anzahl der gestorbenen Fl\u00fcchtlinge an der Ostgrenze der Bundesrepublik fragte, wehrte das Bundesinnenministerium mit der Begr\u00fcndung ab, dass die &#8222;Fl\u00fcchtlingseigenschaft&#8220; im rechtlichen Sinne (!) nur durch das Bundesamt festgestellt werden k\u00f6nne &#8211; und eine Zuordnung der Toten somit nicht m\u00f6glich sei. Daraufhin wurden die Fragen detaillierter formuliert &#8211; der Begriff &#8222;Fl\u00fcchtlinge&#8220; durch &#8222;Menschen&#8220; ersetzt und ein Herkunftsland erfragt.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie viele Menschen sind seit 1993 zu Tode gekommen?<\/b><\/p>\n<p>Antirassistische Initiative: Durch &#8222;staatliche Ma\u00dfnahmen&#8220; sind bis Ende 2017 nach unseren Recherchen 563 Menschen zu Tode gekommen. Mit staatlichen Ma\u00dfnahmen meinen wir die Umsetzung der Asylgesetze gegen die Betroffenen. Eine staatliche Ma\u00dfnahme ist z.B. die angek\u00fcndigte und durchgesetzte Abschiebung. Es sind Situationen, die Menschen dazu bringen, sich selbst zu verletzen oder sich zu t\u00f6ten. Auch die polizeilichen Misshandlungen oder T\u00f6tungen von Fl\u00fcchtlingen z\u00e4hlen dazu.<\/p>\n<p>Staatliche Ma\u00dfnahmen sind auch die geschlossenen Grenzen, an denen Gefl\u00fcchtete zum Beispiel durch Ertrinken, Erfrieren oder Unfall zu Schaden kommen &#8211; aber auch Menschenjagden der Polizei im Grenzgebiet oder anderswo, die sie in t\u00f6dliche Gefahr bringen.<\/p>\n<p>Nicht in dieser Zahl enthalten sind die Todesf\u00e4lle durch unterlassene Hilfeleistungen. Es k\u00f6nnen sich z.B. \u00c4rzt*innen weigern, Fl\u00fcchtlinge zu behandeln, Beh\u00f6rden k\u00f6nnen die Kosten\u00fcbernahme zu lebenswichtigen Operationen oder Medikamenten verweigern, Leute vom Wachschutz eines Heimes k\u00f6nnen Hilferufe ignorieren und rufen keinen Krankenwagen.<\/p>\n<p>Auch die Fl\u00fcchtlinge, die auf der Stra\u00dfe und bei Angriffen oder Anschl\u00e4gen auf Unterk\u00fcnfte ums Leben kamen, werden extra gez\u00e4hlt. Nat\u00fcrlich ist die Zwangsunterbringung in Lagern und Heimen ein Ergebnis und ein Ausdruck der staatlichen Fl\u00fcchtlingspolitik. Die Angriffe kommen jedoch vom rassistischen Mob, sicherlich auch als Folge einer rassistischen Kommunal- oder Bundespolitik, aber eben nicht direkt von Staatsorganen, und deshalb erw\u00e4hnen wir diese F\u00e4lle extra. Es waren in den letzten 25 Jahren 112 Personen, die durch Angriffe auf der Stra\u00dfe oder durch Anschl\u00e4ge, Brandanschl\u00e4ge, aber auch andere Br\u00e4nde oder durch Unf\u00e4lle in maroden und gef\u00e4hrlichen Unterk\u00fcnften ums Leben kamen.<\/p>\n<p><b>GWR: Gibt es zahlenm\u00e4\u00dfig Trends, die Ihr \u00fcber die 25 Jahre feststellen k\u00f6nnt?<\/b><\/p>\n<p>Antirassistische Initiative: Naja, das ist ja so eine Sache mit den Zahlen, aus denen heraus wir dann Trends erkennen wollen. Die statistischen Zahlen, die wir erheben, haben alle gro\u00dfe Fragezeichen hinter sich. Wir wissen mittlerweile, dass die Dunkelziffern generell sehr hoch sind.<\/p>\n<p>Die Geschichten, die wir beschreiben, sind nat\u00fcrlich wahr und korrekt recherchiert, aber sie k\u00f6nnen wirklich nur beispielhaft f\u00fcr viele andere stehen, die nicht bekannt werden. Denn es gibt viele verschiedene Ursachen, die die Qualit\u00e4t der Recherche immens beeinflussen. Zum einen h\u00e4ngen die Ergebnisse von der unterschiedlich intensiven Zuarbeit der angefragten Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen, aber auch von den Recherche-M\u00f6glichkeiten vor Ort ab. Oft ist es aber auch die Angst und das Misstrauen der Betroffenen selbst, die &#8211; aufgrund ihrer Erfahrungen und ihres unsicheren Aufenthaltsstatus &#8211; keine weiteren Schwierigkeiten haben m\u00f6chten und deshalb schweigen. Viele Geschichten sind aus diesem Grunde auch anonymisiert.<\/p>\n<p>Auch die von uns ermittelte Zahl der nach der Abschiebung verletzten, verschwundenen oder get\u00f6teten Fl\u00fcchtlinge kann nur die Spitze des Eisberges sein. Die Recherche in den Herkunftsl\u00e4ndern ist \u00e4u\u00dferst schwierig, weil die Abgeschobenen aufgrund ihrer politischen Verfolgung untertauchen oder weiter fliehen m\u00fcssen oder weil sie in den Gef\u00e4ngnissen &#8222;verschwinden&#8220;. Berichte \u00fcber Folter und Misshandlungen k\u00f6nnen demzufolge auch nur von Menschen gegeben werden, die aus den H\u00e4nden der Verfolger entkommen sind und die dann noch die Kraft, das Geld und die M\u00f6glichkeit haben, sich in Deutschland oder bei ihren Angeh\u00f6rigen zu melden. Wenige Organisationen wie der Fl\u00fcchtlingsrat Niedersachsen, Amnesty International oder die Gruppe &#8222;Aktion Abschiebestop f\u00fcr afrikanische L\u00e4nder&#8220; haben vor Jahren kurzfristig zu diesem Thema gearbeitet. Sie konnten auch in den Herkunftsl\u00e4ndern recherchieren und so Einzelschicksale der Abgeschobenen dokumentieren.<\/p>\n<p>Da sich die Angaben zu den toten und verletzten Fl\u00fcchtlingen an den deutschen Grenzen &#8211; entsprechend der Informationsquellen, in diesem Falle Bundesgrenzschutz oder Bundespolizei &#8211; nur auf die deutsche Seite beziehen, ist die Gesamtzahl tats\u00e4chlich h\u00f6her.<\/p>\n<p>Die auff\u00e4llige Differenz der Zahlen bei rassistischen Angriffen zwischen Ost- und West-Bundesl\u00e4ndern erkl\u00e4rt sich auch daraus, dass es in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Th\u00fcringen staatlich finanzierte Beratungsstellen f\u00fcr Opfer rassistischer Gewalt gibt und diese Angriffe auch in Chroniken dokumentiert werden. Derartige Hilfsangebote und Dokumentationsstellen existieren in den West-Bundesl\u00e4ndern unseres Wissens nur in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bayern. Aus diesem Grunde ist die Anzahl der Angriffe in den westlichen Bundesl\u00e4ndern mit Sicherheit deutlich h\u00f6her als die, die wir angeben.<\/p>\n<p>Es schwankt auch die Intensit\u00e4t der Berichterstattung vonseiten der Presse: Wenn das Thema medial gepuscht wird, dann wird auch viel mehr ver\u00f6ffentlicht, ist es politisch nicht gewollt, dann eben nicht.<\/p>\n<p>Letztlich ist noch zu ber\u00fccksichtigen, dass Menschen auch aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen mit Uniformierten oft nicht zur Polizei gehen, um einen rassistischen Angriff zu melden. Wird er hier nicht aufgenommen, dann erscheint er auch nicht in den Polizeimeldungen. Wird er aufgenommen, kann es auch sein, dass er auch nicht in der Polizeipresse erscheint, denn die Ver\u00f6ffentlichung dieser Angriffe ist in einigen Bundesl\u00e4ndern extrem l\u00fcckenhaft.<\/p>\n<p>Dies alles erstmal zur Relativierung unserer statistischen Aussagen. Zu den letzten Jahren k\u00f6nnen wir sagen, dass die Anzahl der Selbstverletzungen\/Suizidversuche ab 2012 kontinuierlich anstieg und das Jahr 2016 heftig war: die Anzahl der Selbstverletzungen verdoppelte sich im Verh\u00e4ltnis zu 2015 (493 zu 227) und die Anzahl der Suizide vervierfachte sich fast (von 10 auf 38). Im Jahr 2017 haben wir 23 Suizide dokumentiert &#8211; allerdings kann diese Zahl erfahrungsgem\u00e4\u00df durch nachfolgende Informationen (Landtags- und Bundestagsanfragen) noch ansteigen.<\/p>\n<p>Dass die H\u00e4ufigkeit der Angriffe auf Fl\u00fcchtlinge und auf deren Unterk\u00fcnfte im Jahre 2016 extrem angestiegen ist, ist ja hinreichend bekannt. Entsprechend dem rassistischen Konsens und der \u00f6ffentlichen Hetze wurden die hasserf\u00fcllten Parolen wieder in Taten umgesetzt, es durfte wieder zugeschlagen werden.<\/p>\n<p>Was unsere Zahlen derzeit deutlich belegen, ist die Wirkung der rassistischen Propaganda und medialen Vorbereitung der Abschiebungen nach Afghanistan, die Ende 2016 begannen. Diese immer bedrohlicher und konkreter werdenden Abschiebe-Szenarien hatten auch auf die hier lebenden afghanischen Fl\u00fcchtlinge in den Jahren 2016 und 2017 verheerende Auswirkungen: Mindestens acht Afghan*innen (davon drei Minderj\u00e4hrige) t\u00f6teten sich selbst, es kam zu 110 Selbstverletzungen\/Suizidversuchen, von denen 20 von Minderj\u00e4hrigen begangen wurden. Von einer hohen Dunkelziffer ist auch hier auszugehen.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie schafft Ihr es &#8211; auch motivationsm\u00e4\u00dfig &#8211; \u00fcber so lange Zeit diese Arbeit zu machen?<\/b><\/p>\n<p>Antirassistische Initiative: Die Motivation und notwendige Energie h\u00e4ngt von der Anzahl und der Stimmung der aktuell an dem Projekt arbeitenden Leute ab. Personell gibt es immer einen kleinen Kern von zwei, drei oder vier Leuten im und ums B\u00fcro und f\u00fcr arbeitsintensive Phasen bei der Fertigstellung einer Ausgabe, z.B. Kontrollen der Kodierungen und Statistik, Korrekturlesen, Binden der Doku usw., fragen wir Freund*innen, die sich dann nur f\u00fcr diese Arbeit Zeit nehmen k\u00f6nnen. Wir arbeiten ja alle unbezahlt, was bedeutet, dass wir uns auch um Jobs oder die eigene Finanzierung des Lebens k\u00fcmmern m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Au\u00dfer der Person, die von Anfang an dabei ist, und einer, die mindestens 18 Jahre mit im B\u00fcro arbeitete, bleiben die Leute einige Jahre oder einige Monate. Im Moment sieht es aufgrund von Krankheit, Jobfindung und sonstigen Lebensumst\u00e4nden ziemlich mau aus. Solche Zeiten hatten wir schon \u00f6fter, sodass wir in gro\u00dfen Abst\u00e4nden Rundbriefe starten, um Menschen zu finden, die mitmachen. Recherche geht dank des Internets auch von Zuhause. Das klappt ganz gut. F\u00fcr die letzte Ausgabe haben z.B. eine Person aus Bremen und eine Person aus Schleswig-Holstein wichtige und grunds\u00e4tzliche Zuarbeit machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Motivation ergibt sich aus der Notwendigkeit heraus, diese vielen Schweinereien und Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren, um sie zu bek\u00e4mpfen. Wir wollen, dass diese Seite der Fl\u00fcchtlingspolitik \u00f6ffentlich wird, damit immer mehr Menschen begreifen, wie die Abschottung Deutschlands gegen die Schutzsuchenden durchgesetzt werden.<\/p>\n<p>Wir sind in Deutschland die einzigen, die diese Geschichten \u00fcber so lange Zeit dokumentiert haben, und werden deshalb auch \u00f6fter zu bestimmten Themen aus der Doku angefragt. Wir k\u00f6nnen aus einem gro\u00dfen Fundus von Beispielen sch\u00f6pfen, um politischen Gruppen oder Pressevertreter*innen zuzuarbeiten.<\/p>\n<p>Letztens erst wieder, als die Frankfurter Rundschau einen Schwerpunkt zum Thema &#8222;Suizide in Abschiebehaft&#8220; machte.<\/p>\n<p><b>GWR: Seit April 2018 habt Ihr eine Onlinefassung Eurer Dokumentation, die Webdokumentation, ver\u00f6ffentlicht. Was ist das genau?<\/b><\/p>\n<p>Antirassistische Initiative: Diese Webdokumentation ist die zeitgem\u00e4\u00dfe Form, unsere Inhalte f\u00fcr gezielte Recherchearbeiten f\u00fcr Interessierte anzubieten. Die Papier-Doku war, je umfangreicher sie wurde, nicht nur gewichtsm\u00e4\u00dfig sondern auch inhaltlich schwer zu bewerkstelligen &#8211; das hei\u00dft, es war schwierig mit ihr zu arbeiten.<\/p>\n<p>Deshalb hatten wir bereits ab der 9. Doku-Version, also ab 2001, bis zur 22. jeweils CDs beziehungsweise DVDs hergestellt, auf denen der Gesamttext und mindestens 18 Unterthemen vorlagen. Das waren z.B. Suizide und Selbstverletzungen, Grenzen, Kurdische oder Togoische Fl\u00fcchtlinge, Flugh\u00e4fen und Flugzeuge.<\/p>\n<p>Da die Dokumentation allerdings wesentlich mehr Arbeitsm\u00f6glichkeiten als diese 18 Themen bietet, kam die Idee auf, eine Art Datenbank beziehungsweise Suchmaschine zu bauen. Die Entwicklung dauerte rund dreieinhalb Jahre, Profis mussten engagiert werden, und im April 2018 konnte die Web-Dokumentation endlich online geschaltet werden. Ab Ende August wird auch die Aktualisierung der 25. Auflage eingearbeitet sein.<\/p>\n<p><b>GWR: Was sind die Besonderheiten der Web-Dokumentation?<\/b><\/p>\n<p>Antirassistische Initiative: Es ist im Grunde eine Suchmaschine \u00fcber den Gesamttext. Du kannst nach Schlagworten und\/oder Kategorien \u00fcber einen von Dir ausgew\u00e4hlten Zeitraum suchen. Angezeigt werden dann Textbl\u00f6cke aus der Doku.<\/p>\n<p>Die Kategorien beziehungsweise Schlagworte beziehen sich auf die Art der Verletzungen und Todesf\u00e4lle, z.B. Selbstverletzung, t\u00e4tliche Angriffe, unterlassene Hilfeleistung, beziehen sich auch auf die T\u00e4ter*innen, Polizei-, Bewachungs-, Betreuungspersonal und andere oder aber auf bestimmte \u00d6rtlichkeiten, wie Gef\u00e4ngnisse, Flugh\u00e4fen, deutsche Grenzen, Asylunterk\u00fcnfte oder den \u00f6ffentlichen Raum.<\/p>\n<p>Zu 37 Kategorien der so genannten Detailsuche werden &#8211; zus\u00e4tzlich zu den gesuchten Textbl\u00f6cken &#8211; konkrete Zahlen zu Todesf\u00e4llen und Verletzungen in Kombination mit einem ausgew\u00e4hlten Zeitraum angezeigt.<\/p>\n<p>Es gibt eine Kartenansicht, auf der die Orte der gesuchten Geschehnisse markiert sind und angeklickt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Recherche ist auch die M\u00f6glichkeit interessant, mit einer URL auf ein Einzelgeschehnis zu verweisen.<\/p>\n<p>Und noch etwas: Die gefundenen Texte, sei es in Form von einzelnen oder mehreren Artikeln, k\u00f6nnen mit Datum sowie ihren Quellenangaben ausgedruckt werden.<\/p>\n<p><b>GWR: Was f\u00fcr Ziele verfolgt Ihr mit dieser Dokumentation?<\/b><\/p>\n<p>Antirassistische Initiative: Aus den vielen Tausend Einzelgeschichten, die Einzelschicksale beschreiben, setzt sich mosaikartig ein Bild zusammen, das die Situation der Gefl\u00fcchteten in Deutschland detailliert und facettenreich beschreibt. Dadurch werden die Lebensbedingungen der Schutzsuchenden erfahrbar und greifbarer. Ein Leben in der Warteschleife ohne Perspektive auf eine gute Zukunft, aber mit gro\u00dfer, verzweifelter Hoffnung, die immer wieder entt\u00e4uscht wird. Und ein Leben in katastrophalen Zwangsunterk\u00fcnften, reglementiert durch viele Einschr\u00e4nkungen, wie z.B. minimale gesundheitliche Versorgung, Arbeitsverbot, wenig Bargeld und nat\u00fcrlich Kriminalisierung bei Versto\u00df gegen die vielen Verbote und Auflagen.<\/p>\n<p>Es werden Existenzen beschrieben, die extremen Druck von allen Seiten aushalten m\u00fcssen, weil sie ihm nicht entkommen k\u00f6nnen: Der Druck hei\u00dft Rassismus, und er steckt im System und in der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Die Doku demaskiert Geschichte f\u00fcr Geschichte, wie hier beh\u00f6rdlicherseits und gesellschaftlich mit Schutzsuchenden umgegangen wird. Sie straft die f\u00fcr diese massenhaften Menschenrechtsverletzungen Verantwortlichen der L\u00fcge.<\/p>\n<p>Da zitieren wir gerne mal den Slogan der Tageszeitung\u00a0<i>junge Welt<\/i>: &#8222;Sie l\u00fcgen wie gedruckt &#8211; Wir drucken wie sie l\u00fcgen.&#8220;<\/p>\n<p>Letztlich ist die Doku auch eine fundierte Argumentationshilfe f\u00fcr die Durchsetzung und Begr\u00fcndung unserer Forderungen: Offene Grenzen! Bleiberecht f\u00fcr alle! Gleiche Rechte f\u00fcr alle!<\/p>\n<p><b>GWR: Herzlichen Dank!<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Ihr dokumentiert seit einem Vierteljahrhundert Geschichten von gestorbenen und verletzten Fl\u00fcchtlingen. Was war der Grund, dieses Projekt zu starten &#8211; damals in den 90er Jahren? Antirassistische Initiative: Einen Start gab es nat\u00fcrlich, aber ein Projekt war nicht geplant. 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