{"id":17605,"date":"2018-09-01T00:00:00","date_gmt":"2018-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/terra-libra-alternativer-handel-in-der-bretagne\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:00","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:00","slug":"terra-libra-alternativer-handel-in-der-bretagne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/terra-libra-alternativer-handel-in-der-bretagne\/","title":{"rendered":"Terra Libra: Alternativer Handel in der Bretagne"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution: Was war Eure Motivation zur Gr\u00fcndung von Terra Libra?<\/b><\/p>\n<p>Thomas: Terra Libra ist ein Import- und Vertriebs-Unternehmen f\u00fcr Produkte aus dem biologischen und Fairhandels-Bereich aus handwerklicher Produktion, bei dem wir immer von m\u00f6glichst nahegelegenen und kleinen Produzent*innen einkaufen.<\/p>\n<p>Wir haben dieses Projekt gestartet, um die Bewegung der Zapatistas bekannt zu machen. Vor der Gr\u00fcndung von Terra Libra gab es eine Gruppe, die den Zweck hatte, die zapatistische Bewegung bekannt zu machen und den Kaffee zu vertreiben. Und nach f\u00fcnf Jahren unbezahlter freiwilliger Arbeit, fehlte es an Kraft, um es gut zu machen und wir haben uns entschieden, ein etwas professionelleres Projekt daraus zu machen. Seit dieser Zeit arbeiten wir im Projekt Terra Libra.<\/p>\n<p>Die ersten sechs Jahre waren schwierig, denn es gab wenig Nachfrage f\u00fcr Produkte aus dem fairen und \u00f6kologischen Handel. Es war schwierig, sich selbst, das Warenlager und alle Leistungen zu bezahlen. Schritt f\u00fcr Schritt hat sich das Denken der Leute ver\u00e4ndert. Viele Menschen interessieren sich heute f\u00fcr den fairen Handel und mehr noch f\u00fcr die organische Produktion und lokale Erzeugnisse.<\/p>\n<p>Und heute funktioniert es in der Tat sehr gut., wir konnten wachsen, wir konnten 2016 das Warenlager wechseln. Wir konnten auch eine weitere Person einstellen und einen weiteren Transporter kaufen und so machen wir unseren Weg Schritt f\u00fcr Schritt.<\/p>\n<p><b>GWR: Warum seid Ihr mit dem dominierenden System der Agrarindustrie nicht einverstanden?<\/b><\/p>\n<p>Thomas: Das aktuell \u00f6konomische Modell dr\u00e4ngt viele Menschen an den Rand. Sowohl Produzent*innen in L\u00e4ndern des S\u00fcdens als auch hier in Frankreich. Es ist f\u00fcr sie schwierig, von ihrer Produktion zu leben, obwohl es eine anstrengende Arbeit ist.<\/p>\n<p>Es ist klar, dass dieses Modell nicht funktioniert, es ist in jedem Falle nicht gerecht. Also versuchen wir, es zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Industrie macht immer weiter mit dem Modell, mehr und mehr zu produzieren &#8211; zu m\u00f6glichst g\u00fcnstigen Kosten und die L\u00f6hne der Produzent*innen bleiben niedrig.<\/p>\n<p><b>GWR: Du hast erw\u00e4hnt, dass ein Gro\u00dfteil Eurer Arbeit mit regionalen Produzent*innen zu tun hat. Wie funktioniert das hier in der Region, in der Bretagne?<\/b><\/p>\n<p>Thomas: Es ging darum, nicht allein in S\u00fcd-Nord-Beziehungen zu verbleiben, sondern auch zu gerechten Bedingungen mit lokalen Produzent*innen zu arbeiten, die \u00e4hnliche Problematiken erleben. Sie haben Schwierigkeiten, genug L\u00e4ndereien zu haben, Schwierigkeiten genug Geld f\u00fcr die Arbeit, die sie leisten, zu bekommen. Also haben wir gedacht, wir arbeiten mit beiden Arten von Produkten, also mit importierten Erzeugnissen und regionalen und lokalen Produkten von kleinen Produzent*innen.<\/p>\n<p>Und nun haben wir das Verh\u00e4ltnis H\u00e4lfte-H\u00e4lfte: Von unseren 35 Zulieferbetrieben sind die H\u00e4lfte Importkooperativen. Entweder importieren wir direkt von den Kooperativen oder wir kaufen bei Kolleg*innen von uns aus Frankreich, die z.B. aus Peru, Bolivien oder Argentinien importieren. Die andere H\u00e4lfte sind Produzent*innen, B\u00e4uer*innen oder kleine Verarbeitungsbetriebe aus der Bretagne oder von ein wenig weiter weg, wenn es hier in der N\u00e4he kein entsprechendes gutes Produkt gibt.<\/p>\n<p><b>GWR: An wen verkauft Ihr eure Produkte?<\/b><\/p>\n<p>Thomas: Wir haben aktuell mehr als 350 Kund*innen. Viele davon sind kleine unabh\u00e4ngige Bio-L\u00e4den. Und es gibt etwa 50 Konsumgruppen, selbstverwaltete und kollektive L\u00e4den, ca. 50 Restaurants und Privatpersonen.<\/p>\n<p><b>GWR: Terra Libra hat \u00fcber 450 Produkte im Sortiment; 250 davon kommen aus lokaler Produktion. Kannst Du ein paar Beispiele f\u00fcr lokale Produkte nennen?<\/b><\/p>\n<p>Thomas: Unter den regionalen Produkten sind zum Beispiel \u00d6le, Mehlsorten, Biere, Apfels\u00e4fte, andere Saftsorten, Suppen, es gibt eine alternative Cola, die hier in der Bretagne produziert wird, Kekse und dann auch M\u00fcslis f\u00fcr das Fr\u00fchst\u00fcck.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie hat sich die \u00f6kologische Produktion in der Bretagne entwickelt?<\/b><\/p>\n<p>Thomas: Die Bretagne ist eine Region, in der sich die Bio-Produktion gut entwickelt hat. Schritt f\u00fcr Schritt werden die B\u00f6den organisch umgestellt. Aber es gibt in Frankreich auch eine Schwierigkeit f\u00fcr junge Menschen, die etwas aufbauen wollen, L\u00e4ndereien zu finden. Es ist immer wieder dasselbe, wenn L\u00e4ndereien von einer Privatperson frei werden, sind es die Nachbarn, die bereits gro\u00dfe Fl\u00e4chen haben, die dann weiter wachsen wollen, anstatt es den jungen Menschen zu erm\u00f6glichen, sich dort niederzulassen. Es ist also nicht so einfach, es fehlen L\u00e4ndereien, um die Produktion zu erh\u00f6hen, aber Schritt f\u00fcr Schritt w\u00e4chst die Bio-Produktion.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie findet Ihr Eure Produzent*innen, hier in der Region?<\/b><\/p>\n<p>Thomas: Wir finden Schritt f\u00fcr Schritt neue Produzent*innen. Wir wachsen tats\u00e4chlich, aber relativ langsam. Wenn wir mit einem neuen Produzenten arbeiten, versuchen wir verschiedene Kriterien zu betrachten: Das eine ist die r\u00e4umliche N\u00e4he, daneben die Art von Landwirtschaft, die betrieben wird, ob sie eher kleinb\u00e4uerlich oder eher industriell ist &#8211; wir bevorzugen klar die kleinb\u00e4uerliche Weise. Und ob es eine Beziehung des fairen Handels gibt oder auch ob sie bei einem Kampf f\u00fcr soziale Ver\u00e4nderung aktiv sind, ob sie eine Gewerkschaft auf lokaler oder internationaler Ebene unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><b>GWR: Seid Ihr als Terra Libra in Netzwerken engagiert?<\/b><\/p>\n<p>Thomas: Ja. Aber es ist schwierig, \u00fcberall zu sein, wo wir uns gerne beteiligen w\u00fcrden, denn uns fehlt die Zeit. Wo wir am meisten involviert sind, ist ein Netzwerk, das sich &#8222;Minga&#8220; nennt, ein Netzwerk von mehreren Importeur*innen, Produzent*innen und diversen Arbeiter*innen. Die Idee ist, eine eher handwerkliche Form des Arbeitens zu unterst\u00fctzen, diese Arbeitsweisen kennenzulernen und gerechte Vertriebswegen zu finden. Dabei geht es nicht nur um Akteur*innen des fairen Handels, sondern auch um kleine Betriebe aus dem handwerklichen und b\u00e4uerlichen Bereich, die die Wirtschaft ver\u00e4ndern wollen.<\/p>\n<p><b>GWR: Warum verkauft Ihr zapatistischen Kaffee?<\/b><\/p>\n<p>Thomas: Das ist das Herz des Projektes von Terra Libra. Unsere Idee ist, die Genoss*innen und ihren Kampf dort zu unterst\u00fctzen. Die Idee, dass eine andere Welt m\u00f6glich ist, und eine andere Form, sich zu organisieren, in der Autonomie zu arbeiten, ist f\u00fcr uns ebenfalls eine Leitlinie. Die zapatistische Bewegung ermutigt uns zu denken, dass wir auch hier in Frankreich unsere eigene Autonomie errichten k\u00f6nnen. Und das ist auch die Idee von Terra Libra, mit lokalen Produkten an der Autonomie der Landwirt*innen und der Bev\u00f6lkerung hier zu arbeiten.<\/p>\n<p><b>GWR: Ihr verkauft auch Produkte von der Landlosenbewegung MST in Brasilien.<\/b><\/p>\n<p>Thomas: Eine der S\u00e4ulen des Projektes ist, kleinb\u00e4uerliche K\u00e4mpfe zu unterst\u00fctzen. Es geht nicht nur um fairen Handel. Wenn wir Gruppen und Genossenschaften unterst\u00fctzen k\u00f6nnen, die als politisches Ziel haben, die Funktionsweise der internationalen \u00d6konomie zu ver\u00e4ndern, dann wollen wir sie dabei unterst\u00fctzen. Wir kennen die MST schon seit Jahren, wir waren dort zu Besuch, wir verstehen ihren Kampf um das Land. Dies erm\u00f6glicht den Menschen, L\u00e4ndereien zur\u00fcckzugewinnen und auf dem Land zu leben anstatt in den Randregionen der gro\u00dfen St\u00e4dte aufzuwachsen, wo es schlechte oder gar keine Arbeit gibt.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns ist diese Unterst\u00fctzung wichtig und wir versuchen auch, diese Idee, f\u00fcr das Land zu k\u00e4mpfen, auch auf Frankreich zu \u00fcbertragen. Es gibt b\u00e4uerliche und gewerkschaftliche Gruppen, die da dran sind. Wir sind dabei, diesen Kampf f\u00fcr die L\u00e4ndereien bekannt zu machen. Die Bewegung der Landlosen in Brasilien ist eine wichtige Gruppe, sie sind seit \u00fcber 30 Jahren im Kampf und es gibt schon viele Familien, die B\u00f6den erhalten haben, um auf dem Land zu leben.<\/p>\n<p><b>GWR: M\u00f6chtest du noch etwas hinzuf\u00fcgen?<\/b><\/p>\n<p>Thomas: F\u00fcr mich ist die Idee wichtig, uns zu fragen, ob wir mit der Welt, in der wir leben, einverstanden sind oder nicht. Und welcher Art von Leben wir zuk\u00fcnftig folgen wollen. Ob wir versuchen wollen, auf eine gewisse Weise etwas zu ver\u00e4ndern. Ich glaube, dass wir durch die Art, in der wir konsumieren, eine bedeutende Macht haben. Ich glaube, dass man sich entscheiden kann, welches Produkt man kaufen m\u00f6chte &#8211; ob Du einem gro\u00dfen Konzern hilfst, der die Leute sehr schlecht bezahlt oder der Umwelt Schaden zuf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Oder Du kaufst von einem kleinen Bauern oder Produzenten, was es erlauben wird, die lokale \u00d6konomie zu st\u00e4rken. Ich denke, das macht es m\u00f6glich, die Welt zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><b>Interview: Dorit Siemers und Luz Kerkeling, Zwischenzeit e.V.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Was war Eure Motivation zur Gr\u00fcndung von Terra Libra? Thomas: Terra Libra ist ein Import- und Vertriebs-Unternehmen f\u00fcr Produkte aus dem biologischen und Fairhandels-Bereich aus handwerklicher Produktion, bei dem wir immer von m\u00f6glichst nahegelegenen und kleinen Produzent*innen einkaufen. Wir haben dieses Projekt gestartet, um die Bewegung der Zapatistas bekannt zu machen. 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