{"id":17610,"date":"2018-09-01T00:00:00","date_gmt":"2018-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/terror-ist-erlaubt\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:01","slug":"terror-ist-erlaubt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/terror-ist-erlaubt\/","title":{"rendered":"Terror ist erlaubt"},"content":{"rendered":"<p>Die Franz\u00f6sische Revolution von 1789 brachte mit vielen Splittern die Trennung von Kirche und Staat und brach die Macht der alten Aristokratie. Die hochadligen Eltern des Juristen und Soziologen Alexis de Tocqueville (1805-1859) \u00fcberlebten die Ereignisse um Haaresbreite, sein Urgro\u00dfvater endete selbst auf dem Schafott.<\/p>\n<p>Tocqueville sollte sich Zeit seines Lebens dessen bewusst sein.<\/p>\n<p>Dem neuen Regime des K\u00f6nigs Louis-Philippe (1830-1848), der einen republikanischen Hintergrund hatte, konnte er als ehemaliger Aristokrat wenig abgewinnen. Doch war er imstande und bereit zu akzeptieren, dass der Demokratie die Zukunft geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Die Frage war nur: was f\u00fcr eine Zukunft? Oder, wie er selbst schrieb: &#8222;Was d\u00fcrfen wir hoffen und was m\u00fcssen wir f\u00fcrchten?&#8220; Um diese Frage gut beantworten zu k\u00f6nnen, beschlossen er und Gustave de Beaumont, mit dem er zusammen Jura studiert hatte, die Demokratie einer n\u00e4heren Pr\u00fcfung zu unterziehen, und zwar in Amerika. In jenem Land hatte sich die Demokratie n\u00e4mlich mit viel weniger Blutvergie\u00dfen entwickelt als in Frankreich &#8211; unter anderem, weil es weder eine m\u00e4chtige Aristokratie noch eine einflussreiche Kirche kannte. Tocqueville erwartete, dort einen Blick in die Zukunft des eigenen Landes werfen zu k\u00f6nnen. Im Jahre 1831 betraten beide Herren den Laufsteg des Segelschiffs Le Havre und traten auf eigene Kosten die Reise an.<\/p>\n<p>Angekommen in der Neuen Welt &#8211; von kaum 13 Millionen Einwohner*innen &#8211; klapperten sie neun Monate lang Bibliotheken, Archive, gutbesuchte lokale Versammlungen ab, unterhielten sich mit Menschen allerlei Schlages und aus allen Windrichtungen.<\/p>\n<h3>Liebevolle Reaktionen<\/h3>\n<p>Es war kein Zufall, dass Beaumont vor allem die Gespr\u00e4che auf sich nahm und Tocqueville die Aufzeichnungen fertigte, denn leicht im Umgang war dieser nicht. Auch sp\u00e4ter, als er in den 1840er Jahren einen Sitz im franz\u00f6sischen Parlament bekleidete, hielt er sich am liebsten etwas abseits und konnte nur m\u00fchsam eine Haltung gegen\u00fcber &#8218;B\u00fcrgerlichen&#8216; der niederen St\u00e4nde finden. Dabei hielt er sich selbst nur f\u00fcr einen mittelm\u00e4\u00dfigen Sprecher. Das Schreiben lag ihm besser.<\/p>\n<p>Der Forschungsbericht &#8222;De la democratie en Am\u00e9rique&#8220; erschien 1835. Das Buch umfasste eine gr\u00fcndliche Auseinandersetzung zu Art und Weise der Demokratie &#8211; ein zweiter Teil folgte f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter. Die Publikation war gleich ein gro\u00dfer Erfolg, auch international. In Gro\u00dfbritannien zum Beispiel schrieb sein liberaler Freund John Stuart Mill eine lobende Rezension.<\/p>\n<p>In Amerika, so Tocqueville, gebe es auf lokaler Ebene eine lebendige Kultur der Debatte. Das Land habe eine dezentrale Staatsform als Gegenentwurf zu einem \u00fcberm\u00e4chtigen Staatsapparat. Ein bl\u00fchender christlicher Glaube bildete den Zement des Zusammenlebens.<\/p>\n<p>Aber es lauerten auch gro\u00dfe Gefahren auf die Demokratie: die wachsende Gleichheit k\u00f6nnte eine nivellierende Tendenz hervorbringen, die Tyrannei der Mehrheit bis zur Gewalt einer in die Enge getriebenen Minderheit. Die Freiheit &#8211; ein Kernbegriff seines liberalen Denkens &#8211; k\u00f6nnte dabei wohl auch einmal den K\u00fcrzeren ziehen.<\/p>\n<p>Tocqueville hegte nicht nur gro\u00dfes Interesse f\u00fcr Amerika. Italien und Sizilien, Deutschland und die Schweiz besuchte er ebenfalls. Und mehr als einmal sein geliebtes Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n<p>Sogar die britische Kronkolonie Indien wollte er zu Forschungszwecken bereisen, aber seine schwache Gesundheit verhinderte den ehrgeizigen Plan.<\/p>\n<p>Das Land, das ihn neben Amerika am meisten besch\u00e4ftigte, war Algerien. Er wusste schon so manches von seinem Freund Louis de Kergorlay, der als Offizier an der Kolonisierung der K\u00fcstenregion in den 1830er Jahren beteiligt gewesen war. Beide erwogen selbst, sich dort als Kolonisten niederzulassen, aber auch dieser Plan scheiterte an Tocquevilles k\u00f6rperlicher Verfassung.<\/p>\n<p>Wohl durchkreuzte Tocqueville als Algerienexperte des franz\u00f6sischen Parlaments das Land zweimal, 1841 und 1846. Vorab studierte er die fr\u00fchere Osmanische Verwaltung, Kultur, Geografie, Bev\u00f6lkerungszusammenstellung und den Koran. Tocqueville befand, dass der Koran, wie die Christenheit den Vorstellungen des Alten Testaments verbunden, sich als dessen Fortsetzung pr\u00e4sentiere. &#8222;Aus jeder Seite spricht Moses zu einem&#8220;, schrieb er 1837. Der Koran sei ihm zufolge &#8222;konkret&#8220;, wo es den Existenzkampf betr\u00e4fe, aber in moralischer Hinsicht &#8222;vage&#8220;. Allerdings sei die heilige Schrift deutlich bei der Hilfe f\u00fcr Reisende und Arme.<\/p>\n<h3>Despotismus<\/h3>\n<p>F\u00fcr ein gro\u00dfes Problem der osmanischen Welt hielt er die fehlende Trennung von Kirche und Staat als Quelle des Despotismus. Dass diese &#8222;Trennung&#8220; im Westen auch der vermaledeiten Franz\u00f6sischen Revolution zu danken war, reflektierte er nicht.<\/p>\n<p>In einem Brief an einen Freund konstatiert er: &#8222;Mohammed hat einen enormen Einfluss auf die Menschheit ausge\u00fcbt, der alles in allem in meinen Augen eher sch\u00e4dlich als heilsam war.&#8220;<\/p>\n<p>Als Tocqueville gemeinsam mit seinem Bruder Hippolyte und wiederum Gustave de Beaumont 1841 von Toulon die \u00dcberfahrt antrat, begn\u00fcgte Frankreich sich schon nicht mehr mit dem algerischen K\u00fcstenstreifen, sondern hatte sich an die wirtschaftliche und milit\u00e4rische Unterwerfung des Inlands gemacht.<\/p>\n<p>Nach einem Zwischenstopp auf der Insel Menorca n\u00e4herten sie sich fr\u00fch am Morgen der noch in Nebel geh\u00fcllten algerischen K\u00fcste, der Tocqueville an den Nebel in der Normandie denken lie\u00df. Bis die Sonne f\u00fcr Aufkl\u00e4rung sorgte und &#8222;das echte Afrika zum Vorschein kam&#8220;.<\/p>\n<p>Er war verz\u00fcckt von der Sch\u00f6nheit des Landes und verglich manche Landstriche mit Sizilien und dem Elsass. Es schien das Gelobte Land, &#8222;sei es nur mit dem Gewehr auf dem R\u00fccken zu bebauen&#8220;.<\/p>\n<p>Es gab orientierende Gespr\u00e4che mit hohen Milit\u00e4rs wie Thomas-Robert Bugeaud, kolonialen Verwaltungsbeamten und dem Bischof von Algiers. Der Grund, schrieb Tocqueville in einer Note, solle von Frankreich zum Spottpreis aufgekauft oder unter Zwang enteignet werden. Dann sei die Infrastruktur zu verbessern und der Bau milit\u00e4rischer Verteidigungswerke und Ausbildungslager in die Hand zu nehmen. Algerien w\u00fcrde zur &#8222;Zweitausgabe&#8220; des Vaterlands mit Kirchen, christlichen Schulen und Volksh\u00e4usern: &#8222;der Gr\u00f6\u00dfe Frankreichs wegen!&#8220;<\/p>\n<p>Man brauche zwei unterschiedliche Gesetzgebungen: eine f\u00fcr die Franzosen und eine f\u00fcr die zweitklassigen Einheimischen. Die erfolgreiche Eroberung Indiens durch Gro\u00dfbritannien galt Tocqueville als leuchtendes Vorbild.<\/p>\n<p>Frankreich erfuhr heftigen Widerstand der einheimischen Bev\u00f6lkerung. Eine Guerillabewegung unter F\u00fchrung des Emirs Abd el-Kader wusste den Kolonisten bis in die zweite H\u00e4lfte der 1840er Jahre die Stirn zu bieten. Tocqueville begriff, dass die Kolonisten mit der Grundenteignung den Einheimischen das Blut aus den N\u00e4geln quetschten. Doch bejahte er die mitleidlose Linie des franz\u00f6sischen Generalgouverneurs Bugeaud. Eine gro\u00dfe Milit\u00e4rmacht m\u00fcsse den Arabern Frankreichs unantastbare Position an den Verstand bringen, fand er. Mobile Einheiten h\u00e4tten mit den aufst\u00e4ndischen &#8222;Algerischen St\u00e4mmen&#8220; abzurechnen. Abd el-Kader sei so schnell wie m\u00f6glich aus dem Weg zu r\u00e4umen, bevor sein Einfluss sich weiter ausbreiten k\u00f6nne. Zu Tocquevilles \u00c4rgernis wandte der Guerillaf\u00fchrer &#8211; der mit seinen \u00dcberf\u00e4llen so hart er nur konnte zur\u00fcckschlug &#8211; den Gottesdienst vor, &#8222;den Koran in der Hand&#8220;.<\/p>\n<p>In &#8222;De la democratie en Am\u00e9rique&#8220; sah Tocqueville den Gottesdienst als Zement des Zusammenlebens, aber in Algerien nicht, weil die Bewohnerinnen und Bewohner keine Christen waren und daher &#8211; in Tocquevilles Weltbild &#8211; nicht &#8222;progressiv&#8220;.<\/p>\n<p>Er stand f\u00fcr die Verbrennung der Ernten, Pl\u00fcnderung der Speicher, Razzien, die Gefangennahme unbewaffneter M\u00e4nner, Frauen und Kinder, Beschlagnahme des Viehs und daf\u00fcr, feindliche Lager dem Erdboden gleichzumachen.<\/p>\n<p>&#8222;Sie werden schwer daran zu kauen haben, wenn wir sie zwischen unseren Bajonetten und der W\u00fcste gefangen halten.&#8220;<\/p>\n<p>Ein franz\u00f6sischer General legitimierte dergleichen Ma\u00dfnahmen mit dem Verweis auf das biblische Buch Josua, in dem Gott bereits die f\u00fcrchterlichsten Razzien abgesegnet hatte.<\/p>\n<h3>&#8222;Christliche Barbaren&#8220;<\/h3>\n<p>Um den Widerstand zu brechen, sollte laut Tocqueville die Zwietracht unter den einheimischen F\u00fcrsten durch Bestechung angefacht und ein Handelsverbot erlassen werden. Ein solches Verbot verursache &#8222;den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Schaden, den wir der einheimischen Bev\u00f6lkerung zuf\u00fcgen k\u00f6nnen&#8220;.<\/p>\n<p>Als in Frankreich bekannt wurde, dass hunderte Araber, die in Grotten Zuflucht gesucht hatten, von franz\u00f6sischen Soldaten durch Erstickung get\u00f6tet worden waren, schwieg Tocqueville.<\/p>\n<p>Er warnte allerdings die Franzosen, &#8222;auf t\u00fcrkische Art&#8220; daherzukommen, das hei\u00dft &#8222;alles totmachen, was sich in den Weg stellt&#8220;. Das w\u00e4re kontraproduktiv. Denn war der Auftritt der Osmanen seinerzeit auch barbarisch, schrieb er, galten sie in den Augen der Algerier immerhin noch als &#8222;Moslem-Barbaren&#8220;; als &#8222;Christenbarbaren&#8220; w\u00fcrden die Franzosen sich weitaus mehr verhasst machen.<\/p>\n<p>Kritiker in Frankreich erh\u00f6rte Tocqueville nicht: ein Krieg mit Arabern erfordere &#8222;leider&#8220; nun einmal solche Methoden. Es stimme, dass auch die Briten das N\u00f6tige von Revolten in Indien zu melden h\u00e4tten, meinte er, aber jene Aufst\u00e4nde seien nicht zu vergleichen mit der Kampfeslust der Araber.<\/p>\n<h3>Auf den Knien<\/h3>\n<p>Nach Ablauf seiner zweiten Reise schlug Tocqueville in seinem Bericht von 1847 einen gem\u00e4\u00dfigteren Ton an. Das war logisch, denn der Widerstand war, wenn auch nicht \u00fcberall, auf die Knie gezwungen. Seit Beginn der franz\u00f6sischen Kolonisierung hatte sich die Zahl der Soldaten und Kolonisten jeweils verf\u00fcnffacht auf gut 100.000. Demnach konstatierte er die Errichtung einer &#8222;zivilisierten und christlichen Gesellschaft&#8220;.<\/p>\n<p>Auf ein paar sekund\u00e4ren Verwaltungsposten durften Algerier sogar mit verwalten. Stolz notierte Tocqueville, dass &#8222;aus Respekt vor ihrem Glauben&#8220; hier und da eher Moscheen als Kirchen gebaut wurden. Doch blieb er vorsichtig. Wenn es Frankreich nicht gel\u00e4nge, &#8222;un bon gouvernement&#8220; zu realisieren, sei eine gr\u00e4ssliche Schlachtung zu erwarten. Dass der Grund daf\u00fcr im Projekt Kolonialisierung und der passenden nationalistischen Gro\u00dfmannssucht lag, konnte oder wollte der liberale Theoretiker nicht verstehen.<\/p>\n<p><b>Otto van de Haar<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Franz\u00f6sische Revolution von 1789 brachte mit vielen Splittern die Trennung von Kirche und Staat und brach die Macht der alten Aristokratie. Die hochadligen Eltern des Juristen und Soziologen Alexis de Tocqueville (1805-1859) \u00fcberlebten die Ereignisse um Haaresbreite, sein Urgro\u00dfvater endete selbst auf dem Schafott. Tocqueville sollte sich Zeit seines Lebens dessen bewusst sein. Dem &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/terror-ist-erlaubt\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Terror ist erlaubt - graswurzelrevolution","description":"Die Franz\u00f6sische Revolution von 1789 brachte mit vielen Splittern die Trennung von Kirche und Staat und brach die Macht der alten Aristokratie. Die hochadligen"},"footnotes":""},"categories":[1007,1027],"tags":[],"class_list":["post-17610","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-431-september-2018","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17610","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17610"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17610\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17610"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17610"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17610"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}