{"id":17599,"date":"2018-09-01T00:00:00","date_gmt":"2018-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/adultismus-und-sexismus\/"},"modified":"2022-07-26T12:58:49","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:49","slug":"adultismus-und-sexismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/adultismus-und-sexismus\/","title":{"rendered":"Adultismus und Sexismus"},"content":{"rendered":"<h3>Feminismus ist out?<\/h3>\n<p>Ich sitze an einer Stra\u00dfenbahnhaltestelle und lese Simone de Beauvoir, als ich einen Trupp wild bemalter weiblich gelesene Menschen, die laut gackern und rosa Sekt in sich reinzischen sehe. &#8222;M\u00e4\u00e4\u00e4dels, Foto!&#8220;, ruft eine von ihnen und alle posieren vor einem glitzernden Smartphone. 69 Jahre nach dem Erscheinen des Buches, das ich gerade in den H\u00e4nden halte.<\/p>\n<p>Und ich denke an Hipster-Hausfrauen, die rosane Cupcakes backen und an die 21 %, die Frauen* immer noch weniger verdienen als M\u00e4nner*.<\/p>\n<p>Ich steige in die Bahn, halte mich oben an der Stange fest, sodass man die Haarpracht unter meinen Achseln sieht. Einige weiblich gelesene junge Menschen sitzen vor mir, blicken entsetzt auf mich, und fangen an zu kichern und zu tuscheln. &#8222;Richtig ekelhaft&#8220;, prustet eine und ich brauche ein paar Momente bis ich verstehe, was genau gemeint ist.<\/p>\n<h3>Die Kindfrau<\/h3>\n<p>In der Bahn sitzt auch eine Person in einem Wagen, gekleidet in viel Glitzer und Rosa. Sie ist ziemlich frustriert und aggressiv. Ihre Bezugsperson ist ziemlich genervt: &#8222;W\u00fctende M\u00e4dchen wollen wir nicht haben&#8220;. Zu einem Jungen w\u00fcrde man vielleicht sagen: &#8222;So viel Durchsetzungsverm\u00f6gen, toll aus dem wird mal was&#8220;, aber dieser kleine Mensch verlernt ziemlich schnell widerst\u00e4ndig zu sein, Aggression als Kraftquelle anzuerkennen und Wut zuzulassen.<\/p>\n<p>Mit 12 begann ich mich zu schminken, mich zu rasieren, achtete mehr auf meine Kleidung und genoss das. Es war ein Ausdruck von dem, was ich unter &#8222;erwachsen werden&#8220; verkauft bekam und ich erhoffte mir dadurch mehr Selbstbestimmung. Aber was ist das f\u00fcr ein &#8222;Frau-sein&#8220;, was vielen M\u00e4dchen heute vermittelt wird? Und warum nennen sich so viele erwachsene Frauen immer noch &#8222;M\u00e4dels&#8220;?<\/p>\n<p>Frauen werden so viel und lange wie m\u00f6glich klein gehalten, indem wir ihnen weiterhin kindliche Eigenschaften zuschreiben. Frauen d\u00fcrfen keine Haare haben, wo Frauen nun mal Haare haben, um auszusehen wie M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>Attraktiv gelten Frauen, die kleine Schritte machen, die eine helle Stimme haben, gro\u00dfe Augen, die lieb und nett und ein bisschen d\u00fcmmlich sind. Frauen sollen auch m\u00f6glichst unber\u00fchrt bleiben, also mit wenigen M\u00e4nnern Sex haben, um unschuldig wie ein Kind zu bleiben. Wir alle kennen Darstellungen von &#8222;Kindfrauen&#8220; \/ &#8222;Lolitas&#8220;\u00a0((1)), die immer gr\u00f6\u00dfere Beliebtheit erfahren.<\/p>\n<p>Frauen wurden und werden immer noch als unm\u00fcndiger, unvern\u00fcnftiger, unverantwortungsvoller und inkompetenter gehalten.<\/p>\n<p>Die gleichen Attribute werden immer noch Kindern zugeschrieben.<\/p>\n<h3>Der starke Mann<\/h3>\n<p>M\u00e4nnlich sozialisierte Menschen d\u00fcrfen hingegen blo\u00df keine Schw\u00e4che zeigen. &#8222;Stell dich nicht so an&#8220;, &#8222;Ist doch gar nicht schlimm&#8220;, &#8222;Indianer kennen keinen Schmerz&#8220; (doppelt doof!), sind Spr\u00fcche, die vor allem kleine Jungs gesagt bekommen. Erschreckend wenige m\u00e4nnlich sozialisierte Menschen k\u00f6nnen einfach so weinen, Fehler machen oder \u00fcber \u00c4ngste reden.<\/p>\n<p>Studien belegen, dass schon kleine Jungs nur auf Grund ihres Geschlechts weniger angefasst und getr\u00f6stet werden. M\u00e4nnlich gelesene Menschen k\u00f6nnen sich in vielen Kreisen nicht einmal in den Arm nehmen ohne als &#8222;schwul&#8220; oder &#8222;M\u00e4dchen&#8220; bezeichnet zu werden. Anscheinend beides schreckliche Vorstellungen.<\/p>\n<h3>Adultismus als Diskriminierungsform<\/h3>\n<p>Menschen werden bei allen Diskriminierungsformen in Gruppen aufgeteilt, so auch bei Sexismus und Adultismus: in Frauen und M\u00e4nner, in Kinder und Erwachsene. Beiden Gruppen werden dann bestimmte Eigenschaften und Rechte zugeteilt. Frauen sind zart, empathisch und sind aufgrund von genetischen Anlagen f\u00fcr Sorget\u00e4tigkeiten gut geeignet. M\u00e4nner hingegen sind unemotional, vern\u00fcnftig und k\u00f6nnen gut einparken. Kinder sind s\u00fc\u00df, spielen gerne mit Puppen und Autos und sind impulsgesteuert. Erwachsene sind verantwortungsbewusst, k\u00f6nnen ihre Emotionen und Impulse kontrollieren und immer die richtigen Entscheidungen treffen.<\/p>\n<p>All diese Zuschreibungen werden oft mit Argumenten aus der Biologie untermauert. Wir nehmen Menschen nicht mehr ernst, weil sie in der Trotzphase, der Pubert\u00e4t oder der Menopause sind, gerade menstruieren oder schwanger sind oder sich sonst irgendwie erlauben nicht leistungsf\u00e4hig in unserm Verst\u00e4ndnis zu sein. Mit diesen Argumenten rechtfertigt man dann, dass eine Gruppe Macht \u00fcber die andere aus\u00fcbt, dass Ressourcen ungleich verteilt werden, Entscheidungen zugunsten der herrschenden Gruppe gef\u00e4llt werden und die Bed\u00fcrfnisse, F\u00e4higkeiten und Perspektiven der beherrschten Gruppe \u00fcbergangen werden.<\/p>\n<h3>Authentische Begegnung nach Bed\u00fcrfnissen und F\u00e4higkeiten<\/h3>\n<p>Alle Menschen sind unterschiedlich und haben unterschiedliche F\u00e4higkeiten und Bed\u00fcrfnisse.<\/p>\n<p>Statt einen Menschen auf Grund seines \u00c4u\u00dferen einer bestimmten Gruppe zuzuordnen und dem entsprechend erlernte Verhaltensmuster anzuwenden, k\u00f6nnen wir uns immer wieder fragen: Was ist in diesem Menschen gerade lebendig? Was braucht er? Was sind seine F\u00e4higkeiten? Dann k\u00f6nnen wir in Abstimmung mit unseren eigenen Bed\u00fcrfnissen und F\u00e4higkeiten eine authentische Begegnung zwischen Menschen lebendig werden lassen und nicht zwischen Rollen.<\/p>\n<h3>Ich bin nicht mein Alter, ich bin nicht mein Geschlecht, ich bin ich.<\/h3>\n<p>Als ich verstanden habe, dass die Unterteilung in die zwei Geschlechter sozial konstruiert ist, hat sich das unglaublich befreiend f\u00fcr mich angef\u00fchlt. Nicht mehr die Rolle &#8222;Frau&#8220; leben zu m\u00fcssen und mir vorzustellen, wer ich ohne Geschlecht sein k\u00f6nnte, ohne dieses Label, f\u00fchlt sich gro\u00dfartig an.<\/p>\n<p>Ich kann frei experimentieren mit dem was in mir lebendig ist und da lebt ziemlich viel. Ein \u00e4hnliches Gef\u00fchl hatte ich jetzt, als ich verstanden habe, wie sehr &#8222;Alter&#8220; gesellschaftlich konstruiert wird. Mich zu fragen &#8222;wer k\u00f6nnte ich ohne mein Alter sein?&#8220; hat mich dazu gebracht, mich mehr einzumischen, mehr Verantwortung zu \u00fcbernehmen, mehr das zu machen worauf ich Lust habe und meine eigenen Bed\u00fcrfnisse und Empfindungen ernster zu nehmen.<\/p>\n<h3>Adultismus bereitet Sexismus den Weg<\/h3>\n<p>Durch Adultismus als erste erlebte Diskriminierungsform lernen wir vom Beginn unseres Lebens, dass Herrschaftsverh\u00e4ltnisse normal sind. Das macht es m\u00f6glich, dass wir sp\u00e4ter sexistisches und rassistisches Verhalten eher hinnehmen und uns erst wieder daf\u00fcr sensibilisieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Schon fr\u00fch werden krasse Unterschiede zwischen Jungen und M\u00e4dchen gemacht, womit alle in ihrer individuellen Entwicklung beschnitten werden. Ich denke an mein Entsetzen, als man mir irgendwann verbot oberk\u00f6rperfrei durch unseren Garten zu rennen, mit gespreizten Beinen zu sitzen und kurze Haare zu tragen. So ein krasser Eingriff in die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen w\u00e4re ohne Adultismus nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Auch verlieren wir durch Adultismus die Verbindung zu unseren Gef\u00fchlen und Bed\u00fcrfnissen, weswegen man uns sp\u00e4ter besser die Bed\u00fcrfnisse einreden kann, die gut f\u00fcr den Erhalt des Systems sorgen. Wir wundern uns, dass ein Drittel der elf- bis 15-j\u00e4hrigen M\u00e4dchen Formen von Essst\u00f6rungen hat, w\u00e4hrend wir junge Menschen st\u00e4ndig zwingen, Dinge zu essen, die sie nicht m\u00f6gen und zwar dann wann wir es wollen. Wir zwingen Menschen still zu sitzen und wundern uns dann, wenn sie ihren Spa\u00df an Bewegung verlieren. Jeder Mensch kommt mit einem richtig tollen K\u00f6rper auf die Welt, was tun wir, dass so viele Menschen anfangen gegen ihren eigenen zu k\u00e4mpfen?<\/p>\n<h3>&#8222;Sexy Frau, s\u00fc\u00dfes Kind&#8220;<\/h3>\n<p>Ich fahre mit meinem Fahrrad durch die Stadt und sehe \u00fcberall blonde d\u00fcnne Frauen, die mich anlachen und so tun, als w\u00e4ren sie gl\u00fccklich oder geil. Und ich sehe Kinder.<\/p>\n<p>Kinder bilden neben Frauen den gr\u00f6\u00dften Teil in der Werbung ab. W\u00e4hrend weiblich gelesene Menschen als begehrenswerte Objekte verwendet werden, werden Kinder als s\u00fc\u00dfe Objekte benutzt. Dabei werden junge Menschen immer fr\u00f6hlich, frech und tapsig dargestellt und nie als stark, selbstbestimmt und ernst.<\/p>\n<h3>Intersektionalit\u00e4t<\/h3>\n<p>Verschiedene Formen der Diskriminierung wirken nicht einfach nur als Summe. Adultismus und Sexismus sind miteinander verwoben, stehen nicht in Konkurrenz zueinander und wirken intersektional.<\/p>\n<p>Besonders schwindelig wird mir im Kopf, da Adultismus eine Diskriminierungsform ist, die wir alle einmal erfahren, aus der wir aber herauswachsen und pl\u00f6tzlich auf der anderen Seite stehen. Mit den Auswirkungen in der Tasche.<\/p>\n<p>Wenn ich noch andere Diskriminierungsformen in das Geflecht dazu hole, komme ich erst so richtig ins Gr\u00fcbeln, wie h\u00e4ngt Adultismus mit Rassismus zusammen? Und erst mit Klassismus? Es er\u00f6ffnen sich immer mehr Fragen in meinem Kopf, ich hebe ab in wolkige Theoriewelten.<\/p>\n<h3>Down to earth<\/h3>\n<p>Was mache ich mit all diesen Begriffen? Ich bin etwas \u00fcberfordert. Dann erinnere ich mich daran, dass wir alle gleichwertige Menschen sind. Das ist so wahr, dass ich diese Wahrheit in jeder Begegnung finden kann, wenn ich den Menschen in die Augen gucke. Und sie ist auch viel wahrer als die vielen Vorurteile und Diskriminierungsstrukturen, die davor wabern wie dicker schwerer Nebel. Wir m\u00fcssen uns einfach immer wieder daran erinnern.<\/p>\n<p><b>Luisa<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Feminismus ist out? 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