{"id":17716,"date":"2018-09-28T12:00:00","date_gmt":"2018-09-28T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/nimm-abschied-von-der-fremdbestimmung\/"},"modified":"2022-07-26T14:11:48","modified_gmt":"2022-07-26T12:11:48","slug":"nimm-abschied-von-der-fremdbestimmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/09\/nimm-abschied-von-der-fremdbestimmung\/","title":{"rendered":"Nimm Abschied von der Fremdbestimmung!"},"content":{"rendered":"<h4>Vorabdruck<\/h4>\n<p>Wenn sich das nicht v\u00f6llig absurd anh\u00f6ren w\u00fcrde, k\u00f6nnte man sagen: Bernd Dr\u00fccke ist eine Autorit\u00e4t auf dem Gebiet des Antiautorit\u00e4ren. Es geh\u00f6rt eine Menge Durchhalteverm\u00f6gen dazu, in diesen Zeiten \u00fcber viele Jahre als Koordinationsredakteur und zusammen mit dem ehrenamtlichen Herausgeber*innenkreis eine anarchistische Monatszeitschrift wie die Graswurzelrevolution zu betreiben. Denn wir haben ja nicht nur mit dem heute allgegenw\u00e4rtigen Sicherheitswahn, der erschreckenden Wiederkehr des Staatsautoritarismus zu k\u00e4mpfen; ich stelle es mir auch schwer vor, in einem anarchischen Medienbetrieb t\u00e4glich im Spannungsfeld von Ordnung und Freiheit seinen Weg zu finden. Ein libert\u00e4res Magazin muss ja offen bleiben, darf sich nicht im ummauerten Bezirk einer einmal gefundenen \u201eWahrheit\u201c einschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Es vertr\u00e4gt weder einen Journalistenschulen-Einheitsstil noch Zw\u00e4nge und Hierarchien anderer Art und muss trotzdem, will es wirksam sein, Selbstdisziplin wahren und auf ein Ziel hin ausgerichtet sein.<\/p>\n<h3>Welches Ziel?<\/h3>\n<p>Ich habe das einmal eine \u201ein Bewegung bleibende Emp\u00f6rung\u201c genannt. Denkt man an \u201eAnarchie\u201c, so kommen einem zuerst b\u00e4rtige, glut\u00e4ugige M\u00e4nner wie Pjotr A. Kropotkin in den Sinn. Vor allem aber tote M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Ein gegenw\u00e4rtiger Anarchismus scheint fast ein Widerspruch in sich zu sein, so sehr wurde und wird diese Geistesstr\u00f6mung unterdr\u00fcckt \u2013 so sehr haben die meisten Menschen auch den Anarchisten in sich selbst schon zum Schweigen gebracht \u2013 dieses ewig rumorende, gegen die Anma\u00dfung der Macht aufbegehrende, nach Lust und Selbstausdruck verlangende Ich.<\/p>\n<p>Dieses einseitige Bild wurde uns nat\u00fcrlich auch von einer herrschaftsfrommen und m\u00e4nnerdominierten Geschichtsschreibung aufgedr\u00e4ngt. Es gab immer schon aufrechte FeministInnen, die zugleich AnarchistInnen waren wie die wunderbare Emma Goldman, von der der Ausspruch stammt: \u201eWenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution\u201c. Das Frauenwahlrecht wurde 1919 von Kurt Eisner eingef\u00fchrt, der seine kurze bayerische R\u00e4terepublik mit den Anarchisten Gustav Landauer und Erich M\u00fchsam best\u00fcckte.<\/p>\n<p>Viele verstanden, dass die verschiedenen \u201eFreiheiten\u201c \u2013 die der Frau, der Arbeiterschaft und der Menschen \u00fcberhaupt \u2013 zusammengeh\u00f6ren und nicht gegeneinander in Stellung gebracht werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>So kommt nat\u00fcrlich auch der Eindruck, Anarchismus sei \u201evon gestern\u201c, vor allem denen zupass, die ein Interesse daran haben, dass Rebellionen nicht pl\u00f6tzlich wieder aufflammen.<\/p>\n<p>Die Glut der Anarchie, die einmal zur Flamme werden soll, findet man naturgem\u00e4\u00df weniger in \u201eStrukturen\u201c als in offenen und herzlichen Einzelmenschen.<\/p>\n<p>Bei meinem Konzert in M\u00fcnchen hatte ich die wunderbare S\u00e4ngerin Karla Lara als Gast, die in Honduras \u201eStimme des Widerstands\u201c genannt wird.<\/p>\n<p>Karla Laras Musik erz\u00e4hlt von den ambivalenten Erfahrungen, die das Leben vieler Frauen pr\u00e4gen: die Gleichzeitigkeit von Gewalterlebnissen auf der einen und eigener St\u00e4rke, Hoffnung und Freude, die den politischen Kampf um Rechte m\u00f6glich machen, auf der anderen Seite.<\/p>\n<p>Ich fragte sie nach ihrem Auftritt, der das Publikum zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt hatte, ob sie eine Anarchistin sei. Sie lachte herzhaft, drehte sich um und auf ihrem T-Shirt stand: Anarquista Feminista. \u201eLiebe Karla\u201c, sagte ich, \u201edas bin ich auch\u201c.<\/p>\n<p>Von den gro\u00dfen emanzipatorischen Bewegungen \u2013 soziale Bewegung, Frauenbewegung, Homosexuellen-Bewegung, Emanzipationsbewegungen der Farbigen und der unterdr\u00fcckten V\u00f6lker \u2013 scheint der Anarchismus als einzige v\u00f6llig vom Lauf der Weltgeschichte aussortiert worden zu sein. M\u00f6gen diese anderen Str\u00f6mungen auch R\u00fcckschl\u00e4ge erlitten haben \u2013 die Anarchie, so scheint es, hat nie richtig bl\u00fchen k\u00f6nnen, sodass man schon bis zur Pariser Kommune oder zum Spanischen B\u00fcrgerkrieg zur\u00fcckgehen muss, um Beispiele zu finden, in denen libert\u00e4res Denken in gr\u00f6\u00dferem Umfang Tat geworden ist.<\/p>\n<p>Das ist eine Trag\u00f6die, deren Auswirkungen uns jetzt auf das Schmerzlichste bewusst werden. Ich hatte ja schon in den 70ern ein anarchistisches Lied geschrieben, in dem es hie\u00df: \u201eDenn da ist immer wer, der bestimmt und regiert\u201c.<\/p>\n<p>Als w\u00e4ren die Zust\u00e4nde vor 40 Jahren nicht schon freiheitsfeindlich genug gewesen, tummeln sich aber derzeit auf der politischen B\u00fchne autorit\u00e4re Machos, deren Anzahl schon epidemische Ausma\u00dfe angenommen hat. Erdo\u011fan, Putin, Trump, Orb\u00e1n, Gauland oder Seehofer \u2013 \u00fcberall diese pr\u00e4potenten M\u00e4nnlein, die aufgrund einer vermutlich tiefen inneren Verunsicherung meinen, jetzt besonders breitbeinig auftreten und die Freiheit mit F\u00fc\u00dfen treten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Vielleicht handelt es sich bei diesem Ph\u00e4nomen auch um ein letztes Aufb\u00e4umen des zum Sterben verurteilten Patriarchats. Denn die Stellung der Frau hat sich ver\u00e4ndert, und das sp\u00fcren die M\u00e4nner. Die meisten Frauen haben etwas gegen Mauern, sie sind offen gegen\u00fcber allem. Das macht den M\u00e4nnern Angst. Und deshalb brauchen wir Mut, denn es geht noch immer um Macht, um m\u00e4nnliche Macht. Wie der von mir sehr gesch\u00e4tzte Neurobiologe Gerald H\u00fcther so sch\u00f6n sagte: \u201eDie Welt ist zu komplex geworden f\u00fcr eine hierarchische Weltordnung.\u201c Manche scheinen das nur noch nicht bemerkt zu haben und pflegen ihre \u201eunterkomplexen\u201c Diskurse, in denen Twitter-Gestammel und Basta-Politik eine ernsthafte Auseinandersetzung zu ersetzen versuchen.<\/p>\n<p>Es sind vor allem M\u00e4nner, die als Exponenten einer neuen postdemokratischen, postfreiheitlichen, ja letztlich postmenschlichen Epoche Oberwasser gewinnen und von einer gehirngewaschenen Menschenmenge immer wieder in die h\u00f6chsten \u00c4mter gew\u00e4hlt werden, ohne dass sich seitens der noch Anst\u00e4ndigen nennenswerter Widerstand regt.<\/p>\n<p>Was ist das in uns Menschen, was sich immer wieder ducken, sich beugen und bei vermeintlich Starken unterkriechen m\u00f6chte? Was hat es auf sich mit dieser verh\u00e4ngnisvollen \u201eFurcht vor der Freiheit\u201c, von der schon Erich Fromm schrieb? Dass die M\u00e4chtigen seit Jahrhunderten versucht haben, \u201eAnarchie\u201c, \u201eLandesverrat\u201c und \u201eBefehlsverweigerung\u201c als geradezu teuflische Gegenm\u00e4chte zu stigmatisieren, ist aus deren Perspektive vielleicht verst\u00e4ndlich \u2013 was aber bewegt uns \u201eUntertanen\u201c immer wieder, dem autorit\u00e4ren Irrsinn auf den Leim zu gehen? Waren wir, waren speziell auch wir Deutschen, nicht drastisch genug gewarnt worden?<\/p>\n<p>Es w\u00e4re zum Verzweifeln, g\u00e4be es nicht Menschen wie die in diesem Buch versammelten, die sich zwar gegen die \u00dcbermacht der Autorit\u00e4ren nicht durchsetzen k\u00f6nnen, die deren Anmassung aber den Nimbus der Alternativlosigkeit rauben, indem sie freiheitliche Denk- und Lebensalternativen aufzeigen.<\/p>\n<p>Oft sind es die kleinen \u201eZellen\u201c, in denen menschlichere Lebensformen erprobt werden k\u00f6nnen, und mangels realer Macht ist es ein Widerstand des Sich-Entziehens, der aufrechten Menschen hilft, sich selbst zu bewahren. In Zeiten, in denen manipulative und teilweise auch direkt gewaltsame \u00dcbergriffe auf unsere Seelen allgegenw\u00e4rtig sind, ist es schon ein Akt der Rebellion, sich selbst treu zu bleiben.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es auch so, dass die meisten die destruktive Spur der Verw\u00fcstung, die Macht und Hierarchie durch die Geschichte der Menschheit gezogen haben, noch nicht mit der gebotenen Sch\u00e4rfe erkannt haben. Vielleicht auch, weil die Macht in so vielen Masken und Farbschattierungen auftritt.<\/p>\n<p>Wer vermag schon zu abstrahieren, was die grausame Nazidiktatur mit dem Stalinismus oder mit seelenstrangulierenden \u201eGottesstaaten\u201c und was sie alle wiederum mit einem Neoliberalismus gemeinsam haben, der den Systemzwang geschickt durch vermeintlichen Liberalismus zu maskieren versteht? (Das Wort \u201eliberal\u201c kann heute infolge seiner Lindnerisierung ohnehin niemand mehr ohne Grauen aussprechen.)<\/p>\n<p>Sie alle haben gemeinsam, dass ihr Strukturprinzip die Macht, die Herrschaft des Menschen \u00fcber den Menschen, ist. Ihnen allen ist die Angst vor dem lebendigen Impuls der Selbstbehauptung gemeinsam, der in jedem gesunden Menschen aufkeimt, sobald er sich bevormundet und in seiner Entfaltung behindert f\u00fchlt. Wer lebendig ist, gehorcht nicht gern \u2013 und umgekehrt ist eine allzu devote Geisteshaltung ein Warnsignal, dass eine nach Freiheit und Selbstausdruck verlangende vitale Menschlichkeit in einen Sterbeprozess eingetreten ist.<\/p>\n<p>Diesen Prozess k\u00f6nnen wir heute an allen Ecken und Enden beobachten. Das Problem ist, dass unsere Zeit eigentlich nach Freiheit schreit, dass aber alle wichtigen Entwicklungen in die Gegenrichtung zeigen.<\/p>\n<p>Ich habe die \u201eAnna, die Anarchie\u201c einmal in einem Lied besungen als sei sie eine Geliebte, die mir und der auch ich \u00fcber die Jahre erstaunlich treu war. Diese Geliebte hat auch den unsch\u00e4tzbaren Vorteil, nicht eifers\u00fcchtig zu sein. Viele \u2013 ja potenziell jeder und jede \u2013 k\u00f6nnen sich zu ihr ins Bett legen. Ihre Liebe und Kraft wird umso gr\u00f6\u00dfer, je mehr sie sich verschwendet.<\/p>\n<p>Die meisten Zeitgenossen aber legen sich blind ins Bett der falschen Braut, der Sicherheit, mit der man uns heute \u00fcberall zwangsverheiraten will. Sie begreifen nicht, welche Sch\u00f6nheit und Wonne ihnen entgeht, indem sie die Freiheit verschm\u00e4hen, die eben nicht wie im M\u00e4rchen eine \u201erechte Braut\u201c, sondern eher eine linke ist. Auch wenn manche Linke sie schm\u00e4hlich verraten haben zugunsten eines dogmatischen und totalit\u00e4ren Autoritarismus. Das Wichtige an Anarchie ist, dass sie quer durch alle \u201eBekenntnisse\u201c eine Provokation und eine Herausforderung bleibt, eine die auch mal \u201enein\u201c sagt, wo der Chor der Ja-Sager jede w\u00e4rmere und feinsinnigere Regung zu \u00fcberschreien versucht.<\/p>\n<p>Es tut gut, die Interviews und Portr\u00e4ts zu lesen, die Bernd Dr\u00fccke mit freiheitsliebenden Menschen gef\u00fchrt hat, jungen wie alten und solche aus allen m\u00f6glichen Berufen und Gegenden. Zu meiner Freude sind auch Exponentinnen und Exponenten meines Berufszweigs vertreten: Liedermacher, Poeten, Kabarettisten. Aber auch v\u00f6llig anders geartete Typen, deren St\u00e4rke eher im Lebenspraktischen liegt \u2013 und Menschen, f\u00fcr die die Freiheitsliebe nicht nur intellektuelle Attit\u00fcde ist, sondern schmerzlich gegen Anfeindungen und Verfolgung erstrittene Tat. Hier zeigt sich in aller Breite und Deutlichkeit, was vergessen schien: Die Anarchie schaut uns nicht nur aus den Schwarzwei\u00dffotos toter b\u00e4rtiger M\u00e4nner an. Nein, die Anarchie lebt und die verschm\u00e4hte Freiheit hat durchaus auch heute noch ihre beredten Liebhaberinnen und Liebhaber. Man muss nur in unserer Zeit leider l\u00e4nger suchen und genauer hinschauen, um sie \u00fcberhaupt aufzusp\u00fcren.<\/p>\n<p>Aus eigener Erfahrung ((1)) wei\u00df ich, welch ein einf\u00fchlsamer Interviewer Bernd Dr\u00fccke ist \u2013 ein sanfter und beharrlicher Hervorkitzler interessanter Seeleninhalte, derer sich der oder die Interviewte vielleicht bis dahin selbst nicht bewusst war. Sicher ist es den anderen Protagonistinnen und Protagonisten in diesem lesenswerten Buch \u00e4hnlich ergangen.<\/p>\n<p>Es bleibt mir nur, diesem Buch weite Verbreitung und eine vertiefte Rezeption durch seine Leserinnen und Leser zu w\u00fcnschen. Denn welche Lekt\u00fcre w\u00e4re lohnender als jene, die die Lesenden zu ihrer eigenen Freiheit hin verwandelt \u2013 die ihnen hilft, die ganz eigene Melodie inmitten der Kakophonie der Manipulationen und autoritaristischen Misst\u00f6ne zu finden?<\/p>\n<p>Nimm Abschied von der Fremdbestimmung!<\/p>\n<p><strong>Konstantin Wecker<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorabdruck Wenn sich das nicht v\u00f6llig absurd anh\u00f6ren w\u00fcrde, k\u00f6nnte man sagen: Bernd Dr\u00fccke ist eine Autorit\u00e4t auf dem Gebiet des Antiautorit\u00e4ren. Es geh\u00f6rt eine Menge Durchhalteverm\u00f6gen dazu, in diesen Zeiten \u00fcber viele Jahre als Koordinationsredakteur und zusammen mit dem ehrenamtlichen Herausgeber*innenkreis eine anarchistische Monatszeitschrift wie die Graswurzelrevolution zu betreiben. 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