{"id":17598,"date":"2018-09-01T00:00:00","date_gmt":"2018-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/thessaloniki-die-vernichtung-der-judenstadt-und-ihre-folgen\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:00","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:00","slug":"thessaloniki-die-vernichtung-der-judenstadt-und-ihre-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/thessaloniki-die-vernichtung-der-judenstadt-und-ihre-folgen\/","title":{"rendered":"Thessaloniki: Die Vernichtung der &#8222;Judenstadt&#8220; und ihre Folgen"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcnfzig Jahre nach der Entdeckung des Heftchens bin ich hier. Von der einstigen j\u00fcdischen Metropole ist fast nichts mehr zu sehen. Ich frage mich, wie konnten 46.000 sefardische J\u00fcdInnen Salonikis nach Ausschwitz deportiert und fast alle umgebracht werden? Wie wird in Thessaloniki und in Deutschland mit dieser Vergangenheit umgegangen?<\/p>\n<p>Thessalonikis liberaler B\u00fcrgermeister Giannis Boutaris, der sich seit 2014 in seinem Amt f\u00fcr das Gedenken an die ermordeten Juden und f\u00fcr Verst\u00e4ndigung in der umstrittenen Namensfrage mit dem Nachbarstaat Makedonien einsetzte\u00a0((1)), wurde im April 2018 vor 4.000 zuschauenden GriechInnen bei einer Veranstaltung von Rechtsradikalen verpr\u00fcgelt und konnte sich nur noch mit M\u00fche in ein Auto retten, was anschlie\u00dfend demoliert wurde\u00a0((2)).<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie in Deutschland haben hier rechtsradikale Tendenzen und Antisemitismus in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Der seit 1991 mit Mazedonien heftig ausgetragene Namensstreit hat zu einer Polarisierung in Griechenland gef\u00fchrt. Selbst ehemalige Linke wie Mikis Theodorakis haben l\u00e4ngst die Seiten gewechselt. Es kam am Rande nationalistischer Demonstrationen zu gewaltt\u00e4tigen Attacken gegen linke Zentren. B\u00fcrgermeister Boutaris wurde einige Wochen vor dem Angriff als &#8222;Judenknecht&#8220; beschimpft\u00a0((3)). Der Schatten einer alten Geschichte liegt immer noch \u00fcber Thessaloniki.<\/p>\n<h3>Saloniki war nicht griechisch<\/h3>\n<p>Nach der R\u00fcckeroberung der iberischen Halbinsel durch christliche Herrscher nahm das Osmanische Reich ab 1492 etwa 20.000 fl\u00fcchtende sefardische J\u00fcdInnen in Saloniki auf. Ihr Wissen auf vielen Gebieten war sehr willkommen. Sie genossen 450 Jahre unter osmanischer Herrschaft religi\u00f6se Freiheiten, weitgehende lokale Selbstverwaltung und mussten Steuern an den Sultan zahlen. Die sefardischen J\u00fcdInnen lernten in der Regel auch t\u00fcrkisch, sprechen aber bis heute das Ladino (&#8222;Juden-Spanisch&#8220;) aus ihrer alten Heimat und behielten ihre spanischen Namen. Zusammen mit ihrem erkennbaren Akzent in der Aussprache sollte dies bei ihrer Verfolgung 1942\/43 oft zur t\u00f6dlichen Falle werden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die J\u00fcdInnen in anderen St\u00e4dten eine Minderheit darstellten, z\u00e4hlte die j\u00fcdische Gemeinde 1912 in Saloniki bei einer Bev\u00f6lkerung von 125.000 Einwohnern ca. 70.000 Mitglieder, die in \u00fcber 30 Synagogen beteten. Der Sabbat war in der &#8222;Judenstadt&#8220; offizieller Feiertag. Saloniki als gr\u00f6\u00dfte j\u00fcdische Stadt am Mittelmeer wurde &#8222;Jerusalem des Balkans&#8220; genannt. Mustafa Kemal Pascha (&#8222;Atat\u00fcrk&#8220;), der als Begr\u00fcnder der T\u00fcrkischen Republik gilt und von 1923 bis 1938 ihr erster Pr\u00e4sident war, wurde 1881 in Saloniki geboren. Hier war eine Hochburg der Bewegung f\u00fcr eine politische Modernisierung des Osmanischen Reichs.<\/p>\n<p>Die reicheren J\u00fcdInnen lasen zwei franz\u00f6sischsprachige j\u00fcdische Tageszeitungen aus Saloniki, weiterhin gab es eine Ladino-Tageszeitung und die sozialistischen ArbeiterInnen unterst\u00fctzten ihre &#8222;La Solidaridad Ovradera&#8220;\u00a0((4)). Saloniki wurde aber auch von den vielen anderen Minderheiten wie ArmenierInnen, T\u00fcrkInnen, BulgarInnen, GriechInnen und MakedonierInnen bewohnt. Christliche und muslimische Familien schickten ihre Kinder auf j\u00fcdische Schulen, was gegenseitiges Kennenlernen und Verst\u00e4ndnis f\u00f6rderte.<\/p>\n<h3>Die Lage wird prek\u00e4r<\/h3>\n<p>Anfang des 19. Jahrhunderts verschoben sich aufgrund des Griechisch-T\u00fcrkischen Kriegs die politischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse. 1909 verst\u00e4rkte sich in Saloniki die Konkurrenz zwischen griechischen und j\u00fcdischen Stra\u00dfenh\u00e4ndlerInnen und zwischen den verschiedenen Handelsgesellschaften. Das Klima wurde zus\u00e4tzlich durch paranoide Ritualmordbeschuldigungen gegen J\u00fcdInnen vergiftet. Die Minderheit der GriechInnen nahm die sefardischen J\u00fcdInnen als Kollaborateure der t\u00fcrkischen Herrscher wahr\u00a0((5)). Beim Einmarsch der griechischen Truppen in Saloniki im Jahr 1912 kam es zu Gewalttaten und Pl\u00fcnderungen von 400 j\u00fcdischen Gesch\u00e4ften und 300 H\u00e4usern.<\/p>\n<p>Die Mehrheit der J\u00fcdInnen empfand die griechische Besetzung als feindliche \u00dcbernahme. Sie favorisierten eine Internationalisierung Salonikis als freie autonome Stadt mit eigener Verfassung\u00a0((6)). Antisemitische Gewalttaten und zunehmende Entfremdung boten aber keine Grundlage mehr f\u00fcr eine Ann\u00e4herung zwischen den beiden Gruppen.<\/p>\n<p>Der verheerende Brand in Saloniki betraf haupts\u00e4chlich die j\u00fcdischen Viertel und machte 1917 zehntausende obdachlos. Aufgrund der Niederlage Griechenlands im Griechisch-T\u00fcrkischen Krieg und der 1923 zwischen beiden Staaten vertraglich vereinbarten Zwangsumsiedlung der jeweiligen andersnationalen Minderheiten str\u00f6mten 1923 rund 117.000 griechische Fl\u00fcchtlinge in die Stadt. J\u00fcdInnen waren immer noch in vielen Bereichen des gesch\u00e4ftlichen Lebens etabliert. &#8222;Viele Griechen reagierten darauf mit Unmut.&#8220;\u00a0((7))<\/p>\n<p>In den folgenden Jahren wurde die j\u00fcdische Gemeinde mit nur noch 17 % Bev\u00f6lkerungsanteil zur Minderheit. Griechenland schaffte 1924 den Schabbat als Ruhetag ab. Die Regierung erlie\u00df verschiedene Gesetze, welche die j\u00fcdischen B\u00fcrgerInnen diskriminierte. Von 1924 bis 1932 boykottierten sie deswegen aus Protest alle Parlamentswahlen. Die feindselige Atmosph\u00e4re f\u00fchrte 1931 zu einem Pogrom. Von 1908 bis 1940 verlie\u00dfen schrittweise etwa 40.000 J\u00fcdInnen Saloniki\u00a0((8)).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges k\u00e4mpften 1940 ca. 13.000 j\u00fcdische Soldaten auf Seiten Griechenlands gegen die italienischen Truppen, die von Albanien aus angriffen\u00a0((9)). Aus Saloniki waren es 4000\u00a0((10)). Die deutsche Wehrmacht marschierte am 9. April 1941 in Saloniki ein, wenige Tage sp\u00e4ter in Athen. Der nord\u00f6stliche Teil Griechenlands blieb von Deutschland besetzt, ein kleinerer Teil von Bulgarien, der Rest von Italien. Bereits seit 1938 hatten deutsche Diplomaten und der deutsche Konsul von Saloniki umfassende Informationen \u00fcber die j\u00fcdische Gemeinde an die SS in Berlin weitergegeben\u00a0((11)).<\/p>\n<p>Direkt nach dem Einmarsch in Saloniki wurden alle j\u00fcdischen Zeitungen verboten, j\u00fcdische H\u00e4user und Firmen enteignet, die Gemeindeb\u00fcros gepl\u00fcndert und die Mitglieder des Gemeinderates festgenommen. Griechische AntisemitInnen beeilten sich, &#8222;Juden unerw\u00fcnscht!&#8220;-Plakate an Gesch\u00e4fte zu kleben\u00a0((12)). Die Auspl\u00fcnderung Griechenlands durch die deutsche Besatzungsmacht hatte vom Winter 1941 bis zum Sommer 1942 eine gro\u00dfe Hungersnot mit \u00fcberproportional hohen Opfern bei den Juden zur Folge.<\/p>\n<h3>&#8222;Freiheitsplatz&#8220;<\/h3>\n<p>Am 11. Juli 1942 bestellte die deutsche Besatzungsmacht alle j\u00fcdischen M\u00e4nner von 18 bis 45 Jahren auf den gro\u00dfen Freiheitsplatz ein, um sie f\u00fcr Zwangsarbeit zu registrieren. Vor den Augen vieler zuschauender GriechInnen wurden \u00fcber 8.000 bei sengender Hitze den ganzen Tag gezwungen, dem\u00fctigende \u00dcbungen zu machen und bedroht. Von der griechisch-christlichen Bev\u00f6lkerung erfolgte daraufhin keine Reaktion\u00a0((13)). Sie waren &#8222;einer zumindest feindseligen Gleichg\u00fcltigkeit vieler ihrer Mitb\u00fcrger ausgeliefert&#8220;\u00a0((14)). Bereits vorher, im M\u00e4rz 1942, fanden Gro\u00dfdemonstrationen der StudentInnen und sp\u00e4ter in Thessaloniki Demonstrationen mit bis zu 150.000 TeilnehmerInnen gegen die drohende Zwangsarbeit christlicher ZivilistInnen in Deutschland statt, ohne ein Wort \u00fcber die Deportationen der J\u00fcdInnen zu verlieren\u00a0((15)).<\/p>\n<p>Der Freiheitsplatz ist heute ein gro\u00dfer Parkplatz. An seinem Rande sehe ich, eingehegt durch eine hohe Hecke, eine Bronzeskulptur mit Gedenktafeln. Es ist eine siebenarmige Menorah, dessen Flammen menschliche Figuren verschlingen. Sie steht seit 2007 hier und wird von den vorbeilaufenden Menschen wenig beachtet. Sie wurde am 22. Januar 2018 von der faschistischen Partei Chrysi Avgi beschmiert\u00a0((16)).<\/p>\n<h3>Der Friedhof<\/h3>\n<p>Der gro\u00dffl\u00e4chig in die Innenstadt hineinreichende j\u00fcdische Friedhof mit 350.000 Gr\u00e4bern war einigen GriechInnen schon vor der deutschen Besatzung ein Dorn im Auge, weil er einer Bebauung im Wege stand. Im Dezember 1942 begannen christlich-griechische ArbeiterInnen der Stadtverwaltung &#8222;mit \u00fcbertriebenem Eifer&#8220;\u00a0((17))\u00a0den Friedhof zu zerst\u00f6ren, zu pl\u00fcndern und die Grabplatten als Baumaterial und Wegeplatten zu verwenden. Selbst drei Jahre nach dem Abzug der Nazis ging die Sch\u00e4ndung weiter\u00a0((18)). Noch heute werden die hebr\u00e4ischen Grabinschriften auf den Wegen tausendfach mit F\u00fc\u00dfen getreten.<\/p>\n<p>Ich bin auf dem Weg zum ehemaligen Friedhof, dem weitl\u00e4ufigen Gel\u00e4nde der gr\u00f6\u00dften Universit\u00e4t Griechenlands. Die Universit\u00e4tsleitung hatte sich jahrzehntelang strikt geweigert, dort ein Mahnmal errichten zu lassen. Auf der Suche nach dem erst 2014 gebauten Gedenkort, laufe ich auf dem Gel\u00e4nde herum und frage etliche StudentInnen nach dem Weg &#8211; niemand wei\u00df von seiner Existenz. Endlich angekommen, sehe ich einen gro\u00dfen, bewusst schr\u00e4g gestellten siebenarmigen j\u00fcdischen Leuchter, der mich an ein schwankendes Schiff auf st\u00fcrmischer See erinnert. Davor einige gerettete Grabplatten und Gedenktafeln. Die Nachfahren der wenigen \u00dcberlebenden mussten die Errichtung dieses Mahnmals aus eigener Tasche bezahlen. Auf dem Gel\u00e4nde liegen noch vereinzelt Bruchst\u00fccke der Grabsteine herum, verunziert mit Blechb\u00fcchsen und M\u00fcll der dort lagernden StudentInnen. Die Rechtsradikalen kennen dieses Denkmal sehr wohl. Es ist 2018 mehrmals beschmiert worden.<\/p>\n<h3>Deportationen<\/h3>\n<p>Mit der Ankunft von Dieter Wisliceny und Alois Brunner, Eichmanns rechter Hand, in Saloniki am 2. Februar 1943 wurde die letzte Phase der Vernichtung der sefardischen J\u00fcdInnen eingeleitet. Sie hatten ab jetzt einen gelben Stern zu tragen, wurden aus ihren H\u00e4usern vertrieben und in speziellen Ghettos eingesperrt.<\/p>\n<p>Der zur Kollaboration gezwungene Gro\u00dfrabbiner Koretz unterrichtete am 14. M\u00e4rz 1943 die j\u00fcdische Gemeinde von ihrer bevorstehenden Abreise nach Polen, um dort angeblich eine neue j\u00fcdische Stadt zu gr\u00fcnden. Um gut vorbereitet &#8222;in das neue Leben&#8220; zu starten, fanden vorher noch schnell 400 Hochzeiten statt\u00a0((19)).<\/p>\n<p>Die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung wurde ab dem 15. M\u00e4rz 1943 schubweise in Viehwaggons getrieben und bis nach Ausschwitz gebracht. Es fanden f\u00fcnf Monate lang insgesamt 19 Transporte mit jeweils bis zu 4.500 Menschen statt\u00a0((20)). Der allergr\u00f6\u00dfe Teil wurde sofort in den Gaskammern ermordet. Einige wurden als ZwangsarbeiterInnen Monate sp\u00e4ter get\u00f6tet. Von den 46.000 deportierten J\u00fcdInnen aus Saloniki \u00fcberlebten nur 1.800\u00a0((21)).<\/p>\n<h3>Wer wusste was?<\/h3>\n<p>Noch bevor die J\u00fcdInnen abtransportiert wurden, zogen in ihre Wohnungen GriechInnen ein und pl\u00fcnderten ihren Besitz. Ein deutliches Zeichen, dass auch sie nicht mit ihrer Wiederkehr rechneten. Es bleibt die Frage, ob die j\u00fcdischen EinwohnerInnen von Saloniki wissen oder vermuten konnten, in welch t\u00f6dlicher Gefahr sie schwebten. Sie waren von Informationen durch Massenmedien gr\u00f6\u00dftenteils abgeschnitten, denn Radioger\u00e4te mussten abgegeben werden. 80 Prozent der J\u00fcdInnen waren arm, sprachen Ladino und etwas Griechisch, aber kaum andere Sprachen\u00a0((22)). Als im November 1942 in der BBC \u00fcber die ersten Massenmorde in Polen berichtet wurde, sind es nur noch wenige Wochen bis zum Beginn der Deportationen. Vielen Menschen \u00fcberstieg es ihr Vorstellungsverm\u00f6gen, dass ein industriell betriebener Massenmord in Gaskammern bevorstehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Konkrete Informationen hatten nur Wenige. Die griechischen Lokf\u00fchrer bekamen mit, unter welchen erb\u00e4rmlichen Umst\u00e4nden die Fahrt stattfand und dass t\u00e4glich Tote aus den Waggons herausgezogen wurden\u00a0((23)). Hilfe f\u00fcr die J\u00fcdInnen gab es in Saloniki nur vereinzelt. Rika Benveniste schreibt: &#8222;Die \u00f6ffentliche Meinung gew\u00f6hnte sich an die \u0082anormale Normalit\u00e4t&#8216; der Besatzung und nahm auch das Ungl\u00fcck, das nebenan an die T\u00fcren klopfte, ohne Anteilnahme hin&#8220;\u00a0((24)). Unter der Herrschaft der Deutschen hatten Viele zu leiden. Mark Mazower schreibt: &#8222;Bis zur Befreiung Ende 1944 wurden mehr als 1000 D\u00f6rfer zerst\u00f6rt. Eine Millionen Griechen hatten mit ansehen m\u00fcssen, wie die Deutschen ihre H\u00e4user pl\u00fcnderten, niederbrannten, die Ernte vernichteten, die Kirchen ausraubten. Mehr als 20.000 Zivilisten wurden von Wehrmachtssoldaten get\u00f6tet oder verwundet, erschossen, erh\u00e4ngt oder zusammengeschlagen&#8220;\u00a0((25)).<\/p>\n<p>An dem milit\u00e4rischen Widerstand beteiligten sich in ganz Griechenland etwa eintausend j\u00fcdische PartisanInnen\u00a0((26)). Die EAM (Ethnik\u00f3 Apeleftherotik\u00f3 M\u00e9topo) war eine nationale Befreiungsorganisation. Die rassistische Dimension der Ausl\u00f6schung der J\u00fcdInnen wurde von ihr nicht wahrgenommen\u00a0((27)). Als j\u00fcdische PartisanInnen aus Saloniki auf dem Weg zu ihren Einheiten h\u00f6rten, dass ihre Familien bereits in Ghettos untergebracht und bald deportiert werden sollten, verlie\u00dfen viele im letzten Moment ihre Gruppe und eilten zu ihren Familien, um den Alten, Kranken und Kindern beizustehen. Es war ihnen durchaus bewusst, dass damit auch sie ins Verderben gehen w\u00fcrden\u00a0((28)).<\/p>\n<p>In anderen Teilen Griechenlands konnten die verfolgten J\u00fcdInnen auf bedeutend mehr Unterst\u00fctzung hoffen als in Saloniki. Hunderten wurde bei der Flucht geholfen oder vor den BesatzerInnen versteckt. Auf der Insel Zakynthos konnten alle 237 J\u00fcdInnen gerettet werden. Auch die \u00dcberlebensrate in Athen war relativ hoch. Die italienischen BesatzerInnen waren an einer Verfolgung von J\u00fcdInnen wenig interessiert. Als die deutschen Truppen Saloniki am 30. Oktober 1944 verlie\u00dfen, zogen mit ihnen sch\u00e4tzungsweise 12.000 griechische KollaborateurInnen ab\u00a0((29)).<\/p>\n<p>Die wenigen \u00fcberlebenden J\u00fcdInnen mussten zum Teil in Displaced Persons-Camps in Deutschland unter schwierigen Bedingungen verharren, bis sie nach Hause konnten. Dort waren ihre H\u00e4user von Christen belegt. &#8222;Die von der Schoah nicht direkt betroffenen Griechen wollen jedoch nicht glauben, was den \u00dcberlebenden der Schoah in Auschwitz und andernorts geschehen war, die von einem anderen Stern gekommen zu sein schienen (&#8230;). Saloniki war von seinen Juden entleert. Von den wenigen, die zur\u00fcckkamen, zog ein gro\u00dfer Teil weiter, weil sie die Einsamkeit in ihrer Stadt ohne ihre Verwandten nicht ertragen konnten&#8220;, berichtete Erhard Roy Wiehn\u00a0((30)). Die kleine j\u00fcdische Gemeinde hat heute noch eine einzige Synagoge.<\/p>\n<h3>Deutsche Verstrickungen bis heute<\/h3>\n<p>Einer der Hauptakteure bei der Ausraubung, Drangsalierung und Deportation der J\u00fcdInnen von 1942 bis 1944 war Max Merten, der Chef der Wehrmachtsverwaltung. Er erpresste horrende L\u00f6segelder, mit der er Monate vor den Deportationen hinterlistig ein Freikaufen von m\u00f6rderischer Zwangsarbeit tausender J\u00fcdInnen in Aussicht stellte, obwohl klar war, dass alle ermordet werden sollten. Das gesamte Hab und Gut der entrechteten J\u00fcdInnen ging durch seine H\u00e4nde an das Deutsche Reich und seine griechischen KollaborateurInnen.<\/p>\n<p>Eberhard Rondholz machte auf das bemerkenswerte Leben Mertens nach 1945 aufmerksam\u00a0((31)): Er wurde Mitglied und Funktion\u00e4r der neutralistisch ausgerichteten Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP), die sich mit ihren prominenten Mitgliedern Gustav Heinemann und Johannes Rau 1956 in die SPD aufl\u00f6ste. Als er bei einem Griechenlandbesuch im Jahre 1957 festgenommen wurde, geriet sein Wirken in den Blickwinkel einer gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit. Merten wurde zu 25 Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt, aber nach 30 Monaten nach Deutschland abgeschoben, weil die Bundesregierung Druck auf Griechenland aus\u00fcbte und in Griechenland selbst viele PolitikerInnen bef\u00fcrchteten, das er ihre Rolle als Kollaborateure der Nazis offenlegen w\u00fcrde. Druckmittel der Deutschen war ein in der Schwebe befindliches Finanzabkommen mit Griechenland. Mertens Anwalt, der diesen Deal mit einstielte war Gustav Heinemann, der sp\u00e4tere Bundespr\u00e4sident der BRD. In Deutschland wurde Merten nach 11 Tagen freigelassen, das Verfahren wegen Verj\u00e4hrung eingestellt und ihm eine Rente gezahlt.<\/p>\n<p>Die Peinlichkeiten in dieser Sache gehen bis in die heutige Zeit weiter: Bevor der ehemalige GVPler Johannes Rau im Jahr 2001 Thessaloniki einen Besuch abstatte, besuchte er lieber vorher den Gedenkort im weit entfernten Kalavrita. Er unterlie\u00df es, einen Kranz am Holocaustdenkmal niederzulegen oder ein offizielles Wort zur Schoah in Saloniki zu verlieren\u00a0((32))\u00a0und br\u00fcskierte damit die j\u00fcdische Gemeinde. Und das alles, obwohl Rau bisher etliche j\u00fcdische und israelische Auszeichnungen erhalten hat und drei\u00dfig mal offiziell in Israel zu Besuch war. Offensichtlich war es ihm unangenehm, weil er hier wom\u00f6glich auf das verheerende Wirken seines ehemaligen Parteigenossen Merten angesprochen werden w\u00fcrde.<\/p>\n<h3>Sozialdemokratisches Trauerspiel<\/h3>\n<p>F\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter setzt sich das sozialdemokratische Trauerspiel fort, als 2016 Au\u00dfenminister Steinmeier in Thessaloniki bei einem Besuch der einzigen dort noch stehenden Synagoge &#8222;die deutschen H\u00e4nde, die nach 1945 zum Einsatz kommen k\u00f6nnen&#8220; hervorhebt. 1943 mussten die 46.000 deportierten J\u00fcdInnen ihre Fahrkarte nach Auschwitz vorher selbst bezahlen. &#8222;Auf die deutschen Einnahmen aus den Todesfahrten (89 Millionen Euro) und die Berliner Weigerung, diese Schulden zur\u00fcckzuzahlen, ging der deutsche Au\u00dfenminister am 4. Dezember mit keinem Wort ein. Die von der J\u00fcdischen Gemeinde geforderte Erstattung rassistischer \u0082L\u00f6segelder&#8216; im Wert von weiteren Millionen Euro lie\u00df Steinmeier ebenfalls unerw\u00e4hnt. Die Emp\u00f6rung prominenter griechischer Juden gilt dem offenkundigen Versuch der Berliner Au\u00dfenpolitik, die Rechtsanspr\u00fcche der NS-Opfer mit moralischen Bekenntnissen und unverbindlichen Zuwendungen zu unterlaufen&#8220;\u00a0((33)).<\/p>\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter sprach Steinmeier von &#8222;dem Wunder der Vers\u00f6hnung&#8220;, von dem die wenigen \u00fcberlebenden, an den Rand gedr\u00e4ngten griechischen J\u00fcdInnen inmitten einer schweren Wirtschaftskrise herzlich wenig hatten. Die besondere zus\u00e4tzliche Dimension des Holocausts wurde bei der Debatte \u00fcber finanzielle griechische Rechtsanspr\u00fcche unter den Teppich gekehrt.<\/p>\n<h3>Ausblick<\/h3>\n<p>Heute besichtige ich das kleine j\u00fcdische Museum, das die j\u00fcdische Gemeinde seit 1997 betreibt. Es ist gut besucht, eine franz\u00f6sische Schulklasse bringt Leben hinein. Abends w\u00e4hrend der langen Fahrt im \u00fcberf\u00fcllten Bus komme ich mit neugierigen Sch\u00fclerInnen und StudentInnen ins Gespr\u00e4ch, die mir h\u00f6flich einen Sitzplatz anbieten. Sie erz\u00e4hlen mir, dass sie das Thema im Unterricht durchgenommen und das j\u00fcdische Museum besucht haben. Dies finde ich sehr lobenswert, muss aber auch daran denken, dass Rena Molho in ihrem Buch den Holocaust-Unterricht an den griechischen Schulen als oft klischeehafte Schwarz-Wei\u00df-Malerei (reiche J\u00fcdInnen, edle griechische RetterInnen) bezeichnete und die Existenz von griechischen KollaborateurInnen verschweigt\u00a0((34)).<\/p>\n<p>Nachdem sich jahrzehntelang nur nichtgriechische WissenschaftlerInnen an den Unis mit dem Holocaust der griechischen J\u00fcdInnen befasst hatten und es keine wissenschaftlichen Tagungen hierzu gab, ist vor drei Jahren der erste Lehrstuhl f\u00fcr j\u00fcdische Geschichte an der Aristoteles-Universit\u00e4t eingerichtet worden &#8211; an dem Ort, wo mit der Zerst\u00f6rung des j\u00fcdischen Friedhofs der &#8222;Ged\u00e4chtnismord&#8220;\u00a0((35))\u00a01942 seinen Ausgang nahm. In wenigen Wochen erscheint der von j\u00fcngeren Deutschen produzierte Dokumentarfilm &#8222;Salonika &#8211; A City with Amnesia&#8220; und wird hoffentlich f\u00fcr Aufmerksamkeit und Diskussionen sorgen\u00a0((36)).<\/p>\n<p>In diesem Jahr wurde nach langer Vorbereitung der Grundstein f\u00fcr ein von der BRD mitfinanziertes Holocaustmuseum in Saloniki gelegt. Es soll ein repr\u00e4sentativer Lernort werden, wenn er voraussichtlich im Jahr 2020 f\u00fcr etwa zehn Millionen Euro fertiggestellt worden ist. Ev\u00e1nghelos Hek\u00edmoglu, der als Kurator des J\u00fcdischen Museums eine Ausstellung erarbeitet hatte, betonte: &#8222;Seitdem klar ist, dass ich f\u00fcr das j\u00fcdische Holocaustmuseum arbeite, meiden mich griechische Kollegen&#8220;\u00a0((37)).<\/p>\n<p>Auch heute noch ist die Frage offen, ob die Gesellschaft in Zukunft stark genug sein wird, um Antisemitismus und Nationalismus in die Schranken zu weisen.<\/p>\n<p><b>Horst Blume<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcnfzig Jahre nach der Entdeckung des Heftchens bin ich hier. Von der einstigen j\u00fcdischen Metropole ist fast nichts mehr zu sehen. Ich frage mich, wie konnten 46.000 sefardische J\u00fcdInnen Salonikis nach Ausschwitz deportiert und fast alle umgebracht werden? Wie wird in Thessaloniki und in Deutschland mit dieser Vergangenheit umgegangen? 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