{"id":17711,"date":"2018-09-28T12:00:00","date_gmt":"2018-09-28T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/solidaritaet\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:48","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:48","slug":"solidaritaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/solidaritaet\/","title":{"rendered":"Solidarit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Im Sommer 2018 machten sich\u00a0 47 Prozent der Deutschen \u201egro\u00dfe Sorgen\u201c \u00fcber die \u201eFl\u00fcchtlingssituation\u201c. Das hat eine Umfrage des Instituts f\u00fcr Demoskopie Allensbach im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ergeben. Menschen ertrinken im Meer zu dieser Zeit, im Sommer 2018 bereits ungef\u00e4hr 1.400 seit Beginn des Jahres, wahrscheinlich mehr. Da kann, da sollte man sich schon sorgen, dass nicht noch mehr ertrinken. Aber die Sorge gilt gar nicht den Menschen in Not. Sie ist kein Ausdruck von Solidarit\u00e4t mit den Schw\u00e4chsten. Die Sorge gilt dem eigenen Lebensstandard, dem Lebensmodell. Die gleiche Studie misst einen Anstieg der potenziellen AfD-W\u00e4hlerInnen von 13 auf 15 Prozent der Wahlberechtigten. Wenn auf dem Gipfeltreffen der EU zur gleichen Zeit die \u201eeurop\u00e4ische Solidarit\u00e4t\u201c eingefordert wird, ist das ebenfalls keine Sorge um die Ertrinkenden und eigentlich auch keine Solidarit\u00e4t: Rechte Regierungen wie diejenige Italiens, die geretteten Fl\u00fcchtlingen das Ankommen auf ihrem Territorium verweigern, wollen nicht l\u00e4nger \u201ealleingelassen werden\u201c.<\/p>\n<p>Sie, die Fl\u00fcchtenden mit allen staatlichen und privatisierten Mitteln die Einreise verweigern, stellen sich als Schwache dar und fordern \u201eSolidarit\u00e4t\u201c ein. Eine perfide Nutzung des Begriffs. Eine Politik der Niedertracht in Wort und Tat, die das Wort f\u00fcr politische Unterst\u00fctzung vor allem gegen Andere in Anschlag bringt. Das eingeforderte Zurseitestehen soll nicht der Entwicklung aller dienen, sondern nur bestimmten Leuten nutzen und den anderen schaden. Sie ist wirklich m\u00f6rderisch, diese \u201eeurop\u00e4ische Solidarit\u00e4t\u201c.<\/p>\n<p>In einem Text zur Frage der Solidarit\u00e4t im Klassenkampf schrieb der Historiker, Anarchist und Anarchismus-Historiker Max Nettlau (1865-1944), dass Solidarit\u00e4t ohne W\u00fcrde nicht zu denken sei. Es braucht so etwas wie individuelle moralische Integrit\u00e4t, die die kollektive Bezugnahme, das Solidarisch-Sein unterf\u00fcttert. Solidarit\u00e4t und W\u00fcrde geh\u00f6ren zusammen. W\u00fcrde ohne Solidarit\u00e4t f\u00fchre nur zu individualistischer Selbstsucht und Karrierismus.<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t ohne W\u00fcrde nur zu Abgrenzung. Solidarit\u00e4t ohne pers\u00f6nliche W\u00fcrde ist eigentlich nur Kumpanei und Ressentiment gegen\u00fcber anderen. Sie ist gerade das \u2013 der Satz scheint wie auf das Jahr 2018 zugeschnitten \u2013, \u201ewas wir um uns herum sehen, was uns in jeder Minute verletzt: Solidarit\u00e4t der kompakten Majorit\u00e4t mit den h\u00e4\u00dflichsten Z\u00fcgen der bestehenden Ordnung: Konkurrenz, Patriotismus, Religion, politische Parteien usw.\u201c ((1))<\/p>\n<p>Dieser Art ist die \u201eeurop\u00e4ische Solidarit\u00e4t\u201c der Protofaschisten in Italien und ihrer Rechten und Ultrarechten Kumpanen in \u00d6sterreich und Ungarn und in der AfD. Diese Art von \u201eSolidarit\u00e4t\u201c (ohne W\u00fcrde) zielt nur auf die \u201eeigenen Leute\u201c, auf die vermeintlich Gleichen.<\/p>\n<p>Auch wenn sie sich strategisch in St\u00e4rkere und Schw\u00e4chere aufspalten, wie im Falle der italienischen Forderung. Es sind immer die gleichen und die immer gleicherma\u00dfen l\u00e4cherlichen und brutalen, einf\u00e4ltigen und zwingenden Losungen, die die \u201eAlternative f\u00fcr Deutschland\u201c oder \u201eDeutschland den Deutschen\u201c (NPD) oder \u201e\u00d6sterreich Zuerst\u201c (J\u00f6rg Haider 1992\/ Peter Pilz 2016) fordern und behaupten die \u201eWahren Finnen\u201c etc. zu sein. Es ist leider auch die \u201eSolidarit\u00e4t\u201c ihrer W\u00e4hlerInnen, die in Abschottung das Heilmittel zur Garantie von Karriere, Kleinwagen und Konsum sehen. Und das sind nicht wenige. Sie finden sich in allen gesellschaftlichen Schichten, im sogenannten abstiegsbedrohten Kleinb\u00fcrgerInnentum vielleicht noch am meisten. Irgendwo zwischen den 15 und 47 Prozent in Deutschland, anderswo gegenw\u00e4rtig mehr, auch in den Milieus der Arbeiterklasse. Machen wir uns nichts vor. \u201eDer Fortschritt der Arbeiterbewegung scheint sich verzweifelt langsam zu entwickeln\u201c, befand schon Nettlau vor rund 120 Jahren. \u201eIdeen, die uns so klar, so selbstverst\u00e4ndlich und annehmbar erscheinen, sto\u00dfen oft auf eine so ungeheure Menge von Vorurteilen und Gleichg\u00fcltigkeit, da\u00df es zweifelhaft erscheint, ob die gro\u00dfen Massen sie jemals bewu\u00dft und ernsthaft sich zu eigen machen werden [\u2026].\u201c ((2))<\/p>\n<p>Eine dieser Ideen ist die der Solidarit\u00e4t \u2013 mit W\u00fcrde und ohne Anf\u00fchrungszeichen. Es gibt wohl kaum ein abschreckenderes Beispiel f\u00fcr \u201eSolidarit\u00e4t\u201c auf Kosten anderer als das gegenw\u00e4rtige Grenzregime des europ\u00e4ischen Staatenverbandes mit seiner Frontext-Privatarmee, die sich gegen Menschen richtet, die nach einem besseren Leben suchen. Die erste Herausforderung f\u00fcr wirkliche Solidarit\u00e4t besteht ganz offensichtlich also darin, sie nicht auf Kosten anderer zu \u00fcben.<\/p>\n<p>Die zweite Herausforderung f\u00fcr Solidarit\u00e4t besteht darin, sie nicht als Hilfe unter Gleichen zu denken. Solidarit\u00e4t basiert auf der Anteilnahme am Leiden anderer, sie setzt Gleichheit gerade nicht voraus. Sie sollte Gleichheit nicht voraussetzen. Egal, ob die vermeintliche Gleichheit der \u201esolidarischen\u201c Europ\u00e4erInnen, die dann die Grenzen schlie\u00dfen, oder die vermeintliche Gleichheit der Proletarier aller L\u00e4nder, die sich vereinigen sollten und es dann doch nicht taten. Solidarit\u00e4t \u2013 mit W\u00fcrde und ohne Anf\u00fchrungszeichen \u2013 sollte nicht Gleichheit zum Ausgangspunkt nehmen, sondern Unterschiedlichkeiten. Sich mit denjenigen zu verb\u00fcnden, die einer oder einem \u00e4hnlich sind, ist weder Aufwand noch Kunstst\u00fcck (und trotzdem schwierig genug, siehe die Geschichte der Arbeiterbewegung). Die wirkliche Herausforderung besteht darin, sich mit Menschen gemein zu machen, sich verbindlich \u2013 solidarisch kommt vom Lateinischen solidus: echt, fest \u2013 f\u00fcr sie einzusetzen, wenn sie nicht das gleiche Schicksal, nicht das gleiche Milieu, nicht die gleichen Lebensgewohnheiten teilen. Und zu ertrinken drohen.<\/p>\n<p>Der postanarchistische Theoretiker und Aktivist Richard J.F. Day hat das mal \u201egroundless solidarity\u201c genannt, was sich als Solidarit\u00e4t ohne gemeinsame Basis \u00fcbersetzen lie\u00dfe. ((3)) Der Begriff, den er von der Feministin Diane Elam aufgreift, k\u00f6nne die verschiedenen \u201eaxes of subordination\u201c ((4)) miteinander verkn\u00fcpfen. Solidarit\u00e4t ohne gemeinsame Basis vermittelt aber nicht nur zwischen unterschiedlichen Unterdr\u00fcckungsformen bzw. zwischen denen, die von ihnen direkt betroffen sind. Solidarit\u00e4t ohne gemeinsame Basis (mit W\u00fcrde, ohne Anf\u00fchrungszeichen) ist seit jeher in der Linken und in den libert\u00e4ren Bewegungen auch die Parteinahme f\u00fcr die Schwachen und Ertrinkenden gewesen, ohne selbst unterdr\u00fcckt oder leidend oder ohne einfach nur Refugee zu sein. Der Schriftsteller Henry David Thoreau (1817-1862) musste keine Schwarze Sklavin sein, um wegen der Sklaverei zu Steuerboykott und Ungehorsam aufzurufen. Anteilnahme am Leiden anderer geht auch ohne selbst zu leiden. Daran gilt es ankn\u00fcpfen gegen die niedertr\u00e4chtige, m\u00f6rderische Politik der europ\u00e4ischen Rechten im 21. Jahrhundert und f\u00fcr ein w\u00fcrdiges Leben aller Menschen!<\/p>\n<p><strong>Oskar Lubin<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Sommer 2018 machten sich\u00a0 47 Prozent der Deutschen \u201egro\u00dfe Sorgen\u201c \u00fcber die \u201eFl\u00fcchtlingssituation\u201c. Das hat eine Umfrage des Instituts f\u00fcr Demoskopie Allensbach im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ergeben. Menschen ertrinken im Meer zu dieser Zeit, im Sommer 2018 bereits ungef\u00e4hr 1.400 seit Beginn des Jahres, wahrscheinlich mehr. 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